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DAS MESSER 2: JOHN`S WAY DOWN

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DAS MESSER 2: JOHN`S WAY DOWN

Riassunto

DAS MESSER 2: JOHN`S WAY DOWN

Eine Geschichte aus dem Lockdown

Von Berthold von Kamptz

1. OBDACHLOS

"Ich bin niemand. Ich bin nichts. Verschluckt von der Großstadt. Einer unter vielen. Einer der lebt aber bereits tot ist. So fühle ich mich. Was ist das für eine Welt, die mich umgibt? Ich habe Angst! Ich habe Angst!", flüsterte der Mann. Er saß allein im Kellerraum eines Mietshauses. Dort hatte er Zuflucht gefunden, dies war jetzt sein Zuhause. Hatte die schwarze Kapuze seiner schwarzen Jacke tief in sein Gesicht gezogen und kauerte dort zwischen Kartons, Spinnennetzen, Sperrmüll und Mülltüten. Vor ihm lag ein Abschiedsbrief, den er in seiner Verzweiflung geschrieben hatte. Er hatte einige Hämatome, die er sich vor einigen Tagen am Frankfurter Hauptbahnhof zugezogen hatte. Als er sich gerade an einem Kiosks im Hauptbahnhof anstellen wollte und er mal wieder seine Maske nicht richtig aufgesetzt hatte. Da war ein Typ, vermutlich ein Geschäftsmann, der in der Schlange auf ihn aufmerksam geworden war. Er hatte ihn barsch an die Maskenpflicht erinnert und hatte ihn "Penner" genannt. Da war John wütend geworden und hatte zugeschlagen! Daraus entstand dann eine Schlägerei und John hatte sich dann mehrere Hämatome im Gesicht zugezogen. Aber das war nicht das Einzigste, was in letzter Zeit passiert war. Als er Mitte Dezember im letzten Jahr (2020) wegen Jobsuche in Hamburg war, gab es eine Messerstecherei. Dann hatte er später Ärger mit so einem Typen während einer Fahrt im Zug nach Berlin gehabt. Da hatte es eine heftige Auseinandersetzung gegeben- wie er das nannte. Er hatte ihn später in der Bahn Richtung Zoologischen Garten wieder getroffen und ihn aus der Bahn geschmissen. Ich musste ihm eine "Lektion" erteilen!, dachte John. Wie er auch anderen Leute einen "Lektion" erteilen musste, die ihm dummkamen...Bilder aus seinem vergangenen, verschütteten Leben erschienen ihm plötzlich vor seinen Augen. Er dachte in diesen Moment an seine Eltern, die sich früher oft stritten und damals kurz vor einer Scheidung waren (sich aber später doch nicht wegen der Kinder scheiden liessen). Dachte an seine drei Brüder, von denen er später nur mit Hartmut Kontakt hatte. An den Ärger, den er machte, weil er als Kind schon auffällig und nicht angepasst war. Denn er war mit einigen Schulfreunden an einigen Ladendiebstählen beteiligt und in Schlägereien verwickelt u.a... Er dachte daran, wie froh seine Eltern waren, als er endlich seinen Realschulabschluss machte und seine Lehre als Klempner machte. Und er seine erste Freundin hatte. Und dachte daran, wie er sie damals enttäuschte, als er - nachdem seine Freundin ihn verliess - in schlechte Gesellschaft geriet, seinen Job verlor und dann verschiedene andere Jobs machte wie Taxifahrer, Kurierfahrer Rausschmeißer in einem Club oder in einem Casino am Empfangstresen, diese aber alle nach kurzer Zeit wieder verlor. Und er mit seinem Freund Torsten Siebert kriminell wurde und mehrere Straftaten wie Betrug, Diebstahl, Unterschlagung von Geld,... damals verübte...! Auch hatte er in dieser Zeit eine Menge Affären, die ihm einigen Ärger mit einigen Männern einbrachte, denen er die Frau ausgespannt hatte (was häufig zu Schlägereien geführt hatte)...Die Polizei war ihm zeitweise auf den Fersen, aber er kam durch einige Tricks immer wieder davon.
Wie waren seine Eltern wieder froh, als er endlich eine Arbeit bei einer Gartenfirma fand, eine neue Freundin fand, sich zweitweise änderte und sein kriminelles Leben aufgab...Sein Leben schien nun eine positive Wendung zu nehmen! Endlich. Doch als dann 2020 die Coronapandemie ausbrach, war nichts mehr normal. Nachdem sein Chef der Gartenfirma, in der er gearbeitet hatte, an Corona erkrankt war und starb, ging die Gartenfirma pleite und er verlor seine Arbeit und geriet in finanzielle Schwierigkeiten. Nachdem auch seine Freundin ihn verliess, geriet sein Leben völlig aus den Fugen. Er bekam Depressionen, er betrank sich immer mehr mit Alkohol und verlor seine Wohnung. Später - nach einer weiteren Verkettung von unglücklichen Umständen landete er Ende 2021 in Frankfurt auf der Strasse. Nur Franziska, eine arbeitslose Arzthelferin, die er damals Ende 2021 durch Zufall im Frankfurter Hauptbahnhof traf und die ihn - nachdem sie sich näher gekommen waren - später ab und zu in ihrer Wohnung in Frankfurt übernachten liess, gab ihm Mut. Sie hatte nur etwas Probleme mit Drogen und hatte einige Männer-Bekanntschaften. Das war leider so. Ansonsten war sie super! Er dachte oft an Franziska. Er hatte nur noch Franziska, die ihm Mut gab und ihn aus seinen Depressionen, innerer Leere und Lethargie rausriss. Ansonsten hatte er nichts mehr in seinem Leben. Denn er hatte in seinem Leben alle Chancen "verdaddelt" oder sie wurden durch "Corona" zunichte gemacht. Und daran dachte er oft.

Sein Leben war kurz zusammengefasst: Eine Kette von Tragödien in einer verrückten Welt. Eine Katastrophe! Besonders auf der Straße. Und John machte schlechte Erfahrungen auf der Straße. Er wurde von den Menschen schlecht behandelt. Er wurde gedemütigt, beschimpft, ausgegrenzt, beleidigt zum Beispiel "Penner" (der er nun wahr) genannt oder wie ein Stück Dreck oder Abfall behandelt und seine Wut auf die Gesellschaft wuchs daher. John dachte über all das immer wieder nach - während er im Mietshauskeller sass. Und er holte einen Kugelschreiber aus der Jackentasche und zeichnete wenig später einen erhängten Menschen in sein Skizzenbuch (sich selbst) und schrieb darunter: "Ich muss in der Corona-Krise alles bekämpfen und beseitigen, was mich niederreißt, demütigt, in den Dreck taucht – oder ich gehe zugrunde. Und ich muss mir nehmen, was ich nicht in dieser Welt bekomme." Er begann nun damals daher in dieser Zeit (zum Teil auch aus Verzweiflung) regelmäßig kleine Raubüberfälle zu verüben und holte sich einfach all das, was er von der Welt nicht bekam.
"Und so ist mein Leben hier", sagte er zu sich selbst. Während er im staubigen Mietshauskeller auf dem Boden dieses dunklen Mietshauskellers sass mit seinem Skizzenbuch, seiner Bierflasche und einem dunklen Rucksack neben ihm auf dem Boden. Dort in dem Rucksack hatte er seine ganzen übriggebliebenen Habseligkeiten eingepackt: Sein Handy, einige Bierflaschen, kleine Wodkaflaschen, etwas Unterwäsche, Seife, Stifte....Und auch sein neues, grosses Messer, das er sich vor einigen Tagen neu gekauft hatte (um sich zu verteidigen!). Auch sein Skizzenbuch packte er dort immer rein.
Er dachte immer wieder über sein kaputtes Leben nach und über seine zerbrochenen Träume.
Er steckte den Abschiedsbrief, den er inzwischen zerrissen hatte, in den Rucksack. Er hatte ihn in einem Zustand der Depression geschrieben – als es mit seinem Bruder Hartmut und zeitweise auch mit Franziska (wegen ihrer Männerbekanntschaften) wieder mal Probleme gegeben hatte und als er die Welt angesichts der Corona-Krise nur noch als feindlich empfand und sich umbringen wollte. Einfach Schluss machen.... Mehrmals in den vergangenen Tagen war er in einem alkoholisierten und verwirrten Zustand kurz davor gewesen, sich vor die Bahn zu schmeißen. Doch überlegte er es sich jedes Mal anders. Weil ihm der Mut fehlte oder seine Stimmung sich wieder aufhellte, wenn er wieder etwas nüchterner war. Oder wenn er an Franziska und ihre erotischen Lippen dachte. Er hatte dann den Abschiedsrief zerrissen, weil diese depressive Phase – zumindest für einen Augenblick – wieder vorüberging.

John machte mit dem Zeichnen eine kleine Pause und fing in seinem Skizzenbuch an zu blättern. Er hatte darin sämtliche Stationen seines Lebens illustriert oder gezeichnet: wo er geboren worden war, in Berlin. Wo er aufgewachsen war, die Wohnung seiner Eltern. Er hatte sich am letzten Schultag gezeichnet. Mit dem Abschlusszeugnis in der Hand. Dann an dem Tag, als er gerade mit der Lehre als Klempner fertig war und noch optimistisch in die Zukunft blickte. Dann hatte er den Verlust seiner Arbeit zeichnerisch dokumentiert. Seine Beziehungen, seine Affären und seine Jobs, seine Pleiten und Niederlagen.
John blätterte die Zeichnungen und Illustrationen immer wieder durch und dachte an seine Vergangenheit nach. Die oft schmerzlich war. Dann schlug er eine neue, leere Seite auf. Dann fing er wieder an zu zeichnen. Dieses Mal zeichnete er einen Mann, der eine Klippe herunterfiel. Er selbst war gemeint. Ihm fiel auf: Die Zeichnungen und Illustrationen wurden immer grässlicher, brutaler, düsterer. Je bedrückender seine Lebenssituation und Gedanken wurden...

Wenig später zeichnete er mit einem Kugelschreiber noch einen Menschen, der umgekippt war und wehrlos auf dem Rücken lag. Auch das war er selbst. "Ausgespielt", schrieb er unter die Zeichnung.
Er schwitzte, und hustete plötzlich. Und er hatte Halsschmerzen. "Hoffentlich habe ich nicht Corona. Hoffentlich habe ich nicht Corona. Hoffentlich habe ich mich nicht in Berlin angesteckt", dachte er. Obwohl er früher die Gefährlichkeit von Corona heruntergespielt hatte und über die Corona-Maßnahmen gelacht hatte, hatte er nun Angst. Eine Angst, die er sich nicht eingestehen wollte und mit seinem männlichen Stolz zu unterdrücken versuchte. Die Angst rückte dadurch zwar etwas in den Hintergrund, blieb aber trotzdem da. "Vielleicht ist es nur eine harmlose Erkältung, die sich verschleppt hat und die vergeht", dachte John und versuchte, sich mit diesem Gedanken zu beruhigen. "Aber vielleicht ist es auch nur der Stress. Die Nervosität. Kein Wunder bei all dem, was ich durchgemacht habe. Und nun ist mir die Polizei wegen der Sachen, die Mitte Dezember passiert waren, in Hamburg und Berlin auf den Fersen!", dachte er.
Er verdrängte weitere Gedanken und trank einige Schlucke Bier, um sich zu beruhigen.
Nach einer Weile stand John auf und ging – leise wie ein Phantom der Nacht – aus dem düsteren Kellerraum, ging durch einen düsteren Gang zu einer Tür, die nach draußen führte. Und dann war er draußen.

Es stürmte etwas draussen. Es war kalt und regnete. Er lief (ohne Corona-Schutz-Maske) angetrunken in der Dunkelheit durch die verregneten, leeren Straßen. Es war eher eine Mischung aus Laufen und Stolpern. Dann erreichte er ein einfaches, weisses Mietshaus in der Lehnertstrasse, in dem sich Franziskas Wohnung im Erdgeschoss auf der rechten Seite befand. Er ging einige Stufen hoch zur Mietshaus-Eingangstür, öffnete sie und stand wenig später vor Franziskas verschlossenen Wohnungstür. Er klingelte an ihrer Wohnungstür. Klingelte einmal, zweimal, dreimal. Doch sie ging nicht an die Tür.
"Verdammter Mist. Ich bin`s, John. Mach die Tür auf!", schrie er. Doch es kam immer noch keine Reaktion. Dann ging er aus dem Mietshaus raus nach draussen und warf von draussen einen Blick zum Wohnzimmerfenster ihrer Wohnung.
Dort sah er in fahlem Licht, wie sich ein Paar küsste. Sie hatten keine Kleidung an. Es war sie und ein anderer Mann. Nach einiger Zeit kniete sich vor ihm nieder. Er wusste, was sie nun taten. Dann waren sie weg vom Fenster.

"Eine verdammte Sauerei. Franziska, mach die Tür auf! Das ist etwa der Lohn für all das, was ich für Dich getan habe?", schrie er. Doch sie reagierte immer noch nicht.
Sie war mit ihrem Lover beschäftigt – mit dem sie sicher zusammen Drogen nahm – und war im Liebesspiel versunken. Für John aber hatte sie keine Zeit mehr! Jedenfalls nicht in diesem Moment. Sie hatte leider zu viele Liebhaber. Und sie ließ sich leider immer wieder mit den Falschen Typen ein. Sie gehörte in Johns Augen zu den Frauen, die vermutlich mindestens 30-40% mehr als eine Durchschnittsfrau wollte. Zumindest mehr als ihr jemals ein einziger Mann geben könnte. Daran änderte auch die Corona-Pandemie nichts. So war sie eben und er musste das akzeptieren. Und so hatte er sie auch kennengelernt.
"So ist das. Ausgenutzt wurde ich. Das meiste von meinem restlichen Geld – auch wenn es wenig war – gab ihr ihr!, dachte John. Dann geriet er in Rage und schrie: „Und das ist der Dank?“ Am liebsten hätte er die Tür eingetreten. Doch es hatte keinen Sinn. "Ich will Dich nie wieder in meinem Leben sehen! Blas doch dem Typen einen, mach´s doch mit allen, Du … ", dachte er rasend zornig. Doch er wusste: er würde nicht von ihr loskommen. "Auch diesen Lover wird sie abservieren", dachte er und beruhigte sich etwas. „Den hat sie vermutlich nur genommen, weil sie entweder von irgendwelchen Drogen "high" oder einfach nur wieder mal betrunken war. So wie viele Menschen in der Corona-Krise, die in ihrer durch wirtschaftlich Probleme hervorgerufene Verzweiflung im Alkohol Zuflucht suchten."
Er (der Name fiel John momentan nicht ein) konnte zwar gut reden und sie umgarnen, war aber ansonsten unmännlich, unerfahren und hatte ihr wenig zu bieten. John kannte Franziska inzwischen ganz gut. Dieser Typ, der jetzt bei ihr war, war nicht die Art Mann, den sie auf Dauer haben wollte. Sie hing mit vielen Typen rum, war durch die Drogen oft unkontrolliert. (Meist nahm sie nur etwas Kokain und einige andere leichten Drogen wie zum Beispiel einige Joints oder Haschkekse..., hatte aber auch schon mal - ausnahmsweise - etwas Heroin probiert).
Eigentlich mochte sie nur interessante, männliche-dominante Typen mit Charme oder wenigstens mit einem gewissen Etwas! Harte Typen, "Bad-Boys", die verwegen, aber auch mal nett sein konnten. Jedenfalls nicht 08-15. Softies wie diesen Lover, den sie in diesem Augenblick hatte, mochte sie auf Dauer nicht wirklich – da würde sie auf längere Zeit einen männlicheren Typen wie ihn, John, bevorzugen. Da war sich John ziemlich sicher!
John hatte durch Franziska viel gelernt und wusste nun, wie Frauen wie Franziska tickten. Bevor er sie kennengelernt hatte, hatte er - obwohl er in der Vergangenheit mehrere Beziehungen mit Frauen gehabt hatte - noch weniger gewusst und hatte nun, was Frauen wie sie anbelangte, fast eine 180 Grad-Wandlung vollzogen. Und das war hier nicht negativ gemeint, sondern realistisch und positiv!
Nach einiger Zeit wandte sich John von Franziskas Wohnzimmerfenster ab und ging leicht torkelnd mit seinem dunklen Rucksack, dem Bier in der Hand und mit der schwarzen Kapuze über den Kopf durch die nächtlichen Straßen. Dann fuhr ihm ein Auto entgegen. Das hielt am Straßenrand. Dann stieg ein ca. 40jähriger Geschäftsmann (zumindest sah er so aus) mit FFP2-Corona-Schutz-Maske mit einer stark geschminkten jungen Frau aus dem Auto aus, die keine Maske trug. Sie trug einen kurzen Rock und ihre schönen Beine wurden sichtbar. Darüber hatte sie eine Winterjacke. „Wir werden es uns gemütlich machen. In meiner Wohnung. Wir haben die ganze Nacht dafür", sagte der Mann, bevor er mit der Frau im Arm in einem Mietshaus verschwand.
"Es ist unglaublich. Ich mag diese Art von Typen nicht. Arrogant, nutzen andere Leute aus. Für sie zählt nur das eigene Ich und Geld. Der Rest wird gekauft. Oft auch die Frau", murmelte John leise im Selbstgespräch. "Man kann in dieser dreckigen Welt mit Corona nur Täter, Christ oder Corona-Opfer werden. Und ich werde eben Räuber, weil es für mich als härteren Typ der leichtere Weg ist, zum Erfolg zu kommen. Manchmal muss man sich einfach nehmen was man braucht, wenn man keine andere Wahl sieht. Wenn das Leben hart ist, muss man noch härter sein", dachte er zynisch.
John ging weiter durch die Straßen. Wieder erreichte ihn ein Gefühl der leichten Erschöpfung und seine Glieder taten ihm etwas weh. Er hustete. Er musste kurz innehalten und atmete schwer. "Hoffentlich ist das kein Corona. Aber vielleicht ist das nur Angst. Eine Erkältung. Oder einfach Hysterie – typisch in dieser Zeit. Aber was soll´ s – an irgendwas sterben müssen wir alle. Sowieso. Einen guten Bekannten von mir hat es gerade erwischt. Corona." John verscheuchte diese negativen Gedanken, indem er an verflossene Frauen dachte, mit denen am Anfang ihrer Beziehung einige schöne Erlebnisse gehabt hatte.
Was soll man sonst in dieser blöden Corona-Zeit im Lockdown machen? Seinen Hobbys nachgehen – wenn man die Zeit und Ruhe dazu hat. Oder die Zeit im Bett mit seiner Frau zu verbringen. (Oder -als Single- es sich selbst mit der Hand zu besorgen - was mehr schützte vor Corona als eine risikoreiche, heimliche Affäre mit einer Person, mit der man nicht unter einem Dach wohnte.) Ein deutsches und englisches Wort mit drei Buchstaben ist für viele in der Corona-Zeit wichtig. Fängt mit S an.
John stand eine Weile auf der Straße und hing seinen Gedanken nach und trank einige Schlucke aus der Bierflasche.
Dann rannte er weiter. Als er den Frankfurter Hauptbahnhof erreichte, trat gerade eine 50jährige Frau mit etwas verlebtem, sorgenvollem Gesicht unter der Maske und mit einer Handtasche in der Hand aus dem Ausgang des Bahnhofs. Sie blieb in der Nähe des Ausgangs stehen, zog die Maske runter bis zum Kinn und steckte sich eine Zigarette in den Mund. Dann holte sie ein Feuerzeug aus der Tasche und versuchte, die Zigarette anzuzünden. Doch das Feuerzeug funktionierte nicht. "Scheiße. Jetzt geht meine Zigarette nicht an. Jetzt kann ich in der Corona-Krise noch nicht mal das", sagte sie zu sich selbst mit einer rauen, fast männlichen Stimme. Und schon tauchte John neben ihr auf und hielt ihr sein Feuerzeug mit greller Flamme an die Zigarette in ihrem Mund. Sehr nah an ihrem Gesicht. "He? Was machen Sie da?", pöbelte sie.
John wich erschrocken zurück. Er schwitzte. Sein Blick war nicht mehr selbstsicher. Sondern erschrocken und unsicher.
"Ich wollte Ihnen nur Feuer geben", sagte er.
"Sie können nicht einfach so eine Frau um diese Uhrzeit anquatschen", sagte sie.
"Ich wollte nichts Böses. Ich wollte Ihnen nur Feuer geben", sagte er.
"Na gut. Dann geben Sie mir Feuer. Aber vorsichtig", sagte sie. John hielt ihr das Feuerzeug entgegen. Sie näherte sich mit der Zigarette im Mund der Flamme und zündete die Zigarette auf diese Weise an, die vorne an zu glimmen anfing. Dann zog sie ihren Kopf von der Flamme weg und nahm dann einige Züge aus der Zigarette.
John machte das Feuerzeug aus und steckte es in die Tasche.
"Danke", sagte sie.
"Was machen Sie hier draußen alleine?", fragte John.
"Ich konnte einfach nicht mehr länger in meiner Wohnung sein und ständig nur ferngucken", sagte sie.
"Aber schlafen nicht viele schon um diese Uhrzeit?"
"Nein. Das ist das Problem. Ich konnte nicht schlafen. Ich musste mir die Füße vertreten."
"Wohnen Sie in der Nähe?", fragte John.
"Ja", antwortete sie.
"Und wohnen Sie alleine?"
"Ja. Warum wollen Sie das wissen?"
"Nur so. Ich wollte Sie zum Bier einladen", sagte John. Er holte ein Bier aus dem Rucksack.
"Nein Danke", sagte die Frau.
"Ich habe noch was anderes. Wodka", sagte John.
"Hören Sie. Das ist nett gemeint. Aber ich lass mich nicht vom Fremden ansprechen und mich zum Bier oder Wodka einladen...", antwortete die Frau.
"Das ist ja nur nett gemeint. Nur ein Bier."
"Hören Sie, ich weiß, dass Sie es nett meinen, aber ich möchte nicht."
"Ich kann Sie zum Imbiss einladen. Da ist am anderen Ausgang eine Straße weiter ein Dönerladen. Ich kann Ihnen einen ausgeben."
"Ich möchte nicht."
"Das ist nicht weit."
"Hauen Sie ab!", schrie sie. "Verschwinden Sie!"
"Hören Sie ... Ich wollte nicht. Es ist so... Ich bin alleine. Ich könnte Gesellschaft gebrauchen....“, stotterte er. Und ich wollte Ihnen nur ein Bier oder Wodka anbieten.
"Hauen Sie ab!", schrie Sie erneut.
Dann kam ein 30jähriger Mann mit Maske um die Ecke, der alles beobachtet hatte. Er war stark, muskulös, hatte eine Lederjacke an. Er ging sofort auf John zu und schlug ihm die Faust ins Gesicht. John fiel zu Boden und blieb dort einige Zeit vor Schmerz stöhnend liegen. Er hatte etwas Blut in der Nase, welches er sich langsam abwischte.
"Die Frau hat Nein gesagt. Und Nein heißt Nein. Man belästigt keine Frauen. Erst recht nicht nachts. Hauen Sie ab", schrie der Mann. Dann packte er die Frau am Arm: "Los, gehen wir“, sagte der Mann, "Darf ich Sie nach Hause bringen?"
"Nein, es ist nicht nötig. Ich gehe alleine nach Hause. Danke. Es ist nicht weit", antwortete die Frau und setzte sich wieder ihre Maske auf.
"Ok. Dann alles Gute. Passen Sie auf sich auf. Gute Nacht", sagte der Mann. Sie gingen zusammen noch eine Weile nebeneinander. Dann trennten sich ihre Wege. Und so ging sie alleine in Richtung ihrer Wohnung, die in der Nähe des Frankfurter Hauptbahnhofs lag – ohne zu bemerken, dass John aufgestanden war und sie immer noch verfolgte. Sie stand gerade an der Kreuzung, blickte zu ihrer Wohnung gegenüber und wollte die Straße überqueren, als sie plötzlich von John hinterrücks angegriffen wurde. Er trug – um nicht erkannt zu werden – keine Kapuze, sondern hatte sich einen dunklen Schal um den Kopf - auch ums Gesicht - gewickelt. Er schlug ihr blitzschnell ins Gesicht, so dass ihre Maske von ihrem Gesicht rutschte, und raubte ihre Handtasche indem er sie blitzschnell aus ihrer Hand riss. Dann floh er. Die Frau stand vor Entsetzen gelähmt an der Straße und schrie: "Hilfeeeh. Hilfeeeeh, der hat meine Handtasche geklaut!"
Am Ende der Straße tauchte ein Polizeiwagen auf. Holger Schmitz und Frank Schönhuber fuhren diese Nacht Streife. Sie trugen beide Masken und fuhren mit dem Streifenwagen auf die Frau zu. Holger, der am Steuer saß, kurbelte das Fenster herunter und sprach die Frau an: "Was ist passiert?"
"Ich wurde überfallen. Ein Mann hat mir die Handtasche geklaut", stammelte sie.
"Wo ist das das passiert?"
"Hier. Er kam von hinten und riss mir meine Handtasche weg. Schlug mir ins Gesicht."
"Wo ist er entlanggelaufen?", fragte Frank.
Sie zeigte geradeaus: "Er ist dort entlanggelaufen. Über die Straße."
"Wie sah er aus?"
"Er hatte eine schwarze Jacke an. Im Gesicht war er vermummt. Das ging alles so schnell", sagte sie.
"Kommen Sie! Steigen Sie ein. Wir suchen den Mann und bringen Sie aufs Revier, Da können Sie eine Strafanzeige machen“, sagte Holger.
Dann hob die Frau die Maske auf, die den Boden gefallen war. Da sie sehr schmutzig geworden war, nahm der Polizist Holger aus der Wagenschublade eine frische Maske und reichte sie ihr. Die Frau bedankte sich, setzte die Maske auf und stieg kurz darauf in den Streifenwagen. Der fuhr davon.
Später auf dem Polizeirevier konnte die Frau – Ina Seiler hieß sie – nicht genau sagen, wie der Täter aussah, da er sich einen Schal um den Kopf und um das Gesicht gewickelt hatte. Auch anhand der Stimme und Körpergröße konnte sie ihn nicht identifizieren. Vermutlich auch durch den Schock wusste sie nicht, dass der Räuber derselbe Mann war, der ihr 20 Minuten vorher Feuer für ihre Zigarette gegeben hatte. Und das war schlecht für die Ermittlungen.
Etwa 30 Minuten nachdem die Frau überfallen wurde (das war gegen 23 Uhr) reichte der Wirt Uwe Behrends einer Frau namens Simone und ihrem ausländischen Freund Willy durch das Fenster seiner am Frankfurter Hauptbahnhof gelegenen Imbissbude noch zwei Getränke. Die beiden sassen am geöffneten Fenster der Imbissbude und aßen dort gerade noch ihre Döner auf. Der Wirt wollte gleich schließen. Uwe kannte das Paar gut. Sie kamen seit der Corona-Krise öfter vorbei und kauften Getränke oder aßen etwas. Und sie unterhielten sich oft über aktuelle Ereignisse in der Corona-Krise.
"Ich muss gleich zu machen. Ich wollte schon vor 20 Minuten schließen, aber wir waren so sehr ins Gespräch vertieft, dass ich die Zeit vergaß“, sagte der Wirt Uwe.
"Wir essen nur schnell auf. Dann gehen wir", versprach Simone.
"Wir wollten lieber hier essen, als irgendwo da draußen", meinte Willy. "Hat ja sowieso fast alles geschlossen."
"So können wir uns wenigstens hier nett unterhalten", ergänzte Simone.
"Gut. Ich werde noch fünf Minuten warten. Ich fang schon mal mit der Kassenabrechnung an. Nach fünf Minuten muss ich leider schließen. Auch das Fenster. Und ihr müsst dann leider gehen" sagte Uwe. "Denn meine Familie wartet auf mich", setzte er erklärend hinzu.
"Wir sind gleich weg", sagte Simone.
"Wir haben uns aber gut unterhalten“, meinte Willy.
"Ja. Über Corona und mehr", sagte Uwe.
"Einen zu langen Lockdown können wir uns nicht leisten. Dann gehen zu viele Pleite", sagte Willy.
"Ja. Stimmt. Dann kann ich bald auch meinen Laden zumachen", ergänzte Uwe.
"Das wäre schlimm. Hoffentlich ist der Lockdown mal vorbei und dann hat alles wieder offen und es herrscht wieder Normalität.".
"Stimmt. Ich mach schon mal die Kasse. Das macht 14 Euro. Ich muss jetzt abrechnen“, sagte der Uwe.
Willy holte sein Portemonnaie aus der Tasche und gab Uwe das Geld. Genau 14 Euro.
"Ich hab´ zum Glück genug Kleingeld“, sagte Willy.
"Danke", sagte Uwe als er das Geld erhielt und zog sich seine Maske höher über die Nase. Er ließ sie noch einige Minuten essen und trinken.
"So. Ich muss jetzt zumachen. Ich wünsche Euch Gute Nacht und schönen Nach-Hause-Weg. Ich muss jetzt das Fenster zu machen", sagte Uwe.
"Gute Nacht", sagte Willy. Auch Simone sagte "gute Nacht". Sie hatten aufgegessen und ausgetrunken und setzten sich ihre Maske auf, die sie beim Essen abgenommen hatten. Dann gingen sie. Uwe schloss das Glasfenster und machte einige Lichter aus. Er wollte gerade die Kassenabrechnung weitermachen, als es an seinem Fenster der Imbissbude klopfte.
"He. Simone. Willy. Ich habe zu. Warum geht ihr nicht", schrie er.
Doch wieder klopfte es. Wütend machte Uwe das Fenster auf. Er vermutete Willy und Simone und wollte gerade losschreien. Doch am Fenster war jemand anders. Ein Mann mit Kapuze und zerfurchtem Gesicht. Es war John. Er trug keine Maske.
"Was willst Du hier? Wir haben geschlossen. Wir haben 23:30 Uhr."
"Entschuldigung. Ich möchte gerne mehrere Flaschen Bier haben. Denn mein Vorrat neigt sich dem Ende zu", sagte er.
"Tut mir leid. Ich mach gerade meine Kassenabrechnung. Ich habe geschlossen. Und setz Dir bitte Deine Maske auf", sagte Uwe.
"Bitte. Ich brauch das Bier", sagte er.
"Hast Du nicht kapiert? Wir haben geschlossen. Es gibt nichts mehr. Und ohne Maske läuft hier nichts", sagte Uwe.
"Aber ich seh´ doch, dass Du im kleinen Kühlschrank da hinten noch Getränke hast“, sagte John.
"Bist Du geisteskrank? Es gibt nichts. Wenn ich nein sage, heißt es nein“, schrie Uwe.
"Du dreckiger dekadenter Typ. Leute wie Dich sollte man was auf die Fresse hauen!", schrie John rasend vor Wut.
"He. Du gestörter Typ. Entweder Du verschwindest oder ich hau Dir eine rein“, schrie Uwe entnervt. Schnell schloss er das Fenster. John pöbelte wie ein Wahnsinniger und schlug immer wieder gegen das Fenster der Imbissbude.
"Ich will meine Flaschen Bier. Oder ich hau Dir eins in die Fresse. Gib mir endlich die Bierflaschen. Oder Du bist dran!", schrie John. Uwe bekam etwas Angst. "Das scheint ein Verrückter zu sein. Einer, der während der Corona-Krise durchgedreht ist", dachte er. Und John klopfte immer noch. Uwe wollte die Polizei rufen und griff zum Handy. Er wollte gerade die Nummer der Polizei wählen, als das Klopfen aufhörte. Und als er einige Herzschläge später das Fenster aufmachte und nach draußen guckte, war John weg.
"Der Mistkerl, das nächste Mal kriege ich Dich", brubbelte er zornig.

John lief durch die dunklen, leeren Straßen bis zu Franziskas Wohnung. Er hatte 100 Euro erbeutet und freute sich darüber. Wenig später wartete er hinter einem Baum, der am Fussweg in der Nähe der Mietshaus-Eingangstür, die zu Franziskas Wohnung führte, stand. In der Hand hatte er eine Eisenstange, die er auf dem Sperrmüll an einer Hausecke gefunden hatte. "Das Schwein ist immer noch da drin", sagte er leise zu sich selbst. Er wartete ungefähr eine halbe Stunde. Dann öffnete sich die Mietshaus-Eingangstür, zu der sechs Stufen führten. An der Mietshaus-Eingangstür erschienen Franziska und der Freund.
"Wir müssen uns unbedingt morgen treffen", sagte Daniel.
"Ja. Vielleicht morgen. Mal sehen", lacht sie.
"Ich kann morgen ab 15 Uhr kommen", drängte er.
"Ich habe morgen schon was vor. Ruf mich am besten morgen früh an. Dann sehen wir", wich Franziska aus.
"Ja, dann vielleicht morgen", sagte er.
"Bis dann, Schatz", verabschiedete sie sich von ihm. Er gab ihr einen Kuss auf die Backe. Das grelle Licht schien vom Treppenhausflur durch die geöffnete Mietshaus-Eingangstür und warf die langen Schatten der beiden über die Treppe und auf den Fussweg. Dann schloss Franziska die Tür und der Freund ging die Stufen hinunter. John hechtete aus seinem Versteck und hieb Daniel die Eisenstange auf den Kopf. Der fiel zu Boden und stöhnte. John schlug dem Liegenden noch mehrmals unter die Gürtellinie.
"So. Damit Du es lernst. Fass nicht meine Freundin an. Ist das klar, Du Armleuchter? Und nun hau ab", schrie John, „Sonst schlag ich Dich tot!“ Er war rasend eifersüchtig, schreckte vor Gewalt nicht zurück. Es war ein totaler Kontrollverlust.
Mittlerweile schreckte John auch vor Mord nicht zurück, wenn es hart auf hart käme. Der Freund Daniel stand heulend und gekrümmt auf, fasste sich vor Schmerz an den Unterleib und humpelte stöhnend davon.
"Und wehe, Du sagst irgend jemanden, was passiert ist oder rufst die Polizei. Dann schlage ich Dich tot", rief ihm John hinterher, bevor er die kleine Treppe hochlief, durch die Mietshaus-Eingangstür in den Treppenhausflur lief und kurz darauf an Franziskas Wohnungstür klopfte.
"Daniel. Bist Du das?", fragte Franziska als sie das Klopfen an ihrer Wohnungstür hörte.
"Ich bin`s, John. Mach auf", sagte er im dominanten Befehlston. Und Franziska gehorchte. Sie machte die Tür auf und ließ ihn rein.

2. HELPING HANDS

"Warum dauert es solange“, schrie John, "Los. Was stehst Du hier rum. Mach mir Whisky-Cola mit Eis. Aber dalli, dalli! Und benimm Dich nächstes Mal besser und mach nicht mit den ganzen Männern der Umgebung rum", befahl John und schritt sofort an vorbei in ihre Zwei-Zimmerwohnung, als ob es seine eigene wäre. Franziska schloss die Wohnungstür hinter ihm. John ging dann schnurstracks ins Wohnzimmer und sah dort eine Tüte Koks auf dem Tisch. Er nahm sie sofort an sich, ging wieder aus dem Wohnzimmer und lief zu dem kleinen, primitiven Bad (das immerhin eine Dusche besass), schmiss die Tüte in die Toilette und spülte sie weg: "So. Keine Drogen. Nicht bei mir. So hat der Kontakt mit mir viel Gutes. Nicht, Schatz?", fragte er.
"Ja."
"Du wirst mir doch nicht widersprechen?"
"Nein, John“, sagte Franziska.
Dann ging er wieder ins Wohnzimmer, setzte sich in den Sessel und schaltete den Fernseher ein.
"Wie viele Eiswürfel möchtest Du, Schatz?", rief sie aus der Küche.
"Im Glas muss halb Whisky, halb Cola sein. Fünf Eiswürfel dazu", rief John.
"Ja, Schatz. Soll ich mich umziehen?", fragte Franziska.
"Ja, bitte."
"Das mach ich gleich. Was hast Du mit Daniel gemacht?"
"Mit Daniel? Ich hab´ ihm eine kleine Lektion verpasst. Er sollte sich einer Frau gegenüber besser benehmen. Er hat Dir Drogen gegeben. Da bin ich mir sicher. Und das ist nicht gut für Dich. Denn ich liebe Dich. Und ich meine es nur gut", sagte John.
"Du hast recht. Du hast recht. Du hast ihm nicht zu doll wehgetan?", fragte sie.
"Nein. Hält sich in Grenzen. Nur im Bett wird er erst mal nicht hinkriegen. Da braucht er eine große Tüte Eis", sagte er.
"Meine Güte!"
"Er wird das überleben. Alles in Ordnung. Bring mir endlich Cola-Whisky. Ich hab´ Durst. Und der Tag war mies genug", rief er.
Dann brachte sie aus der Küche zwei Gläser Cola-Whisky ins Wohnzimmer und stellte sie auf den Wohnzimmertisch. Dann ging sie ins Schlafzimmer und zog sich um. Wenig später kam sie ins Wohnzimmer zurück. Sie trug nur Unterwäsche und darüber einen Bademantel. Sie sah in Johns Augen umwerfend aus. Zwar etwas blass. Aber blonde, lange Haare und schlanke Figur. Und schöne, wohlgeformte Brüste. Einige Augenblicke später küsste sie ihn. Kurz darauf ging John (auf ihren Wusch hin) ins Badezimmer und duschte sich. Als John mit dem Duschen fertig war, gingen sie ins Schlafzimmer und lagen sich einen Augenblick später nackt in den Armen. Und Franziska blickte in Johns Gesicht. Obwohl Johns Gesicht zerfurcht, ziemlich faltig und in den Augen vieler Menschen nicht dem Mainstream-Schönheitsideal entsprach, sah er in Franziskas Augen gut und interessant aus. Denn er sah mit seinem Gesicht in ihren Augen eher wild und verwegen aus. Fast gefährlich. Auch war körperlich gut gebaut: Er war kräftig, hatte Muskeln und einen Waschbrettbauch. Und konnte sie - wenn es mal Ärger gab - gut beschützen. Er konnte charmant und hilfsbereit sein. Nur manchmal konnte er - wenn ihm was nicht passte oder ihm einer dumm kam - sehr aggressiv sein (was Franziska mit seiner schwierigen Vergangenheit erklärte und entschuldigte). Aber niemals war er zu ihr aggressiv! Er strahlte diese Männlichkeit, Dominanz und Härte aus, die Franziska anzog. Er war der perfekte Gegenpart zu ihr.
"Und jetzt gebe ich Dir was Du brauchst", sagte John.
"Ja", hauchte sie.
Dann küssten sie sich an sämtlichen Stellen. Und nach einer halben Stunde des "Liebes-Nah-Kampfes" (wie sie das Liebesspiel und den Hauptakt danach nannten) lagen sie erschöpft nebeneinander und guckten fern. Und John wirkte plötzlich ganz normal und entspannt. Und nicht mehr so hart und aggressiv nachdem er Daniel einen verpasst hatte. In Anwesenheit vom Franziska änderte er sich immer mehr zum Positiven. Fast so wie ein Chamäleon. So schien es zumindest. Und Franziska dachte": Der Mann ist gut."
"Ich mache auch Fehler in der Beziehung. Aber ich lerne wenigstens aus meinen Fehlern. Das ist der Unterschied zwischen mir und Daniel, der scheinbar wenig von Beziehungen versteht", sagte John unvermittelt. Es klang fast hochmütig und mit Selbstüberschätzung und er lächelte irre.
"Du hast recht", sagte sie schnell.
"Wer ist der bessere Liebhaber. Daniel oder ich?", fragte er.
"Na wer? Du. Du bist männlicher, härter. Das mag ich. Der Daniel findet sich selbst so gut. Aber er ist nicht so gut. Das wollte ich ihm nur nicht direkt ins Gesicht sagen. Er denkt wahrscheinlich immer noch, dass er letzte Nacht gut war. Aber er war nur einer von vielen auf der unteren Skala. Viel zu soft."
"Aha. Verstehe. Meinst Du das ehrlich oder sagst Du das, weil ich das hören möchte?", fragte John.
"Aber ich bin ehrlich!"
Dann kam Franziska wieder wie eine Spinne angekrochen und umklammerte John mit ihrem Körper.
"Das kann was werden zwischen uns. Das kann was werden. Ich darf es nur nicht versauen", dachte er und beschloss, sich künftig mit seinen Wutanfällen zu beherrschen.
"Weißt Du, was Deine Stärke ist? Das Du – wenn ich mal wütend werde – nicht gleich von mir wegläufst. Wie so viele in der Vergangenheit. Das ist viel. Ich will mich auch ändern. Ruhiger werden. Dann passt es!", sagte John und sie schien scheinbar an sein Versprechen zu glauben.
"Bleibst Du heute Nacht hier?", fragte Franziska.
"Ja."
"Und dann machen wir weiter?"
"Ja", versprach er.
"Was macht eigentlich Deine Arbeit?"
"Es läuft gut."
"Du hattest doch viel in Berlin und Hamburg gearbeitet?", fragte Franziska.
"Ja."
"Und was?"
"Ein Freund von mir arbeitet in der Gastronomie und hat ein Dönerladen. In Hamburg. Er hat mir Jobs besorgt, da er viele Gastronomen kennt. Ich durfte in Hamburg in seinem Dönerladen arbeiten. Wenn auch nur zeitweise. Und auch in Berlin fand ich was", log er. Dann schwieg er.
Das stand auch in der Zeitung", sagte sie. "Pass auf, wenn Du in Hamburg bist. Dort ist es gefährlich geworden, so hatte ich heute von einer Freundin gehört, die gerade aus Hamburg nach Frankfurt gekommen ist. In Hamburg wurde Mitte Dezember ein Mann ermordet. Am Hamburger Hauptbahnhof."
"Ne. Weiß ich nicht."
"Er wurde erstochen", sagte sie. "Wer das war, weiß keiner", sagte Franziska.
"Weiß ich nicht. Ich hab´ nichts davon gehört", log er wieder.

"Aber Du hattest an diesem Tag – am 15. Dezember – in dieser Zeit dort in Hamburg gearbeitet?", fragte sie.
"Ja, schon. Aber ich hab´ nichts mitgekriegt", sagte John.
Dann schwiegen sie eine Weile.
"Und wann hast Du eine eigene Wohnung?", fragte Franziska.
"Ich muss nur mit meinem Bruder Hartmut ins Reine kommen. Dann kann ich bei ihm übernachten. Später werde ich eine eigene Wohnung haben" sagte er.
"Aber Du wirst ab und zu doch hier schlafen?", fragte sie
"Ja. Das werde ich. Ich muss mich nur erst mal um meine Arbeit kümmern. Dann kommt der Rest", sagte er und grinste wieder irre.

"Ich bin momentan krank geschrieben. Ich kann meine Arbeit als Arzthelferin nicht mehr ausüben. Wenn es mir besser geht, will ich wieder arbeiten. Vielleicht wieder in meiner ehemaligen Hausarztpraxis. Oder in irgendeiner anderen Hausarztpraxis. Oder werde mir was anders suchen", meinte Franziska.
"Du brauchst eine Pause, Schatz. Du leidest unter einem Burnout-Syndrom. Du musst Dich erholen. Wir haben dann mehr Zeit für uns. Das ist doch auch was."
"Oh, John. Ich hoffe, dass die deprimierende Corona-Zeit bald vorbei ist und dass bessere Zeiten kommen."
"Ich hoffe es auch", sagte John.

In den nächsten Januar-Wochen 2021 kamen sich Franziska und John immer näher. John übernachtete in dieser Zeit auch immer öfters bei Franziska. Und allmählich wuchsen sie immer mehr zusammen, so dass John dann schliesslich in ihre Wohnung in der Lehnertstrasse einzog. Franziska war von John inzwischen sehr begeistert und nannte ihn bei ihren Freundinnen "ihren Freund". Und auch John begann Franziska immer mehr zu lieben. In dieser Corona-Lockdown-Zeit lebten sie die meiste Zeit abgeschottet von der Aussenwelt. Und lebten in ihrer kleinen Welt, die ihr Schutz von all den ganzen Problemen in dieser Lockdown-Zeit bot. Sie hatten in dieser Zeit nur wenig Besuch. Es kamen zum Beispiel nur Linda und ihr Mann Jochen vorbei. Freunde von Franziska. Und einige wenige andere. Und Hartmut, Johns Bruder Hartmut kam einmal vorbei. Er brachte für John Geld vorbei. Das trug dazu bei, dass sich John's Verhältnis zu seinem Bruder besserte und er und Franziska in dieser Zeit finanziell überleben konnten. Denn in dieser Zeit hatten weder John noch Franziska einen Job.


