Philipp Schaad und Noé Schori | Publiziert am 22. Juli 2025.
Empire und Empirie?
Albrecht von Haller wirkte 1736 bis 1753 in Göttingen und forschte somit im Einflussgebiet der englischen Personalunion des British Empire und dessen Hannoverdynastie. Haller bewegte sich in Deutschland innerhalb eines allgemein «anglophilen Klimas», in welchem insbesondere der empirischen Forschung aus England eine grosse Bedeutung zugesprochen wurde. Mittels dreier aufeinanderfolgender Analysen versuchen wir, das vermutete Zusammenspiel zwischen Personalunion und Anglophilie näher zu bestimmen.
Methodik
Um einen konkreten Bezug zur Personalunion und einen allgemeinen Bezug zu Werken aus dem englischsprachigen oder -dominierten Raum zu schaffen, wurde eine Teilmenge an Rezensionen aus dem Gesamtkorpus herausgefiltert. Dabei legten wir die folgenden Auswahlkriterien fest:
• Alle Rezensionen mit Erscheinungsort in Grossbritannien
• Alle rezensierten Publikationen, die in Englisch verfasst sind
• Alle Rezensionen, in denen die Zeichenfolgen «brit*» und «engel*» vorkommen
Historischer Kontext
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts erbte der Kurfürst von Braunschweig-Lüneburg den britischen Thron. Der Kurfürst Georg Ludwig von Hannover wurde 1714 als Georg I. zum König von Grossbritannien gekrönt. In einer Personalunion kommt es nicht zu einer Vereinigung. Sowohl Grossbritannien als auch das später umbenannte Königreich Hannover hatten zwar dasselbe Staatsoberhaupt, behielten aber ihre eigene Sprache, Gesetze und Institutionen. Wichtig ist hier zu berücksichtigen, dass im 18. Jahrhundert nicht von Nationalstaaten im modernen Sinn, sondern von feudalen Territorialstaaten, bzw. zusammengesetzten Monarchien, gesprochen wird (Elliott 1992: S. 70).
Albrecht von Haller wechselte 1736 an die neugegründete Universität Göttingen, wo er den Lehrstuhl für Anatomie, Chirurgie und Botanik übernahm. 1747 übernahm er die Leitung der Göttingischen Gelehrten Anzeigen. Diese Zeitschrift diente als Medium für den Austausch von Wissen unter Gelehrten und war nach dem britischen Vorbild angelegt (Wolpers 2005). Zudem war Haller massgeblich an der Gründung der Königlichen Sozietät der Wissenschaften (Göttingen) beteiligt. Diese korrespondierte direkt mit der Royal Society (London).
Innerhalb der gelehrten Kreise in Deutschland herrschte seit dem 17. Jahrhundert ein allgemein «anglophiles Klima» (Fabian 2003). Dabei erfolgte eine allgemeine, starke und einseitige Prägung Grossbritanniens auf Deutschland (Maurer 2010). Ab 1770 erreichten deutsche Übersetzungen englischer Werke vermehrt auch die Schweiz.
Haller und die Personalunion
Von Göttingen nach Roche
Albrecht von Haller veröffentlichte zwischen 1745 und 1753 insgesamt 1'787 Rezensionen, wobei 365 davon in den weiter oben aufgeführten Kriterienbereich fallen. Von 1758 bis 1764 wirkte Haller als Salzdirektor in Roche (Waadtland) und veröffentlichte 1'614 Rezensionen, wobei hier nur 200 Rezensionen den Kriterien entsprechen.
Im direkten Vergleich wurde hier sichtbar gemacht, dass sich Haller in seiner Zeit in Göttingen fast doppelt so viel mit britischen Werken, oder solchen die sich auf Grossbritannien beziehen, befasst hatte. Dies wird unmittelbar daran liegen, dass Haller in Göttingen einen besseren Zugang zu solchen Werken hatte. In seiner Zeit in Roche rezensierte Haller dann in einer kürzeren Zeit ungefähr gleich viele Werke, wobei hier nur 12 Prozent Rezensionen von Werken waren, die in den Kriterienbereich fallen. Übersetzungen vom Englischen ins Deutsche wurden bewusst nicht für die Sample-Bildung berücksichtigt.