3. DER MANN VON DER OBEREN ETAGE

4.2.2021. Als John erwachte, war es schon 11 Uhr. Er dachte nach.
Franziska hatte sowieso keine Arbeit, musste nicht weg. Er hatte auch keine Arbeit und konnte bei ihr bleiben. Und er war froh, endlich mal in einem gemütlichen Bett ungestört schlafen zu können und dazu noch bei der reizenden Franziska, die ihn rundum verwöhnte.
In ihrer warmen gemütlichen Wohnung im Erdgeschoss auf der rechten Seite war es viel besser, als im Keller irgendeines Mietshauses bei den Mülltüten zu schlafen. Denn dort im Keller hatte er schlechte Erinnerungen: Dort hatte er nur eine dreckige Decke, die er im Sperrmüll gefunden hatte, als Kopfkissen gehabt. Und der Rattenkotgeruch störte ihn enorm. So dass der Schlaf sich oft nicht einstellen wollte. Mehrfach war er von Leuten entdeckt und weggejagt worden, weshalb er schon manches Mal auf dem Sitz einer Bushaltestelle, in einem überdachten Hauseingang oder auf einer Parkbank schlafen musste – wenn es nicht zu kalt war. In den letzten beiden Dezember-Wochen 2020 bis ungefähr Anfang Januar 2021 war es oft so. Und er trank in dieser Zeit auch oft zu viel Alkohol. Es war deshalb oft zum Streit zwischen den Brüdern John und Hartmut gekommen. So war es für beide besser, dass John „einen Abgang“ gemacht und sich verzogen hatte. Besser jedenfalls, als wenn sie sich weiter gegenseitig angebrüllt hätten. Das wollte John auf keinen Fall.
John hätte Ende Dezember letzten Jahres oder Anfang Januar sonst auch bei seinem Bruder Hartmut in Frankfurt schlafen können – wenn er sich mit ihm wieder versöhnt hätte. Das war jedoch in dieser Zeit schwierig. Denn Hartmut war in dieser Zeit oft eifersüchtig und glaubte, John würde sich an seine Freundin ranmachen, mit der er zusammenlebte. Und John rastete in dieser Zeit oft aus!

John hatte auch seinen Stolz. Der würde ihn seiner Meinung nach nicht ganz untergehen lassen. Er meinte, dass selbst die Straße in solcher Situation besser wäre, als bei seinem Bruder Hartmut in der Wohnung zu bleiben. (Hartmut änderte sich jedoch erst, als er damals gemerkt hatte, wie dreckig es John in dieser Zeit auf der Strasse ging. Und so fing er an, ihn finanziell zu helfen. Und nachsichtig gegenüber seinen Schwächen zu sein. Und auch seine Eltern, mit denen John aufgrund mehrerer Probleme und Streitigkeiten in letzter Zeit keinen Kontakt hatte, fingen an ihm zu helfen.)
John wurde sich deshalb immer mehr bewusst, was das für ein Glückstreffer war, Franziska in der Corona-Krise kennengelernt zu haben (das war 2020)! Sie hatte ihn nicht nur – zumindest für eine gewisse oder unbestimmte Zeit – von der Straße geholt. Er erlebte vielmehr mit ihr auch wahres Liebesglück! Franziska schien – so kristallisierte es sich immer mehr heraus – genau die Richtige für John zu sein. Der einzige Wermutstropfen war, dass sie diese Probleme mit Drogen (auch wenn das meistens keine harte Drogen waren) hatte und dass sie seiner Meinung nach einfach die falschen Freunde hatte.
John hatte (aufgrund seiner im Nachhinein schlechten Erfahrungen mit Drogen) immer wieder versucht, sie von Drogen abzuhalten! Sie schaffte es mit seiner Hilfe, davon etwas runterzukommen. Zumindest von den härteren Sachen, die für sie hätten tödlich sein können. Wenn ihre Eltern das wüssten, würden sie John sicher dankbar dafür sein! Jedoch erzählte Franziska, dass ihre Eltern sie wegen ihrer Drogeneskapaden zunehmend ablehnten und dass sie kaum noch Kontakt zu ihnen hatte.
Aber da waren noch die für John nervigen Männer-Bekanntschaften! Die musste er nach und nach loswerden! Vergraulen! Notfalls verprügeln! Und sollte sich irgendeine Gestalt hierhin wagen und Franziska Drogen andrehen, würde er den Typen gewiss mit härteren Mitteln verjagen! Ganz würde es ihm vermutlich nicht gelingen, sie würde immer nicht nur ihn, sondern auch andere Männer-Erfahrungen machen wollen. Sie gehörte zu der Sorte Personen, die so polygam gestrickt waren. Deshalb würde es zwischen ihm und Franziska auch nur eine offene Beziehung werden können, vielleicht sogar eine Swinger-Beziehung – da machte er sich keine Illusionen. Eigentlich hielt er von solchen Beziehungen überhaupt nichts. Er hatte zwar nicht viel Erfahrung damit. (Ein Kumpel hatte ihn früher in der Vor-Coronazeit zwar mal in einen Swinger-Club mitgenommen. Jedoch konnte er dort nicht viel erleben, weil an diesem Tag nicht so viel los war. Weitere Swingerclub-Besuche konnte er sich damals auch nicht leisten.)
Aber aus Liebe zu Franziska erduldete er ihren Hang zur Polygamie, weil es aufgrund ihres Temperaments oder ihrer Veranlagung offenbar nicht anders ging…

Trotz ihrer Neigung zur Polygamie wollte John Franziska als feste Freundin haben! Besonders nach diesen intensiven Nächten, die er mit ihr gemeinsam verbracht hatte. Er begehrte sie, schaute immer wieder gierig auf ihren wohlproportionierten Körper. Und auf ihre ihre Rundungen. Er liebte ihre netten Charaktereigenschaften wie Hilfsbereitschaft, Nettigkeit, Toleranz, Offenheit... Und auch ihre etwas rebellische und nonkonformistische Haltung (so dass sie auch - sowie er - zum Teil kritisch gegenüber den Coronamassnahmen eingestellt war - obwohl sie nicht auf die Demos gegen die Coronamassnahmen ging),...Und sie war auch selbstbewusst, kommunikativ, interessant und daher alles andere als langweilig, in manchen Bereichen kreativ und sie hatte auch auf gewisse Art eine Bauern-Schläue. Und er liebte es mit ihr zu reden, auch mal mit ihr verrückte Dinge auszuprobieren, manchmal auch mit ihr über andere zu tratschen (zum Beispiel über Leute, die sie nicht mochten zum Beispiel Spiesser, Anpasser...), manchmal mit ihnen kleine Spielchen zu spielen oder kleine Intrigen zu spinnen,...Er wollte kein bürgerliches oder spießigen Leben, sondern ein unkonventionelles, spannendes, kreatives Leben führen - etwas abseits der Norm. Er liebte überhaupt alles an ihr – bis auf die Drogen und ihre Polygamie-Veranlagung. Deshalb würde er ihr einen Vorschlag machen: Ein festes Zusammenleben mit ihm. Er hatte zwar keine Wohnung und keinen Job, aber darum wollte er sich kümmern! Alles würde in Zukunft besser werden. Er würde seine kriminelle Laufbahn (von der er ihr nur einen ganz kleinen Bruch-Teil erzählt hatte) und das Obdachlosen-Dasein ein für alle Mal beenden! Das tat er hauptsächlich für sie! Und für seine Familie (er würde auf diese Weise auch Konflikte mit seinem Bruder Hartmut und mit seinen Eltern vermeiden...) Nur ein paar "Dinger" würde er zum Abschluss noch drehen. Nur ein paar kleine Handtaschendiebstähle noch, denn er brauchte das Geld als Startkapital. Für einen neuen Anfang. (Genaueres würde er ihr nicht erzählen.) Erst dann würde er damit durch sein und genügend Geld haben, um einen Neuanfang mit ihr zu machen. Vielleicht würde er später in einer Gartenfirma arbeiten (besser als gar keinen Job zu haben) - wie er das früher schon getan hatte oder sich selbstständig machen. Wozu seine Eltern ihm immer geraten hatten! Das hatte er sich vorgenommen. Besonders nach diesen gemeinsam verbrachten, intensiven Nächten, an die er immer wieder denken musste...
Und er wünschte sich immer mehr mit ihr fest zusammenzuleben. Sie zu lieben. Ihr alles geben, was sie wollte oder brauchte. Und sie so ganz für sich zu gewinnen. Dauerhaft....Franziska würde sich schon dauerhaft an ihn gewöhnen. Mit der Zeit. Sie würden eine rosige Zukunft haben. Eventuell sogar Kinder haben. So stellte er sich das vor. Und er würde einige schöne Überraschungen für sie bereit haben, für vieles offen sein – wenn sie es unbedingt wollte, er würde sogar einen Mann für gewisse Stunden für sie suchen (wenn es sein musste), der nach einem kurzen Techtelmechtel und ohne, dass eine größere Bindung entstehen könnte, schnell wieder verschwinden würde… Dafür würde er sorgen. Denn das Eine UND Liebe zusammen, das würde nur er von ihr bekommen. Ja! Nur ER!
Weil sie ihre 40 % mehr an Spass brauchte, die ihr vermutlich niemals ein Mann alleine geben könnte, müsste das so geregelt werden, dachte sich John! Die meisten Menschen würden das nicht nachvollziehen oder akzeptieren können, aber für ihn war das egal! Für ihn gab es mit Franziska nur diese eine Möglichkeit des Zusammenlebens. Andere Möglichkeiten würden nicht vereinbar sein mit ihrem Temperament.
John hatte in Frankfurt nicht so viel Kontakte, aber dafür viele in Berlin. Er wusste, dass es in Berlin-Neukölln Läden und Clubs gab, wo er sie hinführen könnte. Und sie könnte sich dort amüsieren mit dem einen oder anderen Kerl. Die würde sich John vorher genau angucken und er würde alles unter Kontrolle behalten, damit es nur das „Eine“ bleiben würde. Ohne dass eine emotionale Nähe zu anderen Männern entstehen könnte, ohne Liebesgeflüster.
Das EINE u n d LIEBE zusammen würde nur John bekommen!
So dachte er sich das.
Er kannte den Petrick vom Blauen Salon durch einen Kumpel. Schon seit der Schulzeit. Der Petrick organisierte vor der Coronazeit und auch während der Lockerungen der Corona-Maßnahmen 2020 gewisse frivole Treffs in seiner Wohnung mit Maske und Abstand. Ab und zu. Manchmal sogar heimlich während der Lockdown-Zeit. Bei diesen Treffs konnten sich Paare in ein Zimmer zurückziehen und – wenn es sich ergeben würde – auch mit einem zusätzlichen "Mitspieler." In diesem Spiel- oder Liebeszimmer wurde darauf geachtet, dass alles "save" lief (dass hiess offiziell nur mit Kondom - inoffiziell oder heimlich war es - besonders bei Blowjobs - oft anders...). Da in der Corona-Zeit alle Clubs offiziell dicht machen mussten, blieben als Option nur noch solche verbotenen, illegalen Treffs, die so genannten Secret Partys. Privat in der Wohnung. Kleine Liebes-Sessions oder Dating-Treffs oder wie auch immer das man nennen mag...
Auch bei Petrick gab es gewisse Regeln: Alles kann, nichts muss. "Ein Nein (zum Beispiel bei einer Frau) ist immer Nein" - so lautete eine der wichtigsten Regeln... Klar... Was dann letztendlich lief und ob es nur um Streicheleinheiten oder mehr ging, musste ein Paar unter sich klären. Ein Gentleman musste immer höflich und unaufdringlich nachfragen, ob er im Sinne der Frau dieses oder jenes tun durfte. Und nett sein. (Nur wer nett war, durfte meistens ran.) Das war wichtig.
Während John seinen Gedanken nachhing, stieg er aus dem Bett und lief nackt zur Dusche. Franziska kam gerade ins Schlafzimmer gelaufen. Sie blickte ihm zuerst in seine Augen. Und dann nach unten. Und sie konnte es nicht lassen, ihn anzugrabschen. Dann ging er aus dem Schlafzimmer in das Badezimmer, stellte sich in die Duschkabine und stellte die Dusche an. "Sie ist eine Maus, die an mir knuspern muss", dachte er. Es machte ihm Spaß, sie mit seiner Männlichkeit zu verführen – bis sie hoffentlich einknickte und nicht mehr von ihm loskam… Dann hätte er sie für sich gewonnen! Seiner Einschätzung nach konnte sie gar nicht sein ohne ein Wesen seiner Art – ob er es nun war oder ein Anderer, der ihn ihr Beute-Schema passte (das meinte er ganz unarrogant). Und er musste er sich eingestehen, dass auch er nicht mehr sein konnte ohne Franziska!
Nur sie konnte ihn zähmen. Ändern. Zu einem besseren Menschen machen... und es würde vieles in seinem Leben (so hoffte er) durch sie anders, besser werden.
Er stand, seinen Gedanken nachhängend, unter der Dusche und das warme Wasser prallte auf seine Haut. Dabei kamen die Erinnerungen der letzten Nacht wieder. Er spürte Wasser so, als würden Frauenhände seinen muskulösen Körper streicheln. Es war so, als wäre sie da! Mit ihm unter der Dusche! Keine konnte so gut streicheln wie Franziska und ihre Hand-Jobs waren seiner Meinung nach die Besten! Eine ganze Reihe an Emotionen kamen hoch, die ihn aufwühlten! Ein Herzklopfen. Gefühle der angenehmen Erwartung. Auf die nächste Nacht, die kam. Die sicher intensiver und ekstatischer kaum sein konnte! Er duschte eine kleine Weile.
Dann stellte John die Dusche ab, ging wieder ins Schlafzimmer zurück und setzte sich aufs Bett. Er stellte fest, dass Franziska aus dem Schlafzimmer gegangen war. Vermutlich war sie in der Küche und macht mir wohl etwas zu Essen oder einen Tee, dachte er. Wenig später erkannte er, dass er recht hatte. Wenig später kam sie mit einem Tablett ins Schlafzimmer zurück, auf dem zwei Tassen Kaffee standen und ein kleingeschnittener Apfel. Dies stellte sie vor John auf den Nachttisch.
"Das ist für Dich", sagte Franziska.
"Danke. Das ist nett. Ich werde mich später revanchieren und für Dich etwas zu Essen und Kaffee machen", sagte John.
"Da bin ich mal gespannt..."
Dann stand John auf, griff sich seine Kleidung wie Unterwäsche, Pullover und Jeans und zog sich an. Seine Erregung konnte er nicht verbergen. Franziska reagierte sofort darauf.
"Ich weiß, was Du wieder willst" sagte sie und grinste.
"Was denn? Habe ich was gesagt?", fragte John.
"Ich sehe das!", sagte sie.
"Willst Du denn mehr sehen?"
"Aber… ich werde Dich etwas quälen. Bis heute Abend musst Du warten", lächelte sie provokativ.
"Bis heute Abend? Kannst Du denn warten? Das sagst Du jetzt. In drei Stunden wird das anders sein. "
Sie spielte mit ihren Händen rum. Schüttelte die Haare nach hinten.
"So? Du kennst mich?", fragte Franziska.
"Es gibt unterschiedliche Männer. Und unterschiedliche Frauen. Und die Bedürfnisse sind verschieden. Für einige Personen reicht ein Brot ohne Margarine. Für andere muss die Margarine dünn beschichtet, für andere dicker aufgetragen werden. Und für noch andere ganz, ganz dick. Du gehörst zu den Personen, die ein Brot mit viel Margarine brauchen würden", sagte John.
"Ach. Tatsächlich? Und Du?"
"Das beurteilst Du."
"Du gehörst eher zu denen, die mehr wollen", meinte Franziska.
"Vielleicht bin ich ja ganz anders und bin nur in Deiner Fantasie so", meinte John cool und dachte unfreiwillig an Ted Bundy, dessen Geschichte er kannte.
Er wusste, dass viele Frauen (und auch Männer) sich irren konnten – was manchmal dazu führte, dass eine Beziehung in eine tragische Richtung ging, in Extremfällen sogar Menschen ihr Leben verloren. Manche Frauen dachten damals auch, dass Ted Bundy nett war. Er wirkte so charmant, intelligent, war gutaussehend, dass ihn kaum einer für einen Mörder hielt. In Wirklichkeit wurden sie von seiner äußeren Fassade getäuscht was dazu führte, dass er lange morden und alle täuschen konnte. Bis er dann doch erwischt und zum Tode auf dem elektrischen Stuhl verurteilt wurde.
John erzählte Franziska nicht von diesen Gedanken. Statt sie zu korrigieren lächelte er nur schelmisch und dachte sich seinen Teil.
"Meinst Du wirklich, mich zu kennen?" fragte er.
"Ich meine, Dich zu kennen", antwortete sie.
Er wusste, worauf sie hinauswollte. Sie wollte ihn sicher in eine Schublade mit anderen Männern stecken.
"So wie alle Männer? Oder was wolltest Du sagen?", fragte John. Er wirkte etwas finster. Ein bisschen wie der Dracula-Schauspieler Bela Lugosi.
Sie wurde etwas verlegen. Sie wollte tatsächlich so was Ähnliches sagen. Da hatte er nicht unrecht. John hielt sie ansonsten nicht für oberflächlich. Schon gar nicht für dumm. Doch er kam ihr hier zuvor. Denn er war auch nicht dumm. Und er wusste trotz seiner geringen Schulbildung: Sie waren beide nur Menschen und unvollkommen. Aber doch interessante Typen, die sich trotz ihrer Unterschiede gegenseitig anzogen.

Dann bemerkte John ein merkwürdiges Funkeln in ihren Augen. Sie blickte intensiv in seine Augen und lächelte geheimnisvoll. Dann wanderten ihre Blicke nach unten und sie bückte sich herunter...
In diesem Moment kam im Hausflur eine Frau Anfang 50 die Treppe hinunter. Es war Elfrieda Rückner, die einen Stock höher über Franziskas Wohnung wohnte. In der linken Wohnung im ersten Stock. Sie hatte eine grosse, gelbe Mülltüte in der linken Hand und trug eine FFP2-Maske. Als sie im Erdgeschoss angelangt war, hörte sie aus Franziskas Wohnung Geräusche. Erst dachte sie, dass das ein Schrei war. Oder Gegurgel. Dann hörte sie ein Stöhnen. Solche Geräusche hatte sie im Lockdown auch woanders in einigen Häusern gehört und es wunderte sie nicht, dass in solchen Lockdowns auch viele Babys gezeugt wurden (so ein Lockdown bewirkten bei vielen Paaren Trennungen und Einsamkeit und Langeweile, andere Paare führte der Lockdown näher zusammen und es ging dann schon mal heiss her im Bett...). Sie blieb zunächst nicht stehen, sondern öffnete die Mietshaus-Eingangstür und ging mit der Mülltüte in der Hand schnurstracks nach draussen zu der ziemlich vollen Mülltonne vor der Eingangstür. Und warf die Mülltüte dort hinein. Dann wartete sie draußen am Eingangsbereich eine Weile und lauschte. Dann lief sie die Stufen zum Hausflur wieder hoch und blieb einen Augenblick später neugierig an Franziskas Wohnungstür stehen, um Deutlicheres zu hören... Nach einer Weile lief sie aufgeregt hinauf in ihre Wohnung. Sie setzte die Maske ab und ging ins Wohnzimmer zu ihrem Ehemann Erhard, der dort auf dem Sessel vor dem Fernseher saß und fern guckte. Er war wie sie Anfang 50, hatte einen dicken Bauch und war somit deutlich dicker als sie. Neben ihm stand einen Flasche Bier und ein Aschenbecher mit Zigarettenkippen auf dem Wohnzimmertisch. Er hatte eine Zeitung in der Hand.
"Hast Du die Nachbarin unter uns gehört? Die ist gerade im Liebesrausch", sagte Elfrieda.
"Was? Wer denn?", fragte Erhard erstaunt.
"Na die Franziska."
Erhard las weiterhin die Zeitung.
"Meinst du die blonde Frau, die vor einiger Zeit hier eingezogen war?", fragte Erhard.
"Ja."
"Interessiert mich nicht", sagte er barsch.
"Doch, sie macht gerade Liebe."
"Na und?"
"Was na und? Meinst du nicht, dass wir uns beschweren sollten, weil sie zu laut sind?", fragte Elfrieda.
"Zu laut? Ich höre nichts."
"Dann bist Du schwerhörig."
"Ich bin nicht schwerhörig. Da ist nichts. Die haben vermutlich den Staubsauger an. Oder ihr Fernseher ist zu laut", meinte Erhard.
"Nein. Das ist kein Staubsauger. Oder Fernseher."
"Ja und? Ich will den Film gucken. Du kannst ja mitgucken", sagte er grimmig.
Das meinte er nicht ernst. Er wollte, dass sie zwar irgendwo da war. Aber er wollte aber ansonsten – als Fliesenleger, der in letzter Zeit viel gearbeitete hatte – seine Ruhe haben. Mehr war seiner Meinung nach sowieso nicht von ihr zu erwarten.
"Du musst mal Sport machen. Du sitzt seit Corona ist zu viel im Wohnzimmer vor dem Fernseher rum. Du wirst immer dicker. Deine Arterien verkalken immer mehr. Irgendwann kriegst Du ihn nicht mehr hoch", sagte Elfrieda.
"Hör doch auf, Elfrieda. Guck mit mir den Film. Das interessiert mich nicht, was andere in den vier Wänden machen. Erst recht nicht im Schlafzimmer", sagte Erhard mürrisch.
"Du könntest mal öfters mit mir Liebe machen! Seit der Coronakrise ist fast nichts passiert. Und davor wenig", klagte Elfrieda.
"Aber Schatz..."
"Ich bin jetzt 53. Ich werde immer älter und, naja… Das Leben rennt davon. Die Zeit vergeht immer schneller je älter man wird." Sie bekam eine Träne im linken Auge.
"Ich werde mich um Dich kümmern. Aber... muss das heute sein? Morgen ist besser..."
Er wollte noch was sagen. Doch sie blockte ab.
"Nein. Heute! Und zwar mit Ausdauer!", schrie sie.
"Schatz. Das werden wir. Ich wollte nur die Fernsehsendung zu Ende sehen nachher."
"Nein. Fernsehen gibt es nicht. Es gibt wichtigeres."
Dann hörte Elfrieda schon wieder Liebesgeräusche.
"Guck. Es geht los. Das Bett geht gleich kaputt! Das Bett geht kaputt! Ich sag s ja. Gleich kracht es!", schrie sie fast. Sie wirkte wie eine aufgedrehte, hysterische Henne, wenn es gerade um dieses Thema ging, dachte Erhard. Für ihn war das nicht mehr so ein Thema.

Erhard legte die Zeitung beiseite. Dann stand er auf, ging zum Schrank, holte eine FFP 2-Maske aus der Schublade, setzte sie auf und ging mit schwerfälligen Schritten zur Wohnungstür. Elfrieda blickte besorgt ihren Mann an. "Der ist zu dick. Und ich krieg ihn nicht mehr hin, wenn er nicht endlich seinen Coronaspeck reduziert", dachte Elfrieda und setzte sich ihre Maske auch wieder auf.
Dann gingen sie aus der Wohnung und ließen die Tür abgelehnt und leicht geöffnet. Dann schlichen sie leise auf die Erdgeschossetage. Dort sahen sie mehrere Personen vor der Wohnung von Franziska stehen: Da war ein junger Kerl. Ralph hieß der -das wusste sie und sie kannte ihn vom Sehen. Ein 22jähriger Jurastudent mit Brille und einigen Pickeln im Gesicht, der irgendwie komisch war. Und da waren auch noch drei andere Personen: Der Herr Holger Winter aus der zweiten Etage mit seiner Frau Elke und der Herr Marcus Fitzmeier aus dem dritten Stock. Sie alle trugen eine Maske und blieben auf dem Flur vor Franziskas Wohnungstür stehen und lauschten. Als sie Elfrieda und Erhard sahen, taten sie natürlich so, als seien sie nur "zufällig" auf dem Flur und hatten die Geräusche nicht gehört. Sie wollten nicht zugeben, dass sie eigentlich nur wegen der Liebesgeräusche da waren, sie neugierig waren und mehr hören und sehen wollten...und hatten ihre Ausreden. Elfrieda beobachtete, dass Ralph besonders nervös war. Er trug eine Maske. Er hatte in seiner Wohnung auf der ersten Etage, die gegenüber von Erhards und Elfriedas Wohnung gelegen war, die Geräusche aus Franziskas Wohnung unter ihm vernommen, als er gerade vor dem Jura-Buch gesessen und gelernt hatte. Und als er immer unkonzentrierter und irritierter wurde, hatte er beschlossen das Strafrecht-Buch beiseite zu legen und nach unten zu laufen. Auch aus Neugierde.
"Was ist hier los?", fragte Elfrieda.
"Da sind komische Geräusche. Ich dachte es sind Hilfeschreie aber...Ich kam gerade mit meiner Frau von einem Spaziergang wieder", sagte Herr Winter.
"Und ich kam gerade von der Arbeit und wollte den Briefkasten leeren", sagte der Herr Fitzmeier. Er ging schnell zu seinem Briefkasten, schloss ihn mit einem kleinen Schlüssel auf und tat so, als würde er ihn entleeren. Obwohl da nichts drin war -das konnte Frieda erkennen.
"Und ich habe gerade für eine Jura -Strafrechtsklausur gelernt…", erzählte Ralph. Alle taten weiterhin so, als wüssten sie immer noch von nichts.
Dann hörten Elfrieda und Erhard wieder diese Liebes-Geräusche.
"Das sind aber keine Schreie oder Hilferufe", sagte Elfrieda. Sie und ihr Mann taten so, als würde sie erst jetzt die Geräusche erkennen.
"Das ist was anderes. Es ist so…naja... Was Paare tun, wenn sie Kinder machen", sagte Ralph verlegen. Er bekam einen roten Kopf.
"Was?", fragte Herr Winter. Er tat aus Scham auf Unwissend. Seine Frau sagte auch nichts. Wirkte eher nur genervt.
Elfrieda war aber besonders neugierig. "Naja. Vielleicht ist da doch ein Streit...wollen wir mal von draußen "durchs Fenster in Franziskas Wohnung reingucken?", fragte Elfrieda.
"Elfrieda! Nein", sagte Erhard.
"Vielleicht ist da doch was passiert. Ein Streit... Ich gucke lieber mal nach."
"Du weißt doch ganz genau…Nein. Elfrieda", sagte Erhard. Doch es war zu spät. Blitzschnell ging sie durch die Mietshaus-Eingangstür nach draußen, um von dort durch das Wohnzimmer-Fenster in Franziskas Wohnung zu gucken und vielleicht etwas Interessantes zu sehen...
"Frieda", sagte Erhard noch. Doch in dem Augenblick, als er das sagte, war sie schon nach draussen verschwunden.
"Ich gehe auch gucken", sagte Ralph und ging auch nach draußen. Und dann gingen Herr Winter und Her Fitzmeier auch nach draußen, um auch von draussen durch das Fenster in Franziskas Wohnung zu gucken. Nur Elke und Erhard blieben im Flur stehen. Elke war genervt und Erhard war wütend. Sie blieben einige Zeit im Flur stehen.
"Total bescheuert sind die", sagte Elke Winter. Damit meinte sie auch ihren Mann.
"Das finde ich auch. Totale Zeitverschwendung. Ich bin genervt und kann noch nicht mal in Ruhe Fernsehen gucken", sagte Erhard. Er setzte die Maske zeitweise ab, um atmen zu können. Und dann setzte er sie wieder auf.
"Die sind alle in der Coronazeit durchgedreht, so habe ich das Gefühl. Zum Teil völlig den Maßstab was gut und böse ist verloren", ergänzte Elke.
"Haben nichts Besseres zu tun", meinte Erhard.
"Sehe ich auch so. Die waren bis jetzt wohl zu lange im Lockdown eingesperrt", sagte Frau Winter.
"Genau."
"Da gibt s nur Langeweile. Auf einigen Gebieten sind viele auch ausgehungert. Da gíbt`s ja nichts. Keine Partys, keine Konzerte, keine Restaurant- oder Barbesuche...Besonders schlimm war es im letzten Jahr im ersten Lockdown. Da war ja bis auf die Supermärkte, Arztpraxen und Apotheken alles geschlossen. Ich hab´ wenigstens die Zeit im Lockdown genutzt und viel gelesen. Gemalt", erzählte Elke.
"Und ich hab´ ferngeguckt. Zeitung gelesen. Auch einige Bücher gelesen in meiner Freizeit."

Dann öffnete sich die Eingangstür und Elfrieda lief wieder von draussen auf den Treppenhausflur. Hinter ihr war Ralph, Herr Holger Winter und Herr Marcus Fitzmeier.
"Da geht es aber zur Sache", sagte Herr Winter lächelnd. "Sie hatten im Wohnzimmer die Schlafzimmertür offen gelassen und man konnte alles sehen."
"Das scheint ja öfters was los zu sein", sagte Herr Fitzmeiner. Sie blieben einige Zeit neugierig stehen. Dann sagte Herr Fitzmeier": So. Jetzt muss ich mal hoch. Ich muss im Homeoffice weiterarbeiten." Dann ging er die Treppen rauf.
"Ich auch. Schönen Tag noch", sagte Herr Winter und ging ebenfalls die Treppen rauf.
Dann wollten auch Elfrieda und Erhard gehen.
"Ich möchte meinem Film weitergucken", sagte Erhard.
"Aber Du wirst heute mehr Zeit für mich haben", forderte Elfrieda.
"Ja, Schatz."
"Liebst Du mich noch?"
"Ja, Schatz. Sonst wäre ich nicht so lange mit Dir zusammen."
Dann gingen sie beide hoch. Dann stand nur noch der Jurastudent Ralph vor der Tür und lauschte. Und kurz darauf würde es zu einer Begegnung kommen, die für alle Beteiligten das Leben auf den Kopf stellen würde. Sogar mit tödlichen Folgen später!