Haller über die Personalunion?
Es konnte anhand der vorgegangenen Analyse aufgezeigt werden, dass Hallers Wohn- und Arbeitsort einen Einfluss auf seine Beschäftigung mit in der Anglosphäre veröffentlichten wissenschaftlichen Werken hatte. Was er selber über die Verbindung zwischen Grossbritannien und Göttingen dachte, ist anhand seiner Rezensionen schwierig auszumachen, denn Hallers persönliche Meinungen scheinen darin nicht immer klar durch. Eine nennenswerte Ausnahme mit zumindest indirektem Bezug zur Personalunion bilden allerdings seine Rezensionen zu James Macphersons historischem Werk The history of great Britain, from the restoration, to the accession of the house of Hannover. In Hallers beiden Rezensionen zu diesem zweibändigen Werk (die zu Hallers ausführlicheren Rezensionen gehören) macht er kein Geheimnis daraus, was er von den Ansichten des Autors hält. Während andere seiner Rezensionen häufig einen eher zusammenfassenden Charakter haben, ist in diesen Rezensionen kaum ein Abschnitt frei von Kritik:
«aber Hr. M. ist ein Schotte, ist dem Hause Stuart ziemlich zugethan, vergrössert Jacobs gute Eigenschaften, und vermindert oder verschweigt völlig seine Fehler.»
«Die sogenannte Massacre of Glenco, wo einige übelgesinnte Macdonald’s durch einen Argylischen Hauptmann niedergemacht wurden, und woraus man eine schreckliche Missethat des Königes macht.»
Der Vorwurf Hallers, dass Macpherson jakobitisch gesinnt sei, kann uns auch etwas über Hallers Ansichten bezüglich der Personalunion sagen; die Jakobiten waren schliesslich erbitterte Feinde der neu eingesetzten Hannoverdynastie.
«Schottland war die ganze Regierung der K[önigin] Anna über offenbar Jacobitisch; es verwarf mit Wuth die Hannöverische Thronfolge. Hier macht Macpherson zwey Jacobiten zu seinen Helden, den Herzog von Hamilton und Andreas Fletcher, einen Schottischen Eiferer. Fraser’s (Lord Lovat’s) abscheulicher Charakter.»
Haller hält in seiner Kritik an den Jakobiten nicht zurück und stellt sich gegen die Stuarts und hinter das Haus Hannover. Aus diesen Rezensionen lässt sich schliessen, dass Haller die Hannoverdynastie und die daraus folgende Personalunion zumindest legitimierte, wenn nicht sogar befürwortete.
Empire
Geografische Verteilung
Der Begriff der Anglosphäre wurde bis jetzt zwar mehrfach erwähnt, jedoch noch nicht erklärt oder aufgebrochen. Warum Anglosphäre und nicht Grossbritannien, oder einfach nur England? Für diesen Begriff haben wir uns entschieden, um Hallers Rezensionen in den Kontext des British Empire einzugliedern. Die folgende Frage sollte beantwortet werden: Wie spiegelt sich das multikontinentale British Empire in Hallers Rezensionstätigkeit wider? Dafür wurden die Rezensionen des Samples nach Publikationsland und -ort sortiert. Die Ergebnisse wurden anschliessend in Form eines Balkendiagramms nach Jahr dargestellt. Die Grafik macht deutlich, dass der weitaus grösste Teil von Hallers Rezensionen aus unserem Sample sich auf in Grossbritannien publizierte Werke fokussiert.
Die Resultate sind klar: das Randgebiet des British Empire – in diesem Fall die gesamte Anglosphäre ausser Grossbritannien – taucht in Hallers rezensierten Werken als Publikationsort nur am Rande auf. Von den insgesamt 930 Rezensionen aus dem Sample wurden 912 (also 98 Prozent) der Originale in Grossbritannien publiziert. Nur fünf haben ihren Publikationsort in den heutigen USA. Unter der zusammengefassten Rubrik «Andere» finden sich Irland (5), Frankreich (4), Deutschland (3), Italien (2), die Schweiz (1), sowie ein Sonderfall, bei welchem Jamaica und Algerien als Publikationsland bzw. -ort eingetragen waren.
Die Peripherie der Angloshpäre
Hallers konkretere Auseinandersetzungen mit den Britischen Überseegebieten in seinen Rezensionen deuten in eine ähnliche Richtung. Wenn er sich mit Britischen Kolonialgebieten auseinandersetzt, dann häufig im Zusammenhang mit dem potenziellen Nutzen für die koloniale Metropole. In Hallers Rezension zu William Bollans «American Fishery» zum Beispiel, die sich um die amerikanische Ressource Fisch dreht, steht folgendes:
«und dass auch auf so kleinen Inseln [St Pierre & Miquelon] unmöglich, unter einem so kalten Himmel, sehr zahlreiche Colonien angelegt werden können, da hingegen Engelland unermessliche Länder, Küsten und Häven frey hat.»
Der Fokus liegt darauf, was die Kolonien den Britischen Inseln zu bieten haben, wie sie strategisch von Vorteil sein könnten – oder in diesem Fall eben nicht. Auch interessant ist Hallers Ansicht über die englischstämmigen Siedlerinnen und Siedler auf dem Nordamerikanischen Kontinent. Diese werden in seiner Rezension zu Cadwallader Coldens «The history of the five Indian Nations of Canada» nicht als Amerikaner bezeichnet, sondern als in Amerika lebende Engländer:
«Dieses alles ist mit verschiedenen Briefen einiger Vornehmen in America wohnender Engelländer bestätigt.»
«Dieses Werk ist für einen jeden Engelländer, insbesondre aber für die Einwohner der Americanischen Colonien von der grösten Wichtigkeit.»
Wie in der quantitativen Analyse kann man auch beim näheren Lesen der Rezensionen erkennen, dass sich die Anglosphäre in Hallers Rezensionen hauptsächlich auf Grossbritannien – wenn nicht sogar lediglich auf England – beschränkt, während der Rest des Empire nur als dessen Peripherie wahrgenommen wird. Die Kolonien scheinen zu diesem Zeitpunkt in Hallers Perspektive noch kein Bild der Eigenständigkeit erlangt zu haben; stattdessen müssen sie sich mit einem auf Nutzen reduzierten Status begnügen.
Haller und Basallas Drei-Phasen-Modell
Diese Einschätzung lädt dazu ein, ebendiese durch den Rahmen von George Basallas 3-Phasen-Modell des Wissenschaftstransfers zu untersuchen. Obwohl dieses Modell als eurozentrisch kritisiert wurde und wird, halten wir dies für unsere Zwecke trotzdem als geeignet; schliesslich lehnt man sich nicht allzu weit aus dem Fenster, wenn man behauptet, dass die wissenschaftlich tätige Elite Europas des 18. Jahrhunderts ebenfalls ein eurozentrisch geprägtes Weltbild gehabt haben könnte.
Die erste Phase des Modells ist laut Basalla «durch Forschungsreisen europäischer Wissenschaftler geprägt, die ihre etablierten wissenschaftlichen Methoden auf eine neue Umwelt anwenden und so neues Wissen generieren. [...] Neben der zeitlichen Variabilität unterscheiden sich auch die geografischen Zentren des Wissenschaftstransfers; so z.B., als im 19. Jahrhundert die amerikanischen Ostküstenstädte selbst Zentren wurden und als Ausgangspunkte für Forschungsreisen dienten» (Lipphardt/Ludwig 2011: Absatz 14 ).
Die darauffolgende zweite Phase wird nach Basalla «durch die intellektuelle (nicht zwingend politische) Abhängigkeit der Peripherie vom europäischen Zentrum definiert. Koloniale Wissenschaftler im Dienst einer europäischen Kolonialmacht, die in den europäischen Wissenschaftszentren studiert hatten, blieben in Theorie und Praxis nach Europa orientiert» (Lipphardt/Ludwig 2011: Absatz 16).