Es war ungefähr 14 Uhr als Franziska und John in ihrem Bett im Schlafzimmer eng aneinander lagen und sich umarmten.
"Das war gut, Schatz", sagte Franziska.
"Hoffentlich", sagte John und blickte auf ihr Tattoo -eine Lilie -am linken Arm.
"Das Bett ist ja noch heil geblieben", sagte sie grinsend.
"Ich kann Dir noch mehr geben später."
"Sicher. Das ist schon sehr angenehm."
"Ich würde gerne mit Dir fest zusammen sein. Wenn ich es mir recht überlege, war vieles schief gelaufen in meinem Leben. Und ich hab´ auch viel Mist gebaut. Die falschen Freunde. Auch falsche Partnerinnen, die gar nicht zu mir passten und mich runterzogen", erzählte John.
"Du solltest nicht daran denken. Du solltest es einfach vergessen", meinte Franziska.
Sie legte einen Finger auf seine Lippen.
"Du hast recht. Manchmal sollte man bestimmte Dinge begraben", meinte John.
"Ja.."
"Weißt Du, wohin ich mit Dir reisen würde, wenn ich Geld hätte?",fragte John.
"Na, sag schon."
"Nach Barcelona. Das war super – der Hafen, die Jardins, die tolle Stadt... Oder besser noch nach Marokko."
"Nach Marokko?", fragte Franziska überrascht.
"Ich war früher zwei Mal in Marokko mit meiner Familie. Ein Mal als ich 14 war, also ein Kind. Und einmal als ich 17 Jahre alt war."
"Und was hast Du da erlebt?"
"Es war super. Ich erlebte einmal eine Bauchtänzerin in dem Club, in dem wir damals wohnten. In der Nähe von Marrakech. In die war ich mal verliebt. Das war auf meiner ersten Marrokkoreise", erzählte John.
"Und das war so prägend für Dich?", fragte Franziska.
"Da waren mehrere Dinge, die für mich prägend waren. Ich war mit meinen Eltern auf dem Platz der Toten. Dort gab es oder gibt es ja keinen normalen Zahnarzt. Da werden kaputte Zähne einfach mit der Kneifzange rausgezogen und auf einen Haufen geschmissen."
"Wirklich?"
"Da gab es auch viele tolle Gewürze. Einige Heilkräuter. Die helfen zum Beispiel bei Bronchitis. Ich hatte mal Bronchitis gehabt. Und diese Heilkräuter hatten mir geholfen."
"Das ist ja interessant", sagte Franziska und hörte aufmerksam zu.
"Mein Vater hat noch einige Heilkräuter aus Marokko - in Pulverform aufbewahrt", erzählte John.
"Und was hast Du noch erlebt?"
"Da gab es die Wüste am Beginn der Sahara. Da machte ich auf meiner zweiten Marokkoreise -als ich 17 Jahre alt war - eine Rundreise mit meinem Dad. Das war Anfang der 90er Jahre. Die ging vom Atlas-Gebirge bis zur Wüste. Und ein ganzes Stück hinein in die Wüste. Wir hatten dort auch einige Oasen besucht. In der Wüste -wir waren mit einem Jeep unterwegs-erlebten wir mal sogar einen Sandsturm. Das war richtig interessant. Ich hatte dort auch mal - als der Sandsturm vorbei war - eine Wanderung bis zu einer Sand-Düne gemacht. Da war ich richtig von der Sonne verbrannt im Gesicht und ich schwitzte enorm am Ende, als ich zur entfernten Sanddüne ging. Das zehrte an meinen Kräften! Und ich war ziemlich am Ende. Aber ich hielt durch. Dann sahen wir uns später, als wir die Oase erreicht hatten und ich mich wieder fit fühlte, die Berberspiele in einer Oase an. Da aßen wir in Zelten Couscous oder Tajine. Das ist das marokkanische Essen, dass die da immer essen."
"Sehr interessant."
"Ich hatte - das war Anfang der 90er - mal auf dem Schiff mit einer Gruppe von Leuten in Agadir eine Hai-Jagd mitgemacht. Alleine. Ohne meine Eltern, die in dem Clubhotel blieben. Aber mit dem Geld meiner Eltern, das ich bekommen hatte. Das war auf einem kleineren Fischkutter. Jagd auf Haie haben an Bord natürlich nur die die Profis gemacht. Mit Harpunen und so. Wir bekamen an Bord nur eine kleine Hand-Angel. Eine Schnur mit einem Haken und Köder, die man am Rand des Schiffes ins Wasser hielt. Wir hatten später nur Minifische dran. Wenn überhaupt. Die essbaren Fische wurden gleich an Bord zubereitet", erzählte John weiter.
"Ja."
"Und dann hatten die Leute -die Profis am Bord-einen Hai gefangen. Einen weißen sogar. Er war längst nicht so groß wie in dem Film "der weiße Hai" von Stephen Spielberg. Der war dagegen klein. Den schafften sie aber nur mit Mühe an Bord."
"Und weiter?", fragte Franziska.
"Der Hai kriegten sie zwar hoch an Bord. Und als er an Bord war, zappelte und zappelte er. Und fast hätte der nach meinen Beinen und nach den Beinen der anderen Passagiere geschnappt. Die Haifischzähne waren so scharf wie Messer! Die Profis an Bord töteten den Hai. Schlugen ihn tot. Erstachen ihn. Was sie nur mit großer Mühe schafften. Dann schnitten sie ihn am Bord auf. Und dann fanden sie im Magen plötzlich eine Taucherbrille."
"Und was bedeutete das?", fragte Franziska.
"Ist doch logisch. Er hatte vermutlich einen Menschen entweder verspeist oder angegriffen. Ich ahnte sowas schon und ich sagte das damals auch an Bord, dass der Hai möglicherweise einen Menschen angegriffen oder gefressen hatte. Aber die Besatzung war damals zunächst ziemlich sorglos. Da war zum Beispiel ein Paar, das nur geknutscht hatte und sich darüber keine Gedanken gemacht hatte. Und auch einige ältere Ehepaare wollten einfach nur feiern und saufen. Die anderen Crewmitglieder waren Marokkaner -die meisten wollten mit Touristen nur Geld machen und viele sprachen französisch und wussten gar nicht, was ich da sagte. Ihnen war das auch in diesem Zeitpunkt egal."
"Das ist ja spannend."
"Und dann wurde der Hai an Bord zubereitet. Er wurde an Bord gegrillt. Wie sie das genau gemacht haben, konnte ich nicht mehr erinnern -das war zu lange her - Anfang der 90er Jahre. Mit allerlei Gemüse. Ich wusste nur das der Hai-Fleisch zart schmeckte."
"Und dann?"
"Dann? Wir aßen auf. Und dann fuhren wir zum Hotel in der Nähe von Marrakech zurück. Ich wusste noch, dass ich und meine Eltern einen Abstecher zu einem anderen Hotel machte, weil da abends so eine Show war mit Bauchtänzerinnen...."
"Ja."
"Dann saßen wir in diesem Hotel am Tisch und hatten gerade ein Menü bestellt. Auch mit Tajine und Rotwein, Vorsuppe, Meeresfrüchte als Beilage. Dann saß ein Ehepaar vor mir. Und als ich von meiner Haifischfahrt erzählte und von der Taucherbrille, die im Magen des Hais gefunden wurde, erfuhr ich, dass in dieser Zeit ein Vater und sein Sohn am Strand von Agadir vermisst wurden. Sie waren irgendwie mit dem Boot rausgefahren und da musste sich ein tragischer Unfall ereignet haben. Vermutlich waren sie ins Wasser gefallen und von Haien gefressen worden - so behauptete das Ehepaar. Und einer dieser Haie war sehr wahrscheinlich der, den wir am Bord gefangen hatten. Denn später - so erfuhr ich oder so war die Legende - hatte man tatsächlich Leichenteile im Bauch des Hais gefunden zum Beispiel einige Finger, was man uns zuerst verschwiegen hatte. Und trotzdem wurde der Hai an Bord zubereitet. Vermutlich aus Unwissenheit oder weil man die grauenhafte Realität nicht wahrhaben wollte... Das wusste keiner so genau...Ich saß gerade im Hotel beim Essen und musste kotzen, als ich dies alles hörte. Ich wusste nicht, ob das alles wirklich so passiert war, wie man mir das erzählt hatte. Aber die Vorstellung, dass wir nicht nur Haifleisch, sondern vermutlich auch versehentlich Menschenfleisch gegessen hatten, ließ mir lange keine Ruhe."
"Das ist ja furchtbar."
"Ich war natürlich mich jung und leichtgläubig. Später Heute weiss ich, dass Haiangriffe auf Menschen selten vorkommen. Trotzdem kommen sie immer wieder vor. Jedes Jahr bis zu 100 Angriffe. Das ist natürlich wenig. Haie sind normaler Weise scheu und vorsichtig und greifen selten an. Und sie mögen Menschen normaler Weise nicht als Mahlzeit. Aber die Meere sind überfischt, sie finden oft keine Beute mehr...und dann attackieren sie möglicherweise Menschen. Die meisten Unfälle mit einem weissen Hai sind vermutlich auf eine optische Verwechslung zurückzuführen. Der Hai verwechselt seine Beute und hält Surfer auf Brettern für rudernde Robben. Und dann schnappt er zu. Oder der Mensch steht ihm im Weg. Oder er verteidigt nur sein Revier, weil ein Schwimmer ihn provoziert. Oder eingeschränkte Sicht ist die Ursache ... Da sind sind sich die Wissenschaftler uneinig..."
"Ja. Das ist ja heftig. Da hast Du einiges erlebt", sagte sie erschrocken und erstaunt.
"Ja. Kann sein, dass die Geschichte des Ehepaares einfach ein Märchen war."
"Das halte ich für wahrscheinlich."
"Aber...", sagte er wichtigtuerisch während er seine Augenbrauen hob und die Stirn in Falten legte. "Oder es kann auch sein, dass was dran ist an der Geschichte. Das weiss man nicht. Denn im Mittelmeer kommen nicht nur Blauhaie, Fuchshaie, und Katzenhaie vor, sondern auch der weiße Hai. Und der weiße Hai kann den Menschen nicht nur verletzen, sondern auch fressen. Und man hatte in geöffneten Haikadavern schon menschliche Überreste entdeckt."
"Ja. Das klingt ja gruselig", sagte sie und lauschte fasziniert weiterhin seinen Geschichten.
"So ist die Realität." Und er erzählte weiter: „Dann hatte ich mich ein Erlebnis gehabt....Als ich damals eines Tages am Strand von Agadir war - das war auf meiner zweiten Marokko-Urlaubsreise und da war ich 17 Jahre alt - hatte ich einige Playboy-Hefte im Koffer gehabt. Ein Marokkaner wurde am Strand aufmerksam, als ich zufällig die Hefte dabeihatte und darin rumblätterte. Er sah die blonden Frauen in den Heften und war sofort interessiert sowas zu kaufen. Denn blonde Frauen gab es nicht in seiner Umgebung und er hatte noch nie so eine gehabt. Er war zum Glück Juwelier. Und er bezahlte dann gut. Ich bekam eine goldene Kette von ihm. Die hatte einigen Wert."
"Ja."
"Ich dachte, dass es so gut weiterlief. Also nahm ich weitere Hefte mit. Und wieder verkaufte ich an dem Typ Hefte und bekam neue goldene Ketten. Diese brachte ich nach dem Verkauf sofort in mein Hotel. Doch dann kam ein anderer. Der führte mich zu einem Geschäft auf dem Markt von Marrakesch zu einem anderen Typen. Es waren drei Typen da. Ich hatte meine Hefte dabei. Doch dann ging es schief. Einer packte mich plötzlich von hinten am Hals und hielt mir dann ein Messer an die Kehle, schlug mich zusammen... Ich schrie. Da wurde der Mann unaufmerksam und ich fing plötzlich an zu schreien. Daraufhin ließ der Mann erschrocken von mir ab -denn in meiner Nähe waren draußen zum Glück Touristen einer Reisegruppe, die meine Schreie gehört hatten und mir zur Hilfe gekommen waren. Ich nutzte die Unaufmerksamkeit des Mannes, der mich bedrohte, aus und rannte davon. Das rettete mir vermutlich das Leben."
"Das ist ja eine schlimme Geschichte."
John runzelte die Stirn und zeigte mit dem Zeigefinger nach oben.
"Aber eines habe ich gelernt. Das Leben kann immer schnell beendet sein. Deshalb sollte man das Beste daraus machen. Das Leben auch geniessen. Soweit es möglich ist."
"Das stimmt. "
"Aber ... es gibt da viel Schönes. Die Mondnächte dort. Das schöne Atlasgebirge. Die Ziegen, die auf die Olivenbäume klettern und dort auf den Ästen stehen."
"Ziegen, die auf den Olivenbäumen stehen? Das habe ich noch nie gesehen." Franziska lächelte.
"Doch. Das gibt es."
"Das glaube ich Dir nicht. "
"Ich zeig es Dir."
Dann griff John sich das Handy auf dem Nachttisch, drückte auf das Google-Symbol und gab den Text "Marokko Ziegen auf Olivenbäumen" ein. Als dann das Bild mit mehreren Ziegen auf Olivenbäumen angezeigt wurde, gab er ihr das Handy. Sie betrachtete das Bild und kam aus dem Staunen nicht heraus
"Das stimmt ja wirklich", sagte sie.
"Ja. Sag ich doch. Denkst Du ich erzähle Dir Geschichten?", fragte John.
"Ich hätte Lust nach Marokko zu reisen. Mit Dir. Dann kannst Du mir alles zeigen."
"Das würde ich auch gerne. Wenn Corona vorbei ist." John verzog das Gesicht. "Leider habe ich zurzeit wenig Geld. Aber ich werde mich darum kümmern. Das sage ich Dir. Das was ich jetzt durchlebe ist eine dumme Phase in der schwierigen Coronazeit. "
"Ja."
"Es kommen bessere Zeiten. Ich werde meinen Bruder Hartmut anrufen. Auch um die Unstimmigkeiten, die wir hatten, weiterhin zu bereinigen. Dann werde ich mir eine Wohnung suchen. Eine geeignete Wohnung für uns beide natürlich. Und dann einen Job. Zum Beispiel in einer Gartenfirma. Als Gärtner verdient man heute gut. Das ist auch eine Arbeit, die ich in meinem Alter noch machen kann, denn ich habe bereits Erfahrung. Denn ich hatte als Gärtner schon einmal gearbeitet. Bis zum März letzten Jahres. Ich bin da qualifiziert-die nehmen ja sogar auch zum Teil ungelernte. Wäre nicht die Coronakrise und wäre mein Chef der Gartenfirma, in der ich letztes Jahr noch gearbeitet hatte, nicht an Corona gestorben, hätte ich Arbeit gehabt. Eine Wohnung. Und der ganze Mist - auch der Streit mit meinen Eltern und alles andere - wäre nicht passiert", erklärte John.
"Aber Du hättest mich nicht kennengelernt", fügte Franziska hinzu.
"Das stimmt. Das war großes Glück."
"Du solltest echt die Kerle loswerden, die Dir nicht guttun. Ich weiß, es ist aufregend mal ab und zu was Neues im Bett zu haben -aber wenn Du das unbedingt willst, dann habe ich eine andere Lösung. Wir sind zusammen und ich nehme Dich zu anderen Clubs in Berlin mit. Und da kannst Du gerne hier und da ein Typ haben-ich akzeptiere das, wenn er nach dem kurzen Techtelmechtel auch wieder geht", schlug John vor.
"Wollen wir das wirklich machen? Wie sind die Clubs? Hast du Bilder?"
John merkte deutlich: Sie hatte Interesse daran.
"Zeig ich Dir", sagte John.
Er nahm sein Handy und suchte nach Clubs. Dann fand er einen in Neukölln. Es war eine frivole Bar. Der "Blaue Salon". Eben von diesen Petrick. Er gab ihr das Handy und sie guckte sich die Bilder von der Bar an.
"Was ist das? Ist das die Bar?", fragte Franziska.
"Halb Bar, halb Club. Da gibt es Lounge. Ein bisschen Essen hat der Petrick auch. Er kocht Suppe und so, stellt Berliner hin. Da gibt es auch Alkohol …"
"Toll. Da können wir mal hin. Das ist bestimmt aufregend. "
"Ja. Das ja. Das Problem ist, dass mir die Kohle dazu fehlt. Aber... Mir fällt schon was ein. Ich hab da so ein Plan im Kopf, wie wir das machen können. "
"Ok."
"Ich denke, wir sollten jetzt mal was Essen."
"Ja."
John wollte gerade aufstehen, als Franziskas Handy-Telefon klingelte. Franziska griff sich das Handy, nahm das Gespräch an und hielt das Handy an ihr rechtes Ohr.
"Hallo? Andre, bist Du das?" , fragte Franziska. John hörte eine Männerstimme. Er hörte Andre sagen:" Ja. Hallo. Wie geht s Dir?"
Franziska antworte:" Ja. Gut. Und Dir?"
Da sagte Andre:" Ich hoffe, es geht Dir gut. Hast Du heute Zeit? Wir könnten uns treffen. "
Dann zischte John ihr zu": Sag ab. Sag ab."
"Du... Das passt mir nicht im Augenblick", sagte Franziska zu Andre.
"Dann ruf ich später zurück", bot Andre an.
"Nein. Es geht auch nicht."
"Aha. Du hast Besuch? Weißt Du was? Du kannst mich mal...", sagte Andre. Dann beendete er das Telefonat.
Franziska hatte eine Zeit lang das Handy am rechten Ohr. Dann legte sie das Handy auf den Nachttisch, wurde wütend und sagte zu John": He. Du kannst Dich nicht einfach in mein Privatleben einmischen. "
"Ich denke wir sind zusammen?", fragte John.
"Ja schon. Aber ich hab` kein Geld mehr. Was kannst Du mir finanziell bieten? Ich habe Probleme die Wohnung zu bezahlen und ich habe Schulden. Kann kaum noch Rechnungen bezahlen."
John wurde ruhig.
"Ja. Ich weiß. Es tut mir leid", sagte John.
"Ja. Mach das nicht nochmal."
"Ja. Ich will nicht, dass so ein Scheiß Typ Dich ausnutzt."
"Scheiß Typ? Dann zeig ich Dir mal was!"
Sie griff zur Nachtischschublade und riss sie auf und holte eine kleine goldene Halskette raus.
"Die hat er mir geschenkt."
"Ja? Das ist zwar gut. Aber... Ist das echtes Gold?", fragte John.
"Das ist echtes Gold."
"Dann lass das mal prüfen. Ich habe Dir auch Geschenke gemacht: Die Bluse, die Jeans. Reizwäsche. Alkoholflaschen."
"Ja. Das stimmt zwar. Aber diese Kette..."
Er unterbrach.
"Die ist bestimmt nicht mehr als 120 Euro wert."
"Bist Du sicher?"
"Ich kenne genug Juweliere, die solche Ketten haben. Da steht ja bestimmt die Nummer drauf und dann kann man erfahren, welches Gold das ist. Gold. Oder Silber-Gold. Das gibt es Unterschiede. Für mich wirkt sie nicht echt."
"Doch."
"Dann zeig mal. "
Franziska gab ihm die Kette. John guckte sie sich genau an. Eine Nummer war schon zu erkennen. Wenn auch sehr undeutlich. Und ganz genau konnte er sie nicht zuordnen, weil er zwar etwas über Gold wusste, aber kein Gold-Experte war. Sie sah jedenfalls auf dem ersten Blick in Johns Augen nicht wertvoll aus. Die Kette war - so vermutete er stark - höchstens vergoldet. Dann auch noch Silber-Gold. Um Genaueres zu erfahren, müsste man die Kette von einem Experten prüfen lassen.
"Für mich sieht sie nicht wertvoll aus", sagte John.
"Kann sein. Aber ich habe Schulden. Ich will diese Kette ins Pfandhaus bringen. Weil ich Geld brauche."
"Ja. Ich verstehe. Dann bedeutest das, dass Du Andre nicht liebst."
"Natürlich nicht. Was denkst du denn? Ich brauche Geld."
"Ich verstehe jetzt. Ja. Ich will Geld beschaffen. Das kriege ich schon hin", sagte John.
"Und wie willst du das machen? Ohne Arbeit? Mit Gaunereien? Denn das Geld, das Dein Bruder Hartmut Dir gegeben hat, reicht nicht für eine längere Zeit", meinte Franziska.
"Ich geb´ zu: Da ist einiges bei mir nicht gerade gelaufen."
"Ich weiß, dass Du klaust. Solche Sachen machst…"
"Ich geb` s zu. Da gab es einige Verfehlungen in der Vergangenheit. Kleine Verfehlungen. Bedingt durch die Coronakrise. Es tut mir leid. Ich will mich ändern", sagte John. Und verharmloste auf diese Weise seine Missetaten.
"Hoffentlich. "
"Jeder hat eine Chance verdient. Und so schlimm war es nicht. Ich sag ganz offen, dass ich geklaut hatte. Da war ein Typ, der mich beleidigt hatte. Da wurde ich ärgerlich-ich riss ihm das Portemonnaie weg. Weil er mich gekränkt hat. Das war einige Male vorgekommen. Mehr auch nicht. Wir wollen nicht übertreiben." John hütete sich davor, mehr zu erzählen.
"Ich glaube, dass da mehr gelaufen ist. Ich hatte auch ein Messer in Deinem Rucksack gesehen", sagte Franziska.
"Das Messer hat keine Bedeutung. Es ist nur zur Verteidigung. Wir leben in schwierigen Zeiten. Du solltest Dir auch lieber Pfefferspray holen. Das ist keine gute Idee diese ganzen Männer zu treffen -auch wenn es Dir oft nicht nur um Lust geht, sondern ums Geld. Das ist gefährlich."
"Ja. Du hast recht. Ich sehe das auch inzwischen so ähnlich wie Du."
"Ich werde mir was beruflich einfallen lassen. Wir finden eine Lösung", sagte John.
Dann hörten sie an der Wohnungstür ein Geräusch. Beide erschraken im Bett.
"Hast Du gehört? Da war ein Geräusch" flüsterte Franziska.
"Was ist das?", fragte John leise.
"Das kam von der Tür."
"Ja. Ich glaube auch."
"Vielleicht ist das der Briefträger, der die Post bringt."
"Nein. Kann nicht sein. Der Postbote kommt in der Woche immer morgens."
Dann hörten sie wieder ein Geräusch.
"Das ist jemand an der Tür," flüsterte John.
"Bist Du sicher?", fragte Franziska.
"Ja. Das Geräusch kommt von der Tür. Warte…"
John stand auf, griff sich seine Unterhose und zog sie sich schnell an. Und dann zog er seine Jeans an, die auf einem Stuhl lag.
"Zieh Dich besser auch an", sagte er leise.
"Ja", hauchte sie.
"Warten wir etwas."
"Nein", flüsterte sie. "Er ist bestimmt schon weg. Sie stand auch auf, griff ihre Sachen, die auf einem Stuhl lagen und begann sich anzuziehen.
"Ich gehe mal zu Tür und sieh nach", flüsterte John.
"Nein. Warte auf mich. Ich muss mich erst mal anziehen. "
"Der ist bestimmt noch da. Ich schau mal nach. Der kann was erleben", sagte John.
John griff sich sein Hemd, das auf einem Stuhl lag und zog es an. Dann ging er zu seinem Rucksack, der neben seinem Bett lag und holte sein Messer hervor.
"John. Leg das Messer weg. Was ist denn, wenn das die Polizei ist? Oder der Vermieter."
Dann beruhigte sich John.
"Ja. Stimmt. Besser ich leg das Messer in den Rucksack."
John legte das Messer in den Rucksack. Dann griff er sich den Rucksack, in dem sich das Messer befand und ging damit bis zum Flur und stellte ihn auf dem Flur in der Nähe der Wohnungstür ab.
Dann ging er zur Tür und riss sie blitzschnell auf. Und er sah einen jungen Mann mit Brille und mit Handy in der Hand vor Franziskas Wohnungstür stehen. Er hatte die Maske zum Kinn runtergezogen. John wurde sofort wütend.
"Was machst Du vor der Haustür?", fuhr John ihn an.
"Ich äh... Ich wohne oben... Ich hörte so Geräusche. Ich dachte, da sei Streit", stammelte Ralph.
"Ach so. Du hast hier die ganze Zeit gelauscht?", wollte John wissen.
"Ich wollte kochen und mir fehlt Pfeffer. Ich wollte einfach mal fragen, ob ihr mir Pfeffer und Gewürze zum Kochen leihen könnt. Dann hätte ich mich revanchiert..."
John durchschaute seine Ausrede.
"Du kleine Schmeißfliege mit Deinen intelligenten Ausreden. Was hast Du gefilmt? Uns?"
"Ich gab nichts gefilmt."
"Doch. Zeig mal. Gib mir das Handy. Und löschen bitte. Alle Fotos. Und Videos falls Du welche gemacht hast. Sofort. Sowas geht gar nicht!"
Der junge Mann zögerte zuerst. Dann zeigte er ihm das Handy. Und den Speicher mit den Bildern. Er hatte keine andere Wahl.
John riss ihm das Handy aus der Hand und guckte sich die Bilder genauer an. Dann sah er Bilder von sich und Franziska in flagranti -von draußen durchs Fenster ins Schlafzimmer fotografiert.
"Du wirst alles löschen. Auf der Stelle. Oder besser wir gehen zur Polizei und erstatten Anzeige!", schimpfte John.
Dann packte John ihn am Kragen, zog ihn in die Wohnung und machte die Tür zu.
"Bitte. Bitte. Ich lösch alles", flehte Ralph.
John drohte ihm die Faust und Gesicht zu schlagen. Er wollte gerade zuschlagen, als Franziska intervenierte und schrie: „JOHN. HÖR AUF. BITTE."
Dann hielt John inne, die Zähne gefletscht während er kampfbereit die Fäuste erhoben hatte und wütend mit weit aufgerissenen Augen auf den jungen Mann blickte.
"Wer bist Du?", fragte John.
"Ich bin Ralph. Ralph Kressler. Ich wohne oben, erster Stock."
"Aha. Du filmst hier andere Leute in intimen Momenten? Das ist strafbar! Was meinst Du was passiert, wenn die Polizei davon erfährt!? Denn die Beweise habe ich hier! In Deinem Handy!"
Dann packte er ihn am Kragen und zog ihn brutal in die Küche.
"LOS. MITKOMMEN. Wir werden uns in der Küche erst mal unterhalten und einen Trinken", schrie John. Und zog Ralph in die Küche zu einem Tisch, an dem sich mehrere Stühle befanden. Dann zeigte er auf einen Stuhl, der sich in der Nähe des Kücheneingangs befand.
"Los. Setzt Dich hin, Arschloch", schrie John.
Dann setze Ralph sich auf den Stuhl, auf den John gezeigt hatte. Seine Hände zitterten.
"Es...tut mir leid. Es kommt nicht wieder vor ", flehte Ralph.
Dann sah John eine Spielzeugpistole auf dem Tisch in der Nähe der Spüle liegen, die der Sohn von Franziskas Schwester bei ihrem letzten Besuch (der mehr als ein Monat zurück lag) liegengelassen hatte. Sie war schwarz und sah aus wie eine echte Pistole. Er griff sich die Pistole und hielt ihm blitzschnell die Pistole an den Kopf.
"Ein falsches Wort und ich puste Dein Gehirn raus. Und Wehe Du läufst jetzt weg", schrie er und riss die Augen weit auf.
"Nein. Bitte nicht. Bitte", schrie Ralph, blickte auf Johns Narben im Gesicht und fürchtete sich noch mehr. Dann legte John die Spielzeugpistole vor ihm auf den Tisch und grinste hämisch.
"Hast Du gedacht, dass sei eine Echte? Hahahaha... Aber denk daran. Sollte das noch mal vorkommen, passiert mehr."
Ralph fing an zu weinen. John lachte nur. Es machte ihm Spaß, ihm Angst zu machen.
Dann kam Franziska in die Küche.
"John. Was soll das? Quäl ihn nicht. "
"ICH HAB DIR GESAGT, DASS DU NICHT MEINEN NAMEN SAGEN SOLLST!"
"Entschuldige", sagte Franziska.
"MACH UNS ALLEN ein Whisky mit Cola und Eis.", sagte er laut zu Franziska.
"O.K.", sagte sie.
Dann setze er sich auf einen Stuhl Ralph gegenüber. Und fragte ihn aus.
"Eine Dummheit und Du bist dran!"
"Bitte. Es tut mir leid", jammerte Ralph.
"Was soll ich mit Dir machen? Kommt das öfters vor, dass Du uns beobachtest und filmst? "
"Nein. Nur dieses Mal. "
"Und warum? Um das im Internet zu verbreiten? Oder Dich daran hochzuziehen"
"Nein. Nur für mich."
"Ich hatte ihn im Treppenhaus schon mehrmals gesehen. Einmal half er mir kurz und trug mir einen neuen Schrank in meine Wohnung. Und ich machte ihm als Dank einen Kaffee. Und dann ging er. Das war nett. Aber Filmen darf er uns ja nicht. Dann müssen wir zur Polizei gehen. Das geht gar nicht", sagte Franziska.
"Eben", sagte John.

"Und was machen wir jetzt?", fragte Franziska.
"Ich behalte das Handy erst einmal. Und lösche die Filmaufnahmen", sagte John zu Franziska. Und dann sprach er zu Ralph": Und dann werden wir uns überlegen, was wir mir Dir machen. Etwas bist Du uns schuldig. Das ist klar."
"Es tut mir leid. Lasst mich gehen und gebt mir mein Handy zurück", bettelte Ralph.
"Du kannst froh sein, dass ich eine gute Nacht hinter mir habe und daher milder bin," sagte John.
Franziska holte drei Gläser aus dem Schrank. Füllte sie mit Whisky und Cola. Dann stellte sie ein Glas vor Ralph. Das zweite Glas nahm John in die rechte Hand und das dritte Glas nahm Franziska in ihre rechte Hand. Dann stießen John und Franziska an.
"Tut mir leid, dass ich etwas laut war zu Dir. Aber es ist hier auch eine Ausnahmesituation", sagte John zu Franziska.
"Schon gut. Schon gut", sagte Franziska. "Ich weiß ja wie Du bist", sagte sie und lächelte.
Dann drehte er sich zu Ralph um.
"Na los! Trink! Wenn man zu Gast ist, sollte man sich auch gut benehmen! Trink! Stoßen wir an. Sei ein richtiger Mann", schrie John.
"Bitte. Es tut mir leid."
"Heb das Glas und stoß mit uns an!", forderte John. Und als Ralph nicht reagierte, befahl er": Und trink. Runter damit!" Er wirkte fast ein wenig wie John Wayne in seinen berühmten späten Western.
Dann hob Ralph mit zitternder rechter Hand das Glas. Und stieß mit John an. Und dann mit Franziska.
"Das ist gutes Benehmen. "
"Ja. Das gefällt mir", sagte Franziska.
Dann trank John das Glas aus. Und dann Franziska. Nur Ralph zögerte.
"Was ist los. Sei ein richtiger Mann", sagte Franziska.
Dann trank Ralph alles aus. Er hustete einen Augenblick später. Aber John stellte mit prüfendem Blick fest": Es war alles ausgetrunken.
"Das wird ein lustiger Nachmittag", sagte John.
"Ich glaube auch", sagte Franziska.
"Bist Du bereit, ihm zu verzeihen?", fragte John Franziska.
"Ich muss mir das überlegen", sagte sie.
Dann setzte sich John auf einen Stuhl Ralph gegenüber. Und blickte ihn mit seinen braunen Augen an. Dabei sah er gefährlich aus.
"Also. Wie lange warst Du vor der Tür?", wollte John wissen.
"Etwa…zehn Minuten", antwortete Ralph.
"Aha… So?"
Dann stand John von seinem Stuhl auf und ging auf den Flur. Er griff sich seinen Rucksack, der dort auf dem Boden lag, ging einen Augenblick später mit dem Rucksack in die Küche zurück und setzte sich erneut ihm gegenüber auf den Stuhl. Den Rucksack legte er unter den Tisch.
"Da ist ein Messer im Rucksack", sagte John.
"Bitte... Ich war schwach. Es tut mir leid. "
"Also. Wie lange warst Du vor der Tür? Sag die Wahrheit. Ich will alles wissen."
"Ich äh... eine Stunde", stammelte Ralph.
"Eine Stunde? ", fragte John. "Wirklich eine Stunde?"
"Ja."
"Und Du warst auch am Fenster?"
"Ja."
"Hast alles gesehen?"
"Ja."
"Und es hat Dir gefallen?"
"Das ist das, was mir nicht gefällt daran: Dass ich das interessant fand."
"Das ist doch bestimmt interessant. Dann hattest Du früher sehr wahrscheinlich öfters an Franziska gedacht?", bemerkte John.
"Ja. Tut mir leid."
"Du hast keine Freundin?"
"Nein. Zurzeit keine. "
"Dann bist Du also alleine. Und das im Lockdown in der Coronakrise."
"Ja."
"Dann masturbierst Du bestimmt?", fragte John.
Ralph wurde rot im Gesicht und antwortete nicht.
"Bitte... Ich..."
"Also ja."
"Ja."
"Es ist ja auch normal in der Coronakrise", sagte John.
Doch Ralph antwortete nicht.
"Und Deine Eltern leben in Frankfurt?"
"Nein."
"Und was machst Du hier in Frankfurt?", fragte John.
"Ich bin Student", antwortete Ralph.
"Was studierst Du? ", fragte Franziska.
"Jura."
"Jura! Ich glaub es nicht. Du studierst Jura und machst solch einen Mist? Das versaut Dir Deine Karriere!", sagte John im lauten Tonfall.
"Ich weiß... Meine Eltern dürfen davon nichts erfahren. Sie bringen mich um. Sie finanzieren das Studium und die Wohnung", erzählte Ralph.
"Dann sind Deine Eltern gut betucht?"
"Ja. Nicht schlecht betucht. "
"Sie haben bestimmt ein tolles Einzelhaus?", wollte John wissen.
"Ja."
"Was ist Dein Vater? ", fragte Franziska.
"Arzt. "
"Und Deine Mutter?"
"Auch Ärztin. Augenärztin."
"Aha. Und wo wohnen sie?"
"In München."
"In München?"
"Ja."
"Und hast Du Geschwister?"
"Ein Bruder. Er ist Makler."
"Franziska gefällt Dir?", fragte John.
Ralph nickte. Dann blickte John Franziska an.
"Und er gefällt Dir?", fragte John Franziska.
Franziska zögerte. Lächelte dann etwas verlegen.
"Ja. Ich denke ja. Ist o.k."
Dann stellte John ihm eine direkte Frage": Willst Du mit ihr schlafen?"
"Ich äh…". Dann schwieg Ralph.
"Aber Du würdest das wollen?", fragte John. Wieder schwieg Ralph und blickte zu Boden.
Dann blickte John Franziska an. Zwinkerte mit den Augen. Und gab ihr ein Zeichen. Franziska blickte ihn lächelnd an, kniff ein Auge zu. Und dann blickte sie Ralph an. Und dann nahm sie Ralphs Hand. Streichelte sie zuerst. Und dann legte sie seine Hand auf den Stoff ihrer Bluse. Im Brustbereich.
"Du weißt was darunter ist?", fragte Franziska.
"Ja...", hauchte Ralph. Er war sichtlich erregt-was er zu verbergen versuchte. Denn die Scham war noch grösser als das Verlangen.
"Da ist was Weiches. "
"Ja. Aber bitte… Lasst mich gehen. Ich tut das nicht wieder. Ich werde mich auch der Polizei stellen. "
"Ach. Vielleicht gibt es eine andere Lösung?", sagte Franziska und legte Ralphs Hand weg von der Bluse auf den Tisch. Dann blickte sie John an.
"John. Ich denke wir sollten jetzt zu einem Urteil kommen", schlug Franziska vor.
"Ja."
"Bitte. Ich tue das nicht wieder. Ich habe nur die Kontrolle verloren", jammerte Ralph.
John nahm seinen Rucksack vom Fussboden und blickte Ralph drohend an. Dann griff er sich seine schwarze Kapuzenjacke, die neben ihm auf dem Stuhl lag, zog sie an und zog sich die Kapuze über den Kopf.
"Wir sind die Richter und die Geschworenen zugleich. Wir ziehen uns jetzt zur Beratung zurück. Und Du bleibst dort sitzen. Und wenn Du Dich weigerst, wirst Du die Wohnung in einer Kiste verlassen", drohte John.
"Ja", sagte Ralph weinend. Dann ging Franziska zur Wohnungstür. John folgte ihr mit dem geöffneten Rucksack in der Hand und das Messer im Rucksack immer griffbereit.
"Zu welchem Urteil bist du gekommen?", fragte Franziska.
"Es sind in meinen Augen schwerwiegende Verfehlungen", meinte John.
"Und was bedeutet das?"
"Ich lass aber Gnade walten. Deshalb wird das Urteil milder ausfallen. Ohne Polizei", sagte John.
"Er hat uns gefilmt. Dann werden wir ihn Filmen bei dem Akt, der dann jetzt kommt. Das Video von ihm werden wir behalten. "
"Willst Du das wirklich? Mit ihm schlafen?", fragte John.
"Ja."
"Wir machen wir das so. Zuerst laden wir die Sachen von seinem Handy runter. Und konfiszieren das Handy. Und dann lassen wir ihn gehen. Wenn er das Handy mit den gelöschten Aufnahmen haben will, muss er uns 100 Euro zahlen", schlug John vor.
"Aber ich will mehr als Geld", sagte Franziska.
"Du kannst ihm ja einen Blowjob geben - vielleicht zahlt er ja mehr. Und dann lassen wir ihn gehen."
"Ich habe eine bessere Idee. Ich werde ihn ein bisschen verführen....Ganz langsam und etwas abhängig machen. Mal sehen wie er so ist. Dann brauchen wir nicht irgendwelche Clubs besuchen. Was im Lockdown nicht möglich ist."
"Ihn? Willst du das wirklich? Er scheint aber auf Dich zu stehen."
"Ja. "
"Ich will ihn mal ausprobieren. Ich kümmre mich schon um ihn. Du beobachtest alles. Seine Familie hat ja auch Geld. Vielleicht gibt er uns auch ab und zu mal ein bisschen Geld", sagte Franziska.
"Ja."
"Ich werde ihn mal erziehen. "
"Ja."
"Du bist aber nicht eifersüchtig? Denn er ist bestimmt viel jünger als ich. Ich schätze 13 Jahre jünger."
"Nein", sagte John.
"Jetzt wo Du das sagst. Er muss natürlich auch wollen. Vielleicht will er nicht", meinte Franziska.
"Kann sein."
"Das kriegen wir schon hin. Schenke ihm genug Alkohol ein. Den Rest mach ich", schlug Franziska vor.
"Ist das einfach ein Spiel von Dir?", fragte John. Denn er wusste, dass Franziska ab und zu gerne Spielchen solcher Art spielte.
"Gut. Nenn es einfach ein Spiel."
Keiner von den beiden ahnte hier, was für ein Unheil sich - wie schwarze Wolken am Himmel- zusammenbraute. Und dass man mit Liebe genauso wie mit Feuer nicht spielen sollte. Franziska und John dachten hier alles kontrollieren zu können. Dass alles nach Plan lief. Und alles in diesem Moment ein unendlicher Spaß sei. Aber sie verstanden nicht, dass menschliche Naturen komplexer waren und sich nicht alles kontrollieren ließ. Besonders in der Coronakrise. Nachdem sie wenig später euphorisch zu Ralph in die Küche zurückgekehrt waren, teilten sie ihm ihr Urteil mit.
"Wir haben uns das überlegt. Wir lassen Dich gehen und gehen auch nicht zur Polizei. Doch das Handy wird konfisziert. Es sind unsere privaten Aufnahmen drauf. Die müssen wir löschen und sichergehen, dass da keine weiteren privaten Aufnahmen von uns drauf sind. "
"Ja."
"Wie ist dein PIN?"
"Mein PIN ist 3647", sagte Ralph.
John holte schnell einen Stift aus der Tasche und einen kleines Stück Papier aus dem Portemonnaie und schrieb die Nummer auf.
"Gut. Dann kannst Du gleich gehen. Aber wir werden Dich filmen - oder Du zahlst jetzt 100 Euro Entschädigung. Oder tust uns einen Gefallen. So leicht kommst Du nicht davon. "
"Ja. Ich werde das tun. Wann kriege ich mein Handy zurück?", fragte Ralph.
"Wenn Du brav bist... Wir werden erst die Aufnahmen von uns löschen. Dann wirst Du Dein Teil machen: Uns einen Gefallen tun oder die Kohle zahlen. Werden wir uns überlegen."
"Ja."
Dann legte sie wieder ihre Hand auf seine Hand. Streichelte seine Hand. Und dann legte sie ihre Hand auf sein Knie und streichelte es ebenfalls. Dabei sass Ralph bequem auf dem Stuhl und Franziska kniete neben ihm.
"Soll ich weitermachen?", fragte Franziska
Ralph war erst irritiert. Doch seine Widerstandskraft lies nach. Er wurde plötzlich so zahm wie ein braves Hündchen. Dann wanderte ihre Hand immer weiter höher. Seine Erregung wuchs.
"Oh...da wächst was."
Dann griff sie zu.
John ging mit dem Handykabel an Franziska und Ralph vorbei.
"John? Reichst Du mir mal mein Handy? Denn mein Handy liegt im Küchenschrank. Ich will alles filmen. Alleine", forderte Franziska.
"Ja."
"Und ich brauche Fairy Future Bodywand."
Dann ging John zum Küchenschrank-Regal, griff sich das Handy, das dort lag und gab es Franziska. Kurz darauf zog er eine Küchenschublade in der Nähe der Spüle auf, holte dort ein Fairy Future Bodywand (Magic Wand) raus und gab ihn Franziska. Dann verließ er die Küche.
Er ging ins Wohnzimmer. Dort ging er weiter zum Wohnzimmer-Schrank und holte ein USB-Stick und ein Mikro-USB-Kabel hervor. Dann holte er Ralphs Handy und den Zettel mit dem PIN aus der Hosentasche. Nachdem er mit Hilfe des PINs Ralphs Handy freigeschaltet hatte und das Handy mit Hilfe des Mikro-USB-Kabels mit dem USB-Stick verbunden hatte, lud John alles was Ralph von draussen in Franziskas Schlafzimmer gefilmt hatte auf sein USB-Stick. Auch einige ganz private Aufnahmen von Ralph. Das Handy und auch den USB-Stick versteckte er daraufhin im Schrank. Als Beweis und um Ralph unter Druck zu setzen. Was mit dem Handy und den Aufnahmen später geschehen sollte, wollte sich John in Ruhe überlegen. Wenig später hörte er aus der Küche ein Summen. Das sich nach einiger Zeit verstärkte. Zzzzzzzzzzzzzzzzzz. Dann auch Stöhnen und andere Geräusche wie "oh jaa". John wusste, was Franziska gerade tat. Und wusste, dass es für Franziska eine spannende Abwechslung war einen jungen, sexuell ziemlich unerfahrenen Mann (zumindest schätzte sie ihn so ein) zu verführen, der vermutlich nur wenig mit Frauen was gehabt hatte. Mit ihren Reizen - ihren attraktiven Po, ihren wohlgeformten Busen, ihrer schlanken Figur und den Magic Wand in der Hand - zu spielen. Und ihn zu provozieren, ihn mit "ihrem" Programm und all ihren Tricks und Erfahrungen, die sie auf Lager hatte, zu überraschen und um den Verstand zu bringen. Und um ihm richtig zu zeigen "wo es im Bett lang ging." Ohne zu ahnen, welche Folgen das alles später haben könnte. Gerade in der Coronakrise im Lockdown. Sie war - nach Johns Meinung - so gestrickt. Und auch für John war es eine spannende Abwechslung. Auch mit Neugier und leicht sadistischen Freuden (ob bewusst oder unbewusst) Ralphs Reaktionen zu beobachten! Und er konnte auch Erfahrungen sammeln. Es war ein verrücktes Lockdown-Katz und Mausspiel, das sich allmählich entwickelte. Franziska war die Katze. John war so eine Art Schiedsrichter. Und Ralph war die Maus, ihr Opfer, ihr Experiment. Ohne dass sie Ralph wirklich kannten. Aber ein bisschen fing John auch Ralph ein klein bisschen zu mögen bzw. Ralph war ihm nicht gänzlich unsympathisch und er verstand, warum Franziska ihn mochte- trotz einiger äusserlichen Mängel, die er hatte (zum Beispiel seine Pickeln im Gesicht). Auch dachte John - als Franziska Ralph in der Küche verwöhnte": Soll sie sich doch amüsieren, was ich nur aus Liebe zu ihr zulasse, aber nebenbei werde ich mir auch mal was gönnen mit einer anderen Frau - sei es auch nur ein kleines Techtelmechtel oder ein Blowjob (wenn Corona es zuliess) - Franziska muss ja nichts davon erfahren, dachte John. Denn John wusste, dass Franziska -obwohl sie eine offene Beziehung führten- auch sehr eifersüchtig werden konnte - obwohl sie oft das Gegenteil behauptete. Er wusste: Sie durfte in der offenen Beziehung alles, er wenig - aber er akzeptierte das. Aus Liebe zu ihr.
John legte wenig später seine Kapuzenjacke beiseite, machte den Fernseher an und guckte Corona-Nachrichten. Die Corona-Lockdown-Zeit ist für viele nervig, langweilig und blöd, für viele andere problemgeladen, stressig und voller Angst, aber wir machen im Lockdown das Beste daraus, dachte John. Und in diesem Moment kamen ihn euphorische, kreative, aber auch wirre Gedanken in den Kopf. Und in diesem Moment begann er zu Husten (dessen Ursache in diesem Moment nicht so ganz klar war). Was in Abständen vorkam.
John blickte in den Fernseher. Der Nachrichtensprecher berichtete": Das Robert-Koch-Institut (RKI) liefert täglich die neuen aktuellen Fallzahlen der Corona-Neuinfektionen und Todesfälle. Die Gesundheitsämter in Deutschland haben dem Robert-Koch-Institut (RKI) binnen eines Tages 8103 Corona-Neuinfektionen gemeldet.
Zudem wurden innerhalb von 24 Stunden 96 neue Todesfälle verzeichnet." Dann kamen plötzlich Franziska und Ralph ins Wohnzimmer. Franziska -attraktiv wie immer- hatte ihren Körper in einen Bademantel gehüllt. Und Ralph hatte nur eine Unterhose an.
"Seid ihr immer noch nicht fertig?", fragte John.
"Noch nicht. Er muss noch etwas lernen. Wir gehen ins Schlafzimmer", sagte Franziska.
"Dann macht mal. Aber alles safe bitte."
"O.K."
John stand vom Sessel auf, ging zum Wohnzimmerschrank, holte aus der Schublade dort ein Kopfhörer mit langem Kabel raus und verband das Kabel mit dem Fernseher. Dann setze er sich in den Sessel und steckte die Ohrstöpsel in die Ohren, um in Ruhe fern gucken zu können und nicht von Liebesgeräuschen gestört zu werden. Nur ab und zu machte er die Ohrenstöpsel raus. Um anhand der Geräusche zu prüfen, was Franziska mit dem Ralph so machte.
John guckte noch eine Weile fern. Dann wurde es langweilig und er holte daher sein Handy aus der Tasche, um WhatsApp-Nachrichten durchzugucken. Rein zufällig stiess er im Handy erneut auf Corona-Nachrichten. Und er begann sie zu lesen. Dort stand": Aus Schutz vor Covid -19 rät die New Yorker Gesundheitsbehörde in der Corona-Zeit nur mit einem festen Partner Sex zu haben. Singles rät sie zur Masturbation..."
"Na schön. Wer das Mütze-Glatze-Spiel betreibt in der Coronakrise, ist ja besonders vortrefflich und ehrenhaft", dachte John innerlich lachend. "Verrückte Welt. Immerhin. Die Affen machen 's ja auch."
Es verging ungefähr eine Stunde. Dann erschienen Franziska im Bademantel und Ralph dieses Mal nackt im Wohnzimmereingang.
"Seid ihr fertig?", fragte John. "Hat ja lange gedauert. Ihr wollt ja schließlich nicht heiraten," sagte John etwas ironisch.
"Wir sind fertig. Er ist ja so toll gekommen. Zwei Mal", lobte ihn Franziska.
"Franziska ist ganz toll. Eine grossartige Frau", schwärmte Ralph.
"Ja.Toll.", sagte John nur schnippisch, stand aus seinem Sessel auf und ging auf Ralph zu. Viel ist da unten nicht, dachte er, als er Ralph etwas genauer betrachtete. Dann sprach er zu ihm": Jetzt ist aber Schluss, Feierabend. Rede nicht so viel! Zieh Dich an und dann ab. Und morgen will ich 100 Euro für alles und Du kriegst Dein Handy zurück."
"O.K.", sagte Ralph. Dann ging er ins Schlafzimmer und holte seine Sachen wie Unterwäsche, Jeans und Oberhemd. Zuerst zog er sich seine Unterwäsche an. Dann den Rest. Zuletzt seine Jacke. Wenig später stand Ralph angezogen an der Wohnungstür.
Und reichte John die Hand.
"Ich wollte mich noch verabschieden", sagte Ralph. "Und danke, dass ich mit Deiner Freundin ein bisschen Vergnügen haben konnte." John hatte zwar nur wenig Angst vor Corona (was ihm auch oft Kritik einbrachte und die ihm sowieso den Buckel runterrutschen ließ, da er wirtschaftlich am Abgrund stand und sowieso nichts zu verlieren hatte; nur Franziska - sonst aber nichts). Aber die Hand geben wollte er ihm trotzdem nicht. Und so hob er nur kurz die Hand.
"Keine Sorge. Sie ist glücklich und das ist Hauptsache. Bis morgen. Bring Kohle mit. Wann kommst du morgen?", fragte John.
"Gegen 16 Uhr", sagte Ralph.
"Ok. Gegen 16 Uhr."
Dann ging er zu Franziska und gab ihr ein Kuss auf die Backe.
Sie drehte sich als er das tat leicht weg. Ließ es sich aber gefallen.
"Ja. Bis morgen", sagte Franziska.
Dann verließ Ralph die Wohnung.
"Und wie war er?", fragte John neugierig.
"Naja. Etwas ungeschickt. Aber... Irgendwie haben es wir hingekriegt."
"War das nicht gut?"
"Also am Anfang habe ich sogar nichts gespürt. Ein ziemliches Rumgestochere. Dann ging es. Er war natürlich sehr aufgeregt. Es war sein erstes Mal."
"Was. Er ist wirklich noch Jungfrau? Oder Jungmann?", fragte John.
"Ja. Glaubst du es nicht?"
"Doch. Glaube ich. Wenn Du es sagst."
"Willst Du das eigentlich, dass er kommt? Ich hab´ ihm gesagt, dass er die nächsten Male uns besuchen kommen kann", erzählte Franziska.
"Und er zählt auch was dafür?", fragte John.
"Ja. Er ist bereit etwas von dem Geld, was seine Eltern ihm für die Studienzeit hinschicken, zu investieren. "
"Das ist ja super. Dann haben wir Kohle," sagte John. "Wenn er wöchentlich zweimal kommt und jedes Mal 50 Euro zahlt, dann haben wir in vier Wochen, also einem Monat, schon 400 Euro."
"Ja. Stimmt."
"Was wollen wir heute Abend noch machen? Wir können uns heute Abend im Schlafzimmer im Bett vor Deinen zweiten Fernseher setzen und etwas gucken. Da läuft zum Beispiel James Bond. Den können wir gucken. "
"Das ist eine gute Idee."
"Dann gehen wir."
Wenig später zogen sie ihre Sachen aus, duschten zusammen, zogen sich wenig später ihr Nachtzeug an und gingen ins Bett.
Während der James Bond-Film lief küssten sie sich und tauschten sie nur einige Zärtlichkeiten aus. Dann schliefen sie ein.

Am nächsten Morgen am 5.2.2021 standen sie nach einem "Liebesnahkampf" und nachdem sie auf Ralphs Handy einige von seinen privaten Solo-Videos angeguckt hatten auf. John legte Ralphs Handy wieder in den Wohnzimmerschrank zurück. Wenig später duschten sie zusammen und zogen sich an. Dann frühstückten und tranken sie in der Küche Kaffee. John beschloss sich im Internet Arbeit zu suchen. Und eine Zeitung zu kaufen. Er hatte noch 200 Euro Reserve, die er vor einigen Wochen durch Taschendiebstähle ergaunert hatte.
"Ich werde gleich einige Jobs suchen. Im Internet. Und ich muss eine Zeitung kaufen", sagte John.
"Hast Du genügend Geld?", fragte Franziska.
John sagte nicht offen, wieviel Geld er hatte. So verhielt er sich oft bei Geldangelegenheiten: Besser nicht alles sagen. Deshalb sagte er in diesem Moment nur, dass er genug Geld hätte.
"Es reicht für kleine Einkäufe", sagte John.
"Ich muss Kaffee einkaufen. Denn die Kaffee-Packung in der Küche ist fast leer. Milch fehlt mir. Eier. Brot. Marmelade, Wurst...", sagte Franziska.
"Dann können wir zusammen einkaufen", sagte John.
"Ja. Gute Idee. " Sie ging zur Schublade und holte ein kleines Notizbuch und ein Stift hervor. Dann riss sie einen kleinen Zettel ab und notierte die fehlenden Lebensmittel. Sie schrieb Milch auf, Eier, Wurst, eine Packung Spaghetti, Kassler-Fleisch, Kartoffeln, einige Dosen, drei Pizzas, Paprika, Brokkoli und Gemüse.
"Du musst denke ich noch Sauce Hollandaise für den Brokkoli kaufen, Käse, dann noch Obst kaufen. Was Gesundes. Denn ich lebe gesünder heute!", meinte John und Franziska notierte sich dies ebenfalls auf den Zettel. Gesundheit war John wichtiger geworden. Trotz seines früheren wilden Lebensstils war er noch sehr fit und kräftig (weil er ein stabiler Typ war) und obwohl er vor Kurzem von Obdachlosigkeit betroffen war, achtete er nun seit er Franziska kennengelernt hatte mehr als früher auf Ernährung und auf sein Äußeres -besonders was seine Statur betraf. Zumindest war er, aus seiner Sicht, ein Mann, der das Beste aus seiner Situation machte. Drogen waren tabu. Sport machte er ab und zu. Er lief - meistens gegen Abend oder in der frühen Mittagszeit- durch einige Strassen in ihrer Nähe und er machte zu Hause ab und zu mehrere Liegestütze. Und achtete darauf, dass er nicht zu viel ass. Und er achtete nun immer darauf, dass seine Ernährung nicht nur gesund oder zumindest gesünder war als früher, sondern auch (einigermassen) abwechslungsreich war (wenn er sich die gesunden Lebensmittel leisten konnte). Sei es auch nur, dass er statt irgendwelche Billigbürger und Spaghetti nun Obst und ausgewähltes Gemüse aß... Zwei seiner Fehler waren das Trinken von zu viel Alkohol zum Beispiel in Stresssituationen und dass er ab und zu eine Zigarette rauchte. Und natürlich war einiges in der Vergangenheit, das ungesund war (besonders in seiner Zeit als Obdachloser)... Das sollte sich aber nun ändern, seitdem er bei Franziska untergekommen war. So erklärte er es auch immer Franziska:
"Ich hatte früher geraucht, gesoffen. Und zeitweise auch leichte Drogen genommen. Rauchte zum Beispiel auch zuviel. Auch Joints. Merkte, dass es meiner Gesundheit schadete. Und so änderte ich einiges. Ich rauche nur noch ab und zu eine Zigarette und habe mir vorgenommen ganz damit aufzuhören. Ich habe mir sogar Nikotinpflaster gekauft. Und ich will weniger saufen.", sagte John. Und er erklärte weiter": Du verstehst hoffentlich, dass ich jetzt gesünder leben möchte. Ich esse mehr Obst und Gemüse und mache Sport indem ich ab und zu laufe, Liegestützen mache...Ich tue, was ich in meiner Situation machen kann, da ja die Fitmessstudios geschlossen haben."
"Ich verstehe das," sagte Franziska. Dann zogen sie ihre Sachen an. Auch ihre Jacken. Und Franziska nahm zwei billige Stoff- Einkaufstaschen mit. Dann verließen sie die Wohnung und das Mietshaus. Sie merkten nicht, dass Ralph hinter einem der Mülleimer an der Strasse stand und sie aus einer gewissen Ferne beobachtete.

4. ZOFF IM SUPERMARKT

Kurz darauf erreichten sie den Supermarkt. Sie stellten sich an einer Schlange an, die sich vor den übrig gebliebenen Einkaufswagen, die dort standen, gebildet hatten. Als die Leute vor ihnen sich gemäß der Vorschrift einen Einkaufswagen geschnappt hatten, nahmen sie den letzten übrig gebliebenen Einkaufswagen. Daraufhin schimpften einige Leute hinter ihnen, die einen Einkaufswagen wollten und keinen bekamen. Kurz darauf setzten sich John und Franziska eine Maske auf (was John nur widerwillig tat) und gingen in den Supermarkt ohne sich die Hände mit dem Desinfektionsspray, der am Eingang auf einen Tisch stand, desinfiziert zu haben (weil sie das für übertrieben hielten). John und Franziska gingen die Einkaufsliste durch.
"Brot, Milch, Eier, Gemüse müssen wir einkaufen. Und vieles mehr", mahnte Franziska.
"Ja", murmelte John.
Dann gingen sie zu den Regalen, nahmen diese Produkte, die sie auf der Einkaufs-Liste notiert hatten, aus den Regalen und legten diese in den Einkaufswagen. Auch die restlichen Produkte, die auf der Einkaufsliste waren, legten sie in den Einkaufswagen. Nachdem sich John noch eine Zeitung vom Zeitungstand gegriffen hatte und ebenfalls in den Einkaufswagen gelegt hatte, stellten sie sich an einer Schlange an. Vor ihnen in der Nähe des Laufbandes hatten einige Streit, weil eine ältere Frau zuvor versehentlich mit dem Einkaufsrollwagen über den Fuß eines gehbehinderten Mannes, der mit einem Stock vor ihnen stand, gefahren war und sie sich vorgedrängelt hatte.
"SIE WISSEN, WAS SIE GEMACHT HABEN. SIE SIND ÜBER MEIN FUSS GEFAHREN, SIE DUMME TANTE!", schrie der Mann.
"Ich... Das war ich nicht", sagte die Frau ängstlich.
"DOCH. SIE SIND ÜBER MEIN FUSS GEFAHREN! UND HABEN SICH VORGEDRÄNGELT. DAS MACHEN SIE MIT MIR NICHT!", schrie er.
Dann stand die Kassiererin hinter der Kasse auf und drückte einen Knopf.
"Herr Lawinski, kommen Sie bitte in den Kassenbereich", rief sie über den Lautsprecher.
Doch die alte Frau und der alte Mann ignorierten die Lautsprecheransage und stritten und beleidigten sich weiterhin. Die Situation drohte zu eskalieren. Und auch John und einige andere Personen hinter ihnen wurden allmählich wütend und allmählich in den Streit verwickelt.
"ICH BIN GEHBEHINDERT, SIE VOLLIDIOTIN. UND SIE FAHREN MIR ÜBER DEN FUSS", schrie der alte Mann.
"Entschuldigung", sagte die alte Frau. "Können wir die Sache nicht einfach vergessen? Das war ein Versehen und kann vorkommen. Sie sind bekloppt", fuhr sie weiterhin fort.
"DAS SOLLTE NICHT VORKOMMEN. DAS SOLLTE NICHT VORKOMMEN. SIE SIND VERPFLICHTET RÜCKSICHT AUF GEHBEHINDERTE ZU NEHMEN. UND NENNEN SIE MICH NICHT BEKLOPPT."
"ENTSCHULDIGUNG. SCHREIEN SIE MICH NICHT SO AN. WARUM REGEN SIE SICH SO AUF. ICH HAB MICH ENTSCHULDIGT."
"DAS REICHT MANCHMAL NICHT", schrie der Mann, hob den Stock und drohte auf die Frau einzuschlagen.
Dann mischte sich John ein.
"ES IST JETZT MAL GUT. DIE FRAU HAT SICH ENTSCHULDIGT. WENN SIE NICHT AUFHÖREN, SCHMEISSE ICH SIE AUS DEM LADEN", schrie er. Franziska kniff John heimlich unauffällig in die Hand.
"Bleib still. Oder sollen wir rausfliegen?", zischte Franziska.
"Ja. SOLL DER OPA VERSCHWINDEN," schrie ein anderer Mann hinter John.
"JA. RAUS. ALLE BEIDE", schrie eine andere Frau hinter John in der Schlange.
Dann lief die Kassiererin zu dem alten Mann und die Frau. Sie brüllte wie ein Feldwebel mit greller Stimme.
"SOFORT AUFHÖREN. SONST FLIEGEN SIE RAUS", schrie die Kassiererin.
"ICH RAUS? SCHMEISSEN SIE DIE FRAU RAUS! DIE KANN SICH NICHT BENEHMEN", schrie der Opa zur Kassiererin. Dann brüllte der Opa die Frau an.
"SIE SOLLTE MAN SOFORT RAUSSCHMEISSEN."
"NEIN. SIE!" schrie sie zurück.
Dann schwieg die alte Frau und blickte ihn nur verächtlich an.
"JA. BRAUCHST GAR NICHT SO BLÖD ZU GUCKEN", schrie der alte Mann.
John wurde das zu viel. Er wurde rot im Gesicht. Vor Wut und gleichzeitig vor Stress. Bilder der Vergangenheit tauchten vor ihm plötzlich auf. Ihn erinnerte es an seine miese Kindheit. An Situationen, in denen sein Vater und seine Mutter mit vier Kindern damals überfordert waren, zeitweise kurz vor der Scheidung standen, sich gegenseitig anschrien und an ihm schließlich-den jüngsten Sohn -ihre Wut ausließen und ihn anschrien, mit Beleidigungen überhäuften und ihn schlugen. Manchmal windelweich schlugen, so dass sie sein Selbstwertgefühl zerstörten und seinen Hass entfachten. Was dazu führte, dass er seine Eltern lange Zeit abgelehnt hatte -bis er mit Hilfe einer früheren Psycho-Therapie so einigermaßen diese Situationen aufarbeiten konnte und seinen Eltern verzeihen konnte. Trotzdem hatte seine komplizierte und konfliktreiche Beziehung zu seinen Eltern seine Spuren hinterlassen (da nützte auch später teilweise Reue der Eltern nichts mehr). All diese negativen Erfahrungen hatten ihn seiner Meinung nach psychisch, charakterlich deformiert! Bewirkten, dass er als gestörter Mensch durchs Leben lief. Und deshalb war es nicht verwunderlich, dass er später auf die schiefe Bahn geriet... Als er den alten Mann und die alte Frau vor ihm betrachtete, wuchs seine Wut immer mehr und es war, als würde er grün vor Wut werden. Er begann sogar die Zähne zu fletschen! Im Geiste sah er wie sich Menschen solcher Art sich bekriegten und zerstörten. Und am liebsten hätte er einfach draufgehauen…Und seine Augen begannen sich zu weiten. Franziska sah, was mit John geschah. Sie wusste: Er würde in solchen Situationen wie ein Monster werden. Fast wie Frankensteins Monster! Das wollte sie verhindern! Sie kniff ihn wieder in die Hand. "Beruhig Dich John. Wenn wir zu Hause sind, bekommst Du eine Überraschung. "
John wusste, was sie meinte. Sofort wurde er ruhig und zärtlich, ergriff ihre Hand und war der zahmste und liebevollste Mann, den sie kannte. Frankensteins Monster hat seine Spritze bekommen", dachte sie mit Humor und in solchen Situationen kamen Gefühle der Überlegenheit in ihr hoch. Sie wusste wie sie mit John umgehen sollte. Sie wusste, wie Männer wie er tickten und sie konnte solche Typen knacken oder zum Funktionieren bringen wie man eine Dose aufmachte, einen Motor in Gang kriegte oder einen Rasenmäher zum Laufen kriegte. Denn so kompliziert war John aufgrund ihrer Erfahrung für sie nicht. Man musste nur die richtigen Knöpfe drücken und dann ging s. Sie hielt Johns Hand und er blieb ruhig.
Der alte Mann vor John brüllte weiter.
"SIE SOLLTE RAUS. SIE SOLLTE RAUS!“, brüllte er.
"JA. JA. BRÜLL MAL WEITER SO EIN UNSINN!", schrie die alte Frau.
"DIE IST JA GEISTESKRANK."
Die Kassiererin wurde ungeduldig.
"ICH MUSS SIE BITTEN DEN SUPERMARKT ZU VERLASSEN", schrie sie den alten Mann an.
"ICH WAR DAS NICHT. SIE HAT ANGEFANGEN", schrie der alte Mann immer noch und fuchtelte mit dem Stock rum.
"RAUS JETZT", schrie die Kassiererin.
Doch weder der alte Mann noch die Frau wollten gehen. Dann kam Herr Lawinski mit seinem Kollegen Ullrich Seiler.
"Sie müssen jetzt gehen", sagte Jürgen Lawinski. Doch der alte Mann pochte auf sein angebliches Recht und das wollte er mit Gewalt durchsetzen. Und schimpfte weiterhin auf die alte Frau. Da war weder Barmherzigkeit noch die Bereitschaft der alten Frau zu vergeben, nur unbarmherzige Bosheit und Härte. Es war als hätte man sein Herz mit einem Stacheldraht umwickelt. Und so hatten sich in der Coronakrise viele Menschen entpuppt.
"ICH GEHEN? SIE HAT DAS DOCH VERSCHULDET. SIE HAT AUF BEHINDERTE AUFZUPASSEN", schrie er. Er war ein Teufel in Menschengestalt.
"Jetzt kommen sie mit", sagte Jürgen Lawinski. Sofort packten er und Ullrich Seiler ihn am Arm, packten seinen Einkaufswagen mit seinen Lebensmitteln (die er bezahlen wollte) zur Seite, nahmen seine Sachen mit, die er von zu Hause mitgenommen hatte: Seine leere Einkaufstasche und sein Stock. Und sie zerrten in langsam an der Kasse und den Menschen, die dort waren, vorbei zum Ausgang und dann nach draußen. Der Mann schimpfte bis zuletzt.
"DAS IST EINE FRECHEIT. LASST MICH LOS", schrie er. Kurz darauf war er nicht mehr zu hören. Dann kamen die Männer Ullrich Seiler wieder und sie gingen zur alten Frau. Sie ahnte was die Männer vorhatten und sie sprach sie an": Meine Einkaufssachen darf ich doch noch bezahlen?"
"Sie müssen auch gehen bitte", sagte Ullrich Seiler. "Lassen Sie den Einkaufswagen mit den Sachen bitte stehen. Es wird alles konfisziert."
"Ich darf das doch bezahlen. Meine Tochter ist krank und braucht diese Lebensmittel. "
"Nach den Vorfällen und nachdem wir Ihr Benehmen gesehen haben, müssen Sie auch jetzt gehen. Denn Sie haben auf unsere Verwarnungen nicht reagiert."
"Das ist eine Unverschämtheit! Ich komme nicht mehr wieder!", schrie die alte Frau.
"Dann eben nicht. Da ist der Ausgang", sagte Herr Lewinski und zeigte auf den Ausgang. Dann ging die alte Frau freiwillig. Sie ließ ihren Einkaufswagen mit ihren Lebensmitteln zurück, nahm ihren leeren Rollwagen und verließ den Supermarkt.
Nachdem die alte Frau den Supermarkt verlassen hatte, setzte sich die Kassiererin wieder an die Kasse, grinste und fing weiter an zu kassieren. "Verrückte", sagte sie. Die Kassierer und die Kassiererinnen sind zwar systemrelevant und Helden -aber das trifft leider nicht auf jede Person zu, die an der Kasse sitzt, dachte John. Er schwitzte. Und er sah plötzlich aufgespießte Köpfe vieler Menschen auf Pfählen, die einen Zaun bildeten, vor sich. Kurz darauf verschwanden diese Bilder. Warum er diese Bilder vor Augen hatte, wusste er nicht, da er sich in diesem Moment in einem Zustand leichter Verwirrung befand (was auch sicherlich mit seiner angeknacksten Psyche zu tun hatte) - obwohl er sich durch Franziskas beruhigenden Worten und in Aussicht gestellten Überraschung etwas beruhigt hatte. Die Situation hatte ihn gestresst, obwohl er körperlich zu den robusteren Menschen gehörte. John und Franziska warteten bis die Leute vor ihnen bezahlt hatten. Dann packten sie alle ihre Sachen auf das Kassenband und bezahlten, als sie dran waren. Kurz darauf packten sie alle Lebensmittel und eine Zeitung mit den neusten Corona-Nachrichten in die zwei Stofftaschen. Danach verließen sie mit den zwei Stofftaschen und dem Einkaufswagen den Supermarkt. Als sie gerade den Einkaufswagen in der Nähe des Supermarkt-Eingangs abstellten, bekamen sie eine erneute Auseinandersetzung mit. Dort stritten sich zwei Personen vor dem Supermarkt. Der eine Mann, ein Mann mittleren Alters mit etwas grauen Haaren, hatte offensichtlich seine Corona-Schutz-Maske nicht richtig aufgesetzt.
"Sie haben die Maske nicht richtig aufgesetzt. Sie gehören wohl zu den Coronaleugnern oder was?" fragte der andere Mann mit langen Haaren und einer Schiebermütze auf dem Kopf.
"Was? Ich? Coronaleugner? Was ist das für eine Verleumdung. Nur weil ich die Maske nicht richtig aufgesetzt hatte, bin ich deshalb nicht ein Coronaleugner", schrie der grauhaarige Mann, der seine Maske falsch aufgesetzt hatte.
"Aber Du verhältst Dich so. Für mich bist Du ein Coronaleugner oder Querdenker. Halte bitte Abstand. Ich will mit solchen Leuten nichts zu tun haben", schrie der andere, langhaarige Mann mit der Schiebermütze.
"Das war ein Versehen. Ich habe die Maske aus Versehen falsch aufgesetzt", sagte der grauhaarige Mann.
"Das kaufe ich Dir nicht ab, sagte der andere Mann.
"Machen sie was Sie wollen. Sie können denken was Sie wollen. Wenn Sie mich beschuldigen, beschuldige ich Sie. Und Sie sind für mich ein Linksradikaler mit dem ich nichts zu tun haben will. Denn sie sehen aus wie ein Terrorist…", sagte der grauhaarige Mann.
"Was? Ich war noch nie ein Linksradikaler", sagte der Schiebermützenmann.
"Ich habe mit Politik nichts zu tun und Sie beschuldigen mich."
"Und Sie beschuldigen mich."
Dann ging die Streiterei eine ganze Zeit weiter. John und Franziska waren beide gestresst.
"Es ist ja krass, dass manche Leute sich so beschuldigen", meinte Franziska.
"Ja. Schlimm. Absolute Dummheit. Heute reicht es schon beim Brandenburger Tor eine Currywurst zu essen und man wird von einigen dummen Holzköpfen beschuldigt zu den Querdenkern zu gehören oder es wird ihm Links- und Rechtsradikaliät unterstellt", sagte John.
"Ja. Da geht vieles den Bach runter. Auch moralisch und existentiell. Da werden viele in der Coronakrise scheitern, pleitegehen, arbeitslos werden,... Die Gesellschaft zutiefst erschüttert, gespalten werden... Einige werden auch kriminell, bringen sich um", sagte Franziska. "In dieser Zeit ist es nicht nur für die Guten schwer, auch für die Bösen. Alle haben Stress. Wohin führt das? Dass nicht nur die labilen und schwachen scheitern oder untergehen, sondern selbst kräftige Kerle untergehen werden in dieser Coronazeit, zeigt, dass wir uns (wir Menschen) durch Covid-19, Klimawandel, u.a. ...- in einer misslichen Lage befinden. Dass keiner mehr sicher ist. Und viele Probleme erscheinen unlösbar." Sie gingen eine Weile die Straßen entlang. Als sie an ein Mietshaus vorbeigingen, hörten sie Stimmen und Geschrei aus einem der Fenster. Es war ein heftiger Streit. Einige Worte,- und Satzfetzen bekamen sie mit.
"Du hast immer noch nicht die Wasserrechnung bezahlt. Die Spülmaschine ist kaputt und Du holst keine Neue", schrie eine Frau am Fenster.
"Ich habe kein Geld. Verstehst Du? Ich kann die Rechnungen nicht mehr bezahlen!", schrie der Mann am Fenster.
"Dann lass Dir was einfallen!"
"Wie denn! Wie denn! Ich verdiene kein Geld! Mein Job ist weg!"
"Dann such Arbeit!", schrie die Frau.
"Ich tu doch mein Bestes!"
"Das Beste ist aber nicht gut genug!"
"Mehr geht eben nicht in meiner Situation. Ich bin nicht gesund. Kapierst Du nicht? Ich bin ein Wrack! Krank", schrie der Mann.
"Was sollen wir machen?", schrie die Frau.
Sie fing an zu weinen.
"Hör auf jetzt!", schrie der Mann am Fenster.
"Komm. Gehen wir weiter. Das macht nur unsere Stimmung kaputt", sagte Franziska zu John.
"Ich ertrage das nicht mehr. Ich habe das Gefühl in dieser Welt kann man nur Räuber -das heißt Täter oder Opfer werden. Oder Christ", meinte John.
"Wir haben größere Probleme und jammern nicht so rum wie sie. Ihnen geht es sicher finanziell besser als uns."

"Wir haben ja auch mehr und besseren Sex", sagte John und lachte.
Dann gingen sie nach Hause. Als sie sich dem Mietshaus näherten, in dem Franziska wohnte, sahen sie auf den Treppenstufen am Hauseingang des Mietshauses Ralph stehen. John holte sein Handy aus der Tasche und blickte auf die Uhr.
"Es ist gerade mal 12 Uhr. Wir sind erst um 16 Uhr verabredet."
"Ja... äh... Ich wollte nur nach der Post sehen."
"Er steht unter Druck. Kann nicht warten, John", sagte Franziska..
Dann fragte John Ralph": Hast Du jetzt Kohle dabei?"
"Ja. "
"Dann gib mal her. 100 Euro. Dein Handy kriegst Du nachher", sagte John.
"Ich möchte zuerst mein Handy", sagte er.
"Ich würde an Deiner Stelle nicht so große Forderungen stellen. Sonst siehst Du Franziska nicht nachher", sagte John.
"Dann hol ihm sein Handy", sagte Franziska.
"Ok."
Dann gingen John und Franziska die Stufen hoch. Danach gingen sie durch die Haustür in den Flur. Ralph folgte ihnen. Kurz darauf schloss Franziska ihre Wohnungstür auf und sie und John gingen in ihre Wohnung.
"Komm rein", sagte John, der an der Wohnungstür stand, zu Ralph. Und Ralph ging in die Wohnung. Sein Herz klopfte. Voller Erwartung. Was würde passieren?
Würde Franziska ihn wirklich ranlassen? Und was genau würde passieren oder sie mit ihm machen?, fragte sich Ralph. Er war beunruhigt von der Franziskas geheimnisvollen Unberechenbarkeit und manchmal Kühle, die sie ausstrahlte. Gleichzeitig wurde er angezogen von ihrer Leidenschaft in bestimmten Situationen, Reife, Wildheit und Lust. Und von ihrem für ihn makellosen, dünnen Körper. Und er sehnte sich immer mehr nach ihr und ihren Körper! Er konnte deshalb fast die ganze letzte Nacht nicht schlafen, weil er ständig an sie denken musste. Und er konnte es auch in dieser aktuellen Situation nicht verkneifen ihr auf die Bluse zu starren. Und er stellte sich vor sie zu berühren... Ja, sie war für ihn eine fantastische Frau! Das was er mit ihr erlebte, konnte er sich nie in seinen wildesten Teenagerfantasien ausmalen. Es war einfach anders als er sich das vorgestellt hatte, es war viel spannender und intensiver. Der glatte Wahnsinn. Während Ralph seinen träumerischen Gedanken nachging und fast völlig darin versank, wollte John nun von Ralph Geld.
"Ich möchte die 100 Euro. Für Handy und Franziskas Liebesdienste", sagte John.
"Ja", sagte Ralph und holte das Portemonnaie aus der Tasche. Dann holte er 100 Euro aus der Tasche und reichte sie John. John riss ihm daraufhin mit einer schnellen Bewegung das Geld aus seiner Hand.
"Danke", sagte er und steckte das Geld in seine Tasche.
Dann ging John ins Wohnzimmer zum Wohnzimmerschrank, holte aus einer Schublade Ralphs Handy hervor und lief damit wieder auf den Flur. Dann löschte er die Aufnahmen, die Ralph von ihnen gemacht hatte (was etwas dauerte) und gab er Ralph das Handy zurück.
"Die Aufnahmen habe ich gelöscht. Ich habe einige pikante Selfie-Videos entdeckt. Du machst es Dir mit der Hand prima. Besser als die Schimpansen“, sagte John.
Ralph wurde rot im Gesicht.
"Die habe ich mir natürlich angeguckt. Schön", sagte Franziska.
"Diese sind aber absolut privat. Ich hoffe, dass Ihr sie nicht woanders zeigt", sagte Ralph.
"Die sind nur als Kopie bei uns. Alles ganz diskret. Wir wollten einfach mal sehen wer Du bist. Als Bewerbung für unsere Aktivitäten. Hat uns überzeugt", sagte John.
"Darf ich wiederkommen und mit Franziska Zeit verbringen? Wie gestern?", fragte Ralph.
"Wenn Franziska es will", sagte John.
Franziska grinste.
"Ja. Er darf. Dieses Mal noch."
"Hast Du gehört? Du darfst kommen. Dieses Mal noch. Prüfung bestanden. Aber nur wenn Du erneut 100 Euro dabei hast."
"Schon wieder 100 Euro soll ich zahlen? Ich habe nicht so viel Geld", stammelte Ralph. Er war überrascht über den hohen Betrag. "Ich brauche noch Geld für Essen. Ich muss Studiensachen kaufen."
"Nun. Wir brauchen auch Geld -damit wir unsere Wohnung hier behalten können. Wenn Du nicht zahlen willst... Dann bleibt es vielleicht bei dem einen, ersten Mal gestern. Aber es wird Dir sicher sehr schwerfallen", sagte Franziska.
"Gut. Ich werde wieder 100 Euro zahlen", sagte er und begann zu schwitzen.
"Ja. Bring sie um 16 Uhr mit", sagte Franziska.
"Du musst jetzt gehen", sagte John.
"Darf ich nicht... früher kommen?"
Franziska guckte John an. Darf er kurz hierbleiben? Nur für einen Kaffee?", fragte Franziska John.
"Du hast ja eine Überraschung für mich", sagte John zu Franziska.
"Sicher. Er kann in der Zeit warten und in der Küche seinen Kaffee trinken", schlug Franziska vor.
"Naja. Wenn Du das willst und das Dich nicht stört."
"Nein. Stört mich nicht. Ich finde es toll einen interessanten Nachbarn, der in der Wohnung über mir wohnt, hier zu haben", sagte Franziska.
"Gut. Gehen wir in die Küche", sagte John.
Dann gingen Franziska, Ralph und John in die Küche. Dort blickte John Ralph an.
"Du kannst hierbleiben. Wir ziehen Deine Session mit Franziska vor, wenn Du nicht warten kannst", sagte John.
"Ja", entgegnete Ralph.
"Du musst aber in der Küche warten. Zuerst haben Franziska und ich mich was vor.", sagte John.
"Ok. Verstehe."
John zeigte auf einen Stuhl in der Küche.
"Du kannst Dich auf den Stuhl setzen."
"Ja."
Dann machte Franziska den Kaffee. John setzte sich auf einen Stuhl an den Küchen-Tisch Ralph gegenüber.
"Hast Du wirklich noch keine Freundin gehabt wie Franziska sagte?", fragte John.
"Nein", sagte Ralph.
"Die meisten jungen Leute haben alle mit 16, 17 oder 18 spätestens ihre erste Liebe gefunden und da war auch was gelaufen. Du aber bist schon 22!", meinte John und beobachtete Ralph genau.
"Ja. Ich weiß. Hat irgendwie nicht geklappt."
"Aber Du hast doch bestimmt schon mal eine Frau kennengelernt. Vielleicht Schülerin. Und da war was gelaufen", wollte Franziska wissen.
"Nein. War nichts gelaufen. Das ist ja mein Problem."
"Vielleicht bist Du... naja… schwul und magst es uns nicht sagen", meinte John.
"Nein."
"Nein? Wieso hat es dann mit Frauen nicht hingehauen!?", wollte John wissen.
"Es gibt ja auch berühmte Politiker, berühmte Musiker oder Künstler, die schwul sind. Ist heutzutage normal oder wird von vielen so gesehen", sagte Franziska.
"ICH BIN NICHT SCHWUL", sagte Ralph lauter.
"Wirklich?", fragte John in provokativen Tonfall.
"Nein. Lass ihn. Wenn er das so sagt...wollen wir das glauben. Aber wir verstehen es nur nicht, dass es mit den Frauen bei Dir nicht so hingehauen hatte", sagte Franziska.
"Da war mal eine Schülerin, in die ich mal verknallt war", erzählte Ralph.
"Aha. Und. Die wird doch sicher mal..."
"Nein. Es haute hinten und vorne nicht hin", sagte Ralph.
"Was?", fragte John laut und mit großen Augen.
Johns Kopf fiel nach hinten und er fing an zu lachen.
"Hinten und vorne?"
Auch Franziska krümmte sich vor Lachen.
"Dann hast Du also doch was gehabt", sagte John lachend. Es war ein fieses Lachen, das sein Gesicht in Falten setzte.
"Nein. Ich meinte, dass wir geistig oder in der Kommunikation nicht auf einen Nenner gekommen sind", erklärte Ralph.
"Du meinst verbale Kommunikation. Nicht körperliche Kommunikation. "
"Körperliche... äh geistige Kommunikation," sagte Ralph. John und Franziska brachten ihn merklich aus der Fassung. Und die Spannung zwischen John, Franziska und Ralph wuchs. Und John und Franziska genossen Ralph zu provozieren, zu irritieren, zu verstören oder aus der Fassung zu bringen. Nutzen ihn aus und verhöhnten ihn, wo sie nur konnten und genossen ihre Macht durch ihre Erfahrung. Und Franziska genoss es ihn mit Johns Erlaubnis zu verführen. Als der Kaffee fertig war, tranken sie den Kaffee. Dann konnte John, der inzwischen erregt war, nicht mehr warten.
"Du willst die Überraschung?", fragte sie John.
"Ja."
"Gut. Dann komm mit." Dann sprach sie zu Ralph. "Du wartest hier in der Küche. Es sei denn wir rufen Dich. Denn John und ich gehen ins Wohnzimmer. Und dann ein Weilchen ins Schlafzimmer. Ich hoffe, Du kannst warten", erklärte Franziska den irrtiert aussehenden Ralph.
"O.K.", sagte Ralph und versprach, in der Küche zu warten. Er war überrascht von dem Verhalten von Franziska und John. Sie verschwanden kurt darauf im Wohnzimmer und er hörte, dass sie leise etwas besprachen. Er wusste nicht, was sie besprachen und war deshalb etwas beunruhigt. Doch war er immer mehr fasziniert von Franziska. Immer wieder starrte er Richtung Wohnzimmer, wo sie war! Und er stellte sich vor, als würde sie nackt vor ihm stehen. Und seine Erregung und Erwartung wuchs. Es war zu spät für ihn. Er war gefangen von dieser Frau!

Während Ralph in der Küche wartete, waren John und Franziska im Wohnzimmer. Sie alberten rum, machten Scherze – meist über Ralph – und kicherten. Für sie war die Situation nur ein Spaß.
"Was der in der Küche alleine wohl macht, wenn er heiß läuft?", fragte John.
"Das ist ein witziger und spritziger Typ. Das habe ich in den Videos gesehen", sagte Franziska.
"Der macht es wohl wie die Affen, wenn sie zu sehr alleine sind."
"Wollen wir ihn wirklich dort alleine lassen? Wir kennen ihn kaum. Oder darf er uns zusehen?", fragte Franziska.
"Er ist das nicht gewohnt, so eine lockere Umgebung zu erleben. Ich hoffe er ist nicht verstört", meinte John.
"Nein. Der ist ein Mann. Das muss er abkönnen", sagte Franziska.
"Meinst Du? Ein Mann, der fast keine Erfahrung hat? Muten wir ihm nicht für den Anfang nicht zu viel zu?", fragte John.
"Nein. Es geht schon", sagte Franziska.
"Ich meine, zahlen tut er ja. Wenn er ab und zu kommt, kann ich Dir mehr kaufen. "
"Das ist wunderbar."
"Und Spaß hast Du auch und brauchst die anderen Typen nicht mehr", erklärte John.
"Das ist richtig."
"Und das ist auch sicherer in der Coronakrise. Ich habe zwar nicht viel Angst vor Corona. Aber ein bisschen sollte man da schon aufpassen. Da habe ich etwas umgedacht. Denn da sind ja viele Tote. Und die Inzidenzzahlen steigen", sagte John.
"Das stimmt. Aber jetzt sollten wir uns etwas entspannen. Ich habe da Deine Überraschung für Dich. Aber vorher gehst Du kurz ins Badezimmer ..." John tat was Franziska wollte. Er ging an Ralph, der in der Küche sass, vorbei auf den Flur und danach in das Badezimmer. Dort duschte er. Nach kurzer Zeit kam er frisch geduscht und sauber wieder ins Wohnzimmer zurück.
"Fertig", sagte John.
"Dann komm."
Dann gingen John und Franziska ins Schlafzimmer. Dort zog sich Franziska bis auf den Slip aus. Sie holte ihren Bademantel aus dem Schrank und zog ihn über. John zog sich ganz aus.
"Leg Dich bitte auf den Rücken", bat sie. "Du hast Stress und bekommst jetzt Deine Medizin", sagte sie lächelnd. Und sie nahm weiße Arzthandschuhe aus dem Schrank und zog sich diese an.
"Ich werde Dich etwas behandeln. So. Entspannt hinlegen", sagte sie. "Deine Hände. ganz entspannen." John folgte ihren Therapie-Anweisungen. Es war ihr Corona-Rollen-Spiel.
Dann massierte sie seine Brust. Seinen Hals. Seinen Bauch und ihre Hände wanderten weiter runter...

5. DAS DRITTE RAD AM WAGEN

Ralph saß in der Küche und war nervös und verstört. Und mit der Situation überfordert, die juristisch ausgedrückt außerhalb seines Erfahrungsbereiches lag. Er hatte auf ungewöhnliche Art John und Franziska kennengelernt. Sie hatten ihn als dritten Mann (Hausmann, Ersatzlover oder Spielgefährten) dazu geholt. Er hatte sie von draussen im Schlafzimmer gefilmt und beobachtet, was ein Fehler war und das hatte zur Folge gehabt, dass sie ihm -zumindest zeitweise-das Handy weggenommen hatten, seine Aufnahmen gelöscht hatten und seine ganz privaten Videos auch für sich heruntergeladen hatten (und er nicht wusste was sie damit in Zukunft tun würden oder nicht.) Dann hatte er was mit Franziska gehabt. Er hatte auch Geld an sie gezahlt und nun saß er da alleine in der Küche und John und Franziska waren ins Schlafzimmer gegangen. Aber was machten sie dort genau?, fragte er sich. Er wurde neugierig und die Spannung wuchs immer mehr. Und sein Verlangen nach Franziska wuchs ins Unerträgliche. Eben weil er in der Coronakrise ständig alleine war, keine Freundin, nichts hatte, kein Ausgleich zu seinem in der Corona-Zeit anstrengenden Jurastudium mit all den nervigen Videokonferenzen, dass er immer mehr als trocken und nervig empfand. Als er die innere Spannung absolut nicht mehr aushielt und sein Verlangen über seinen Verstand siegte, stand er von seinem Stuhl auf und schlich leise zuerst in den Flur und dann ins Wohnzimmer. Dann schlich er zur Tür, die zum Schlafzimmer führte und blickte durch das Schlüsselloch...

Es war inzwischen 14:30 Uhr. John und Franziska lagen eng aneinandergeschmiegt im Schlafzimmer. Franziska hatte die fast durchsichtigen, feuchten OP-Handschuhe ausgezogen und neben sich auf den Nachttisch gelegt. Sie wischte mit einem Handtuch noch etwas an Johns Bauch herum. Dann warf sie es in den Wäschekorb und kuschelte sich wieder dicht an John.
"Sag mal, John, ist der Ralph noch in der Küche?", fragte Franziska drängend, während sie seine Beine streichelte.
"Ach ja. Den haben wir ja vergessen", sagte John.
"Ich habe ihn auch vergessen. "
"Wie war es denn gestern genau?"
"Naja... er ist noch sehr verklemmt."
"Um ehrlich zu sein... ist er nicht etwas kurz geraten?", fragte John. "Das sind ...13 oder 14 cm."
"Och nö... Es geht. Da kenne ich Männer, die weniger haben. "
"Ach so?"
"Willst Du wirklich noch das volle Programm mit ihm machen? Ein Blow-Job reicht doch wirklich. Er zahlt dann. Und ist dann wieder schnell weg."
"Ne. 100 Euro ist dafür zu viel. Ich hab ihm versprochen, mehr zu machen für 100 Euro. Ich muss mich an mein Wort halten, sonst kommt er nicht wieder."
"Hast Du recht. Aber nächstens Mal machst Du was für 50", sagte John.
"Aber wir wollten doch Geld verdienen", mahnte Franziska.
"Ja. Schon. Aber ich mag Dich... deshalb fällt es mir schwer, Dich mit Ralph zu sehen. Mach wie Du willst."
"Ich kriech das schon hin. Es gibt keinen Grund, eifersüchtig zu sein."
"Aber alles, was über 50 hinausgeht: SAFE! Die Lümmeltüten sind im Schrank", ermahnte sie John.
"Ja. Ich pass auf."
Dann schwiegen sie eine Weile.
"Wollen wir den Fernseher anmachen?", fragte Franziska.
"Ja. Bitte."
Franziska stand auf, ging zum Schrank, holte eine Bettdecke aus dem oberen Fach und schmiss sie aufs Bett. Dann ging sie zu einem kleinen Tisch in der Ecke des Zimmers, auf dem der alte Fernseher stand. Dann schaltete sie den Fernseher an und krabbelte mit der Fernsehbedienung zurück ins Bett und legte sich neben John. Sie zog die Bettdecke so hoch, bis nur noch ihre Köpfe aus dem Bett hervorragten.
"Wollen wir Ralph rufen?", fragte John.
"Der hat uns bestimmt durchs Schlüsselloch beobachtet", meine Franziska.
"Wirklich?"
"RALPH", schrie Franziska.
Nach einer Weile ertönte seine Stimme hinter der geschlossenen Schlafzimmertür.
"Ich komme sofort. Ich zieh mich nur aus", sagte Ralph.
"Das ist O.K. Komm rein", sagte Franziska.
Es dauerte etwas. Dann ging die Schlafzimmertür auf und Ralph stand nackt vor ihnen. Und er hatte ein T-Shirt in der rechten Hand, dass er wie ein kleines Handtuch benutzen wollte. Seine Erregung war nicht zu verbergen.
Für Franziska ein Hingucker.
"Ist er nicht süß und zum Anbeißen? Wie er da so steht", fragte Franziska.
"Ja", sagte John.
"Er soll aber noch ein bisschen warten", sagte Franziska.
"Da ist ein Stuhl in der Ecke des Schlafzimmers. Du kannst Dich dort hinsetzen. Und mitgucken. Denn wir gucken fern", sagte John.
"Ja", sagte Ralph.
"Du hast uns ganze Zeit beobachtet?", meinte John.
"Ich ...äh...nein."
"Lüg nicht. Wir haben eine Videokamera aufgestellt, die Dich genau gefilmt hat," sagte John.
"Wirklich? Eine Videokamera?", fragte Ralph besorgt. Er guckte sich um. "Ich finde keine."
"Draußen! Vor der Schlafzimmertür im Wohnzimmer."
Ralph stand auf und wollte gerade aus dem Schlafzimmer ins Wohnzimmer laufen und nachsehen.
"Nein. Da ist keine Videokamera, Du Idiot. Hast Du wirklich geglaubt, da sei eine Videokamera? Du bist so leichtgläubig", sagte John lächelnd.
"Ich dachte, da sei eine", antwortete Ralph.
"So, jetzt sei still. Setz Dich auf den Stuhl und guck mit", sagte John.
"Sollen Franziska und ich nicht...", fragte Ralph. Er traute sich nicht weiterzureden.
"Nein. Jetzt gucken wir fern. Ein bisschen warten kann er aushalten", sagte John. Er liebte es wie Franziska mit ihm zu spielen. Corona-Spiele zu spielen. Oft schon an der Grenze zum Sadismus. Dann griff sich Franziska das Handtuch, das auf dem Boden lag und schmiss es John zu. John fing das Handtuch auf.
"Du kannst es Dir selbst machen, wenn du nicht warten kannst. Wie die Affen", sagte Franziska provokativ. "Ich guck auch zu, wenn Du das willst", sagte sie.
"Nein. Bist Du verrückt? Er zahlt sonst keine Kohle, wenn er so schnell fertig ist", sagte John.
"Hast recht. Es war auch nur ein Scherz", sagte Franziska.
"Über manche Witze bleibt mir sogar der Bissen im Hals stecken", sagte John.
"Bist Du sauer?"
"Quatsch. Ich bin locker. Ich will nur das Fernsehprogramm sehen. Du doch auch. Oder lenkt Dich Ralph zu sehr ab?", fragte John.
"Nein."
"Wirklich nicht?", hakte er nach.
"Nein. Aber Ralph ist für Dich auch bestimmt interessant", meinte Franziska.
"Nein", antworte John.
"Ein bisschen "bi" schadet nie", bemerkte Franziska.
"Nein. Ich nicht. Du willst mich nur ärgern", sagte John.
"Nein", sagte sie und lächelte süffisant.
"Dann ärger ich Dich gleich. Ich habe eine Feder. Die habe ich in die Nachttischschublade gelegt. Die kann ich rausholen und Dich damit kitzeln", sagte John.
"Mit einer Feder? Bitte nicht."
"Doch, Du bist kitzelig?"
"John. Bitte nicht. Bitte."
"Ich mach s. Hier kommt der Werwolf mit seinen Krallen und schnappt Dich. Und kitzelt dich", sagte John lächelnd. Er liebte es, wie Franziska in diesem Augenblick eine irre Show vor Ralph abzuziehen. Es machte ihnen einfach Spaß. Und sie spielten mit dem Feuer. Ohne zu ahnen welchen verhängnisvollen Ausgang das alles später nehmen würde.
John hob seine linke Hand und formte seine Finger zu Krallen. Und ließ die Krallenhand über ihren Kopf kreisförmig sausen. Dann ließ er die Hand schnell unter ihrer linken Achsel sausen. Und dann kitzelte er sie.
"John. Hahahahaha. Joooooooohnnn!", schrie sie und lachte grell.
"Noch ein bisschen!", schrie John lächelnd.
"Joooohn. Hör auf."
Dann ließ er ab und legte sich gerade auf dem Rücken neben Franziska.
Dann guckten alle drei schweigend auf das Fernsehprogramm. Nach ungefähr fünf Minuten sagte Franziska zu Ralph:"
"Schalt bitte das grelle Hauptlicht aus."
Ralph gehorchte, ging zum Lichtschalter und schaltete das Hauptlicht aus. Es wurde alles dunkel. Nur der Fernseher strahlte den Raum in einen blauen, unheimlichen Ton an und Ralph setzte sich wieder brav auf den Stuhl. Er fühlte sich etwas gedemütigt. Wie das dritte Rad am Wagen. Aber er ließ sich alles gefallen. Er liebte und begehrte Franziska und ließ deshalb alles mit sich geschehen. Und da nahm er Johns Spielchen in Kauf. Kleine Corona-Lockdown-Spielchen. Und er war auch unendlich neugierig auf das, was alles noch geschehen würde.
Es war für ihn eine seltsame verstörende, aber auch faszinierende, geheimnisvolle Welt, die er betreten hatte. Wie im einen Film Noir. Und er war auch fasziniert von diesem (aus seiner Sicht) seltsamen Paar.
Sie alle guckten noch eine Weile fern. Dann kletterte Franziskas plötzlich auf Johns Körper, setzte sich auf seinen Bauch und ihr Ober-Körper mit ihren nackten, abstehenden Brüsten erhob sich und stand kerzengerade vor John. In der Absicht, dass Ralph dies sah. Ralph saß auf dem Stuhl und starrte gebannt auf Franziskas wohlgeformten Körper. Mit weniger Wohlwollen sah er Johns Körper unter ihr. Zwar war er sein Gastgeber und er hatte trotz der anfänglichen Abneigung gegen John inzwischen eine gewisse Sympathie für ihn entwickelt. Eben weil John in seinen Augen eine coole Art hatte. Doch jetzt erkannte er, was John ihm alles Voraus hatte: Erfahrung, Witz, seine Männlichkeit, einen durchtrainierten Körper. Und vor allen Dingen Reife. Und die Fähigkeit mit Frauen umzugehen! Und er stellte fest, dass John eine gewisse Bauernschlauheit hatte. John war trotz des Narbengesichts ein interessanter Mann. Und er strahlte diese Dominanz und Gefährlichkeit aus, die auf manche Frauen anziehend wirkte. Und Ralph dachte": Was hatte der schmierige John für ein Glück, ausgerechnet diese Franziska getroffen zu haben!"
Kurz: John hatte alles, was Ralph nicht besaß. Und diese Franziska, die Ralph auch begehrte und besitzen wollte! Er fühlte, dass er nur das dritte Rad am Wagen war und dass er Franziska nie ganz besitzen würde und dass er nur zufällig am Privatleben der beiden teilnehmen durfte. Für nur eine kurze Zeit und danach würde man ihn - nachdem man ihn benutzt hatte wie eine Wegwerfflasche wegwerfen oder abservieren - so sagte eine innere Stimme in ihm. Dann sagte eine andere Stimme ihn ihm, dass es möglicherweise nicht so war. Vielleicht würde da mehr daraus entstehen? Eine längere Freundschaft...? Er konnte das in diesem Moment nicht klar beurteilen, weil sein Sinn und Urteilsvermögen durch seine Liebe und Besessenheit zu Franziska getrübt war. Nichts war klar.
Als er den beiden weiterhin bei ihren sexuellen Handlungen zusah, war ihm bewusst, was ihm all die Jahre und besonders in der Corona-Zeit gefehlt hatte. Starke Gefühle der Sehnsucht und Leidenschaft stiegen in ihm auf, die von Gefühlen von Neid und Missgunst in Bezug auf John begleitet waren. Und er begann John nicht nur immer mehr zu beneiden, sondern auch ein wenig zu hassen. Auch deshalb, weil dieser so ein interessanter Typ war und er nicht. Und dass ausgerechnet dieser John, der noch nicht einmal Abitur hatte, ausgerechnet Franziska besaß und er, Ralph, der Jura-Student, KEINE Frau hatte. Und dass auch keine Frau in seiner Umgebung ihn wollte! Er versuchte jedoch, seine eigenen Gefühle (die ihm zuerst peinlich waren) zu verdrängen, verleugnen und zu unterdrücken so gut es ging. Und dann irgendwann neigte sich der Liebesnahkampf dem Ende zu. Nachdem John beim Schlussakt am Ende heftig "gekommen" war, beugte sich Franziska zu John runter und küsste seinen Mund. Und dann seinen Hals. Und seinen Oberkörper. Und als Ralph all dies am Schluss beobachtete, wuchs nicht nur sein Neid, sondern auch seine Besessenheit für Franziska immer mehr.
"Wir sind bei einer Freundin von mir eingeladen. Sie heißt Linda. Und hat auch einen Mann. Der heißt Jochen", sagte Franziska.
"Linda?", fragte John. Dann erinnerte sich John plötzlich an sie. Sie hatte mit ihren Mann Jochen Franziska Ende Januar 2021 besucht. War nur ganz kurz da. Sie war - so erinnerte er sich- dem Alkohol nicht abgeneigt. Sie gehörte zu den wenigen Personen, die Franziska Mitte Januar bis Anfang Februar 2021 besucht hatten. In der Zeit des Lockdown als John relativ frisch bei ihr eingezogen war
"Die Linda kennst Du. Da hatten wir uns gerade kennengelernt und waren nicht so fest zusammen wie jetzt", erinnerte ihn Franziska.
"Ich weiß. Ich erinnere mich", sagte John.
Er dachte an das, was sie eben gesagt hatte. "Fest zusammen. Fest zusammen. Fest zusammen sind wir jetzt", dachte John und lächelte innerlich (während Ralph immer eifersüchtiger wurde). John hatte es geschafft! Sie wollte ihn fest haben! Sie hatte es schon früher angedeutet. Aber nun war es für ihn klar.
"Du hast mir nicht erzählt, dass sie uns eingeladen hat", merkte John an.
"Ich wollte Dir das jetzt sagen", sagte Franziska.
"Wieso erst jetzt?", fragte John stutzig.
"Ich dachte, dass Du kein Interesse hättest."
"Doch. Doch. Ich habe Interesse. Wieso denkst du, dass ich kein Interesse hätte? Wenn es Dir Spaß macht, ist es mir auch wichtig", sagte John.
"Dann ist ja gut. So selbstlos kenne ich Dich nicht", sagte Franziska.
"Was denkst Du von mir?"
"Ich dachte Du seist ein egoistischer Typ", sagte Franziska lächelnd.
"Was? Was denkst du von mir?" fragte John.
"Entschuldigung."
"Willst Du Ralph mitnehmen?", fragte John.
"Nein. Es sind zu viele Leute dann", sagte Franziska.
Es klang in Ralphs Augen herzlos, wie sie das sagte.
"Stimmt. Wir haben Corona und sind immer noch im 3. Lockdown. Man soll ja Kontakte in der Coronakrise beschränken. Nur eine Person aus einem fremden Haushalt ist eigentlich erlaubt", sagte John. Er war froh, dass Ralph nicht mitkommen konnte. Für ein kurzen Treff in der Wohnung war es in Ordnung, dass Ralph kam und er konnte Franziska kurze Zeit Vergnügen bereiten. Mehr auf keinen Fall. Mehr war "too much" und er musste dann auch gehen.
"Das stimmt schon. Ist ja keine Party. Nur ein Treff zum Abendessen. Und nur wenige Leute kommen", erklärte Franziska.
"Das ist gut. Können wir machen", sagte John." Wann ist das genau?"
"Morgen Nachmittag. 16 Uhr", sagte Franziska.
"Gut."
"Natürlich mit Abstand und Maske."
"Wirklich?", fragte John.
"Ja. Und alles geheim."
"Ja."
"Ralph müssen wir leider hierlassen. Er muss warten", sagte Franziska.
"Der arme Kerl", meinte John.
Er blickte zu Ralph rüber.
"Bewegt sich etwa seine Hand auf und ab?"
Franziska drehte sich zu Ralph um.
Ralph saß dort ruhig auf dem Stuhl. Sein T-Shirt bedeckte alles was unterhalb seines Bauchnabels war.
"Da ist alles ruhig."
"Ist da eine Beule unter dem T-Shirt?", lächelte John.
"Nein. Du sieht alles durch die verdorbene Brille", sagte Franziska und legte sich jetzt dicht neben John und bedeckte sich und John mit der Decke
"Soll er nicht zu uns ins Bett kommen?", fragte Franziska.
"Willst Du das wirklich?"
"Ja. Er soll sich neben Dich legen" schlug sie vor.
"Neben mich? Nein. Er kann sich neben Dich legen. Und Du in der Mitte. Ich links und er rechts", sagte John.
Dann rief Franziska Ralph.
"Ralph. Leg Dich bitte zu uns. Neben John," sagte Franziska.
"Nein. Nicht neben mich. Neben Franziska", sagte John.
"Dann neben mich auf der rechten Seite", sagte Franziska.
Dann stand Ralph auf und ging zu rechten Bettseite in Franziskas Nähe. "Bleib mal stehen. Ich will ein Foto machen", sagte Franziska. Sie beugte sich zu ihrer Hose, die auf dem Boden lag und holte ihr Handy aus der Tasche raus. Dann schaltete sie das Handy an, wählte die Kamerafunktion aus und richtete die Kamera auf Ralph. Dann drückte sie mehrmals den Fotoknopf und machte von Ralph mehrere pikante Fotos. Und dann drückte sie den Kamera-Aufnahmeknopf. Auch als er erregter wurde.
"Du brauchst jetzt nicht filmen. Das kann ich gleich machen", sagte John.
Dann stoppte sie die Aufnahme und legte sie das Handy auf den Nachttisch.
"Komm jetzt zu uns ins Bett. Leg Dich direkt neben mich auf die rechte Bettseite", sagte Franziska zu Ralph.
"Ja", sagte Ralph.
Dann legte sich Ralph neben Franziska auf die rechte Bettseite. Und kaum hatte sich Ralph unter die Bettdecke neben Franziska gelegt, fing sie schon Ralph anzugrabschen und zu streicheln. Sie streichelte seine Brust. Mit der Hand. Mit einem Finger wobei der rotbemalte Fingernagel zärtlich auf seiner Brust auf und abfuhr. Und dann wanderte sie weiter runter. Und dann umklammerte mit der Hand seinen strammen, hochstehenden Stift. Währenddessen unterhielt sie sich weiter.
"Ich denke, dass Linda ein feines Essen hat. Putencurry. Da gibt s sicher auch tolle Salate. Du stehst ja auf Salate", sagte sie und spielte weiter an Ralph herum. Und ihre Hand begann sich unter der Decke schneller auf und ab zu bewegen und zu schütteln. Dann machte sie mit John mit der anderen Hand genau dasselbe was sie mit Ralph tat. Dabei redete sie weiter.
"Bei Linda gibt es Kartoffelsalat. Nudelsalat. Hähnchensalat mit Mandarine."
"Ja. Ich esse nicht mehr Nudelsalat. Ich esse meistens davon zu viel...und das ist nicht gut für meine Figur."
"Da musst du weniger essen, mein Schatz."
"Ja... Oh, Franziska... Du machst mich verrückt", keuchte John.
Die Bettdecke begann immer mehr zu zittern.
"Ist etwas?", lächelte sie.
"Ich kann Dir ein Handtuch geben, wenn Du zu viel schwitzt".
"Nein. Nicht nötig. Mach weiter", sagte John. "Deine Streicheleinheiten und Entspannungsmassagen sind was Besonderes!"
"Du wirst ja so zart wie Butter", hauchte Franziska.
"Bei Dir ja."
"Sei leise. Du verdirbst Ralph die Stimmung", sagte sie leiser.
Wenig später drehte sie sich zu John um und wanderte mit dem Kopf unter die Bettdecke. Und wenig später bewegte sich ihr Kopf auf und ab. Nach einiger Zeit wanderte sie dort in Ralphs Richtung. Und tat mit ihm dasselbe, was sie auch mit John gerade getan hatte. Auch das gehörte zum Corona-Lockdown-Spiel.