In der letzten Phase schlussendlich «bilde sich eine eigenständige und unabhängige Wissenschaftstradition; aus der Peripherie werde selbst ein Zentrum, das im reziproken Austausch mit anderen Zentren stehe» (Lipphardt/Ludwig 2011: Absatz 17).
Nun stellt sich die Frage, wie Hallers oben herausgearbeitete Haltungen gegenüber den amerikanischen Kolonien in dieses Modell einzuordnen sind. Haller beschäftigt sich hauptsächlich mit Rohstoffen, strategischen Vor- und Nachteilen, sowie dem Beschreiben von Landschaften der Kolonien. Eine intellektuelle Unabhängigkeit der kolonialen Wissenschaften, welche die Grundlage von Basallas zweiter Phase ist, findet sich nirgends, was für eine Zuordung in die erste Phase spricht.
In einem Aspekt finden sich in zwei Rezensionen Hallers bestimmte Ähnlichkeiten. Wenn Haller über indigene Bevölkerungen schreibt, scheint das aufklärerisch-eurozentrische Bild der «edlen Wilden» klar durch. Dies unabhängig davon, ob sich die beschriebenen indigenen Bevölkerungen in Kanada oder in der von James Cook beschriebenen Südsee befinden:
«Man findet darinn die Sitten, die Staatsklugheit, die Regierungsform dieser vermeinten Wilden»
«Cooke hatte menschenfreundlich getrachtet, nützliche Thiere, und zumal Schaafe und Ziegen, auf Neuseeland zu ziehen, und diese nahrungslosen Einwohner mit dieser Speise zu versorgen»
«Hier vertheidigt Hr. C. die edeln Einwohner zu Otahaiti: nicht sie, sondern gemeine gewinnsüchtige Weibsleute, dringen sich den Fremden auf, und die letzten wussten die Britten ganz geschickt um den letzten Nagel oder um das letzte Stück Eisen zu bringen.»
Diese Parallelen lassen sich als weiteres Argument für eine Einordnung in die erste Phase von Basallas Modell interpretieren; schliesslich sei diese ja «durch Forschungsreisen europäischer Wissenschaftler geprägt» (Lipphardt/Ludwig 2011: Absatz 15), welche ihren Ausgangspunkt auch in den amerikanischen Ostküstenstädten haben konnten.
In Hallers Augen – oder zumindest in seinen Rezensionen – befinden sich die britischen Kolonien in Nordamerika noch in der ersten Phase von Basallas Modell. Der starke Fokus auf Ressourcen, geografisches Empire-Building, sowie die Beschreibungen der indigenen Bevölkerungen, weisen stark darauf hin, dass es den amerikanischen Kolonien in Hallers Rezensionen an intellektueller Unabhängigkeit fehlt, was seine Ansichten in die erste der drei basallaschen Phasen einbettet.
Empirie?
Haller über die empirischen Engländer
Was beim Lesen von Hallers Rezensionen immer wieder auffällt, sind gewisse Annahmen, die seine Gedanken über britische Autoren und deren Werke beeinflussten. Dabei handelt es sich um Annahmen und Vorurteile über die Inselbewohner, welche teils bis heute noch verbreitet sind; es handle sich um emotional kalte, stoische, rationale und empirische Menschen. Nach einer von Hallers Rezensionen sei diese kühle, emotionsarme Art der Engländer auch ein Grund für das angebliche Fehlen anderer Talente:
«Eben die Kälte, mit welcher die Engelländer predigen, und selbst im Parlamente über die wichtigsten Sachen reden, ist die Ursache, warum in Engelland die Historien-Mahlerey so schlecht ist, da sonst die Mahler von dieser Nation in allem, in welchem ihnen die Natur zur Urkunde dient, gar wohl einschlagen.»
Ein weiteres interessantes Beispiel diesbezüglich findet sich in Hallers Rezension zu John Woods «Description of Bath». Darin kritisiert Haller den Autoren; das Spannende an dieser Stelle ist, wie diese Kritik formuliert ist:
«hingegen fielen wir auf eine unermessliche Fund-Grube von Muthmassungen, dergleichen wir in diesem Jahrhunderte, und zumahl in Engelland, niemahls erwartet hätten.»
In seiner Rezension zu Arthur Youngs (ein Privatier, welcher hauptsächlich Inländische Reise- und Agrarberichte verfasste) A six weeks tour, through the southern counties of England and Wales hebt Haller die empirische Arbeitsmethode des Autors hervor:
«Man findet hiernächst Tabellen über die Arbeiten, Taglöhne, Pferde und Ochsen, und über die Preise der Lebensmittel in den Provinzen, die unser Verfasser bereiset hat.»
Dass diese Tabellen einer expliziten Erwähnung würdig befunden wurden, kann als weiterer Hinweis dafür gelesen werden, dass Haller britische Autoren als den Methoden der Empirie besonders zugetan beurteilte. Allgemein finden sich in Hallers Rezensionen zu Youngs Reise- und Agrarberichten auffällig viele, exakte Zahlen: Landflächen, Gewichtseinheiten und Geldbeträge werden bis auf die letzte Ziffer genau genannt. Manchmal hat es den Anschein, als wäre das schlichte – und manchmal gar oft vorkommende – Übernehmen dieser empirisch scheinenden Zahlenabschnitten eine Würdigung der exakten Arbeitsweise des englischen Privatiers.
Haller setzte sich generell verhältnismässig oft mit Youngs Werken auseinander; seine Rezension aus dem Jahr 1775 zu Youngs Political arithmetiks containing observations on the present State of G. Britain and the principles of policy in the encouragement of agriculture (1774), die sich um die Ökonomische Aufklärung in Grossbritannien dreht, ist eine der umfangreichsten Rezensionen in unserem Sample, was auf ein grosses Interesse Hallers an britisch-aufklärerischen Themen schliessen lässt. Young, oder vielleicht auch britische Forscher generell, scheinen in Hallers Rezensionen eine Art Vorreiterrolle zu exaktem Arbeiten zu geniessen, was erneut darauf hindeuten könnte, dass Haller britische Autoren für besonders empirisch gehalten haben könnte.
Vergleich der sozialen Milieus
Abschliessend betrachten wir die sozialen Milieus der Verfasser von rezensierten Publikationen der Anglosphäre in vergleichender Perspektive, zur besseren Übersicht beschränken wir uns auf die Bereiche der medizinischen Berufe, der Wissenschaft und der Privatiers sowie auf die Beiträge ohne Zuordnung (v.a. Beiträge in Periodika).
Obwohl der Vergleich deutlich zeigt, dass es im Bereich der Anglosphäre weniger als halb so viele Rezensionen von Verfassern der Kategorie «Wissenschaft» gab, hat dies nicht zu bedeuten, dass die Wissensgenerierung in Grossbritannien weniger empirisch verlief. Kompensiert wurde dies in der Anglosphäre mit dem höheren Anteil an Verfassern aus dem Bereich der Medizin, die sich ja grösstenteils ebenfalls auf eine naturwissenschaftliche Ausbildung stützen konnten. Überraschend ist der etwas geringere Anteil der Privatiers, werden diese doch als die Hauptträger der wissenschaftlichen Revolution in Grossbritannien bezeichnet (Enderle 2005).
Fazit
Ziel unserer Untersuchung war es, einen Zusammenhang zwischen der Personalunion der Hannoverdynastie und dem «anglophilen» Klima im deutschsprachigen Raum der Aufklärung aufzuzeigen. Anhand von drei separaten Forschungsfeldern zu Hallers reichhaltigen Rezensionstätigkeit wurde die stereotypisierte Empirie der britischen Wissenschaftstradition im Empire untersucht.
In einer ersten Analyse wurde aufgezeigt, dass die Zahl der Rezensionen zur Anglosphäre tatsächlich rückläufig war, nachdem Haller Göttingen verlassen hatte.
In einem zweiten Teil wurde überprüft, ob durch die globale Ausdehnung des «British Empire» der Zugang zu kolonialem Wissen erleichtert wurde. Dies war allerdings schwierig zu überprüfen, da sich die Dreizehn Kolonien noch in der ersten Phase des Basalla-Modells befanden.