Es war inzwischen etwa 20 Uhr. John und Franziska lagen dicht umklammert Bett und bemerken, dass sich Ralph neben ihnen im Bett nicht mehr rührte. Sie lösten sich aus der Umarmung und Franziska packte Ralphs Arm und schüttelte ihn kurz.
"Ralph. Wach auf", rief sie.
Doch er rührte sich nicht.
"Was ist los", fragte John leise.
"Er rührt sich nicht."
John blickte Ralph an. Er sah, dass er atmete und tief und fest schlief. Seine Hand bewegte sich etwas: "Er schläft nur". John stand auf und sagte": Ich gehe duschen. Mach uns etwas zum Abendbrot. Wir haben kein Mittag gegessen."
"Ja. Was soll ich machen?", fragte Franziska.
"Zu dieser Uhrzeit esse ich nichts Warmes. Das liegt mir nachts dann zu schwer im Magen. Dann schmier` uns doch besser Brote."
"Was möchtest Du auf das Brot haben? Käse oder Salami?", fragte Franziska nach.
"Mach mir Brote mit Käse und bitte mit Tomate drauf, es müssten noch welche da sein", bat John Franziska.
Franziska stand auf, griff sich den Bademantel , der auf einem Stuhl lag und warf ihn sich über. Während John sich duschte, ging sie in die Küche und bereitete dort das Essen vor. Sie fand im Kühlschrank tatsächlich noch einige Tomaten, die sie vor drei Tagen gekauft hatte und noch gut waren. Sie zerschnitt drei Tomaten mit dem Küchenmesser in kleine Stückchen. Nachdem sie drei Brote mit Käse beschichtet hatte, legte sie die zerschnittenen Tomatenstücke drauf und streute etwas Salz und Pfeffer darüber. Für John machte sie noch ein Salamibrot. Ralph plante sie nicht fest ein, da er noch tief und fest schlief. Wenig später stellte sie zwei Teller mit drei gewürzten Tomaten-Käse-Broten und dem Salami-Brot auf den Küchen-Tisch. Dazu machte sie für sie und John eine Tasse Pfefferminztee. Wenig später erschien John etwas müde wirkend frisch geduscht und barfuß mit T-Shirt und Jeanshose (die er sich schnell angezogen hatte) in der Küche. Er fing an zu husten und ließ sich auf einen der Küchenstühle fallen.
"Ich hoffe, es ist nicht Corona", rutschte Franziska so raus.
"Corona? Dann müsste ich die typischen Symptome haben: Fieber, Gliederschmerzen, Atemprobleme...", sagte John.
"Es kann auch vorkommen, dass man die ersten Symptome gar nicht bemerkt, hörte ich. Das war auch bei dem Bekannten einer meiner Freundinnen so", erklärte Franziska.
"Hat er überlebt?"
"Ja. Schon. Aber er hat Folgeschäden. Kann immer noch nicht so gut atmen beim Treppensteigen. Ist vergesslich geworden und immerzu erschöpft", erzählte Franziska.
John war ja beim Thema Corona früher cooler gewesen und hatte die Befolger der Corona-Maßnahmen oft genug sogar belächelt, was er inzwischen nicht mehr tat. Das war im Sommer 2020, als er sich noch etwas über die Coronamassnahmen lustig gemacht hatte. Das war in der Zeit als vieles gelockert wurde und sich vermehrt Sorglosigkeit bezüglich Corona in großen Teilen der Bevölkerung breit machte. Und er war als Mitläufer sogar in Berlin auf einigen fragwürdigen, verbotenen Demos gewesen, was er nun nicht mehr machen wollte. Denn in letzter Zeit war er vorsichtiger geworden -obwohl er (auch aus Nachlässigkeit) immer noch oft zu leichtsinnig war und oft keine Maske trug -besonders wenn er unbeobachtet war. Doch einige Ereignisse brachten ihn dazu etwas umzudenken. Es passierte einfach zu viel! Und die Inzidenzwerte stiegen! Das war nicht wegzudiskutieren. "Sie hat Recht. Sie hat ja so Recht", dachte John. Er dachte an einen muskulösen 35-jährigen Bodybuilder, der kürzlich auf der Intensivstation an Corona gestorben war. Er hatte das kürzlich in der Zeitung gelesen.
"Du bist manchmal sehr nachdenklich", sagte Franziska.
"Ja. Ich weiß. Ich denke nach. Über mein Leben und an das was um mich so passiert."
"Ja."
"Ich bin glücklich mit Dir. Und denke manchmal, dass ich Dich und das Glück, das ich mit dir erlebe, eigentlich gar nicht verdiene ...", sagte John nachdenklich.
"Wieso?"
"Naja. Ich war vom geraden Weg abgekommen. Als ich durch vertrackte Situationen meine Arbeit verlor. Da war ich... äh... auf die schiefe Bahn geraten. War ausgerastet. Es gab Rückfälle mit Alkohol und Drogen. Und ich hatte auch einige Handtaschen geklaut. Da war so einiges an Mist passiert", erzählte John.
"Aber das ist doch Vergangenheit", warf Franziska ein.
"So einfach ist das nicht. Ich schlafe deshalb manchmal schlecht", sagte John.
"Es verfolgt Dich immer noch", fragte sie nach.
"Manchmal."
"Was ist denn eigentlich Dezember passiert? Ich weiß nicht genau...15. Dezember, als Du in Hamburg warst. Mit Deinem Freund... Wie hieß er?", fragte Franziska.
"Torsten Siebert heisst er."
"Du hattest von ihm erzählt", sagte Franziska.
"Ja. Da war was Schlimmes passiert. Ich stand unter Drogen. Das letzte Mal als ich unter Drogen stand, weil Torsten mich dazu verleitet hatte. Alkohol hatte ich getrunken. Zu viel. Ich war an diesen Tag verrückt. Totaler Blackout. Ich will das vergessen", sagte John.
"Und dann... gab es eine Schlägerei in der Bahn. Da hattest Du den Angreifer aus der Bahn gestoßen im Verteidigungskampf?", fragte Franziska.
"Ja."
John hatte ihr zwar alles erzählt, jedoch die Fakten verdreht. Franziska wusste also nur, dass das für John - harmlos ausgedrückt- ein etwas traumatisierendes, unschönes Ereignis war. Die Wahrheit und damit die tief dunkleren Seiten von John kannte sie nicht. Sie kannte nur Johns Version der Ereignisse: Dass er - als er ziemlich betrunken war - irgendwo (er wusste angeblich nicht wo das genau war) in der Bahn von einem ebenfalls angetrunkenen Unbekannten angegriffen worden war und dass er sich nur verteidigt hatte. Es war ein Unfall gewesen, dass dieser vermutlich aus dem Zug gefallen war. Das passierte als John ihn in diesem Moment der Notsituation im Abteil von sich weggestossen hatte, dieser dann besoffen weggegangen war und vermutlich dann irgend jemand oder er selber die Zugtür aufgemacht hatte und er dann aus dem Zug gefallen war. Aber war es wirklich so? Denn das hätte man auf Überwachungskameras sehen können. Ob es solche Aufnahmen tatsächlich gab, war aber Franziska nicht bekannt. Und sie stellte auch keinerlei weitere Fragen dazu. Denn sie interessierte das nicht besonders. Vielleicht war es alles auch nur eine Einbildung - so vermutete Franziska, da John in dieser Nacht Alkohol getrunken hatte und daher nicht nüchtern war. Denn alles, was John erzählte, war sehr unkonkret war und er konnte sich angeblich auch nicht an genaue Einzelheiten erinnern. Vermutlich steckt da ausser Alkohol nicht mehr dahinter, dachte sie.
"Es war einfach dumm gelaufen. Einfach nur dumm gelaufen", sagte John. "Und ich bereue das jetzt. Weil das auch so unnötig war. Aber so schlimm war das Ganze dann doch nicht. Das menschliche Gewissen kann manchmal überreagieren und uns einen Streich spielen."
"Ich verstehe. Ist der tot? Der aus dem Zug gefallen war?", fragte Franziska.
John versuchte, das Geschehen auf seine Art zu verdrängen und wich aus: "Weiß nicht. Aber egal jetzt. Das kann man sowieso nicht mehr ändern…War ein Unfall."
"Wenn er tot wäre, wäre es sehr schlimm", meinte Franziska.
"Ja. Aber ich denke, dass er es geschafft hat", sagte er. "Lass uns das Thema wechseln. Ich hätte das nicht erwähnen sollen."
"Ja. Schade...Und was ist mit Deinem Husten? Ich merke, Du hast ab und zu Husten", sagte Franziska.
"Das kommt vom Rauchen. Oder ist eine Erkältung. Das kriegt man mit Teetrinken wieder hin", erklärte John.
"Gehst Du dann zu Arzt?", fragte Franziska.
"Wenn es schlimmer wird."
Dann erschien plötzlich Ralph an der Tür. In Unterhose. Er wirkte so verschlafen, dass er von dem Gespräch wahrscheinlich nichts mitbekommen hatte. Zumindest hoffte das John.
"Na. Auch schon aufgestanden?", lachte Franziska.
"Hallo. Tut mir leid. Ich war vorhin bei unseren Aktionen eingeschlafen."
"Das kann passieren", sagte Franziska.
"Können wir noch... Wir haben einiges noch nicht gemacht, was wir früher abgesprochen hatten. Ich zahl Euch dann die 100 Euro. Ich lauf hoch in meine Wohnung und hol sie. Ganz bestimmt", bot Ralph an.
Franziska blickte John an.
"Ich hatte vorhin die ganze Zeit Hand-Jobs gemacht und meinen Mund eingesetzt. Mehrere Stunden. Zwar einige Pausen dazwischen... Meine Hand tut mir schon etwas weh. Es hat mir zwar Spaß gemacht aber ich brauche eine Pause", sagte Franziska.
"Hast Du gehört? Du musst jetzt bezahlen. Mehr läuft heute Abend nicht mehr", sagte John.
"Aber ihr hattet doch gesagt...", protestierte Ralph bis Franziska ihn unterbrach: "Ich hab´ ja nicht gesagt, dass heute Abend Schluss ist. Ich hab´ ja Lust. Ich will nur jetzt meinen Tee trinken und danach was Essen. Dann geht`s später weiter."
"Ich denke, wir sollten Schluss machen", meinte John.
"Ich hab´ ihm aber was für die 100 Euro versprochen", erklärte ihm Franziska.
"Willst Du das mit ihm wirklich jetzt noch machen?", fragte John.
"Ja. Werde ich machen. Eine kurze Pause. Und dann geht s los."
"Gut. Musst Du wissen."
"Kann er hier ausnahmsweise übernachten? Dann kann er alles gratis bekommen. Aber später muss er mehr zahlen", schlug Franziska vor.
"Das muss ich mir überlegen," meinte John.
"Ist doch eine gute Idee", sagte Franziska. Ihr Augen leuchteten.
"Ich finde wir müssten uns alleine mal unterhalten", sagte John zu Ralph.
"Ja. Ich verstehe. Ich kann sonst mich anziehen und gehen, wenn ich Euch störe. Das Geld bringe ich Euch natürlich", versprach er.
"Das müssen Franziska und ich erst mal besprechen. Geh mal kurz raus. Geh ins Schlafzimmer und warte dort bitte. Wenn wir Dich rufen, kommst Du bitte in die Küche."
"O.K.", sagte er lächelnd. "Ich würde mich freuen, wenn ich hier übernachten könnte. Ich würde im Bett mein Bestes geben. Und alles machen was ihr wollt," flehte Ralph.
"Wir überlegen uns das. Und wenn wir das erlauben, möchten wir einige Filmaufnahmen machen. Auch von Dir. Nur für Franziska. In der Corona-Zeit. Für uns. Du kriegst selbstverständlich eine Kopie davon. Denn Du hattest uns auch gefilmt gehabt", erklärte John die Bedingung. "Und Du erzählst nichts weiter, was hier abgeht."
Ralph zögerte zuerst. Und dann senkte er den Kopf und sprach": Das ist O.K."
"Gut. Dann geh mal", forderte ihn John auf.
Dann ging Ralph brav ins Wohnzimmer und griff sich seine Jeans. Kurz darauf ging er damit ins Schlafzimmer. Er setzte sich auf das Bett und dachte nach. Was würde passieren? Was würde Franziska mit ihn machen? Sein Herz klopfte schon wieder. Und als er immer nervöser wurde, dachte er an seinen Arzt, der ihm riet in Stresssituationen eine Beruhigungstablette zu nehmen. So, wie er ihm schon andere Medikamente verschrieben hatte -besonders in der Corona-Krise. Auch Antidepressiva. Er holte aus seiner Jeans eine Packung Tabletten heraus, griff sich eine Tablette und steckte sie in den Mund. Die Schachtel legte er auf den Nachtschrank.

6. EINE NACHT MIT FOLGEN

John und Franziska redeten in der Küche über die Situation.
"Kann er hier übernachten?", fragte sie ihn nochmal. "Diese Nacht könnte er gratis kriegen. Aber künftig muss er zahlen."
John überlegte und antwortete noch unentschlossen: Ich weiß nicht recht. Ich kenn den Typen nicht weiter. Ich habe so gar keinen Bezug zu ihm. Was weißt Du über ihn? Ich weiß nur, dass er ein ausgehungerter Jurastudent ist, der scharf auf Dich ist, eine Etage höher in diesem Haus wohnt. Der will nur endlich mal im Bett so richtig Dampf ablassen! Gut. Er ist jung. Normal. Aber in einer Beziehung dreht sich eben nicht alles um Sex. Wenn er nur das Eine will, soll er in den Puff gehen, aber...", sagte John.
"Die haben doch geschlossen in der Coronakrise", sagte Franziska.
"Das wollte ich gerade sagen. Die haben zu."
Dann muss er das eben mit der Hand machen. Das hat sogar die Gesundheitsbehörde von New York wegen der Corona-Krise empfohlen. Wer das in der Corona-Zeit tut, gilt dort als vortrefflich! Das ist eine praktische Schutzmaßnahme vor Covid-19. Es gibt sogar technische Anleitungen. Ist alles in Internet zu finden. Auch wie man Toys auswäscht", erzählte John.
"Ja. Aber er kommt mit dem Single-Dasein nicht klar. Und dann ist er dauernd am Studieren. Das hatte er mir erzählt, als er mir mal half, den Schrank in die Wohnung reinzutragen", erklärte Franziska.
"Dann muss er aufhören mit dem Studium, wenn er das nicht gebacken kriegt. Er kann ja auch eine vernünftige Lehre machen. Das habe ich auch getan. Klempner. Ich hatte nur Pech, dass ich aus verschiedenen Gründen aufhören musste – was mit meinen Kindheitsproblemen zu tun hatte", sagte John.
"Das stimmt. Ich denke, für manche Personen ist eine Lehre besser. Das hängt von der Persönlichkeit ab", bestätigte Franziska.
"Eben."
"Was wollen wir mit Ralph machen? Soll er hier übernachten? Er kann eine schöne Nacht gratis kriegen – ohne dass ich verliebt bin. Und wenn er das nächste Mal kommt, muss er zahlen. Und er wird bestimmt wiederkommen, wenn die Nacht toll ist. Und wir haben dann Geld", erklärte Franziska.
John zögerte zuerst. Dann fand er auch, dass Franziskas Vorschlag gar nicht so dumm war.
"Ich denke... das machen wir. Wir probieren das aus", sagte John.
"Ich nehme Pille. Da geht Normaler Weise alles ohne. Zur Sicherheit aber Verkehr nur mit Gummi."
"Genau. Die letzte Sache nur mit Gummi."
"Du kannst ja in einer halben Stunde nachkommen ins Schlafzimmer. Du kannst ja jetzt weiter Abendbrot essen."
"Mach ich", sagte er mit gelangweiltem Gesicht. Dann aß er alleine Abendbrot, das nur aus einer Salami-Schnitte bestand. Franziska zog währenddessen ihren Bademantel aus und ging nur mit Slip bekleidet und mit wippenden Brüsten aus der Küche durchs Wohnzimmer in das Schlafzimmer. Ralph lag auf dem Bett und war gerade dabei, an sich herumzuspielen.
"So, jetzt geht s los", sagte sie. "Heute gibt´s das gratis."
Dann krabbelte sie wie eine Tigerin mit lüsternem Blick auf das Bett und setzte sich auf Ralphs Bauch.
"Jetzt beginnen wir. Das wird eine Nacht, die Du nicht vergessen wirst."
Dann ging sie zum Nachtschrank und holte eine Flasche Gleitgel raus.
"Es wird wie in einer guten Ehe sein. Fantastisch und leidenschaftlich ", sagte sie. "Und heute will ich alles. Zeig, dass Du ein Mann bist." Dann kam nach einiger Zeit plötzlich John mit einem Handy unauffällig ins Zimmer. Er wählte die Fototaste, drückte auf den Knopf und fotografierte alles. Später drückte er die Videotaste.

Dann verwöhnte Franziska Ralph mit der Hand. Mit dem Fairy Future Bodywand, mit dem Mund. Während John einiges filmte. Dann trieben es Ralph und Franziska in sämtlichen Stellungen. Für Ralph war es wie ein Rausch. In der zweiten Runde verloren sie immer mehr sämtliche Hemmungen. Sie setzte Ralph eine schwarze Maske auf den Kopf, die sie von einem Ex noch besass. Sie verband sich und ihn mit zwei schwarzen Tüchern die Augen. Sie spielten auch mit Kerzenwachs. Sie kettete ihn zeitweise sogar ans Bett und verwöhnte ihn dann.
Dann irgendwann lag Ralph fertig auf dem Bett und schlief wieder ein. John, der auch fast alles gefilmt hatte, filmte auch dieses mit seinem Handy. Dann stellte er das Handy aus.
"Soll ich ihn wecken? Er hat nichts gegessen", fragte Franziska.
"Nein. Jetzt ist Schluss. Er kann jetzt hier schlafen. Aber morgen geht er. Denn es herrschen Kontaktbeschränkungen! Er muss uns nur die Kohle geben. Ich muss nochmal klarstellen. Wir haben eine offene Beziehung. Das ist keine Swinger-Beziehung und hat auch nichts mit Prostitution zu tun, weil alles privat ist. Es geht um Spaß und um Lust. Alternativer Lebensstil. Weniger ums Geld. Und ich mache auch nur das, wozu DU, Franziska, Lust darauf hast. Dass wir kaum oder nur wenig Geld haben ist eine andere Sache-eine Ausnahmesituation-eine Begleiterscheinung von Corona. Aber ich finde, wenn wir einen Mann dazu holen, dann sollte der wenigstens etwas Kohle zahlen. Denn wir brauchen Geld", erklärte John.
"Das verstehe ich", sagte Franziska.
"Ich hoffe. Ich hoffe, er weiß das zu schätzen", sagte John.
"Ich möchte jetzt ins Bett", sagte Franziska.
"Ich auch."
Dann zogen sie sich aus und legten sich eng aneinander gekuschelt nebeneinander auf das Bett. Während Ralph schlafend neben ihnen auf der rechten Seite lag.

7. KONTROLLVERLUST

6. Februar 2021. Etwa um neun Uhr wachte John auf. Er drehte sich im Bett um und sah, dass Franziska und Ralph noch schliefen. Er stand auf, ging zum Schrank und nahm frische Unterwäsche aus dem Schrank. Seine dreckige Unterwäsche warf er in einen Korb, der im Schlafzimmer stand (die würde er oder Franziska später mit der Waschmaschine waschen). Kurz darauf ging er mit der neuen Unterwäsche, einem Pullover, den er sich aus dem Schrank geholt hatte (diesem hatte ihm Franziska im Januar günstig online gekauft), einem Paar Strümpfe und der Jeanshose (er besass nicht viel Kleidung) ins Badezimmer. Dort duschte er wenig später, zog sich an, rasierte sich mit Gilette und kämmte seine Haare nach hinten. Denn er wusste": Bei einer Frau sollte ein Mann von oben bis unten gepflegt sein, rasiert sein, parfümiert sein. Sonst wären die Chancen schlechter." Er hörte zeitweise Radio. Dann beschloss er zu einem Supermarkt zu gehen. Aber zu einem anderen, weiter weg gelegenen Supermarkt in der Weserstrasse, wo vielleicht weniger Stress und Streit (so wie er und Franziska das letztes Mal erlebt hatte) und auch mehr Auswahl an Lebensmittel gab als in dem Supermarkt, den er zuletzt mit Franziska besucht hatte. Mit dem Zweitschlüssel für die Wohnung in der Tasche, den Franziska ihm gegeben hatte und den zwei Plastik-Einkaufstüten in der Hand machte John sich auf den Weg in die Weserstraße. Da dieser weiter weg gelegen war (ungefähr 20 Minuten Fußweg), musste er einige leere Straßen überqueren. Auf den Weg dorthin sah er - als er sich auf der Weidenstraße befand - einen ungefähr 30 Jahre alten, langhaarigen Bettler auf den Gehweg an der Hauswand eines Wohnblocks auf einer dreckigen Decke sitzen. Neben ihm lag ein grauer Rucksack, in dem er -so vermutete John - seine Habseligkeiten eingepackt hatte. Vor ihm stand eine Spenden-Dose, in dem sich etwas Geld befand. Als John den Bettler erblickte, hatte er etwas Mitleid (da er selbst obdachlos war), holte sein Portemonnaie aus der Hosentasche, holte dort ein Euro-Stück raus und schmiss es vor dem Bettler in die Spenden-Dose. "Danke", sagte der Bettler. Dann ging John schweigend weiter. Als er zehn Minuten später den Supermarkt mit Maske, den zwei Plastik-Einkaufstüten und einem Einkaufswagen (den er am Eingang ergattert hatte) betrat, waren dort erfreulicherweise weniger Menschen als erwartet. Er legte wenig später eine Flasche Whisky, dazu Cola und ein paar Bier und Lebensmittel wie Brot, etwas Gemüse und einige Käsesorten und einige Gewürze, die es in dem anderen Supermarkt nicht gab, Wurst, Hackfleisch, Frikadellen, zwei Dosen Thunfisch, Heringsalat,...in den Einkaufswagen und stellte sich danach an der Kasse an. Kurz bevor er dran war, legte er noch eine Zeitung aufs Kassenband. Wenig später zahlte er an der Kasse, legte danach die Lebensmittel und alles was er sonst noch gekauft hatte in die zwei Tüten und verliess den Supermarkt.

Auf den Weg zu Franziskas Wohnung ging er durch einige leere Straßen. Als er die Straße namens Weidenstrasse entlang ging, hörte er plötzlich aus einem Fenster Geschrei. Dann ein Klopfen wie von Schlägen. Dann ein Klirr-Geräusch. John wusste, was das bedeutete. Es roch nach Gewalt. Und er wusste, dass es im Lockdown in vielen Ehen und Familien zu Gewalt kam. Denn die Geschäfte, Clubs, Restaurants, Fitnesscenter, Sportvereine, Schulen, Kultur- und Freizeiteinrichtungen ... hatten immer noch geschlossen ...Partys waren verboten. Nirgendwo war was los und deshalb saßen viele nur in ihren Wohnungen fest. Und viele Familien, die eng in kleinen Wohnungen zusammenwohnten, gingen sich sehr auf die Nerven. Hinzu kamen Angst vor Corona, Corona-Müdigkeit und das Überdrüssig -Sein der Coronamassnahmen wie Kontaktbeschränkungen, Maske und Abstand... (die ja notwendig waren). Besonders frustrierend war es für viele Leute, dass es keine Treffs mit mehreren Personen aus verschiedenen Haushalten gab oder nur heimlich unter schwierigen Umständen...Dazu kamen bei vielen Menschen wirtschaftliche, finanzielle Probleme, Arbeitslosigkeit oder Pleite hinzu .... Und nicht zu wissen was kommt oder auf viele Fragen, was die Zukunft betrifft, keine Antwort zu wissen. Dann gab es auch oft den Frust oder das Leid der Einsamen, die niemand besuchte, beachtete oder half - auch nicht in der Not...All die Einsamen, die frustriert waren, weil sie keinen Partner oder Partnerin hatten....All das konnte jemanden zum Ausrasten oder Durchdrehen bringen. Oder das konnte in Streit oder schlimmer noch in Gewalt ausarten. John wusste das zu gut, weil er selbst das bei oder mit seinen Eltern erlebt hatte, als er zeitweise bei ihnen in der Coronakrise 2020 gelebt hatte (was dann auch ein Grund für seinen Auszug war). Als John eine Weile vor der Wohnung, aus dem das Geschrei und die anderen Geräusche kam, stand, wurde er langsam wütend und hätte am liebsten bei dieser Wohnung geklingelt und sie angebrüllt. Oder hätte vielleicht auch zugeschlagen. Aber das hätte Ärger gegeben. Möglicherweise auch mit der Polizei. Und das konnte er in seiner Situation nicht gebrauchen. Deshalb beherrschte er sich. John stand ungefähr 5 Minuten vor dem Fenster und lauschte nach den Geräuschen und machte sich seine Gedanken. Dann ging er weiter. Kurz darauf hörte er aus einem anderen Fenster eines schäbigen Wohnblocks Gestöhne. Sie waren wohl beim Liebesakt, dachte er. Dann hörte er aus einem Fenster weiter weg das Klappern von Geschirr und das Laufen von Wasser. Und ein leckerer Essengeruch wehte ihm in die Nase. Das roch nach gebratenen Hähnchenfleisch. Da wurde wohl gekocht und abgewaschen! Etwa 10 Meter weiter stand eine alte Frau am Fenster. Sie wirkte einsam und traurig und blickte auf die menschenleere Strasse. Vermutlich besuchte sie niemand. So erging es vielen Menschen in Lockdown. Besonders ältere Menschen.
Dann sah John schon wieder den Bettler am Strassenrand sitzen, dem er schon auf dem Hinweg zum Supermarkt in der Weserstraße begegnet war und dem er ein Euro Spende gegeben hatte. Er wollte gerade an dem Bettler vorbeigehen, als dieser ihn ansprach.
"Hast Du noch 50 Cent für mich", fragte der Bettler.
Plötzlich riss die Plastiktüte mit den Lebensmitteln und den Bierflaschen, die John in der rechten Hand hielt. Und die Lebensmittel und Flaschen knallten auf die steinigen Gehwegplatten des Fusswegs. Zwei Flaschen Bier zerbrachen dort und ein Joghurt ging kaputt.
"Verdammt! Mist. Musst Du mich ansprechen?! Ich hab Dir doch schon Geld gegeben!", schrie John.
"Entschuldigung. Ich wollte Dich nicht stören. Ich will Dir helfen", sagte der Bettler.
"Nein. Ich brauche keine Hilfe", murrte John.
Dann stellte John die linke Einkaufstasche, in dem sich der Bourbon und einige Lebensmittel befanden, auf den Boden, bückte sich und fing an die Lebensmittel und Flaschen, die noch heil geblieben waren aufzuheben.
"Ich hab ja eine Tüte in meinem Rucksack. Die kann ich Dir geben", sagte der Bettler und holte aus seinem Rucksack eine Tüte hervor und gab sie John. John zögerte sie zuerst sie zu nehmen. Doch der Bettler war hartnäckig, hielt sie John weiterhin hin und sagte": Du kannst sie nehmen. Ist für Dich."
"Danke", sagte John mürrisch. Dann nahm er die Tüte und begann die Lebensmittel, die er gerade aufgehoben hatte in die Tüte zu packen.
"Ich hab das wirklich nicht gewollt. Ich helfe Ihnen", bot der Bettler an.
Dann stand der Bettler auf, lief zu John, begann ebenfalls einige Lebensmittel, die auf dem Boden lagen, aufzuheben und gab sie ihm, der sie in die Tüte reinpackte.
"Es tut mir leid. Ich hab das wirklich nicht gewollt. Ich wollte nicht, dass das passiert", sagte der Bettler schon wieder.
"Schon gut, schon, gut. Ich wollte nicht so griesgrämig sein. Ich bin nur etwas schlecht gelaunt, wenn so was passiert. Du kannst ja nichts dafür, dass die Papier-Tüte reisst" sagte John.
"Dann ist ja gut", entgegnete der Bettler.
"Danke für Deine Hilfe."
"Gern geschehen."
"Ich war früher auch mal obdachlos", erzählte John.
"Was? Ehrlich?", fragte der Bettler erstaunt. "Erzähl mal."
"Ich war mal auch auf der Strasse, Durch unglückliche Umstände. Der Chef meiner Gartenfirma, für die ich arbeitete, starb an Corona. Dann verlor ich meinen Job. Dann meine Wohnung. Es ging alles ganz schnell", erzählte John.
"Schlimm."
"Und Du?", fragte John.
"Ich war auf der Strasse gelandet, als meine Frau mich verlies und ich meinen Job verlor."
"So ähnlich wie bei mir."
"Ja. Aber ich bin bald runter von der Strasse. Jemand hilft mir", sagte der Bettler.
"Das ist toll."
John Blick fiel auf Spenden-Dose, in der sich Geld befand. Ein 10-Euro-Schein befand sich da drinnen. Der Rest war fast nur Kleingeld.
"Hast Du das heute bekommen?", fragte John.
"Ja."
"Wieviel ist da drinnen?"
"Nur ungefähr 15 Euro. Da kam einer, der als Wohltäter in der Gegend bekannt ist. Der schmiss 10 Euro rein. Den Rest haben einige Leute reingeschmissen. Die meistens geben nichts. Heute lief es Mal besser. Andere Tage verliefen mieser", erzählte der Bettler.
"Als ich obdachlos war, hatte ich mich auch öfters mal an die Straße gesetzt und auf Spenden gewartet. Es lief schlecht."
"Und wovon hast Du dann gelebt?"
"Man schlug sich so durch."
"Aber hoffentlich keine krummen Dinger", sagte der Bettler.
"Nein. Alles sauber", log John. "Mir fiel schon was ein."
"Was?", fragte der Bettler. Er verstand nicht.
"Ich traf eine blonde Frau. Sie half mir."
"Und was ist mit ihr? Hast Du noch Kontakt zu ihr?"
"Ich wohne jetzt bei ihr."
"Dann hast Du eine feste Beziehung?", fragte der Bettler.
"Ja", sagte John und hob mit dem Bettler zusammen die restlichen heilen Alkoholflaschen und Lebensmittel auf den Gehweg auf und legte sie in die Einkauftüte, die der Bettler ihm gegeben hatte. Dann reichte John ihm eine Flasche Bier.
"Wollen wir was zusammen trinken? Hier hast Du ein Bier", bot ihm John an.
"Gerne."
Der Bettler nahm das Bier dankend an. Wenig später öffneten sie beide ein Bier und stießen an.
"Auf unser Wohl", sagte John.
"Auf unser Wohl. Ich hoffe, dass die Coronakrise bald vorbei ist und wieder Normalität herrscht", ergänzte der Bettler.
Dann tranken sie beide einige Schlucke Bier.
"Ja. Ich bin sehr glücklich. Ich habe eine Traumfrau", sagte John.
"Gut", entgegnete der Bettler. Dann fragte er": Wie heisst Du eigentlich?"
John zögerte. Seinen wirklichen Namen "Johannes" oder Spitznamen "John" wollte er ungern sagen. So dachte er für sich spontan den Namen "James" aus. Und dachte dabei an den Schauspieler James Mason.
"Ich heisse James.", log John.
"Ich bin Ulf."
"Angenehm.Trinken wir."
Nachdem sie beide das Bier ausgetrunken hatten, holte John ein weiteres Bier aus der Tüte heraus und gab es Ulf.
"Hier. Ich geb Dir noch einen aus."
Aber Ulf lehnte ein weiteres Bier ab.
"Danke. Aber ich muss jetzt gehen. Ich werde auch gleich Schluss machen. Ich muss mir nachher was zu Essen kaufen", sagte Ulf.
Er nahm seine Spenden-Dose, packte das Geld in seine Hosentasche und legte die leere Spenden-Dose in den Rucksack.
Plötzlich hatte John - als er den Bettler näher betrachtete - eine Idee.
"Wie alt bist Du denn?", fragte John ihn. Sofort hielt Ulf inne.
"30. Wieso?", fragte Ulf.
"Ich hab eine Idee, Meine Freundin sucht ab und zu einen Mann. Einen Mitspieler", sagte John.
"Ach ja?", fragte Ulf.
"Willst Du sie mal sehen? Ich hab ein Foto", sagte John.
"Ja. Gerne."
John holte kurz darauf ein Foto von Franziska, wo sie auf dem Foto provokativ in die Kamera guckte und an einer roten Kirsche leckte, aus dem Portemonnaie und zeigte es Ulf.
"Das ist sie. Sie heisst Franzi. Sie ist Mitte 30", erklärte John.
Der Bettler Ulf nahm das Foto in die Hand und betrachtete es genauer. Dann gab er John das Foto zurück.
"Sie leckt nicht nur die Kirsche. Sie ist so heiss, dass sie diese auch manchmal zum Glühen bringt", erklärte John.
"Super sieht sie aus. Klasse", sagte Ulf.
"Wir leben in einer offenen Beziehung. Und suchen manchmal männliche Mitspieler."
"Warum erzählst Du mir das?", fragte Ulf.
"Vielleicht hast Du mal Lust bei uns mitzumachen. Es ist bei uns nicht langweilig im Lockdown. Meine Freundin sucht unbedingt einen Mitspieler. Wir haben so einen Typen, einen jungen Jurastudenten zur Zeit, der wirklich nicht viel hat in der ...naja. Ich meinte nicht so viel zu bieten hat. Ich hätte lieber etwas anderes für meine Franzi.", sagte John.
Ulf runzelte die Stirn. John dachte, dass er begeistert sein würde. Doch das war er nicht.
"Ich weiss nicht", entgegnete Ulf zögernd. Er wirkte etwas misstrauisch.
"Wenn Du mal Lust hast, kannst Du sie mal kennenlernen. Du bist ja noch jung. Sie sucht sowas. Du müsstest Dich etwas mehr pflegen. Dein Bart abrasieren und duschen. Saubere Kleidung anziehen."
"Wirklich?"
"Ja."
"Ich bin nicht darauf vorbereitet. Siehst Du wie ich aussehe? Ich hatte mich heute morgen etwas gewaschen mit Wasserflaschen und etwas Seife. Aber das reicht nicht. Ich müsste erst einmal mir andere Klamotten besorgen. Mich waschen, rasieren...Da wäre alles zu kompliziert", erklärte Ulf.
"Das würdest Du hinkriegen. Notfalls könntest Du bei uns in der Wohnung duschen und Dich frisch machen. Ich werde erst mal Franzi fragen."
So ein interessanten Body wie ich hat Ulf sicher nicht, dachte John. Ulf sah zwar seiner Meinung nach von Natur aus nicht schlecht aus. Wenn er sich waschen und stylen würde. Aber auch nicht gut in John`s Augen... Höchstens mittelmässig. Aber immer noch besser als dieser Vogel Ralph.
"Muss ich auch was zahlen? Das kostet bestimmt etwas?", fragte Ulf.
"Ich muss mit erst Franzi reden."
"Siehst Du? Und das ist mir zu ungewiss, Ich hab kein Geld. Oder zu wenig. Das har keinen Sinn mit mir."
"Ich kann mit Franzi reden."
"Ne. Lass mal. Ich will nicht."
"Gut. Das war auch eine dumme Idee, Dir das Angebot zu machen", sagte John..
"Erst einmal nein. Vielleicht überlege ich mir das später."
"Dann mal sehen."
Dann kam ein anderer, junger Mann aus dem Hauseingang, der sich ín Ulfs Nähe (aus Ulfs Sicht) auf der linken Seite befand. Der junge, schlanke und sportlich aussehende Mann hatte Zeitschriften in der Hand. Er ging auf Ulf zu und gab ihm eine Zeitschrift.
"Hier habe ich eine christliche Zeitschrift für Dich", sagte der junge Mann. Dann reichte er Ulf eine christliche Zeitschrift, die er dann nahm.
Dann drehte er sich zu John um.
"Willst Du auch eine Zeitschrift?", fragte der junge Mann John.
"Was ist das?", fragte John.
"Eine christliche Zeitschrift."
"Nein."
"Glaubst Du an Gott?"
"Ich weiss nicht", sagte John.
"Ich aber schon", sagte Ulf. "Er hat mich darauf gebracht. Wie reden seit wir uns letztes Jahr im November hier auf der Strasse kennengelernt hatten oft über Gott. Er gibt mir Zeitschriften. Er hilft mir auch. Will sich um eine Wohnung und einen Job für mich kümmern. Wohnt hier im Haus links."
"Ich bin der Gerd. Ich helfe ihn. Helfe ihm dabei eine Wohnung zu finden. Und erledige für ihn einige Behördengänge. Ich wohne hier in der Strasse - hier im Mietshaus - links", sagte der junge Mann.
"Dann hilfst Du ihm?", fragte John.
"Ja. Ich komme bald von der Strasse runter", sagte Ulf freudig.
"Ich glaube schon, dass es eine höhere Macht gibt. Ich weiss nicht genau...Keine Ahnung, wenn ich ehrlich bin. Diese ganze Ungerechtigkeit. Die heutigen Probleme. Es fällt mir ehrlich gesagt schwer ...heutzutage an irgendwas zu glauben."
"Verstehe ich", sagte Ulf.
"Es muss eigentlich eine höhere Macht geben, wenn man die Natur, Menschen und Tiere sieht...das ist niemals durch Zufall entstanden", sagte Gerd.
"Ja. Ich..."
John wollte gerade antworten. Dann unterbrach ihn Ulf. .
"Kannst Du Dir vorstellen? Der hat eine blonde Freundin. Sie führen eine offene Beziehung. Die sucht einen Mann. Einen Mitspieler", erzählte Ulf dem Prediger Gerd.
"Verstehe", safte der Prediger Gerd.
"Vielleicht ist das was für Dich?", fragte John. "So `ne kleine Nummer?"
"Nein. Erst heiraten. Ich bin verheiratet."
"Und glücklich?", fragte John.
"Ja."
"Und mal so ein kleinen Seitensprung?"
"Das wäre Ehebruch. Eine Sünde. Nein."
"Du musst das verstehen, James. Sex vor der Ehe haben Christen nicht. Erst nach der Ehe", erklärte Ulf.
"Was?", fragte John ungläubig.
"Das ist so", sagte Gerd.
"Verstehe."
"Ich bin ohne Trauschein mit meiner Freundin zusammen. Und glücklich. Ich hoffe, dass es länger hält", sagte John.
"Eben. Das ist es ja heutzutage. Fragt sich wie lange es hält. 50 Prozent Scheidungen haben wir in Deutschland! Und in vielen anderen Ländern ist das ähnlich. Besser ist es nach der Bibel zu leben. Nach den Geboten. Wie Treue in der Ehe. Streit vermeiden. Dann hält die Ehe auch", erklärte Gerd.
"Ja. Ich weiss nicht. Wird schon bei mir gut gehen", meinte John.
"Da solltest Du Dir nicht so sicher sein. Wir leben in schwierigen Zeiten", sagte Ulf.
"Die Welt ist heute böse. Der Teufel schläft nicht. Man soll alles Böse meiden. Auch schlechte Gesellschaft", sagte Gerd.
"Ja. Besser ist das."
"Du kannst errettet werden, wenn Du die Gebote beachtest. Leben im Paradies", sagte Gerd.
"Wirklich?"
"Ja. Und wenn nicht, führt das oft ins Unglück. Eine offene Beziehung und Affäre endet meistens im Unglück", ergänzte er.
"Ich denke. dass ich gut mein Leben in Griff habe" meinte John.
"Wir wollen Dich nicht belehren. Du musst selbst entscheiden, was Du tust. Wechseln wir das Thema."
Dann dachte John plötzlich an Franziska, die mit Ralph im Bett lag. Er wusste ja, dass sie sicherlich später aufstehen würden. Aber man wusste ja nie. Und so beschloss er nach Hause zu gehen. Zur Sicherheit, dachte John.
"Dann gehe ich mal", sagte John und nahm seine beiden Einkaufstüten in die Hand.
"Alles Gute. Ich werde jetzt auch meine Sachen packen und gehen...ich muss was Essen", sagte Ulf.
"Du kannst bei mir was essen", sagte Gerd.
"Ja. Gerne", antwortete Ulf.
John sagte noch kurz "tschüss" und ging weg. Kurz darauf ging er die Weidenstrasse runter bis zur Kreuzung. Dann bog er rechts in die Jakobistrasse ab. Kaum war er 100 Meter die Jakobistrasse runtergegangen, als er über das Treffen nachdachte.
Es war ein Fehler, solche Kontakte in der Lockdownzeit wegzuschmeissen. Man hätte sich austauschen und helfen können. Es ist immer besser gute Freunde oder gute Kontakte zu haben, dachte er. Wenig später beschloss er umzukehren und zu Ulf und Gerd zurückzukehren und mit ihnen die Telefonnummern auszutauschen. Man wusste ja nie. Aber nicht mehr, um sie Franziska vorzustellen. Er ging dann die Jakobistrasse runter bis zur Kreuzung. Als er in die Weidenstrasse einbiegen wollte, sah er aus einiger Entfernung, dass Ulf und der Prediger Gerd verschwunden waren. Sehr wahrscheinlich hatte Gerd ihn mit in seine Wohnung genommen. Da John nicht wusste, wo genau Gerd wohnte und auch nicht seinen Nachnamen kannte, konnte er auch keinen Kontakt mit ihnen mehr aufnehmen. (Er sah sie später nie wieder.) Die Sache ist vergeigt durch meine Arroganz, dachte er ärgerlich. Dann ging er zu Fuss die ganze Strecke mit den beiden Einkaufstüten zu Franziskas Wohnung.