In der dritten Analyse versuchten wir aufzuzeigen, dass die wissenschaftlichen Praktiken in Grossbritannien empirischer verliefen als in anderen Gebieten. Dieser Nationalstereotyp liess sich lediglich anhand qualitativer Merkmale beobachten. Eine Auswertung der Rezensionen mit «undefinierten» Milieus wäre vermutlich aussagekräftiger gewesen, weil damit auch die zahlreichen Zeitschriftenbeiträge sozial aufgeschlüsselt würden.
Quellenverzeichnis
- Albrecht von Haller über Colden (1747) in den GGA, 15. Juni 1747, Digitale Edition der Rezensionen Albrecht von Hallers, hallerNet 2018-2023, https://hallernet.org/edition/review/07571.
- Albrecht von Haller über Sheridan (1756) in den GGA, 24. Februar 1757, Digitale Edition der Rezensionen Albrecht von Hallers, hallerNet 2018-2023, https://hallernet.org/edition/review/09370.
- Albrecht von Haller über Bollan (1764) in den GGA, 6. Mai 1765, Digitale Edition der Rezensionen Albrecht von Hallers, hallerNet 2018-2023, https://hallernet.org/edition/review/01231.
- Albrecht von Haller über Wood (1765) in den GGA, 27. März 1766, Digitale Edition der Rezensionen Albrecht von Hallers, hallerNet 2018-2023, https://hallernet.org/edition/review/01522.
- Albrecht von Haller über Young (1769) in den GGA, 11. August 1770, Digitale Edition der Rezensionen Albrecht von Hallers, hallerNet 2018-2023, https://hallernet.org/edition/review/02926.
- Albrecht von Haller über Young (1774) in den GGA, 7. Oktober 1775, Digitale Edition der Rezensionen Albrecht von Hallers, hallerNet 2018-2023, https://hallernet.org/edition/review/05480.
- Albrecht von Haller über Macpherson (1775) in den GGA, 28. Juni 1777, Digitale Edition der Rezensionen Albrecht von Hallers, hallerNet 2018-2023, https://hallernet.org/edition/review/06548.
- Albrecht von Haller über Cook (1777) in den GGA, 19. Januar 1778, Digitale Edition der Rezensionen Albrecht von Hallers, hallerNet 2018-2023, https://hallernet.org/edition/review/06677.
- Albrecht von Haller über Macpherson (1775) in den GGA, 19. Dezember 1778, Digitale Edition der Rezensionen Albrecht von Hallers, hallerNet 2018-2023, https://hallernet.org/edition/review/06883.
Literaturverzeichnis
- Enderle, Winfried: Britische und europäische Wissenschaft in Göttingen. Die Göttingischen Anzeigen von gelehrten Sachen als Wissensportal im 18. Jahrhundert, in: Mittler, Elmar (Hg.): «Eine Welt allein ist nicht genug». Grossbritannien, Hannover und Göttingen 1714-1837, Göttingen 2005, S. 161-178.
- Fabian, Bernhard: Englisch-deutsche Kulturbeziehungen im achtzehnten Jahrhundert, in: Haberkamp, Barbara Schmidt et al. (Hg.): Europäischer Kulturtransfer im 18. Jahrhundert. Literaturen in Europa. Europäische Literatur?, Berlin 2003, S. 34-44.
- Lipphardt, Veronika; David, Ludwig: Wissens- und Wissenschaftstransfer, in: Institut für Europäische Geschichte (IEG) (Hg.): Europäische Geschichte online (EGO), Mainz 2011, https://www.ieg-ego.eu/lipphardtv-ludwigd-2011-de.
- Maurer, Michael: Anglophilie, in: Institut für Europäische Geschichte (IEG) (Hg.): Europäische Geschichte online (EGO), Mainz 2010, https://www.ieg-ego.eu/maurerm-2010-de.
Bildnachweise
- Abb. 3: The Washington Post: Mapping the rise and decline of the British Empire, 2015, https://www.washingtonpost.com/graphics/world/british-empire/.
- Abb. 4: Arthur Young (1741-1820) um 1794, Porträt von John Russell (1745-1806). Wikimedia Commons (Public Domain), https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Arthur_Young_(1741-1820).jpg.