Als er Franziskas Wohnung erreichte, schloss er die Wohnungstür auf, ging in die Wohnung, hängte seine Jacke auf dem Garderobenständer im Flur auf und ging mit den Einkaufstüten in die Küche. Dann stellte die beiden Tüten mit den Bier-Flaschen, dem Bourbon und den Lebensmitteln auf dem Küchentisch ab. Danach stellte er die Flaschen auf den Schrank und die Lebensmittel in den Kühlschrank. Dann ging er aus der Küche und schlich wenig später leise ins Schlafzimmer. Ralph und Franziska lagen noch schlafend auf dem Bett. Ralph hatte den Arm um Franziskas Körper gelegt. Franziska schien nichts zu merken.
"Franziska und ihre Männer. Das war doch keine gute Idee den Ralph von der oberen Etage dazu zu holen! Da wäre mir der Bettler - wenn er gewaschen und gut gestylt wäre - sicherlich lieber gewesen", dachte John. Düstere Gedanken stiegen in ihm auf. Hatte Ralph etwa mit Franziska geschlafen, während John einkaufen war? War was passiert oder nicht? Wenn ja, wäre es für ihn kein Hals und Beinbruch, aber er hätte es schöner gefunden, wenn er wenigstens dabei gewesen wäre oder zumindest in ihrer Nähe, wenn etwas zwischen ihnen (gegen Ralphs Bezahlung) gelaufen wäre. Vieles war zwar im Rahmen ihrer offenen Beziehung abgesprochen worden, aber trotzdem ging ihm der Kontakt zwischen Franziska und Ralph inzwischen etwas ZU WEIT. Er war zwar nur etwas ärgerlich, wollte aber trotzdem mit Franziska später darüber reden. Das war notwendig. Er rief daher": Franziska." Doch sie antwortete nicht. Dann sah er, dass es keinen Sinn machte weiter zu rufen, da Franziska und Ralf immer noch im Bett lagen und tief und fest schliefen. Nach einer kurzen Zeit ging er aus dem Schlafzimmer in die Küche. Dort nahm er sich ein Glas, die Colaflasche und die Whisky-Flasche aus dem Schrank und mixte sich ein Glas Whisky-Cola. Wenig später gab er einige Eiswürfel aus dem Tiefkühlschrank dazu. Als er gerade das Glas an den Mund ansetzte, um einen Schluck zu trinken, kam Franziska in die Küche.
"Guten Morgen", sagte Franziska.
"Guten Morgen. Habt ihr es miteinander getrieben, als ich weg war?", fragte John mürrisch.
"Nein. Bin gerade aufgestanden", antwortete sie.
"O.K."
"Warum fragst Du?", fragte Franziska.
"Ich frag nur so", sagte John.
"Ne. Da war nichts. Zumindest nichts, was nicht abgesprochen war", sagte Franziska.
"Ich habe kein Problem, wenn was läuft. Nur ich bin dabei oder man sagt mir Bescheid", sagte John.
"Ne. Alles klar."
"Dann ist gut", sagte John.
"Und Du hast eingekauft?"
"Ja. Ich traf unterwegs einen Bettler und einigen Prediger in der Weidenstrasse. Wir hatten kurz miteinander gequatscht. Denn meine Einkaufstüte war gerissen und der Bettler gab mir eine neue Tüte. So kamen ich mit ihm ins Gespräch. Auch mit einem Prediger, der später bei ihm war."
"Das ist ja nett. So hilfsbereit ist nicht jeder", meinte Franziska.
"Eben. Ich hab dem Bettler auch ein Euro gegeben. Und wir hatten zusammen Bier getrunken."
"Das ist gut. War was kaputt gegangen?", fragte Franziska.
"Zwei Bier. Ich Ärgere mich darüber. Ich lauf extra weit zum nächsten Supermarkt und dann reisst die Tüte und ich verlier zwei Flaschen Bier", erzählte John.
"Ärgere Dich nicht. Das kann passieren."
"Du hast Recht. War auch nachher alles in Ordnung. Wir hatten dann zusammen was getrunken und miteinander gequatscht und ich war dann weggegangen."
"Es gibt Schlimmeres. Du hast Dich wenigstens unterhalten können."
"Ja. Der Bettler und auch der Prediger oder der Christ, der mit ihm gesprochen hatte, waren später nicht mehr da."
"Das ist eben so". Dann wechselte sie das Thema. "Ich mach jetzt den Kaffee"
"Ja."
Dann machte Franziska einen Kaffee. John griff sich die Zeitung, die vor ihm auf dem Küchentisch lag und trank dazu aus dem Whisky-Cola-Glas.
"Trinkst Du jetzt schon?", fragte Franziska.
"Nur einen Schluck."
"Wir sind heute eingeladen", erinnerte ihn Franziska.
"Ja. Ich weiß."
"Was machen wir mit Ralph?"
"Der geht jetzt. Er holt die Kohle und dann ist Schluss. Ich hab´ kein Bock mehr", sagte John.
"Soll er denn gar nicht mehr kommen?", fragte Franziska.
"Doch. Aber nicht so oft. Heute sind wir eingeladen. Also läuft heute nichts", sagte John.
"Dann sag es ihm."
"Ja."
Dann kam Ralph in Unterhose in die Küche.
"Guten Morgen", sagte John.
"Guten Morgen", sagte Ralph.
"Hast Du eine tolle Nacht gehabt?", fragte John.
Er lachte begeistert.
"Sie war toll. Umwerfend. Ich habe noch nie so eine schöne Frau gesehen und erlebt", sagte Ralph begeistert.
"Oh. Toll. Wunderbar", sagte Franziska. Sie ging zu Ralph und gab ihm einen Kuss auf die Backe.
Dann sprach John zu ihm: "Das ist toll, dass Du eine gute Nacht hattest. Aber jetzt wollen wir Kohle sehen. Denn wir brauchen ein bisschen Geld."
"Ja. Hole ich. Einen Moment. Ich zieh mich an und dann gehe ich nach oben in meine Wohnung und ich hole mein Geld", versprach Ralph.
"Hoffentlich", sagte Franziska. Sie griff die Packung Kaffeepulver und schaltete die Kaffeemaschine an. Kurz darauf machte sie für John einen Kaffee, den er - weil er zu sehr ins Gespräch mit Ralph vertieft war - in diesem Moment zu trinken vergass. Ralph lehnte Kaffee ab und trank lieber nur ein Glas Orangensaft, dass Franziska ihm kurz darauf brachte.

Nachdem sie sich eine Weile unterhalten hatten (eigentlich wollte John ihn nur ausfragen), fragte Ralph": Sehen wir uns in den nächsten Tagen wieder?".
"Mal sehen", sagte John zögernd.
"Heute noch? Ich zahl dann mehr", bot Ralph an.
John blickte Franziska an und nickte.
"O.K. Heute noch", sagte Franziska.
"Wann heute?", fragte Ralph.
"Heute Abend."
"Wir sind heute eingeladen", erinnerte John sie.
"Dann kommt er heute Abend spät", schlug Franziska vor.
"O.K. Machen wir", sagte John.
"Um 22 Uhr?"
"O.K. 22 Uhr."
"Er kann jetzt hier noch Mittagessen", schlug Franziska vor.
"Ja. Sicher."
"Ich muss aber einkaufen", sagte Franziska.
"Dann kann er mitkommen", sagte John.
"Ja. Ich komme mit.", sagte Ralph.
"Dann ist das gut", sagte Franziska.
"Dann hol ich das Geld."
"Ja. Bitte."
Ralph ging aus der Küche, zog sich schnell an und rief als er auf dem Flur stand": Ich hol das Geld. Dann bis gleich". Dann verliess er die Wohnung, lief im Treppenhaus die Treppen hoch auf die erste Etage, schloss seine Wohnungstür auf und lief in seine Wohnung. Dort ging er im Wohnzimmer zu seinem Wohnzimmerschrank, in dem er dort mehrere hunderte Euro aufbewahrt hatte, die seine Eltern ihm kürzlich geschickt hatten. 250 Euro nahm er an sich und steckte das Geld in seine Hosentasche. Dann verliess er mit Herzklopfen und gewissen Erwartungen seine Wohnung, schloss die Tür hinter sich zu und lief eilig wieder die Treppen hinunter zu Franziskas Wohnung. Ja. Er hatte es eilig. Er wollte sie. Wollte. Wollte. Wollte sie. Hatte Blut geleckt, indem er mit Franziska intensive Leidenschaft erlebt hatte und nun war er süchtig danach und wollte mehr davon! Viel mehr! Er klingelte an Franziskas Wohnungstür und John machte die Tür auf. Als John ihn herein bat, ging er in die Wohnung und John verschloss hinter Ralph die Tür.
"Hast Du die Kohle? 100 für letzte Nacht und 100 Euro für diese kommende Nacht," fragte John.
"Ja."
Dann holte Ralph sein Portemonnaie aus der Hosentasche, holte die 200 Euro daraus hervor und gab das Geld John. Die restlichen 50 Euro, die (zumindest in bar) noch hatte, liess er in seinem Portemonnaie, das er kurz darauf wieder in die Hosentasche steckte. Denn er hatte vor später einkaufen zu gehen und sich auch Studienmaterial wie einige Ringblöcke, einen Hefter und einige Stifte zu kaufen...
"Bitte schön", sagte Ralph.
"Danke", sagte John. Er nahm das Geld und gab das Geld kurz darauf Franziska.
"Wir teilen Geld später -das meiste kannst Du behalten", sagte John.
"Halbe-halbe", sagte Franziska.
"Wenn du damit einverstanden bist. Die 100 Euro vom letzten Mal auch," sagte John.
"Ja."
Dann gingen sie in die Küche.
John zeigte auf einen Stuhl, der am Küchentisch stand und sagte zu Ralph": Setz Dich auf den Stuhl."
"Ja", sagte er. Dann setzte sich Ralph auf den Stuhl und John und Franziska setzten sich einige Augenblicke später auf zwei andere Stühle, die am Küchentisch standen. John trank kurz darauf aus der Tasse Kaffee, die ihm Franziska vor ungefähr sieben Minuten gemacht hatte.
"Der ist inzwischen nicht mehr sehr heiß", sagte sie.
John verzog das Gesicht.
Nachdem er einige Schlucke von dem kalten Kaffee getrunken hatte, sagte er": Ja. Ich merk schon."
"Du hättest ihn früher trinken sollen", sagte Franziska lächelnd.
"Weil wir alle so viel gequatscht hatten, war ich natürlich abgelenkt", sagte John.
"Ich hab´ aber keine Schuld?", fragte Ralph.
"Wer redet hier von Schuld? Es war einfach eine situationsbedingte Unachtsamkeit, die passieren kann, wenn man abgelenkt ist und sich um den Besuch kümmert", sagte John.
"Es tut mir leid, dass ich dazu beigetragen habe", sagte Ralph.
"Ne. Ist schon in Ordnung. Du hast mir auch Geld gegeben. Da hatte ich den Kaffee vergessen. Das kann passieren, dass man dann den Kaffee vergisst", sagte John.
"Das kann passieren. Aber Geld zu haben ist ja auch gut", warf Ralph ein.
"Da kann ich mir auch Reizwäsche kaufen. Reizwäsche zu kaufen für Dich in der Corona-Krise ist ja auch gut", sagte Franziska zu John. Sie nahm Johns Hand und streichelte sie. Ralph beachtete sie nicht. Ralph, der sich an Franziska und John langsam etwas gewöhnt hatte und an ihrem teils merkwürdigen Privatleben teilhaben durfte, ärgerte das. Er begehrte Franziska, war in sie auch inzwischen verliebt und wollte einfach mehr, als nur das dritte Rad am Wagen zu sein.
Franziska hatte aber trotz der aus seiner Sicht aufregenden Nacht nur Augen für John. Für sie, die verschiedene Männer schon gehabt hatte, war die Nacht mit Ralph nichts Besonderes, da hatte ihr John schon viel Besseres geboten.
"Fabelhaft. Fabelhaft. Du siehst natürlich auch ohne Reizwäsche fantastisch aus", sagte John. "Und ich bin froh, Dich getroffen zu haben, da mein Leben nun in eine bessere Richtung läuft."
"Du hast das doch bestimmt schon zu anderen Frauen gesagt", sagte sie schnippisch.
Johns Mund verzog sich und er schüttelte den Kopf: "Ne. Das war alles nicht das Gelbe vom Ei. Deshalb war ich früher mit Komplimenten auch sparsamer – um es mal so auszudrücken ", sagte John, "Es tut mir leid. Ich muss jetzt eine rauchen. Nur eine." Er stand auf und holte eine Zigarettenschachtel aus dem Küchenschrank. Er steckte sich eine Zigarette in den Mund und zündete sie an. "Ich hoffe, ich störe nicht, wenn ich eine Zigarette rauche. Ich will mir das abgewöhnen. Aber ab und zu –das kommt nicht mehr oft vor – muss ich eine rauchen", erklärte John.
"Ist schon in Ordnung", sagte Franziska.
"Ist O.K.", sagte Ralph.
"Aber erzähl mal weiter. Du redest ja nicht viel über Deine Vergangenheit. Du hattest doch Beziehungen gehabt", fragte Franziska wieder.
"Ja. Das war aber alles nicht nachhaltig. Irgendwie war alles immer im Sande verlaufen. Sonst wäre ich längst verheiratet", sagte John. Und blieb dabei sehr schwammig. Deutlicher wollte er nicht werden – nicht im Beisein von Ralph zumindest.
"Da war wohl nicht die Richtige dabei?", vermutete Franziska.
„Ja, man muss die Richtige treffen. Und das Glück hatte ich damals nicht. Auch nicht die Reife. Ich will es mal so zusammenfassen", sagte John, "Das waren Erfahrungen. Und das war´s auch."
"Aber Du musst ja reichlich Erfahrungen gehabt haben. Im Bett. Das ist schon zu bemerken", lachte Franziska.
"Jo. Was soll ich sagen? Das hat sich so ergeben. Mal hier und da eine getroffen. Ich dachte damals zuerst jedes Mal, da würde mehr draus werden. Wurde eben nicht."
Dann mischte sich Ralph in das Gespräch ein: "Wann hast Du Deine erste Liebe oder Frau getroffen?"
"Ich äh..." John nahm genüsslich einen langen Zug aus der Zigarette und blies den Qualm langsam in die Luft, während er rechte Hand mit der Zigarette weit hochhob. Er wirkte wie ein Schauspieler, der Overacting betrieb.
"Ja... Was soll ich sagen... ich ... ähm... traf damals Mathilde mit 17. Sie wohnte in der Nachbarschaft."
"Ja. Und dann?"
"Ja. Sie war 30, Lehrerin. Nicht in meiner Schule, sondern in einer anderen Schule. Ich spielte damals mit einigen Jungs auf der Straße Fußball. Ich war hingefallen und hatte etwas mein Knie aufgeschlagen – was beim Spielen vorkommen kann. Und der Ball flog beim Spiel in den Garten der Lehrerin. Ich kletterte einfach über den Zaun und wollte den Ball vom Rasen holen. Da war die Lehrerin, die gerade Wäsche aufhing. Sie sah, wie ich über den Zaun stieg. 'Hallo, was willst Du hier?", fragte sie mich. Ich zeigte auf den Ball auf ihrem Grundstück und sagte, dass ich den Ball holen wollte. Dann sah sie, dass ich mich am Knie etwas verletzt hatte und wollte meine Wunde verbinden. Ich schmiss den Ball zu der Gruppe von Jungs rüber. Dann nahm sie mich ins Haus. Sie erzählte, dass ihr Mann nicht da sei während, sie mein Knie verband. Wir redeten und redeten. Und plötzlich wuchs etwas in meiner Hose und ihre Hände wanderten... wanderten... Und drehte durch bei dem was sie sah. Zumindest schien es so. Dann verlor sie die Beherrschung....Den Rest könnt ihr Euch vorstellen. Sie wurde später dann meine Lehrerin in Liebesdingen. Immer, wenn ihr Mann nicht da war, rief sie mich zu sich und dann ging die Post ab! Da war ich noch ein junger Kerl", erzählte John.
"Und wie lange ging es?" fragte Franziska mit lehrerhafter Mine.
John grinste. Zum Glück einige Jahre. Bis ich 21 war. Dann kam irgendwann ihr Mann dahinter. Sie ließ sich scheiden. Sie gab mir die Schuld. Und irgendwie ging unsere Beziehung daran kaputt, was schade war. Sie zog dann weg. Nach Hamburg."
"Schade", sagte Ralph.
"Ja. Aber ich war zu jung für sie. Das hätte sowieso nicht gehalten", sagte John und nahm einen weiteren Zug aus der Zigarette.
"Und was hast Du noch erlebt?"
"Jo. Das ist heute nicht wichtig…"
"Das will Ralph ja wissen", sagte Franziska.
"Ich hatte drei längere Beziehungen, der Rest waren nur kurze Begegnungen, Affären. Da kam schon was zusammen. Eine genaue Zahl will ich nicht sagen. Kann ich nicht zählen", sagte John beiläufig mit nuscheliger, leicht versoffen wirkender Stimme.
"Und kannst Du Genaueres sagen?", fragte Franziska und beobachtete dabei genau Ralphs Reaktionen. Sie liebte es, ihn ab und an zu necken und mit ihm zu spielen – nicht nur im Bett. Und wie sie es liebte, mit anderen Männern zu spielen... ! Sie hoffte ein bisschen, dass Ralph ein bisschen über Johns Frauen-Geschichten neidisch werden würde. Erst Recht, wenn John pikante Details erzählen würde, so dass der Zuhörer die Bilder vor Augen hatte. Erfahrungen, die Ralph als Jurastudent und künftiger Anwalt in diesem Ausmaß aufgrund seines künftigen Arbeitspensums und vollen Terminkalenders künftig kaum haben könnte. Hinzu kam, dass Ralph - auch aufgrund seiner schüchternen Art - nicht gerade ein Frauentyp war.
"Ja. Ich erzähle das nicht mehr gerne, weil es vergangen ist. Ich war mal in einer Jungengruppe. Ich fasse mal kurz zusammen: Fünf Leute waren wir. Eigentlich gute Freunde. Wir waren von Berlin auch mal nach Hamburg gefahren. Da hatten wir Diskotheken besucht. Da war hier und da auch mal was gelaufen. Ansonsten waren wir in Berlin oft im Tiergarten, Wannsee, Teufelsberg, Volkspark Hasenheide, Mauerpark, James-Simon-Park an der Museumsinsel, Zoologischer Garten Berlin... Wir hatten so einiges gemacht und erlebt. Auch mal losgezogen in Discos und Frauen aufgerissen, wie man das so sagt. Wir trafen dann so gleichaltrige junge Frauen. Meistens blieb es nur beim Quatschen. Manchmal lief auch mehr. Dann gingen die Jungen eines Tages einfach ohne mich weg. Meinten noch zu mir, ich würde nicht so in die Clique reinpassen. Das war verletzend. Und dann waren sie alleine in die Disco gefahren. Ohne mich. Hatten wohl auch einige Erfahrungen gesammelt. Ich wollte nach einiger Zeit auch nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Ich sagte mir damals: Das war´s gewesen und abgehakt ist die Sache. Ich war dann alleine weggegangen und da traf ich eine Frau, die 25 war. Ich war in dieser Zeit noch Lehrling. Und mit der lief was. Sie war wirklich attraktiv. Blond. Wir gingen auch in den Park und auf der Wiese... da hatte sie... naja ihr wisst schon. Einen Blow-Job im Park. Ihre ultralangen, herabfallenden Haare verdeckten natürlich alles. Und danach lief noch mehr... War damals prickelnd. Und dann lief noch ungefähr viermal was und dann war Ende."
"War das denn Deine erste Freundin?", fragte Franziska und hoffte, John in Beisein von Ralph mehr Details entlocken zu können.
Er lachte: "Neeee… nur eine Affäre."
"Und Deine erste Freundin, mit der Du länger zusammen warst?"
"Sie hieß Sahra. Mit ihr war ich acht Jahre zusammen. Ich lernte sie in einer Disco in Berlin kennen. Alles war erst gut. Dann hatte ich Probleme mit meiner Arbeit. Und dann, dann gab es... Probleme mit meiner Beziehung. Und ich verlor meine Arbeit als Klempner. War dumm gelaufen. Dann war auch mit ihr Schluss. Dann gab es später Sina. Mit ihr war ich drei Jahre zusammen. Haute aber irgendwann nicht mehr hin und wir trennten uns. Passte einfach nicht mehr. Und dann gab es die Schwarze Lucy aus Ghana. Mit ihr war ich sechs Jahre zusammen. Die Lucy war toll mit ihren weißen Zähnen und ihrem schönen Schmollmund. Was sie damit alles anstellte. Hmmm", sagte John geheimnisvoll lächelnd. Die Sonne spiegelte sich in seinem faltigen, vernarbten Gesicht und gab ihm daher einen etwas unheimlichen Touch.
"Interessant", sagte Franziska.
"Die Sahra hat Schluss gemacht, weil Du Deine Arbeit verloren hattest?", fragte Ralph ungläubig.
"Nicht nur. Ich hatte sie hauptsächlich aufgrund meiner Krankheit damals verloren. Psychische Probleme. Ich hatte damals auch einiges durchgemacht."
"Was machst Du beruflich?", fragte Ralph.
"Das fragen mich viele Leute. Ich war Klempner. Ich konnte den Beruf aufgrund meiner Krankheit nicht mehr ausüben. Dann machte ich verschiedene Jobs. Nachtwächter, Taxifahrer, Türsteher an der Disco... alles Mögliche. Später arbeitete ich in einer Gartenfirma bis zum Jahr 2020", erzählte John, „Ja, und dann kam Corona. Der Firmenchef starb 2020 an Covid-19. Dadurch verlor ich wieder meine Arbeit. War sogar zeitweise auf der Straße. Es war... schlimm", sagte John. Er hustete kurz und hielt sich die Hand vor dem Mund. "Tut mir leid. Leichte Erkältung oder etwas Raucherhusten. Nichts Ernstes."
"Ist schon O.K.", sagte Ralph und rückte mit dem Stuhl etwas nach hinten.
Franziska ergänzte: "Wir sind in der Corona-Krise durch schwierige Zeiten gegangen. Haben das aber zusammen geschafft. Überlebt. Ich glaube, wenn ich nicht wäre, wäre er nicht mehr da und ohne John wäre ich nicht mehr da wahrscheinlich."
"Wahrscheinlich weg, ja. Da waren auch Alkohol und ein paar kleine Drogen im Spiel", sagte John verharmlosend und nahm einen Zug aus der Zigarette. "Wir sind zusammen durch die Scheiße gegangen. Das kann man sich gar nicht vorstellen. Aber irgendwie haben wir 's geschafft."
Franziska stand auf und küsste John auf die Stirn: "Das haben wir ja geschafft. Ich habe meine Helping Hands und noch andere Sachen am Abend und da ging es ihm immer besser."
"Ich brauch Dich, Baby", hauchte John.
"Richtigen Sex", flüsterte ihm Franziska ins Ohr. So dass Ralph es hören konnte.
Ralph guckte wütend. John und Franziska beachteten ihn nicht. Sie taten so, als sei er nicht da.
Ralph versuchte, die Aufmerksamkeit auf sich und seine Fähigkeiten zu lenken: "Ich studiere Jura im dritten Semester an der Uni Frankfurt. Komme bald ins vierte Semester. Ich habe die Fächer Schuldrecht 2, Staatsecht 2, Europarecht, Rechtsgeschichte, Kriminologie, Strafrecht 3... Ich will erst Zwischenprüfung machen. Später will ich den Bac. machen, dann Erstes Staatexamen machen, dann Zweites Staatsexamen. Referendariat. Und dann mich mit eigener Kanzlei selbstständig machen."
Dann herrschte Schweigen. John rückte von Franziska ab, nahm einen Zug aus der Zigarette und drückte die Zigarette im Aschenbecher aus, der in der Nähe seines halbvollen Whiskyglases stand. Zuerst blickte er mit leeren Augen aus dem Fenster. Dann blickte er Ralph wütend an. Jetzt war John neidisch.
"Wie Du da sitzt. So stolz. Man könnte glauben, Du seist ein gemachter Mann", sagte John.
"Naja. Ich habe Abitur 1,7. Wird alles schon gut werden."
"Und Du glaubst wirklich, es würde alles so gut weiterlaufen?", fragte John.
"Ja."
"Weil deine Eltern Dir die Kohle in den Rachen schmeißen!", sagte John ärgerlich.
"Sie finanzieren nur mein Studium."
"WEISST DU WAS DU BIST? DU BIST FÜR MICH EIN EGOIST. EIN VERWÖHNTER SNOB! EIN SCHLEIMER! EINE NULLNUMMER! EIN VERSAGER!", schrie er. "EINE NULLNUMMER, DEM DIE ELTERN GELD IN DEN RACHEN SCHMEISSEN!"
John stand auf und packte ihm am Kragen. Er riss seinen Augen auf und starrte ihn an. Ralph hatte Todesangst.
"FRANZISKA. HOL DAS MESSER! DAS MESSER!", schrie John.
"JOHN! NICHT! JOHN! JOHN! LASS IHN IN RUHE!", schrie Franziska.
John hielt ihm am Kragen und starrte ihn eine Weile mit weitaufgerissenen Augen an.
"WEISST DU WAS DU BIST? ICH SOLLTE DIR EINE LEKTION ERTEILEN! DU BIST EINFACH ZU SEHR EIN ARMES WÜRSTCHEN ALS DASS ICH DIR EINE LEKTION ERTEILE! DU BIST SO ERBÄRMLICH!", schrie John.
"BITTE! LASS MICH LOS", flehte Ralph. Immer noch starrte John Ralph mit weit aufgerissenen Augen an.
"WEISST DU WAS SCHÄRFER IST ALS EIN MESSER? WORTE, DIE VERLETZEN. UND DU SCHEINST NICHT AUF WORTE ZU ACHTEN", schrie er. Er zog Ralph Richtung Schublade, öffnete sie und holte eine Make-Up-Tube hervor. Er drückte etwas Make-Up aus der Tube und strich etwas von dem bräunlichen Make-Up in Ralphs Gesicht.
"DU SIEHST BLASS AUS! WERD ERST MAL DEINE PICKELN LOS! BIST DU KEIN MANN. ICH WERDE DICH ANMALEN. DANN WEISST DU WIE EIN MANN AUSSIEHST! HIER MIT DEM MAKEUP KANNST DU WENIGSTENS DEINE PICKELN LOSWERDEN! DANN KOMMST DU AUCH BEI FRAUEN BESSER AN! MIT DEINEN PICKELN HAST DU KEINE CHANCEN BEI FRAUEN! ", schrie John und malte in Ralphs Gesicht rum. Dann schmiss er das Make-Up in die Spüle.
"Bitte. Lass mich los!", schrie Ralph.
"ICH WARNE DICH. EIN PAAR FALSCHE SPRÜCHE UND ICH SCHMEISS DICH RAUS!", schrie John.
"JOHN. BITTE!", schrie Franziska. Jetzt hatte sie wirklich Angst um Ralph.
Er schmiss ihn mit aller Kraft auf den Küchen-Fußboden. Dort blieb Ralph liegen und weinte.
"DA WEINT DER KLEINE RALPH. EIN WÜRSTCHEN! EIN STÜCK ELEND. MEHR NICHT! ABER VORHER SEIN ARROGANTES GEQUATSCHE ABLASSEN!", schrie John.
"Bitte, John. Bitte. Lass ihn jetzt. Wir gehen sowieso gleich zu Linda und Jochen!", schrie Franziska
"WORTE. NOCHMAL: VERLETZTENDE WORTE WIE SIE AUS DEINEN MUND KOMMEN SIND SCHÄRFER ALS EIN MESSER! FRANZISKA WIRST DU AB JETZT NICHT MEHR SEHEN! DU WIRST SIE NIE MEHR IM BETT HABEN! DAS SAGE ICH DIR! ICH MACHE EINE KETTE ANS BETT! ", schrie John.
Dann ging John wütend aus der Küche. Franziska folgte John. Im Wohnzimmer packte sie ihn am Arm.
"Er ist Gast. Du kannst Doch nicht...", sagte Franziska.
John unterbrach sie.
"ICH WILL, DASS ER RESPEKT HAT. DANKBAR IST. UND NICHT SO EIN ARROGANTES GESAPPEL LOSLÄSST, NUR WEIL ER GLÜCK HAT, DASS SEINE ELTERN ALLES BEZAHLEN!" schrie er. Dann wurde er etwas ruhiger. "Soll er mehr zahlen, wenn er Dich sehen und beglücken will! Das was er erlebt hat, könnte er woanders nicht erleben oder bezahlen. Erst recht nicht in der Corona-Krise, wenn alles geschlossen ist!", schimpfte John.
"Hör jetzt auf. Beruhigt Dich. Beruhig Dich. Nachher gibt es eine Überraschung. Pussy", sagte Franziska.
"Ich brauch Dich, Baby", sagte John. John vergrub sein Gesicht zwischen ihren Brüsten, die von der Bluse zum Teil bedeckt waren. Franziska streichelt seinen Kopf.
Als sich John etwas beruhigt hatte, führte Franziska John zur Wohnzimmercouch. Dort setzten sie sich hin, Franziska machte den Fernseher an und redete auf John ein, um ihn zu beruhigen. Und streichelte ihn an seinem Bauch. Und sie hatte damit Erfolg: John`s Stimmung besserte sich allmählich. Ralph lag in dieser Zeit immer noch in der Küche wie ein Haufen Elend auf dem Boden. Er war geschockt und konnte nicht glauben was geschehen war. Was für ein merkwürdiges Pärchen, dachte er. Doch er begehrte Franziska nach wie vor und ließ deshalb alles über sich ergehen. Auch Johns Wutanfälle.

Ralph weinte und dachte, er würde im Boden versinken. Und er kam sich klein vor. Wie ein kleines Würstchen. Ein Spielball dieser Leute und gleichzeitig war er Spielball seiner eigenen Lust. Und Franziska hatte ihn an der Angel, sie ließ ihn nicht mehr los. Man hätte noch weiter auf ihn einprügeln können – trotzdem würde er von Franziska nicht mehr loskommen. Ralph lag – sein Kopf in die Höhe gerichtet immer noch auf dem Boden und hörte, wie Franziska auf John einredete, ihn beruhigte. Wenig später kam Franziska in die Küche.
"John will sich entschuldigen. Er war nur etwas ausgerastet", sagte sie.
"Ist schon gut", sagte Ralph stammelnd. Dann kam John in die Küche.
"Du bringst nicht nochmal solche Sprüche. Wir vergessen das einfach!" sagte John und reichte Ralph die Hand. Als Ralph die Hand nicht nahm, griff er unter seine Arme und zog ihn hoch. Dann setze er Ralph auf den Stuhl. Dort saß dann Ralph einige Zeit mit gebeugtem Kopf. John holte ein Glas, dann eine Colaflasche und die Whiskyflasche aus dem Schrank und stellte alles auf den Küchentisch. Dann füllte er das Glas mit Whisky und Cola. Und hielt das volle Glas an Ralphs Lippen.
"So. Sei ein wirklicher Mann. Trink!"
Dann trank Ralph.
"Du kleiner Handarbeiter. Du wirst jetzt erst mal ordentlich was trinken. Dann wird Dir Franziska einen Blow-Job verpassen. Und dann wirst Du das Ganze vergessen. Und nach Hause gehen", sagte John.
"John. John. Er will noch morgen 100 Euro bringen und dafür muss ich ihm was bieten!", mahnte Franziska.
"Das müssen wir uns noch überlegen! Er kann hier nicht alles zu einem billigen Preis haben!", sagte John zu Franziska.
"Aber er kann doch noch ein bisschen hierbleiben. Sieh mal an wie verstört er aussieht", meinte Franziska.
"Aber jetzt geht er. Wir sind heute eingeladen", sagte John.
"John. Ralph meinte es nicht so. Er ist vielleicht etwas sauer, dass Du etwas wütend wurdest. Verstört. Aber er wird das vergessen", sagte sie. Dann sprach sie Ralph an: „Alles O.K., Ralph? Er hat sich entschuldigt und alles ist wieder gut?"
Dann rang sich Ralph zu einer Entschuldigung durch.
"Entschuldigung. Es kommt nicht wieder vor. Ich werde bestimmte Worte nicht mehr sagen. Es sollte nicht arrogant rüberkommen", stammelte Ralph.
"O.K. Solche Dummheiten nicht noch einmal. Und jetzt nimm Deine Jacke und geh!", sagte John.
"Tut mir leid. Du musst jetzt gehen", sagte Franziska.
Sie packte Ralph zärtlich am Arm. Ralph erhob sich. Und dann führte sie Ralph zur Wohnungstür.
"Heißt, dass, dass wir uns nicht noch einmal sehen werden?"
Sie blickte auf den Boden.
"Wahrscheinlich nicht. Du kannst mich dann nicht mehr sehen. Nachdem was passiert ist. Du hast John sehr aus der Fassung gebracht" erklärte Franziska.
"Aber ich hab´ das nicht so gemein", stammelte Ralph.
"Trotzdem. John ist da manchmal empfindlich. Er hat viel durchgemacht und ich verstehe das. Akzeptiere das und geh."
"War ich denn nicht gut? Ich meinte...gut im Bett? Oder magst Du mich nicht?", fragte Ralph verlegen. Er bekam Tränen in den Augen. Dann fing er wieder an zu weinen an.
"Doch schon. Aber diese Dreiecksgeschichte kann meistens nie lange halten. Und wir wollen Schluss machen. Du musst begreifen, dass manche Dinge sich ändern können", erklärte Franziska.
"Kann ich denn bitte Dich später wiedersehen? Heute Abend? Ich mache alles wieder gut", bettelte Ralph.
"Nein", sagte sie bestimmt.
"BITTE! Bitte!", flehte Ralph.
"Nein heißt nein. Jetzt gehst Du", forderte ihn Franziska auf.
"Ich wollte auch 100 Euro zahlen."
"Wollen wir sehen. Aber jetzt ist erst mal Schluss", sagte John.
Dann packte John Ralph am Arm, öffnete die Wohnungstür und zog ihn nach draußen auf den Erdgeschossflur. Dann ging er in die Wohnung und schloss die Tür hinter sich zu. Sie hörten wie Ralph gegen die Wohnungstür hämmerte.
"BITTE! FRANZISKA! ICH MACH ALLES WIEDER GUT. ICH ENTSCHULDIGE MICH. ICH HACH ALLES WAS DU WILLST! ICH PASS MICH EUREN REGELN AN! ICH MACH ALLES WAS IHR WOLLT! LASS MICH REIN! BITTE! GEBT MIR NUR EINE CHANCE! ICH KRIECH AUCH VOR EUCH AUF DEM BODEN WENN IHR DAS WOLLT!", schrie Ralph.
Franziska und John standen in der Wohnung vor der Wohnungstür und warteten ab.
"Hoffentlich geht er gleich. Ich kann das gleich nicht mehr ertragen", sagte John.
"Er geht schon gleich."
"Er geht nicht. Siehst Du es nicht? Er geht nicht“, maulte John.
"Wir hätten ihn hierbehalten sollen. Da hätten wir das Geld", sagte Franziska.
"Ich konnte ihn nicht mehr heute ertragen. Nicht mehr sein verpickeltes Gesicht sehen. Verstehst Du es nicht?", sagte John.
"Ich hätte die 100 Euro gebrauchen können", klagte Franziska.
"Dann lass ihn rein."
"Nein. Ich lass ihn nicht rein. Wir werden uns das überlegen. "
"Dann kommt er später. "
"Ja. Das ist besser", meinte Franziska.
"Aber Du machst was für 50 und er verschwindet. Nur einen Blowjob. Dann gibt s keine Probleme", sagte John.
"Für 100. Für 100. Wir haben keine anderen Leute, die zahlen. Wir brauchen Geld. Wir sind n der Corona-Krise im Lockdown!", sagte Franziska lauter.
"Du hast Recht. Dann für 100. Aber jetzt soll er abhauen. Wir gehen zu Lindas Einladung."
"Bitte. Franziska. Ich mach alles wieder gut. Ich liebe Dich. John. Ich entschuldige mich bei Dir. Bei Euch. Es war ein Kontrollverlust. Ich hab´... die falschen Worte benutzt", schrie Ralph vor der Wohnungstür. Doch an diesem Tag kannten Franziska und John kein Pardon. Besonders John nicht.
"Heute ist Schluss. Es läuft nichts mehr", sagte John.
Dann hörten sie wieder ein Klopfen an der Wohnungstür.
"Mensch, wann geht der endlich?", fragte Franziska.
"Er geht schon bald. "
Dann wurde es nach einiger Zeit still. Sie hörten kein Klopfen. Kein Rufen. Nichts.
John ging zur Wohnungstür und machte sie zu einem Spalt auf. Dann blickte er in den Flur. Ralph war verschwunden. John schloss daraufhin wieder die Tür. Dann ging er ins Wohnzimmer. Franziska hatte inzwischen einen James-Bond-Film in den DVD-Rekorder reingemacht. Sie setzten sich kurze Zeit später nebeneinander auf die Wohnzimmercouch und guckten den Film. Dann rückten sie immer mehr zusammen. Umarmten sich und küssten sich. Dann gingen sie ins Schlafzimmer und zogen sich blitzschnell aus. Dann legte sich John mit dem Rücken auf das Bett und Franziska setzte sich nur mit Slip bekleidet auf John Bauch. Dann liebten sie sich wild in der Reiterstellung. Und bemerkten nicht, dass Ralph draußen am Wohnzimmerfenster stand und alles beobachtete (weil die Schlafzimmertür wieder offen war).

8. Der Abgehängte

Als John und Franziska sich duschten war es bereits 16 Uhr. Danach zogen sie sich an. Franziska schminkte sich und John ging in die Küche und holte ein paar Bierdosen aus dem Schrank. Er packte dies in eine Tüte. Dann holte er sein Handy aus der Tasche und wählte die Telefonnummer seines Bruders Hartmut. Er warte eine kurze Zeit und dann meldete sich Hartmut am Handy-Telefon. John drückte die Lautsprecher-Taste.
"Guten Tag. Hier Hartmut", ertönte eine dunkle Stimme aus John`s Handy.
"Ich bin s John. Wie geht s Dir?"
"Gut. Wie geht es Dir?", fragte Hartmut.
"Den Umständen entsprechend", sagte John.
"Ich weiss...Du hattest eine schwere Zeit gehabt...Das tut mir leid", sagte Hartmut.
"Das ist eben so."
"Du weisst... Ich bin für Dich da...wenn Du Hilfe brauchst."
"Danke", entgegnete John.
"Geht es Dir besser?", fragte Hartmut.
"Besser." John wollte nicht darüber reden, was Hartmut merkte.
Dann wechselte Hartmut das Thema.
"Momentan ist das schlimm mit Corona. Die Inzidenzzahlen steigen und steigen. Das hast Du sicher in den Nachrichten gehört oder gelesen. Wohin führt das?", fragte Hartmut.
"Ja stimmt."
"Du musst auf Corona aufpassen. Auf keinen Fall Dich anstecken."
"Ne. Geht schon."
"Wo bist Du?", fragte Hartmut.
"Ich bin bei Franziska. Du weißt..."
"Das ist ja toll. Dann seid ihr ja jetzt richtig fest zusammen."
Ja. Wir sind mittlerweile zusammengewachsen. Wollen uns was aufbauen", erzählte John.
"Das ist gut."

"Wie läuft es mit Deiner Elfie?", fragte John.
"Ja. Inzwischen wieder besser. Wir hatten etwas Probleme gehabt zeitweise. Wir haben wieder zueinandergefunden."
"Probleme gibt es überall mal. Das ist bei Beziehungen manchmal so, erklärte John.
"Eben", sagte Hartmut und machte eine kurze Pause. Dann sprach er weiter. "Wie läuft es mit Arbeit bei Dir?"
"Läuft immer noch nicht gut", sagte John. Und log": Ich mach nur ein paar Nebenjobs."
"Hast Du noch Kontakt zu Deinem Kumpel Torsten Siebert?", fragte Hartmut.
"Wenn Dich jemand fragt, ob ich Torsten Siebert kenne. Sag: Ich kenne ihn nicht, ich habe nichts mit ihm zu tun. Er ist unten durch."
"Verstehe. Ihr wart doch so gut befreundet?", fragte Hartmut erstaunt.
"Jetzt nicht mehr", antwortete John.
"Warum denn?"
"Streit wegen Frauen", log John. "Kommt vor".
"Verstehe. Dann besser Abstand."
"Stimmt", sagte John.
"Ich hätte einen Job für Dich. Vater hat mit einer Gartenfirma Kontakt aufgenommen, auch mit dem Chef. Die suchen jemanden. Das ist aber in Berlin", sagte Hartmut.
"Ja. Mal sehen. Berlin ist mir zu weit. Ich wohne hier bei Franziska in Frankfurt. Ich muss das mit Franziska klären."
"Besser ist das. Aber falls Du bei mir wohnen willst: Es ist möglich. Elfie wird das wohl akzeptieren."
"Ja, aber wenn nur mit Franziska", so erklärte John seine Bedingung.
"Auch das wäre kein Problem. Ihr könntet in meinem Arbeitszimmer wohnen", bot Hartmut ihm und Franziska an.
"Ja. Mal sehen. Ich will nicht, dass es Streit gibt. Du brauchst auch nicht Angst zu haben, dass ich mich an Elfie ranmachen will, denn ich habe Franziska."
"Ja. Das habe ich inzwischen verstanden."
Franziska kam aus dem Bad und schlich sich an John ran.
"Was machen Mutter und Vater?", fragte John seinen Bruder.
"Es geht ihnen gut. Sie haben ständig nach Dir gefragt. Sie wollen Dir helfen in Deiner misslichen Lage. Sie bieten Dir sogar an bei ihnen zu wohnen in der Corona-Zeit. Bist Du wieder einen Job hast und eine eigene Wohnung hast. Sie haben - wie ich schon sagte - sogar Kontakt zu einem Chef einer Gartenfirma in Berlin und könnten Dir einen Job besorgen. Das ist Gut. Du könntest sogar bei Ihnen wohnen!", sagte Hartmut.
"Aber nur mit Franziska. Oder gar nicht. Wenn Franziska mitkommt."
"Das lässt sich denke ich regeln. Da war viel schief gelaufen in der Vergangenheit. Deine Eltern hatten Dich oft ungerecht behandelt. Aber könntest Du Ihnen nicht verzeihen?", fragte Hartmut.
"Ich versuch`s. Ich habe das versucht. Arbeite daran", sagte John.

"Rede doch mit ihnen. Du kannst es bei Ihnen besser haben. Du wohnst bei Ihnen in der Coronakrise! Das ist doch ein super Angebot."
"Mit Franziska, wenn schon."
"Dann werde ich mit ihnen noch mal reden. "
"Geben sie mir auch genügend Geld?"
"Ja. Sie wollen aber sicher gehen, dass Du nicht das Geld verplemperst zum Beispiel im Casino oder mit Prostituierten."
"Ja. Verstehe. Ich muss aber jetzt Schluss machen. Danke für die Hilfe. Tschüss", sagte John.
Dann legte John den Hörer auf. Franziska lächelte.
"Ich habe das Gespräch gehört. Deine Eltern und Dein Bruder wollen Dir helfen", sagte sie.
"Ja. Ich kann bei meinem Bruder Hartmut wohnen. Oder bei meinen Eltern. Und sie geben mir Geld. Sie wollen mir sogar einen Job besorgen: Bei einer Gartenfirma in Berlin! Aber Berlin passt mir nicht. Das ist mir zu weit. Ich lebe lieber hier in Frankfurt mit Dir!", erzählte John.
"Das ist super, dass Du Aussicht auf einen Job hast. Ein Job in Frankfurt wäre besser."
"Eben. Sie sollten wissen, dass ich mit Dir zusammen bin. Wenn ich bei meinen Eltern in Berlin wohnen sollte, dann nur mit Dir. Bis ich mir eine eigene Wohnung leisten kann und mit Dir zusammen wohnen kann", erklärte John.
"Eben. Das ist ja zwar toll. Aber wir leben in Frankfurt. Ich kann nicht so einfach nach Berlin umziehen. Denn vielleicht habe ich in Frankfurt bald eine neue Arbeit", erklärte Franziska.

"Wir werden das sehen. Ich bleib auf jeden Fall bei Dir in Frankfurt. Und wenn ich nach Berlin gehe, dann nur mit Dir. Wenn es geht."
"Wenn das mit meiner Arbeit keine Probleme gibt. Nur dann."
"Eben. Ich werde meine Eltern auch gleich anrufen", sagte John.
"Und ich werde Stella anrufen, dass sie uns mit dem Auto abholt und uns zu Linda und Jochen bringt. Sie hatten das Angebot gemacht", erklärte Franziska.
"Das ist doch gut. Dann ruf Stella an. Und ich rufe meine Eltern an."
Während sie redeten, stand Ralph auf dem Erdgeschossflur an ihrer Wohnungstür und belauschten die Gespräche. Franziska und John bemerkten Ralph vor der Tür nicht. Franziska ging sorglos ins Wohnzimmer. John holte das Handy aus der Tasche, wählte die Nummer seiner Eltern, wartete etwas und hatte dann kurz darauf seinen Vater Klaus Peters am Handy.
"Hallo John. Hier ist Dein Vater. Wie geht s?", fragte Vater Klaus.
"Gut", antwortete John knapp.
"Ich freu mich Deine Stimme zu hören. Du hast Dich lange nicht mehr gemeldet. Ich weisss, es gab Probleme. Unstimmigkeiten. Aber das ist ja -denke ich -hoffentlich vorbei", sagte sein Vater.
"Ja."
"Hast Du mit Hartmut telefoniert?"
"Ja. Ich habe mit Hartmut telefoniert", sagte John.
"Ich weiß. Er hatte mir eine WhatsApp geschickt und mir das mitgeteilt", berichtete sein Vater.
"Ja. Er hatte mir angeboten bei ihm zu wohnen. Das ist sehr nett", erzählte John.
"Wir wollen Dir helfen. Wir bieten Dir an: Du kannst bei uns schlafen. Wir haben da Kontakt mit einer Gartenfirma in Berlin aufgenommen. Wir können Dir sogar einen Job besorgen", bot sein Vater ihm an.
"Das ist ja toll. Ich habe das schon von Hartmut gehört! Aber nur wenn Franziska mitkommt", sagte John.
"Ich verstehe das. Das werden wir irgendwie regeln."
"Hoffentlich."
"Und da ist noch etwas, worüber ich mit Dir reden möchte. Unser Verhältnis war in letzter Zeit schwierig und es herrschte auch eine Zeitlang Funkstille zwischen uns."
"Ich weiß."
"Aber Du hast es uns auch schwer gemacht. Warst auch oft betrunken und aggressiv. Das musst Du ja zugeben", sagte Vater.
"Aber ihr habt mir immer Vorwürfe gemacht, mich beleidigt...", sagte John.
"Mein Sohn. Wir wollen das Beste für Dich. Wir wollen das jetzt vergessen. Wir wollen jetzt endlich die Vergangenheit abhaken! Das was gewesen ist. Der ganze Scheiß, der passiert ist. Das sagte Hartmut auch. Wir haben Corona, sind im Lockdown, die Zeiten sind schwer und unsicher. Keiner weiß was noch passieren wird. Es kann jeden treffen. Wir sollten ZUSAMMENHALTEN! Wir sind eine Familie. Jeder kann Corona plötzlich haben und wer nicht zu den Superreichen gehört, kann schnell pleitegehen, seinen Job verlieren, auf der Straße landen. Das kann UNS ALLES PASSIEREN!", sagte der Vater.
"Ja."
"Es tut mir leid, dass vieles nicht gut gelaufen war. Für meinen Teil - für das was ich versäumt habe oder... was ich und Deine Mutter versäumt haben- kann ich mich nur entschuldigen. Ich finde, wir sollten einander verzeihen, einen neuen Anfang machen. Wir sind eine Familie! Ich bin Dein Vater! Und ich habe genug geholfen zum Beispiel mit Geldzuwendungen oder es zumindest versucht. Und wenn Du immer wieder Mist baust, säufst, aggressiv bist, an Schlägereien und sonstigen Gaunereien - so habe ich von Hartmut gehört - beteiligt bist... ist das sehr schwierig für uns alle. Du hättest nicht obdachlos sein müssen. Es war Deine Entscheidung, obdachlos zu sein – aus welchen Gründen auch immer. Es war Deine Entscheidung, zu besoffen zu sein, um klar zu denken und in schmutzigen Kellern im Dreck zu liegen, neben Ratten und Müll. Oder auf Parkbänken zu schlafen. Es war Deine Entscheidung", sagte der Vater.
Dann ertönte im Hintergrund die Stimme der Mutter Irene Peters. Sie versuchte den Vater zurechtzuweisen.
"Hör auf, Klaus! Hör endlich auf! Willst Du wieder Streit? Willst Du, dass er das Telefonat beendet? Ich bin froh endlich meinen Jungen hören zu können", schrie Mutter Irene.
"Das ist es ja. Immer Streit zwischen Euch. Ihr kapiert es nicht. Ihr redet von Frieden und guten Familienverhältnissen und baut selber Mist, streitet Euch... Und ihr wollt Vorbilder sein? Ich hielt es deshalb nicht mehr bei Euch aus", sagte John kühl.
Dann ertönte die Stimme der Mutter am Telefon. Sie hatte Klaus das Handy aus der Hand gerissen.
"Es ist immer Klaus. Er muss es versauen! Muss er das immer erwähnen?", schrie die Mutter am Telefon.
"Mutter. Hör auf", sagte John.
"Ich bin ja so froh, Deine Stimme zu hören. Dass es Dir gut geht", sagte Mutter Irene.
"Ja, Mutter ist alles in Ordnung!"
"Ich habe von Hartmut gehört, was Du alles durchgemacht hattest. Ich wusste vorher nur wenig. Zu wenig."
"Es ist nun alles gut", sagte John.
"Wo wohnst Du? Wir haben uns Sorgen gemacht."
"Ich wohne bei Franziska in Frankfurt. Sie ist meine Freundin. Wir sind zusammengekommen", erzählte John.
"Franziska? Ja. Ich erinnere mich. Du hattest von ihr erzählt", sagte die Mutter.
"Die ist sehr nett. Wohnt in Frankfurt", erzählte John kurz und knapp.
"Die müssen wir mal kennenlernen. Du kannst sie uns mal vorstellen. Wir laden Euch ein. Ich mach sogar schönen Kuchen", sagte die Mutter. "Und ich koch für Euch das Beste. Entenbraten zu Mittag. Mit Klößen. Rotkohl. Und feiner Jäger-Soße", erzähle sie.
"Ja. Danke. Ich mach zwar Diät. Aber ich muss ja nicht so viel davon essen. O.K. Gut. Wir wollen auf jeden Fall mal vorbeikommen", sagte John kühl. Er hatte noch immer gegenüber seinen Eltern eine Mauer um sich gebaut. Aber sie war nicht mehr so groß wie vorher. Inzwischen gab es Hoffnung auf ein besseres Miteinander.
"Das ist ja gut. Ihr könnt sogar bei uns übernachten. In Deinem ehemaligen Kinderzimmer. Oder in Hartmuts ehemaligen Zimmer!", bot die Mutter an. "Denn die Coronakrise ist sehr hart. Man weiß ja nicht was alles noch kommt. Die Inzidenzwerte steigen immer mehr. Immer mehr Coronafälle. Die ganze Familie sollte zusammenhalten", meinte Mutter Irene.
"Ja, Mutter."
"Ich muss mal Deine Freundin kennenlernen. Oh wie ich mich freue. John hat die Richtige gefunden!", jubelte die Mutter am Handy. Sie war freudig und hatte gleichzeitig Tränen in den Augen. Es war eine Mischung aus einer Vielzahl von Emotionen.
"Wenn wir mal in Berlin sind, kannst Du sie kennenlernen."
Wie ist sie so?", fragte Mutter Irene. Sie wollte natürlich alles wissen. Auch was im Schlafzimmer passierte.
"Mutter- Du musst nicht alles wissen. Sie ist blond, 35 Jahre alt. Attraktiv. Absolute Traumfrau!"
"Oh. Das ist ja toll. Dann läuten dann irgendwann die Hochzeitsglocken und dann werden Babys gemacht und dann kommt ein Baby", sagte die Mutter.
"Mutter. Bitte. Lass das Thema." Er wusste, dass Mutter einfach zu neugierig sein konnte und manchmal zu ordinär, deshalb musste er sie bremsen. Sie hatte mit ihrer Art zu sprechen schon viele Gespräche versaut.
"Wir lange kennt ihr Euch?", fragte Mutter Irene.
"Seit 2020. In dieser Zeit, als ich bei Hartmut war."
John erzählte weiter.
"Ich freue mich ja so für Euch. Und wie ich mich freue. Juhu. Mein jüngster Sohn hat jetzt die richtige Liebe gefunden", sagte sie.
"Mutter. Ich muss Schluss machen. Wir telefonieren später."
"Ja. Dann alles Gute, mein Sohn. Schütze Dich vor Corona. Corona ist so gefährlich! Trage immer brav eine Maske und nehme Abstand."
"Mach ich Mutter. Ich bin ja SOOO vorsichtig. Ich bin der vorsichtigste Mensch bezüglich Corona in der ganzen Gegend", sagte John zynisch. Franziska hörte es und fing im Hintergrund an zu lachen.
"Wir werden Dir Geld schicken. Das kannst Du bei Hartmut abholen."
"Ja. Vielen Dank. Das ist der beste Satz, den Du im ganzen Telefonat gesagt hast." Wieder lachte Franziska im Hintergrund.
"Mein Junge. Ich wünsche Dir alles Gute. Bleib gesund. Nochmals. Trage Maske und geh´ auf Abstand. Du musst zweieinhalb Meter auf Abstand gehen. Und Du musst Dich in Acht nehmen vor den Demonstranten. Die sind gefährlich."
"Ja. Mutter."
"Da gibt es Extreme. Linksextreme, Rechtsextreme, Verrückte ... Du musst allem aus dem Wege gehen. Ich gebe mal die Telefonnummer von dem Pastor. Der hat mir viel mit Rat geholfen."
"Nein, Mutter."
"Gut, mein Sohn. Ich mach Schluss. Ich wünsche Dir alles Gute Ich baue gerade kleine Häuser aus Bierdeckeln.. Die bekam ich in meiner ehemaligen Kneipe, die leider geschlossen hat, sagte Mutter.
"Ja. Mutter."
"Alles Gut mein Sohn. Pass auf Dich auf. Bleib gesund..."
"Tschüss. Alles Gute."
Dann beendete John das Telefonat. Franziska kam in die Küche. Sie hatte das Telefonat mit Stella gerade beendet.
"Stella und ihr Mann Rüdiger kommen jetzt. Sie holen uns mit ihrem Wagen ab."
"Gut. Dann sollten wir unauffällig zu ihrem Wagen gehen. Denn es gelten nach den Corona-Gipfelbeschlüssen noch Kontaktbeschränkungen."
Treffen nur mit Mitgliedern des eigenen Haushalts. Und maximal eine Person aus einem fremden Haushalt darf man treffen. Mehr nicht! So habe ich das zumindest gehört. Die Nachbarn sollten nichts mitbekommen", erklärte John.
"Ich weiß. Deshalb parkt der Wagen auch nicht bei uns direkt vor dem Haus", sagte Franziska.
"Dann ist gut. Wir wollen kein Ärger kriegen."
"Besser."
"Ich bin auch froh, dass wir mal ohne den seltsamen, unerfahren, arroganten Ralph etwas machen", sagte John. Für ihn war Ralph nur eine Phase - so betrachtete er es im Nachhinein. Er war nur ein Mitspieler in ihrer offenen Beziehung und einer der noch nicht mal gut bestückt war und eigentlich für Franziska nicht gut genug war. Einer von vielen, die sie hatte. Ralph – zuletzt ein Mann zum Abgewöhnen. Ein nerviger, inzwischen fast ekelhafter Typ in seinen Augen. Und er wollte diesen Kontakt nicht mehr. Wenn doch nur Franziska zuliebe und wenn nur eine kurze Zeit würde er das mitmachen. Und wenn nur wegen Geld! Aber besser würde es sein, wenn sie keine solchen Männer-Kontakte mehr hätte. Erst Recht nicht so einen unmännlichen Weichei-Typen, wie ihn.
"Ja. Pause", sagte Franziska.
"Auf Dauer willst Du das mit den Männer-Bekanntschaften auch nicht. Irgendwann muss ja damit Schluss sein", sagte John.
"Stimmt", sagte Franziska. Und John guckte sie an, als könnte er ihr das nicht so recht glauben. Zwar wollte er ihr noch die frivole Bar von Petrick in Berlin zeigen, vermutlich erst wenn Corona vorbei sein würde und wenn sie unbedingt das Bedürfnis danach hätte: Aber es sollte nicht auf Dauer sein. Und wenn nur mit seiner Anwesenheit und Kontrolle. Und er war realistisch: Sie vollkommen von anderen Lovern abzubringen würde vermutlich dauern. Vermutlich wenn sie älter sein würde oder irgendwann Mutter sein würde - wenn er soweit denken sollte. Oder es würde gar nicht funktionieren.
"Ich bin gleich fertig. Ich muss die Lippen noch schminken. Das ist besser", sagte sie.
"Ja. Mach."
Franziska ging noch schnell ins Badezimmer und schminkte sich die Lippen mit dem Lippenstift, während John im Wohnzimmer auf sie wartete. Dann hörte John das Motorgeräusch, das von draussen von der Strasse kam. John sah aus dem Fenster und sah den Wagen. Er fuhr erst unauffällig an ihrer Wohnung vorbei und hielt wenig später nicht direkt unter ihrem Fenster, sondern einige Meter am Straßenrand wo das Nachbarhaus begann. Denn Nachbarn in Franziskas Mietshaus sollten möglichst nicht vom Treffen in der Zeit des Lockdowns und der Kontaktbeschränkungen erfahren.
"Sie sind da. Mach Dich fertig."
"Ja", sagte sie.
Dann kam Franziska aus dem Badezimmer und lief ins Wohnzimmer. In dieser Zeit verschwand Ralph vor der Wohnungstür (bevor er entdeckt werden würde) und lief im Treppenhaus schnell und leise die Stufen zu seiner Wohnung hoch. Wenig später verschwand er blitzschnell in seiner Wohnung.
"Ich bin fertig", sagte Franziska. Sie sah prächtig aus mit ihrer Figurbetonten Jeans und ihrer blauen Bluse.
"Gehen wir los. Nehmen wir unsere Masken mit", sagte John. Franziska ging in die Küche und nahm eine Tüte, in der sich ein Geschenk befand, das sie früher gekauft hatte: eine Flasche Bourbon und eine Pralinen-Schachtel. John nahm zwei Bierdosen und einen Jägermeister aus dem Rucksack und packte dies in eine Tüte. Kurze Zeit später setzten sie sich ihre Masken auf, nahmen ihre Jacken vom Garderobenständer und zogen sie sich an, gingen zur Wohnungstür und verließen die Wohnung. Nachdem sie die Wohnungstür schnell verschlossen hatten, liefen sie über den Treppenhausflur zur Mietshaus-Eingangstür, öffneten sie und rannten nach draussen zum Wagen. Dort saß Stella auf dem Beifahrersitz und ihr Mann Rüdiger am Steuer. Beide trugen Masken, damit es mit der Polizei keine Probleme gab. Schnell riss John die hintere Wagentür auf und sie stiegen ein. Und setzten sich - notgedrungen - ihre Masken auf, die sie in der Hosentasche hatten. John gab Stella die Hand. Rüdiger grüßte er nur indem er kurz die Hand hob. John erwiderte den Gruss auf die gleiche Weise. Und auch Franziska und Stella grüßten nur indem sie kurz die Hand (zum Winkgruss) hoben.
"Hallo. Da seid ihr ja", sagte Franziska.
"Guten Abend. Fahren wir los" sagte Rüdiger.
"Toll dass ihr ein Paar seid", sagte Stella. "Ich dachte, es wäre nur solch eine Affäre", sagte sie direkt.
"Nein. Wir sind jetzt fester zusammen. Wollten auch zusammenleben."
Dann blickte Stella zu dem Mietshaus, das Franziska bewohnte und zeigte nach oben.
"Und wer ist dort am Fenster? Der beobachtet uns."
Franziska blickte rechts aus dem Wagen-Fenster zu den Fenstern oberhalb ihrer Wohnung. Auch John blickte dorthin. Und sahen Ralph. Er stand wie ein drohender Schatten am Fenster.
"Da ist Ralph. Er beobachtet uns."
"Ja. Ich sehe", sagte John.
Stella drehte sich zu John und Franziska um.
"Kennt ihr den?", fragte Stella.
"Ja. Er wohnt in der Wohnung über mir. Er heißt Ralph."
Dann sahen John und Franziska vor Ralph am Fenster etwas Dunkles, dass aussah wie ein Kopf. Zuerst sah es für sie unwirklich und absurd aus. Wie ein merkwürdiger Schatten. Eine Gestalt (zumindest sah es so aus) auf dem Stuhl. Sie schien lange Haare zu haben. Franziska vermutete, dass es sich um eine Frauengestalt handelte, während es für John etwas anderes war. Stella dagegen, die sich zu John und Franziska umgedreht hatte, bekam das nicht mit. Franziska drehte das rechte Autofenster runter und wischte einige Regentropfen vom rechten Autofenster weg, damit sie besser sehen konnten. Sie wollten genauer zu dem Fenster hinschauen, worum es sich bei diesem Schatten handelte, der vor Ralph stand. Ob das wirklich eine Frauengestalt war oder etwas anderes. Doch als sie genauer hingucken wollten, hatte Ralph den Schatten beseitigt oder vom Fenster entfernt. Es war nichts mehr zu sehen. Und so drehte Franziska das rechte Autofenster wieder hoch.

"Was war das vor Ralph? War das eine Frau?", fragte Franziska.
"Der und eine Frau? Ne... das ist ein Blumentopf gewesen", sagte John.
"Nein! Ich meine eine Frau gesehen zu haben", sagte sie beharrlich.
"Der hat keine Frau. Das war ein Blumentopf."
"Ich weiß nicht... Du kannst Recht haben", sagte Franziska.
"Ich hab´ nichts gesehen", sagte Stella. Dann fuhren sie los. Unterwegs unterhielten sie sich weiter.
"Ich bin gespannt, wann endlich die Coronakrise vorbei ist und wieder Normalität herrscht", sagte Franziska.
"Das kann noch lange dauern. Der Lockdown wird noch bis 10. März verlängert werden", erklärte Rüdiger.
"Das habe ich auch im Radio gehört und in der Zeitung gelesen", sagte John.
"Der Lockdown wird noch lange dauern", sagte er schon wieder. "Das wird wohl noch bis Ende März gehen", berichtete Rüdiger.
"Ja. Sicher. Kann", sagte Franziska.
"Hoffentlich kriegen wir kein Dauerlockdown. Das würde dem Staat zu viel kosten. Es würden immer mehr Leute arbeitslos, pleitegehen. Und es würden immer mehr Menschen durchdrehen", meinte Rüdiger.
"Ja. Sicher. Das ist schwer", meinte John.
"Wenn Polizeiwagen auftauchen, müsst ihr Eure Maske auf jeden Fall tragen und einer muss sich ducken. Es ist nur eine Person aus fremden Haushalt erlaubt", sagte Stella.
"Ich weiß. Darüber hatte ich mich mit Franziska unterhalten. Wir nehmen die Masken besser nicht während der Fahrt ab", erzählte John.
"Bei uns in der Wohnung könnt ihr locker sein. Linda und Jochen haben gutes Essen da", sagte Rüdiger.
"Da ist gut", sagte Franziska.
"Wie war das bei Euch im Lockdown?", fragte Stella.
"Wir sind jetzt zusammen. Das hat ja Franziska Euch sicherlich erzählt", sagte John.
"Und mit den anderen Lovern läuft nichts mehr?", fragte Stella.
"Wir haben zwar eine offene Beziehung. Aber wir wollen das nicht mehr. Zurzeit wegen Corona und der hohen Inzidenzwerten wollen wir das reduzieren. Wir haben mit allen anderen Männern Schluss gemacht - ich wollte das auch so", sagte Franziska.
"Ich verstehe."
"Nur noch in Ausnahmesituationen läuft was. Mit diesem Ralph. Das läuft aber alles diskret ab", erzählte Franziska.
"Besser ist das."
"Wenn die Pandemie vorbei ist will ich - wenn Franziska es will - mit ihr in die frivole Bar gehen. Halb Bar, halb Club. Ich kenne so einen in Berlin. Da ist wirklich was los", sagte John.
Stella unterbrach ihn.
"Und dieser Nachbar Ralph ist so ein Extra-Mann, den ihr ab und zu mal hinzuholt", sagte Stella.
"Ein Mitspieler. Muss was zahlen und weg. Wir brauchen Geld. Sonst würden wir das nicht weiterhin wollen", sagte John.
"Verstehe", sagte Stella.
"Denn ich habe meine Arbeit während der Coronapandemie verloren", erzählte John.
"Oh. Das tut mir leid. Wo hattest Du gearbeitet?", fragte sie.
"In einer Gartenfirma. Der Chef dieser Gartenfirma verstarb letztes Jahr an Corona während der Pandemiezeit", erzählte John.
"Das tut mir leid. Und was Neues gefunden?"
"Meine Eltern haben vielleicht was für mich. Mal sehen. Sie wollen, dass ich bei Ihnen wohne oder bei meinem Bruder."
"Verstehe. Wir sind gleich da. Da könnt ihr in der Wohnung uns mehr erzählen", schlug Stella vor.
"Ja."

9. Solo

Ralph saß am 6.2. (in der Zeit, als Franziska und John auf Lindas heimlicher Lockdown-Party waren) vor seinen Jurabüchern und lernte Strafrecht 2. Neben ihm lag eine Klausur mit nur einem Punkt bewertet (knapp mangelhaft), die er zurückerhalten hatte. Er guckte sich seine Klausur genau an. Er hatte folgenden Fall zu bearbeiten gehabt und musste ein Gutachten erstellen: A wirft in Tötungsabsicht von einer Mauer ein Mauerstein auf O. Er verwundet ihn allerdings nur. A glaubt jedoch, dass sein Wurf tödlich war und flüchtet. O bleibt auf Grund seiner Verletzung blutend auf dem Boden liegen. Diese hilflose Situation nutzt der zufällig vorbeikommende C aus und erschlägt den verhassten O. Ralph sollte prüfen ob es sich bei den Personen A und C um Mord oder Totschlag handelte oder etwas anderes.... Er sollte ein Gutachten schreiben, indem es eine völlige Gliederung geben sollte. Subjektiver Tatbestand. Objektiver Tatbestand, Rechtswidrigkeit Schuld, Ergebnis. Der erste Satz müsste genauso lauten: A könnte sich wegen Totschlages gemäß § 212 StGB strafbar gemacht haben, als er auf den O den Mauerstein geworfen hatte. Dann hätte er schreiben sollen: Objektiver Tatbestand. Der tatbestandliche Erfolg, nämlich der Tod eines anderen Menschen, ist eingetreten. – Die Handlung des C war für den Tod des O kausal und der eingetretene Erfolg ist ihm auch objektiv zurechenbar. Dann hätte es so weitergehen müssen: Subjektiver Tatbestand – C müsste vorsätzlich i.S.d. § 15 StGB gehandelt haben. Vorsatz bedeutet Kenntnis der Tatumstände und ihres Bedeutungsgehalts und einen auf die Realisierung des tatbestandlichen Erfolgs gerichteten Willen. Der Sachverhalt lässt keinen anderen Schluss zu als den, dass C wusste, was er tat und den O auch umbringen wollte; C handelte also vorsätzlich.
2. Rechtswidrigkeit: C handelte rechtswidrig.
3. Schuld: C handelte schuldhaft. Ergebnis: Der C ist wegen Totschlags nach § 212 I StGB zu bestrafen. II. Ebenfalls mitverwirklicht ist die gefährliche Körperverletzung (subsidiär). Doch Ralph schrieb aber, dass der C einen geplanten Mord begangen hatte und schrieb wirr was von Mordmerkmalen wie Heimtücke (§ 211 II Var. 5), Grausamkeit (§ 211 II Var. 6), Mordlust (§ 211 II Var. 1), was in diesem Fall nicht zutreffend war. Hier bekam er 0 Punkte. Dann sollte der den Straftatbestand des A prüfen. Er hätte die Conditio sine qua non-Formel anwenden sollen (nach der von der Rechtsprechung vertretenen conditio sine qua non-Formel ist eine Handlung dann kausal für einen strafrechtlichen Erfolg, wenn sie nicht hinweggedacht werden kann, ohne dass der Erfolg in seiner konkreten Gestalt entfiele.). Er hätte weiterschreiben sollen: Fraglich ist, ob dem A der Tod des C auch objektiv zurechenbar ist. Objektiv zurechenbar ist ein strafrechtlicher Erfolg dann, wenn der Täter eine rechtlich missbilligte Gefahr gesetzt und sich diese im tatbestandsmäßigen Erfolg niedergeschlagen hat. Dann hätte er schreiben sollen: A hat den Mauerstein auf O geworfen und somit war das Risiko der Verletzung geschaffen worden. Vorliegend ist O aber nicht an den Folgen der Mauerstein-Verletzung gestorben, sondern an der von C zugefügten Schläge. Somit hat sich also ein anderes Risiko als das von A geschaffene realisiert. Gesamtergebnis hätte sein müssen: C ist des Totschlages schuldig, A der gefährlichen Körperverletzung nach den §§ 223, 224 I Nr. 2, 5 StGB. Ralph bekam das nicht hin. Obwohl er sich viel darauf vorbereitet hatte. Wollte sein Bestes geben. Doch das Beste war nicht gut genug. Seit dem er am 4.2. Franziska näher kennengelernt hatte und auch im Bett hatte, ging es mit seinen Jura-Leistungen immer mehr bergab. Er dachte in dieser Zeit ständig an Franziska und an ihren gemeinsamen Erlebnisse im Bett und konnte sich daher zu Hause in seiner Wohnung überhaupt nicht mehr auf sein Studium konzentrieren, war nervös, unruhig und stand unter Hochspannung. Und anstatt sich in den letzten Tagen auf sein Jura-Studium zu konzentrieren und zu lernen, masturbierte er oft und verweilte in erotischen Gedanken, die sich immer wieder und wieder um Franziska kreisten. Unterschiedliche Bilder von Franziska schossen ihm immer wieder in den Kopf und das liess ihn oft verrückt oder lethargisch werden. Meistens Bilder von ihrem Körper. Ihre Brüste, ihren Hintern, ihr Tattoo am Arm, ihre Lippen. Er spürte ihre Lust, ihren Atem. Stellte sich vor, wie sie ihn küsste, leckte, blies, auf ihn ritt ... Obwohl er sich mit aller Kraft versucht auf sein Jura-Studium (ja - er musste es- sagte er sich) zu konzentrieren, wurde er so von Gefühlen der Leidenschaft und Gelüsten beherrscht, dass er am Ende fast nichts mehr hinbekam.

Am Abend des 6.2. versuchte Ralph mit aller Mühe die Situation zu durchbrechen, in dem er sich ins Bett legte und sich den Laptop griff, der auf dem Nachttisch lag. Dann schaltete er diesen an und fing an zu lernen. Und versuchte sich zu konzentrieren.
Er las sich Texte für die nächsten Klausuren durch, die bald anfielen und versuchte sich das Wichtigste von diesen langen Texten zu merken. Machte sich auch Notizen. Doch nach einer Weile merkte er, dass seine Konzentrationsfähigkeit immer mehr abnahm, dass es sinnlos war weiterzumachen, weil alles, was er las verschwamm und zu einer einzigen Suppe wurde. Sein Hirn schien ein Sieb geworden zu sein. Sollte er tatsächlich etwas in den Kopf bekommen haben, kam es sofort aus den Ohren wieder raus. Eigentlich war er - so stellte er mit Erschrecken fest - streng genommen überhaupt nicht mehr aufnahmefähig. Er brachte die Paragraphen durcheinander, schrieb vieles ungenau oder falsch und der Stoff kam ihm wie ein unübersteigbarer großer Berg vor, der immer höher wuchs. Und sein Optimismus, sein Selbstbewusstsein und sein Vertrauen auf seine Fähigkeiten in dem Fachbereich Rechtswissenschaften schrumpften immer weiter auf Mausgröße. Er starrte eine ganze Zeit auf den Bildschirm und seine Texte mit den ganzen Buchstaben verschwammen immer mehr vor einen Augen.

Als seine Konzentrationsfähigkeit nicht wiedererlangen konnte und seine Unruhe immer mehr wuchs, gab er das Studieren an diesen Abend auf, lief aus dem Schlafzimmer und ging in sein Arbeitszimmer. Dort lief er nervös umher. Bewegte sich wie ein Tiger im Käfig. Kurz darauf lief er immer mehr und schneller im Kreis herum. Dann lief er in eine leicht schwachbeleuchteten Ecke des Arbeitszimmers, in der eine grosse Puppe war. Sie hiess früher Katharina, aber seitdem er Franziska kennengelernt hatte, nannte er sie nun Franzi – benannt nach Franziska. Sie saß entkleidet auf dem Stuhl und sah täuschend echt aus, trug blonde Plastik-Haare, die genauso frisiert waren wie Franziskas Haare. Das Frauengesicht der Puppe war mit Lippenstift, Lidschatten, Make-Up von ihm bemalt worden, war teils verschmiert und sah daher kitschig und schon fast gruselig aus. Sie war eine lebensechte, mit 1,50 Meter Größe fast menschengrosse Plastik-Puppe, die er sich im Lockdown online aus einem Versandkatalog bestellt hatte.
Er sprach mit ihr. Immer wenn er alleine war.
"Da bist Du, Franzi. Wie ich Dich begehre", sagte er zur Puppe. Er küsste sie, leckte ihre linke Backe. Dann riss er die Puppe an sich und tanzte mit ihr im Kreis. Kurz darauf ging er mit der Puppe im Arm zur Stereoanlage und machte Musik an. Es war Air von Bach. Dann tanzte er mit ihr zu dieser Musik...
"Komm, tanz. Lady. Tanz, Lady. So ist dass gut. Du bist doch meine Lady", sagte er zur Puppe. Dann ging er mit der Puppe zu seinem Schreibtisch, griff sich, während er mit dem linken Arm die Puppe fest umklammert hielt, mit der rechten Hand ein Bier, das dort auf dem Schreibtisch (seinem "Lerntisch") stand und trank daraus. Nachdem er das Bier wieder auf den Schreibtisch gestellt hatte, ging er mit der Puppe in den Händen wieder in die Mitte des Arbeitszimmers. Dann umklammerte er die Puppe fest mit beiden Händen und tanzte weiterhin mit ihr. Und drehte sich mit ihr um Kreis. Dann stolperte er plötzlich und fiel mit der Puppe auf den Boden. Seine Brille rutschte etwas von seiner Nase und er lachte. Halb irre und halb verzweifelt.

"Oh... meine Lady", keuchte er. "Franzi. Oh Franzi." Dann stand er nach einiger Zeit auf, liess die Puppe auf dem Boden liegen und lief zu seinem "Lerntisch" und zu seinen Büchern. Dort wanderten seine Augen zu einem Blumenstrauß, den er für Franziska gekauft hatte und in einer Vase auf dem Schreibtisch stand. Rote Rosen, lachsfarbene Rosen, gelbe Rosen, rosa Rosen. Dazu einige Chrysanthemen. Etwas Schleierkraut. Und ein bisschen Deko-Grünzeug. Daneben lag ein Abschiedsbrief, den er in suizidaler Absicht geschrieben hatte. Und ein Brief an Franziska. Er ging zur Stereoanlage, legte die CD ein, die auf der Anlage lag und drückte die Playtaste. Er ertönte das Stück "The Corona-Party Is Over" von dem Punk-Band-Projekt "UC-Project". Und die düstere Musik mit der tiefen und düsteren Stimme des Sängers Ed Warner schallte durch das leicht aufgeklappte Fenster nach draußen in die dunkle, menschenleere Strasse.

When i´m sad
I close my eyes
When I´m empty
I enjoy my day
When my heart is empty
When my soul is empty
I can´t create anything

The Storm is coming
The party´s over
Times are changing
Find a new way

Sometimes
there are bad times
There are hard times
Clean your soul
from dirty thinks
Found my way
I want to escape
from the darkness
From the darkness...

When the party is over
When you´ve lost your soul
When your heart is empty
When your soul is empty
You can`t create anything...

Times are changing
Life is very hard
Times are changing
Find a new way

Somtimes
There are bad times
it´s a hard life
Clean your soul
From dirty things
Found my way
I want to escape
from the darkness
from the darkness...


10. DIE SELTSAME LOCKDOWN-PARTY

Es war schon 17 Uhr, als Stellas Wagen vor der Wohnung der Thomsons in der Brockstraße hielt.
"Wir sind da", sagte sie.
"Ok. Endlich", sagte John.
Dann hielt der Wagen an der Straßenseite vor dem Mietshaus, dass die Thomsons bewohnten. John und Franziska griffen sich ihre beiden Tüten. Dann stiegen alle aus. Zuerst Stella und Rüdiger. Und dann John und Franziska. Dann liefen sie zur Eingangstür des Mietshauses und öffneten sie. Und alle gingen ins Mietshaus. Sie liefen drei Etagen die Treppen hoch, bis sie auf der 3. Etage an eine Tür rechts mit dem Schild "Linda" kamen. Stella klingelte. Eine attraktive, brünette Frau mit roter, enger Bluse öffnete die Tür. Es war Linda. Sie trug an der Tür noch eine Maske. Musik hallte ihnen entgegen und Essensgeruch.
"Guten Abend. Kommt rein. Essen ist schon da", sagte Linda.
"Hallo", sage Stella, die eine Maske aufhatte. Ihr Mann Rüdiger, der hinter ihr stand, sagte zunächst nur "Hallo."
Linda gab Franziska die Hand. Und dann John. Und dann Rüdiger. "Schön, dass ihr da seid.", sagte sie. "Kommt rein."
"Hallo. Wir haben das noch geschafft. Etwas zu spät sind wir", sagte Franziska.
"Ist nicht schlimm. Unser Treff geht dafür länger", sagte Linda. Sie blickte auf John. "Und hier ist der John. Freut mich.."
"Ja. Hallo. Danke für die Einladung", sagte John.
"Ich hatte mit meinem Mann Franziska Ende Januar besucht. Und da hatte ich Dich kennengelernt. Das erinnerst Du doch?", fragte Linda.
"Ja, sicher", antwortete John.
"Franziska hat viel von Dir erzählt! Dass Du so ein interessanter Mann bist."
"Tatsächlich? Das freut mich", sagte John.
"Kommt alle rein. Da sind allerlei Speisen. Mein Mann sitzt im Wohnzimmer. Und da ist auch Shari aus Ghana da, eine Nachbarin", sagte sie.
Nachdem sie alle in die Wohnung gegangen waren, schloss Linda die Wohnungstür und alle setzten die Maske ab. Dann führte Linda sie ins Wohnzimmer. Dort war ein Tisch mit allerlei Speisen: Entenbraten mit Rotkohl und Klöße. Eine Hühnersuppe. Brokkoli mit Käse überbacken, Kassler-Braten mit Sauerkraut und Zwiebeln. Nudelsalat, Tomatensalat und Hähnchensalat und vieles mehr.... Dazu Pudding und Erdbeerkuchen als Nachtisch. Und Wein, Cola, Fanta, Bier, Bourbon, Gin Tonic Whisky. Da war mehr als genug und John und Franziska staunten. Für alle war an dem großen Tisch Platz und an jedem Platz war bereits ein Teller, ein Glas und Besteck.
"Das ist ja fast ein Hochzeitsessen", sagte John.
"Wir hatten in der Corona-Zeit nichts. Und heute wollen wir mal einen besonderen Abend erleben. Denn wir waren lange genug eingesperrt", erzählte Linda.
"Das kann ich verstehen", sagte John.
Auf einem der Stühle am Tisch links saß ein schlanker Mann mit Oberlippenbart. Es war Jochen, Lindas Mann. Als er John und Franziska sah, stand er auf, ging ein paar Schritte auf sie zu, begrüsste sie und gab Ihnen dabei kurz die Hand.
"Ich freu mich, dass ihr da seid. Es ist viel Essen da. Und Getränke. Ihr könnt Euch bedienen. Auch Du John. Iss Dich satt. Da gibt es schönen Entenbraten."
"Danke. Vielen Dank. Ich werde mich satt essen. Aber ich will nicht zu viel Essen. Denn ich will schlank bleiben."
"Ich habe schon gehört, dass Du auf Deine Figur achtest.",
"Das hast Du gehört? Dann hat Franziska viel von mir erzählt?", fragte John.
"Ja. Einiges. Und nur Positives."
"Das ist toll. Dabei bin ich kein sehr kontaktfreudiger Mensch. Seit der Coronakrise noch weniger", erzählte John.
"Wirklich?", fragte Linda.
"Naja. Liegt in meiner Natur. Und auch wegen Corona. Ist ebenso."
"Er redet oft nicht viel", sagt Franziska. "Mit mir aber mehr. Ich habe ihn etwas gezähmt", ergänzte sie.
"So? Ist er so ein wilder? Da muss ich aufpassen", sagte Jochen lächelnd, "Meine Frau mag wilde Männer", sagte Rüdiger.
"Wirklich?", fragte John.
Dann stand die schwarze Frau namens Shari, die auf einen Platz am Tisch sass, auf und gab Franziska kurz die Hand und dann John.
"Ich bin Shari. Aus Ghana."
"Angenehm", sagte John.
"Ich freu mich Dich kennenzulernen", sagte Franziska.
"Ich würde mal sagen wir setzen uns alle an den Tisch und essen. Bevor das Essen kalt ist", unterbrach Linda das Gespräch.
"Ja", sagte Jochen.
Dann setzten sich alle an den Tisch. Und dann fingen sie zu essen. Und tranken. Und sie unterhielten sich.
"Das Essen ist super. Hervorragend. Ich habe selten schon schönen Entenbraten gegessen", sagte Franziska.
"Das macht Linda hervorragend", sagte Jochen.
"Das meiste hat Linda gemacht. Ich habe ihr nur wenig geholfen", sagte Stella.
"Wirklich toll das Essen. Wirklich. Ich habe lange nicht so gut gegessen. Denn oft hatte ich wenig und nicht so gut gegessen. Aber dafür Obst und Gemüse", erzählte John.
"Tatsache? Du treibst sicher Sport?", fragte Stella,
"Ich laufe. Ich mache Liegestütze. Früher - vor Corona - habe ich mehr Sport getrieben. Das ist mir jetzt, während der Corona-Pandemie, nicht möglich in Fitnessclub zu gehen" sagte John.
"Leider."
"Das ist schlimm mit Corona."
"Ja. Ich bin auch Coronamüde. Und genervt. Ich wünsche mir endlich Normalität. Dass die Geschäfte wieder aufmachen können. Das ich in Ruhe mein Kaffee im Café trinken kann. Oder in die Bar gehen kann", sagte Jochen.
"Ich wäre gerne mal wieder ins Fitnessstudio gegangen. Ich hätte viele Sachen gerne gemacht. Aber finanziell ist das nicht so einfach bei mir", sagte John.
"Was machst Du beruflich?", fragte Rüdiger.
"Ich bin Klempner. Zuletzt habe ich aber in einer Gartenfirma gearbeitet."
"Jetzt auch noch?", fragte Jochen.
"Ich habe meine Arbeit während der Coronakrise verloren. Das war März 2020. Mein Chef...Der Chef meiner Gartenfirma starb...während der Coronakrise. An Corona. Danach war die Gartenfirma am Ende. Und ich verlor meinen Job", erzählte John.
"Ja. Das tut mir leid.", sagte Jochen.
"Er hatte aber eine Vorerkrankung! Das darf man natürlich nicht vergessen."
"Ja. Man muss aufpassen, Besonders, wenn man eine Vorerkrankung hat", sagte Stella.
"Tragisch", sagte Linda.
" Aber...meine Eltern helfen mir. Haben wahrscheinlich einen Job für mich. In Berlin", sagte John und blickte auf die Flasche Whisky, die in seiner Nähe auf dem Tisch stand.
"Das ist ja gut."
"Ja. Ich hatte harte Zeiten hinter mir. Viel Scheiß erlebt... Will nicht darüber reden", sagte John.
Er wollte in diesem Moment nicht reden. Denn während des Gesprächs dachte John plötzlich an die Messerstecherei am Hamburg Hauptbahnhof am 15. Dezember 2020. Ja. Er stand, als das passiert war und einer starb, damals unter Drogeneinfluss (ein blöder Rückfall war das) und Alkoholeinfluss mit Torsten Siebert, einen früheren Freund, der ihn in falsche Richtung geführt hatte (den Namen wollte er nicht in den Mund nehmen und er würde ihn auch nicht mehr kennen wollen - es würde so sein als würde dieser Name nie existieren). Was da genau ablief wusste John nicht mehr, er hatte es verdrängt oder er wollte es nicht wissen oder beides. Als das passiert war, war alles für ihn unwirklich. Sah sich nur von oben. Und machte etwas...was er nicht erklären konnte. Rastete wohl komplett aus...Vermutlich war es so in dieser Situation. Das geschah beim gemeinsamen Taschendiebstahl. Wer das Messer damals gehalten hatte... er oder Torsten... daran wollte er gar nicht denken. Er oder der Torsten. Da war ja noch der Anton Meissner, der bei einer Auseinandersetzung mit ihm aus dem Zug fiel... Er versuchte die Gedanken daran zu verdrängen. Einfach vergessen! John griff sich daher die Whiskyflasche, die auf dem Tisch stand.
"Ich sehe, dass Du gierig auf den Whisky bist. Du kannst gerne was nehmen. Das ist schöner Whisky", sagte Jochen.
John schenkte sich Whisky ins Glas ein.
"Ja... gerne. Ich brauche jetzt was...", sagte John. Und er machte ein bedrücktes Gesicht.
"Du hast wohl wirklich...viel durchgemacht", sagte Linda.
John nahm das Glas und trank.
"Ja. Viel." Mehr sagte er jetzt nicht.
"Er hatte es schwer", sagte Franziska. "Aber wir haben das irgendwie geschafft."
"Ja. Das ist gut die richtige Frau an der Seite zu haben. Sonst geht man kaputt", sagte Jochen.
"Eine Frau kann einen Mann hoch oder runterbringen. Das weiss ich aus Erfahrung", sagte Rüdiger.
"Ja. Stimmt. Nicht nur im wirtschaftlichen Bereich. Auch im Bett", sagte Stella. Sie grinste.
"Ja. Und wie macht ihr das mit dem Job in Berlin? Falls das klappt?", fragte Linda. "Denn Franziska wohnt in Frankfurt."
"Wir werden das mal sehen. Wir finden schon eine Lösung. Notfalls gehen wir beide nach Berlin, wohnen vorläufig bei meinen Eltern und suchen uns dann neue Wohnung, wenn ich einen festen Job haben werde", sagte John.
"Ja. Mal sehen. Sehe ich auch so", ergänzte Franziska.
"Das ist ja gut. Ich kenne diese Probleme mit dem Verlust des Arbeitsplatzes. Ich bin auch arbeitslos geworden", sagte Rüdiger.
"Wirklich? Was hast Du gemacht?", fragte John.
"Ich war Tontechniker", sagte Rüdiger.
"Oh...Tontechniker und Künstler sind besonders von der Coronakrise betroffen", sagte John.
"Ich weiß. Mich hat es in der Coronakrise voll erwischt", klagte Rüdiger.
"Ja. Schlimm. Das kann ich mir vorstellen."
"Und weißt Du was? Ich finde es einerseits tragisch, dass ich mein Job verloren hatte. Aber meine Eltern halfen mir zum Glück. Auf der anderen Seite war das - jedenfalls für mich - deshalb nicht so schlimm", erklärte Rüdiger.
"Nicht schlimm?", fragte John.
"Erstens haben meine Eltern mitgeholfen. Und ich habe gelernt, was wichtig ist", meinte Rüdiger.
"Was denn? Sex?", fragte Stella.
Linda lachte.
"Das auch. Aber man sollte Sex nicht zu sehr überbetonen. Liebe ist wichtig und das ANDERE gehört eben dazu", sagte Rüdiger.
"Ja. Wenn Du meinst", sagte Stella.
"Ich habe gelernt, über mein Leben nachzudenken. Konnte endlich das tun, was ich immer mal machen wollte. Lernte zu wissen was wichtig ist", erzählte Rüdiger.
"Was denn?"
"Ich konnte malen. Lesen. Spazierengehen, Nachsinnen. Ich finde, es ist wichtig zu lernen was wichtig ist. Wir mögen am Tag tausende Worte sprechen...und nur drei Worte sind wichtig. Ich mag Dich. Oder ich liebe Dich", sagte Rüdiger.
"Oder manchmal nur ein Wort. Mir fällt ein Wort ein, dass drei Buchstaben hat und mit S anfängt", sagte Franziska.
"Ich weiß schon. Sex. Das meine ich nicht. Ich meine ein Wort, das mit fünf Buchstaben anfängt: Liebe. Und dann kommt das andere. Jedenfalls für mich", meinte Rüdiger.
"Du hast recht."
"Ich will mich daher auch mehr um meine Familie kümmern", sagte Rüdiger.
"Das ist gut", sagte Franziska
"Was ist Dir wichtig, John?", fragte Rüdiger.
"Das habe ich hier: Franziska. Aber, um zu leben braucht man Geld. Das ist hart ohne Geld. Das kann der sagen, der schon mal auf der Straße war", sagte John.
"Warst Du mal auf der Straße?", fragte Jochen.
John nicke.
"Ja. Und da kann jeder dort landen, wenn man nicht aufpasst", sagte John.
"Ja", sagte Rüdiger ernst.
"Wir habt ihr Euch denn kennengelernt?", fragte Linda.
"Hier! In Frankfurt. Ich hatte bei meinem Bruder Hartmut gewohnt.- Ich hatte mit ihm Streit gehabt. Da musste ich weg... Da hatte ich sie am Bahnhof getroffen. Wir gingen ein Döner essen. Und dann... hat`s gefunkt. Sie hatte mich nach Hause mitgenommen", erzählte John.
"Und dann? Du hattest ja andere Männer kennengelernt, Franziska", sagte Stella.
"Das ist alles momentan nicht mehr wichtig. Wir sind zusammen. Und nur das zählt", erklärte Franziska.
"Ja. Franziska hatte mal was laufen mit verschiedenen Typen. Wir wollen das nicht mehr. Zumindest das nicht mehr so wie früher. Das heißt aber nicht, dass wir in Zukunft niemals in eine frivole Bar gehen wollen," sagte John.
"Ach so."
"Momentan leben wir meistens zurückgezogen in unserer Wohnung. Es ist, als würden wir auf einem Planeten oder Kosmos leben", sagte Franziska.
"Wir wollen nach Berlin. Da gibt es eine frivole Bar. Blue Salon heißt die Bar in Neukölln", sagte John.
"Klingt gut."
"Ich kenne den Petrick schon sehr lange ", meinte John.
"Ja. Das ist halb Bar, halb Club. Da gibt s auch Partnertausch. Das erfuhr ich von John. Zumindest war das vor Corona so", sagte Franziska.
"In der Zeit als die Coronamassnahmen im Sommer 2020 gelockert wurden, fand auch was statt in irgendeiner Form. Auch mit Partnertausch. Da kannst Du Dir sicher sein", sagte John.
"Naja. Ein bisschen swingen", sagte Linda.
"Jetzt im Lockdown ist das nicht mehr möglich", sagte Jochen
John blickte ihn mit grossen Augen an. "Doch. Der Petrick lässt sich schon was einfallen. Der organisiert vermutlich heimlich irgendwelche Treffs. Der ist schlau. Will Geld machen. Der lässt sich was einfallen", sagte John.
"Du kennst ihn ja gut", sagte Franziska.
Rüdiger wechselte das Thema.
"Was war da eigentlich der Typ am Fenster?", fragte Rüdiger.
"Das war Ralph", sagte Franziska.
"Ralph? Wer ist das?", fragte Jochen.
"Auch so ein kleiner ...naja. Wichtigtuer. Der mal Erfahrungen mit Frauen sammeln will. Ich habe keinen Draht zu ihm. Er interessiert mich nicht", sagte John.
"Aber so wie er Euch am Fenster beobachtet hatte, scheint er Euch zu mögen", sagte Rüdiger.
"Ja. Aber der soll nicht mehr kommen. Er soll noch 100 Euro abdrücken. Dann kann er wieder gehen."
"Und wie war er?"
"Ach...mittelmäßig. Ich habe erst nicht viel gespürt. Er hat keine Erfahrungen. Musste erst mal auftauen", sagte Franziska.
"Mir wäre das zu wenig", sagte Linda.
"Aber beurteilt nachdem was er redet scheint er nicht viel auf den Kasten zu haben. Studiert Jura. Scheint aber nicht so weit zu sein", erzählte Franziska.
"Naja. Redet nicht viel. So einer mit Pickeln im Gesicht und Brille. Hat aber eine gute Figur. Aber wenig in der Hose", sagte John.
"Mir wäre das erst recht zu wenig", sagte Linda.
"Er studiert Jura? Dann er hat er sicher eine glänzende Zukunft. Er kann sogar promovieren, ein guter Anwalt werden mit gutem Haus. Es sei denn, er studiert fleißig. Wie weit ist er denn?", fragte Jochen.
"Im dritten Semester."
"Was? Erst im dritten Semester? Dann ist die Frage, ob er das Studium durchzieht. Denn die meisten werden erfahrungsgemäss das Studium abbrechen", sagte Jochen.
"Ich weiß. Ich habe das gehört. Ich kannte mal so ein Mann. War mit ihm kurz zusammen. Früher. Er studierte und wurde später Anwalt. Und daher weiß ich, dass es schwer ist und viele abbrechen", sagte Franziska.
"Mein Cousin hatte mal einige Semester Jura studiert. Dann hatte er das Studium abgebrochen und eine kaufmännische Lehre gemacht. Das war besser so. Das Jura-Studium war ihm zu lang und zu trocken."
"Fragt mal wie weit er ist", riet ihnen Rüdiger.
"Er erzählte mir, dass er im dritten Semester ist. Und jetzt ist erst bei Strafrecht 2, Schuldrecht 2 ist. Fiel mir so auf. Er müsste eigentlich schon längst im 3. Semester bei Strafrecht 3 sein", sagte Franziska.
"Da stimmt was nicht. Dann kann er nicht so weit sein", meinte Jochen.
"Vielleicht ist er durchgefallen bei den Klausuren und muss sie wiederholen. Müsst ihr ihn mal fragen", riet ihnen Rüdiger.
"Ne. Ich hab´ ehrlich kein Bock auf den Typen. Der soll wegbleiben und das ist alles. Ich will eigentlich nur noch die 100 Euro, Franziska kann sich um ihn etwas kümmern und dann muss er weg", sagte John.
"Ja. Das funktioniert zwischen John und Ralph nicht", sagte Franziska.
"Wie sieht er denn aus?", fragte Shari.
Franziska holte ihr Handy raus, klickte auf Galerie und öffnete einige pikante Fotos von Ralph.
"Da sind einige Fotos. Und Videos", sagte Franziska und reichte Shari das Handy. Shari griff gierig nach dem Handy und schaute sich die Fotos an. Und dann die Videos nachdem sie den Ton weggeschaltet hatte.
"Ich will mal sehen...", sagte Shari.
"Franziska. Bitte! Sowas macht man nicht. Auch wenn Ralph nicht mein Typ ist. Privat ist privat", sagte John.
"Ja. Tschuldigung, Schatz. Vergessen. Aber für Shari ist das interessant."
Shari betrachtete immer noch die Fotos und Videos. Ihr Mund öffnete sich. Und ihre Augen wurden groß.
"Gefällt Dir das?", sagte Linda.
Sie sagte zunächst nichts. Dann redete sie weiter.
"Ich bin zur Zeit alleine, wisst ihr? Mein Mann und ich hatten uns vor der Coronakrise getrennt. Das ist in der Coronakrise schwierig für mich. Ohne Partner", erzählte Shari. Und hatte plötzlich Tränen in den Augen.
"Wir können Dir seine Nummer geben", sagte Franziska.
"Ja."
Franziska holte ihr Portemonnaie aus der Tasche, holte ein Kassenbon (den sie eigentlich wegschmeißen wollte) aus dem Portemonnaie und einen Stift. Und legte dies neben Sharis Teller auf den Tisch...
"Hier kannst Du Ralphs Telefonnummer aufschreiben. Er ist auch einsam. Sorry. Ich habe aber seine Telefonnummer nicht im Kopf. Sie steht in der Kontaktkiste im Handy."
Shari schloss im Handy die Galerie mit den Fotos. Dann fand sie die Handy-Kontaktliste und öffnete sie. Dort entdeckte sie Ralphs Handy-Nummer. Sie nahm den Stift in der Hand und schrieb die Telefonnummer auf den Kassen-Zettel, den Franziska ihr auf dem Tisch neben dem Teller hingelegt hatte.
"Ich schreib auch Eure Telefonnummer auf?", fragte Shari.
"Ja. Bitte. Steht auch auf der Kontaktliste. Meine Telefonnummer. Und Johns Telefonnummer", sagte Franziska.
Sie schrieb Franziskas Nummer auf. Das reichte ihr jedoch nicht. Sie schrieb auch Johns Nummer auf.
"Darf ich auch mal die Fotos sehen?", fragte Linda.
"Ja", sagte Shari.
"Ich auch. Und mein Mann auch", sagte Stella.
Dann reichte sie das Handy mit den Fotos von Ralph Linda.
"So schlecht ist er nicht.", sagte Linda, als sie einige Fotos von Ralph betrachtet hatte.
Nachdem Linda alle Fotos betrachtet hatte, gab sie das Handy an Stella und ihrem Mann Rüdiger weiter, die die Fotos betrachteten und kurz auch einige Ausschnitte aus dem Videos. Und kurz darauf hatte auch Jochen das Handy in der Hand. John verdrehte die Augen.
Jochen sah sich einige Selfie-Fotos von Ralph näher an. Viele ohne Kleidung. Bei einem pikanten Selfie-Foto vor dem Spiegel sagte Jochen": Das Foto müsste man in der "Love`s Breaking My Heart“-Community in Frankfurt posten. Anonym", meinte Jochen.
"Da sollte man Ralph fragen", sagte John. "Aber eigentlich ist es mir egal. Ich habe damit nichts zu tun."
"Ich nehme nur den Körper", sagte Jochen.
"Ok."
Dann tippte Jochen einige Zeit auf dem Handy rum. Nach kurzer Zeit war er fertig.
"So. Geschafft. Ich hab´ drei Bilder und ein Video von Ralph anonym unter Harry123 gepostet. Da können sich einige Frauen freuen und einige Gays", sagte Jochen heiter. Er war etwas angetrunken.
"So schnell hast Du das geschafft?", fragte Franziska.
"Ja. Ich kenn mich aus. Denn ich bin Fotograf. Ich mache oft Bildbearbeitungen. Ich wollte Euch nur mal so demonstrieren, was ich so kann", sagte Jochen.
"Das ist toll. Dann kannst Du ja mal Franziska und mich zusammen fotografieren. Wie Yoko Ono und John Lennon bei der Two Virgins-Session", schlug John vor.
"Das können wir machen."
Linda wechselte das Thema.
"Wollen wir uns nicht im Wohnzimmer auf die zwei Couch-Sitzreihen vor dem Fernseher setzen und Fernsehen gucken? Zuerst Coronanachrichten. Und dann einen Film?", fragte Linda.
"Ja. Das ist gut", sagte John.
"Und dann trinken wir mehr", sagte Jochen.
"Ja. Whisky-Bourbon ist gut", sagte John.
"Ich bevorzuge Gin Tonic", meinte Stella.
"Ich Vodka mit Eis", meinte Jochen.
Dann standen sie auf, um auf den beiden Couch-Sitzreihen zu sitzen, fern zu gucken und zu trinken.

Ralph war - als John und Franziska bei Linda und Jochen waren - die ganze Zeit nervös. Er hatte das T-Shirt ausgezogen und lief die ganze Zeit in seinem Zimmer mit nacktem Oberkörper im Kreis herum und guckte immer ab und zu aus dem Fenster, ob Franziska und John endlich wiederkommen würden. Doch sie kamen nicht. Nach einer Weile des frustrierenden Wartens ging er in das Schlafzimmer. Dort blickte er auf seine "Franzi"-Puppe, die er aus dem Arbeitszimmer hierher gebracht hatte und auf einen Stuhl gesetzt hatte. Direkt vor seinem Bett. Er blickte ihn ihr Gesicht und den vermischten Lippenstift und dem Makeup. Er griff sich eine Klo-Rolle, die auf dem Nachtischchen neben zahlreichen Tabletten lag, riss ein Stück davon ab und wischte einige Lippenstiftflecken, Make-Up-Flecken ab, die auf den Wangen der Plastik-Puppe waren und dort nicht hingehörten. Dann ging er zum Bett, auf dem eine neue sauber gewaschene Jeans, ein frisches, weißes Hemd lag, ein weißes T-Shirt, ein Paar Strümpfe und eine neue Unterhose. Er hatte das alles so vorbereitet. Kurz darauf zog er sich die neue Unterwäsche an. Dann seine Jeans und sein weißes Hemd. Und zuletzt die Strümpfe. Einen Augenblick später verließ er das Schlafzimmer und schloss die Schlafzimmertür ab. Dann ging er auf den Flur zu einem Spiegel, griff sich einen Kamm und kämmte sich die kurzen Haare nach hinten. Nach einer Weile ging er in das Arbeitszimmer, machte das leicht gedimmte Licht an, ging zu seinem "Lern-" oder "Studier"-Tisch und griff sich den Rosenstrauß, der sich dort in einer Vase befand. Sein Blick fiel auf einen Zettel, der auf dem Tisch lag. Auf dem Zettel stand ein Gedicht, das Ralph verfasst hatte. Dort stand:

"Ich tue alles für Dich
Ich vergesse mich
Denn ich liebe Dich
Brauche Dich.
Du bist immer da
Ob Du hier bist
Ob fern oder nah
Du bist ein Teil von mir
Bist immer hier
Trink mein Bier

Wenn ich einsam bin
Gebe ich mich
den Träumen hin
Dort küsse ich Dich
Liebe ich Dich
Umarme Dich
Abseits aller Normen
Sei mit mir verdorben

Ich zerreiss die Mauer
Bin jetzt schlauer
Der Himmel wird nicht grauer
Sondern immer blauer
Wenn Du mich hältst
In den Armen
Mich melkst
Hab Erbarmen
Mit mir der Mann
Von nebenan
Zieh mich in den Bann
Fang mit mir was an

Franziska ich seh Dich vor mir gehn
Mit offenem Armen
Vor mich stehn
Nachts in meinen Träumen
Sogar draußen
In den Bäumen
Auf den Straßen
Wenn ich denke an Dich
Wenn ich mich verschwende an Dich

Dann merke ich es
Sehe, sehe ich es
in der Nähe der Hüfte
Was ragt in die Lüfte
Habe Strolch -Gelüste
Liebe Deine Brüste."

Nachdem Du mich entzückst
Bring mich zur Grotte des Glücks
Bring mich aus der Dunkelheit
Hinaus aus der Einsamkeit
Denn Zweisamkeit
Ist besser als Einsamkeit
In der verrückten Corona-Zeit
Und all dem Leid
Vor dem niemand ist gefeit
Der Weg daraus ist noch weit
Haltet Euch bereit
Ich zähl auf Euch
Ihr könnt es schaffen
ihr habt das Zeug
Seid nicht wie Affen
Glaubt an Euch
Glaubt an Eure Fähigkeiten
Ihr habt das Zeug
Macht Euch keine Schwierigkeiten
Das Glück zu finden
Sich zu binden
ist oft nicht immer leicht
Wenn Euer Charme nicht reicht
Wenn der Mut weicht
Deshalb: Ihr müsst Euch überwinden
Zu Euch finden
Wissen was ihr wollt
Wissen was ihr tun sollt
In Eurem Leben
Last Euch das nicht nehmen
Ich kenn die Nachbarsfrau
Und die wird meine Frau
und und und und...
Sehne mich nach Deinem Mund

Tut mir leid das zu gestehen
Es ist zu spät
Für mich den Elenden
Oft verschmäht
Kein Hahn nach mir kräht
Wenn ich vergeh
Von der Erde geh
Wenn der Wind über mich weht
Für den Gefallenen
Für den Elenden
Das letzte Klang der Glocke erklingt
Ein letztes Glück bringt


Ralph hatte diese Sätze für Franziska geschrieben. Doch da er wegen manchen Texten unsicher war, hatte er sie (noch) nicht Franziska geschickt. Er überlegte, ob er daran weiterschreiben sollte. Oder es lassen sollte. Doch da er vermutete, dass John und Franziska bald nach Hause kommen würden, griff er sich den Blumenstrauß, der auf dem Tisch stand. Dann ging er damit aus dem Studierzimmer und verliess eilig die Wohnung. Dann lief er im Treppenhaus die Treppe runter auf den Flur des Erdgeschosses und wartete dort in der Nähe der Mietshaus-Eingangstür auf Franziska und John....

In Lindas Wohnung herrschte freudige Stimmung. Der Fernseher lief. Dort lief gerade "John Wick" mit Keanu Reeves. Im Hintergrund lief die Musik "I Will Survive" von Gloria Gaynor. Linda saß mit Jochen gerade auf der rechten Couch-Sitzreihe und sie umarmten sich. Sie waren etwas angetrunken. John und Franziska saßen nebeneinander auf der linken Couch-Sitzreihe. Sie tranken Bourbon mit Cola. Auch sie waren beide ziemlich angetrunken und guckten mit trägen Augen in den Fernseher. Besonders John. Stella und Rüdiger tanzten zur Musik in der Mitte des Wohnzimmers. Auch sie waren leicht angetrunken -aber nicht so, dass sie aus ihrer Sicht nicht Autofahren konnten. Shari saß mit einem gewissen Abstand von ungefähr einem Meter neben Rüdiger auf der Couch. Sie hatte Tränen in den Augen, da sie mit der Trennung von ihrem Mann und der Einsamkeit in der Coronakrise nicht klarkam. Stella und Rüdiger hatten schon versucht sie zu trösten. Doch das war bisher vergeblich.
"Wollen wir gleich ins Bett?", fragte Linda.
"Das geht momentan nicht. Wir haben Gäste", bemerkte Jochen.
"Ja."
"Was machen wir mit den Gästen?"
"Stella und Rüdiger übernachten im Gästezimmer. Sie kümmern sich schon um unsere Gäste. Sie bringen Franziska und John nachher nach Hause", erklärte Linda.
Dann mischte sich Franziska in das Gespräch ein.
"Das ist ja wirklich nett. Denn ich fürchte John ist ziemlich betrunken. Und wenn er betrunken ist, macht er Dummheiten. Es ist gut, wenn ihn jemand nach Hause bringt."
Stella hatte das Gespräch, während sie mit Rüdiger tanzte, gehört und blickte Franziska an.
"Das ist kein Problem. Wir bringen Euch nach Hause. Nachher. Momentan tanzen Rüdiger und ich noch", sagte Stella.
"Danke. Das ist sehr nett", antwortete Franziska.
Dann sprach Jochen sie an.
"Ihr könnt auch im Wohnzimmer übernachten. Dann können Stella und Rüdiger noch tanzen", schlug er vor.
"Das ist nett. Wirklich. Besser wäre es, wenn uns Rüdiger und Stella nachher nach Hause fahren würden. Denn John ist fertig. Zu besoffen", sagte Franziska.
"Das verstehe ich."
"Ich finde es toll, solch tolle Freunde zu haben. Es ist wichtig in der Coronakrise", meinte Franziska.
"Ja. Sicher", meinte John.
"Freunde sind für einander da. Weißt Du?", sagte Jochen.
"Ja."
"Ich könnte mich in der Küche nützlich machen. Das restliche Essen abdecken und in die Küche bringen, Geschirr abwaschen während John noch schläft. In ein paar Stunden ist er wieder nüchtern. Und dann können wir los", sagte Franziska.
"Wie gesagt. Wir sind lockere Leute. Ihr könnt bei uns übernachten. Kein Thema", bot Linda an.
"Das ist sehr nett."
"Wir hatten früher auch eine offene Beziehung geführt", meinte Linda.
"Ach tatsächlich?", fragte Franziska.
"Es bekam unserer Beziehung nicht gut. Das ist nicht für jede Ehe was. Ich glaube, dass sowas nur im Ausnahmefall funktioniert und nur für eine bestimmte Zeit", meinte Jochen. "Auf Dauer ist das auf keinen Fall."
"Ja?", fragte Franziska.
"Übrigens. Wenn John ein Alkoholproblem hat, da habe ich einige hilfreiche Kontakte. Ich kenne da ein paar Gruppen. Auch in Berlin. Da kann ich Euch die Adressen geben. Frausizienweg 4 in Berlin-Wedding. Oder die Freikirchen in Berlin-Neukölln, Spandau, Hackische Höfe.... Da gibt s Hilfen für Alkoholiker. Ohne, dass man Geld bezahlen muss. Es gibt nur freiwillige Spenden von Mitgliedern, die auch ein Alkoholproblem haben. Geld von außen nehmen sie nicht an", sagte Jochen.
"Das ist gut. "
"Da gibt es Treffs. Auch große Treffs. Auch in Frankfurt. Die Treffs der Anonymen Alkoholiker kann ich besonders empfehlen. Ich kenne das, weil einer von meinen drei Brüdern ein Trinker war", sagte Jochen.
"Danke. Ich habe das schon von Linda gehört", sagte Franziska.
"Ich schicke Dir die Adresse per WhatsApp."
"Das wäre nett. Danke. Vielen Dank."
Dann stand Linda auf.
"Ich muss jetzt was tun. Ich will wenigstens ein bisschen abdecken. Und danach wollen ich und Jochen ins Bett. Denn wir sind müde", sagte Linda.
"Ich gehe schon mal...", sagte Jochen und stand auch auf.
Dann stand Franziska ebenfalls auf.
"Ich helfe Euch auch in der Küche", sagte sie zu Linda.
Dann hörten Stella und Rüdiger auf zu tanzen.
"Wir hören auf mit dem tanzen. Stella ist müde. Ich muss sie zu Bett bringen". meinte Rüdiger.
"Und was ist mit Franziska und John? Die wolltet ihr nach Hause bringen", sagte Linda.
"Das mach ich schon alleine nachher. Ich zieh mich etwas mit Stella zurück. Ich muss mich um sie kümmern, damit sie gut schläft. Später komme ich wieder", sagte er.
"O.K. Dann zieht ihr Euch in das Gästezimmer zurück. Das Bett ist frisch gemacht", sagte Linda.
"Ja. Dann bis später. Feiert mal schön weiter", sagte Rüdiger. Und Stella blickte Rüdiger lächelnd an.
Dann gingen sie aus dem Wohnzimmer zum Gästezimmer, machten die Tür auf, gingen dort hinein und machten die Tür zu.
"Sie werden s wohl treiben", meinte Franziska.
"Ja", antwortete Linda.
"Ich denke wir decken schon mal das Essen ab", sagte Franziska.
"Ja."
Dann sprach Jochen zu Shari, die immer noch Tränen in den Augen hatte": Es wird schon alles gut werden. Mach Dir keine Sorgen wegen Corona. Du durchlebst nur eine traurige Phase gerade. Es wird alles gut werden. Und Du wirst auch bald einen Mann wieder finden."
"Ich weiss nicht. Ich weiss nicht. Meine Eltern und Brüder leben in Ghana. Ich bin den ganzen Tag alleine in der Wohnung. Den ganzen Tag. Du weisst nicht wie schwer es ist ohne Partner. Es ist alles verrückt in der Corona-Zeit", sagte sie.
"Das kann ich verstehen. Dann tut Dir unser Treff sicherlich gut. Ein bisschen Ablenkung ist immer gut."
"Ja. Aber....Ich bin ziemlich betrunken..."
"Kein Problem. Ruh Dich ein bisschen aus. Guck fern. Du kannst ja auch versuchen mit John zu reden. Ich muss jetzt den Tisch abdecken", sagte Linda.
Dann gingen Franziska, Jochen und Linda zum grossen Esstisch. Franziska griff sich den großen Teller mit den übrig gebliebenen Essen-Resten von den drei Enten (der hauptsächlich aus Knochen bestand). Jochen griff sich die Schüssel mit dem Rest des Rotkohls. Und Linda griff sich die leere Schüssel, in der die Klösse waren, die vorhin von allen verspeisst worden waren. Dann gingen sie damit in die Küche und stellten alles dort auf den Küchentisch ab.
"Da ist noch ein bisschen Arbeit", sagte Linda.
"Ja. Tragen wir den Rest rein", fügte Franziska hinzu.
Dann trugen sie das restliche Geschirr und das restliche Essen, das noch übrig war, in die Küche. Nachdem der Tisch im Wohnzimmer vollständig abgedeckt war, wuschen sie in der Küche das Geschirr ab und stellten das restliche, übrig gebliebene Essen, das noch gut war in den Kühlschrank.
John lag immer noch ziemlich angetrunken auf der linken Couch. Shari saß immer noch auf der rechten Couch und blickte ihn an. Sie hatte immer noch verweinte Augen. Und war auch inzwischen ziemlich betrunken. Nach einer Weile sprach sie ihn an.
"Corona. Die Inzidenzzahlen steigen immer mehr. Der Lockdown macht mich fertig. Das ist doch ein Leben wie im Gefängnis", sagte Shari. Es dauerte bis John antwortete.
"E..e..e..es ist schwer", sagte John fast lallend.
"Ja. Schwer. Aber wie lange wird es mit Corona noch gehen? Viele Corona-Tote, viele Pleiten, Arbeitslose und Selbstmorde," sagte Shari. "Vielleicht sterben wir fast alle."
"Ja."
"Ich habe es nicht einfach, verstehst Du? Ich muss im Klamottengeschäft lange arbeiten. Mein Mann hat mich verlassen", erzählte sie.
"Ja", sagte John.
Dann stand sie von der rechten Couch-Sitzreihe auf und ging zur anderen, linken Couch-Sitzreihe am Wohnzimmerfenster, auf der John lag.
"Darf ich mich neben Dich setzen?", fragte Shari.
"Ja", sagte John.
John richtete sich langsam auf und setzte sich aufrecht auf die Couch. Einen Augenblick später setzte sich Shari neben John.
"Und Du bist der John!?", fragte sie noch einmal.
"Ja. Der bin ich."
"Ich freue mich, Dich kennenzulernen. Ich bin Shari, die Nachbarin."
"Ja. W-w-w-wohnst Du gleich gegenü-ü-über von Lindas Wohnung?", lallte John.
"Ich wohne gleich gegenüber. Und ich finde es nett, dass sie mich eingeladen haben". sagte Shari.
"Ja. D-d-das ist sehr nett", meinte John.
"Ja. Du bist auch sehr nett. Ich finde es toll mit Dir zu reden. "
"Ja."
"Ich bin so... einsam. Verstehst Du? Ohne Mann. Denn mein Mann und ich hatten uns getrennt", erzählte sie.
"Wieso?"
"Er hat... eine andere Frau."
"D-d-das ist tragisch. "
Dann schwieg John. Es schien als wollte er einschlafen. Seinen Rausch ausschlafen. Doch Shari ließ nicht locker.
"Ich bin die ganze Zeit eingesperrt. Arbeite. Aber ansonsten eingesperrt. Weißt du wie schwer das ist?", sagte sie. Sie wirkte auch ziemlich angetrunken.
"Ich... verstehe", sagte John. Ihm fiel es immer schwerer zu sprechen. Denn er war ziemlich betrunken und nahm alles durch einen Nebel wahr. Dann legte Shari ihre Hand auf sein Knie. Und streichelte sein Knie.
"Du treibst viel Sport?"
"D-d-da wo man auch schläft", sagte er und lächelte.
"So? Im Schlafzimmer meinst Du?", fragte sie.
"Ja."
"Du magst das?“ fragte sie.
"Ja..."
Sie hielt einen Finger hoch, dann an ihre Zunge und leckte daran. Flatterte mit der Zunge daran.
"Siehst Du was ich machen kann?", fragte sie hauchend. Dann schob sie sein Hemd und T-Shirt hoch und streichelte seinen Bauch.
"Ich kann Dich verwöhnen", hauchte sie.
"Ja." Er war immer noch ziemlich benebelt. Bekam jedoch mit was geschah. Sie streichelte ihn eine Weile. Dann näherte sie sich seinem Gesicht und küsste seine Backe. Dann küsste sie ihn auf den Mund. Dann verlor Shari gänzlich die Selbstbeherrschung-auch infolge des Alkoholkonsums und die Situation geriet aus der Kontrolle. Sie setzte sich auf seinen Schoss und küsste ihn intensiver auf den Mund. John wehrte sich zuerst.
"He...nicht. Nicht hier. W-w-was machst Du?", stotterte er.
"Wir beide sind ziemlich besoffen. Aber das kriegen wir noch hin."
Dann ließ sein Widerstand nach. Zumal er sehr betrunken war. Shari griff nach dem halbvollen Whiskyglas, das er nicht ausgetrunken hatte und hielt es an seinen Mund. Sie wollte erreichen, dass sein Widerstand durch noch mehr Alkohol schwächer wurde. Sie gab ihn einige Schlucke. Und er trank einiges! Dann küsste sie ihn erneut auf den Mund. Dann war er von ihr gefangen.

Franziska war mit Jochen und Linda in der Küche und ahnte nicht, was Shari und John in dieser Zeit taten. Sie wusch ahnungslos das restliche Geschirr mit der Hand ab, weil die Geschirrspülmaschine mit dem restlichen Geschirr schon vollgestellt war und scheinbar nicht funktionierte. Jochen und Linda stellten das restliche Essen, was sie noch fanden, in den Kühlschrank.
Dann sprach Linda zu Franziska": Ich bin müde. Ich denke, es ist besser, wenn wir jetzt Schluss machen. Du und John, ihr könnt hier im Wohnzimmer übernachten. Oder Rüdiger bringt Euch nach Hause."
"Danke. Vielen Dank. Aber ich denke, es ist besser, wenn uns Rüdiger nach Hause bringt", meinte Franziska.
"Meinst Du, dass das noch was wird? Sie vergnügen sich nebenan. Die haben bestimmt keine Zeit", meinte Linda.
"Aber John ist besoffen. Und wenn er besoffen ist, hat er am nächsten Tag bestimmt Kopfschmerzen und ist bestimmt schlecht gelaunt", sagte Franziska.
"Dann musst du an seine Tür klopfen und ihn wecken. Das lässt sich nicht ändern. Stella und Rüdiger werden vermutlich nicht begeistert sein."
"Ich werde es trotzdem versuchen", entgegnete Franziska.
"Wir sind müde und gehen jetzt ins Bett", sagte Linda.
"Ja. Ich verstehe das."
"Dann gehen wir", sagte Jochen.
"Noch einmal. Du kannst gerne mit John im Wohnzimmer schlafen. Du kannst Dir auch was aus dem Kühlschrank nehmen, wenn du Hunger oder Durst hast", bot Linda an.
"Danke. Vielen Dank. Ich komme schon klar", antwortete Franziska.
"Wir gehen jetzt. Gute Nacht", sagte Linda. Dann gingen Linda und Jochen aus der Küche und verschwanden einen Augenblick später in ihr Schlafzimmer.
Franziska beendete das Abwaschen und ging zu dem Gästezimmer, in dem sich Rüdiger und Stella befanden. Sie sah, dass die Tür zu einem Spalt offen war. Vermutlich hatte Rüdiger die Tür offengelassen, als er auf die Toilette ging. Sie schob die Tür etwas mehr auf. Sie sah, dass Rüdiger mit den Rücken auf dem Bett lag und Stella sich über ihn gebückt hatte. Dann schloss sie wieder leise die Tür.
"Verdammt. Mist. Wir kommen hier nicht weg", murmelte Franziska.
Sie wollte zuerst links ins Schlafzimmer gehen und Linda holen. Doch vermutlich spielten sich ähnliche Szenen ab wie bei Rüdiger und Stella. "Das sind eben Ehepaare und die wollten -gerade in der nervigen Coronakrise-sich auch vergnügen," dachte Franziska logisch. Dann ging sie zu John. Als sie sich im Wohnzimmer dem Wohnzimmertisch näherte, sah sie John auf der linken Couch sitzen. Sein Kopf war nach unten gesenkt und er schien zu schlafen. Shari lag mit dem Kopf auf seinem Schoss. Auch sie war betrunken und schief tief und fest. Sie lief zu John und Shari, packte die betrunkene Shari unter den Armen und zog sie weg von John und legte sie neben John auf die auf die Couch, so dass ihr ganzer Körper ausgestreckt auf der Couch lag. Dann zerrte sie an Johns Arm.
"Jooohn. Mist. Joooohn. steh auf", schrie Franziska.
Doch John rührte sich nicht. Er schlief tief und fest. Dann lief sie in die Küche, holte ein Glas und füllte es mit Wasser und kam damit ins Wohnzimmer zurück. Dann goss sie John etwas Wasser auf den Kopf. Erst dann rührte er sich.
"Was... ist denn... los", sagte er leise. Dann ging sie zum Gästezimmer und klopfte an die Tür.
"Rüdiger. Stella. Wir müssen los", rief Franziska.
Dann hörte Franziska Rüdigers Stimme.
"Ja. Ich komme in 15 Minuten."
Dann ging Franziska von der Tür weg zu der Couch, auf der John saß. Neben ihr lag immer noch Shari auf der Couch, die tief und fest schlief.
"John. Rüdiger bringt uns hier weg. Er kommt gleich. Er bringt ins gleich nach Hause," sagte Franziska.
Sie erkannte, dass Shari recht hübsch war und John sie vielleicht attraktiv fand und war deshalb froh, wenn er wegkam von der in ihren Augen schrecklich wollüstigen Frau. Franziska setzte sich auf die Couch zwischen John und Shari und wartete auf Rüdiger. Er kam ungefähr nach 15 Minuten aus dem Gästezimmer, schloss die Tür hinter sich zu und knöpfte sich gerade die Jeanshose zu.
"Wir können jetzt los. Ich bin fertig," sagte er.
"John ist besoffen und war sogar eingeschlafen. Er hatte wohl was mit Shari gehabt", sagte Franziska.
"Das ist ja ein Ding. Dann macht Euch bereit", sagte Rüdiger.

"Er ist so besoffen, dass er kaum laufen kann. Du musst mir helfen. "
"O.K.", sagte Rüdiger. Er zog sich Schuhe an und seine Jacke.
"Gib mir bitte auch Johns Jacke und meine Jacke ", sagte Franziska.
"Ja."
Rüdiger griff sich die beiden Jacken und brachte sie Franziska. Sie zog sich kurz darauf ihre Jacke an und ging danach zu John, der immer noch besoffen auf der Couch sass. Auch Rüdiger ging zu John. Dann packten sie John, der sich nur wenig bewegte, am Arm und zogen ihm seine Jacke an. Wenig später packten Franziska und Rüdiger John links und rechts am Arm und zogen ihn aus dem Wohnzimmer. Shari ließen sie auf der Couch liegen. Sie verließen einen Augenblick später die Wohnung mit John und schlossen die Wohnungstür hinter sich zu. Langsam gingen sie mit John die Treppe runter. Dabei mussten sich mehrfach im Treppenhaus abstützen, denn John war sehr schwer und sehr betrunken und daher waren seine Bewegungen oft unkontrolliert. Einmal wären sie fast gestürzt! Als sie endlich die Treppen geschafft hatten, verließen sie das Mietshaus und schleppten John in der nächtlichen Dunkelheit über die menschenleere Strasse zu Rüdigers Wagen. Kurz bevor sie einstiegen, musste John sich übergeben. Franziska wischte ihm, nachdem er alles, was er auf Linda Party gegessen und getrunken hatte und nun auf der Straße ausgespuckt hatte, den Mund mit einem Taschentuch ab, bevor sie und Rüdiger ihn auf den Rücksitz hievten. Unter seinen Kopf legten sie eine kleine Decke, die Rüdiger aus dem Kofferraum geholt hatte. Dann stiegen sie ein. Rüdiger saß kurz darauf am Steuer und Franziska auf dem Beifahrersitz. Nachdem sie alle Türen geschlossen hatten, setzen sie sich ihre Masken auf und fuhren los. Während sie durch die einsamen und dunklen Straßen fuhren unterhielten sie sich.
"Das war ein toller Treff", sagte Franziska.
"Ja. Sehr gut. Danke für die Einladung. Ihr wart alle so locker. Ich erlebe die meisten Leute in der Coronazeit nur noch distanziert. Ich habe viele Kontakte nicht mehr. "
"Das war heute nur eine Ausnahme. Bei uns ist normaler Weise vieles nicht mehr so locker. Ich bin Tontechniker und habe keine Aufträge mehr. Ich lebe zur Zeit nur von Unterstützung von meinen Eltern und von Geldreserven, die ich von einer Erbschaft habe. Stella arbeitet in der Buchabteilung in einem Kaufhaus. Linda ist Kindergärtnerin und Jochen ist Fotograf und hat auch kaum Aufträge. Auch er hat kaum Geld. Ich muss aber sagen, dass es anderen Menschen viel schlechter geht!", erzählte Rüdiger.
"Ja. Stimmt. Ich kann das verstehen", sagte Franziska. "Shari geht es nicht so gut. Sie ist arbeitslos, kriegt Hartz4-Unterstützung, hat kein Mann und ist die ganze Zeit in der Wohnung alleine und sehnt sich nach einem Mann", erklärte Rüdiger. "Ich bin mir sicher, dass sie John verführt hat. Sie hat ihm einen geblasen oder sogar abgeritten. John ist mir eine Erklärung schuldig", sagte Franziska. Zuerst herrschte Schweigen. Dann fing John-immer noch besoffen stotternd und stammelnd an zu reden an. "Ich... hab nichts gemacht... Shari wollte, aber ich... ich war zu... besoffen", lallte er.
"Da ist was gelaufen. Ich habe gesehen, wie sie mit dem Kopf auf dem Schoss lag", meinte Franziska.
"Irgendjemand...war an meiner Hose. Ich dachte, dass Du das gewesen warst", sagte John.
"Wirklich? Soll ich Dir das glauben?", fragte Franziska.
"Lass ihn. Er sagt die Wahrheit. Das was ich gesehen habe und wie ich Shari kenne -hat John keine Schuld. Sie ist in der Corona-Krise sexuell ausgehungert. Die hatte sich schon an einen anderen Mann rangemacht", erklärte Rüdiger.
"Ach so...ich verstehe."
"Ich denke, ihr führt eine offene Beziehung. Wenn Du mit Partnertausch nicht klarkommst und eifersüchtig bist, dann solltet ihr keine offene Beziehung führen, sondern monogam leben", meinte Rüdiger.
"Ich muss...mir alles genau überlegen. Auch was mit Ralph wird. Vielleicht hast Du recht. Vielleicht tut das unserer Beziehung nicht gut", sagte Franziska.
"Das sieht so aus. Vielleicht solltest Du die Shari mit Ralph verkuppeln -dann kannst Du Dir sicher sein, dass Shari sich nicht an John ranmacht. Denn sie ist hübsch, jung, 28 Jahre alt und kann Männer bestimmt verrückt machen. Sie hatte nur Pech, dass ihr Mann eine andere hat", sagte Rüdiger.
"Ja. Da hast Du recht."
Dann kamen sie nachts um 2 Uhr vor Franziskas Wohnung an. Rüdiger parkte den Wagen nun direkt vor ihrer Wohnung. Sie stiegen aus dem Wagen und gingen zum Rücksitz, auf dem John lag. Er war immer noch stockbesoffen. Sie packten John an den Armen, schlossen die Wagentüren und schleppten ihn über die Straße zum Mietshaus. Dann ging die Eingangstür des Mietshauses auf und Ralph stand dort elegant mit Jackett und weißem Hemd und mit einem Blumenstrauß in der Hand an der Tür. Franziska hielt John am rechten Arm, sah Ralph und sprach ihn an.
"Bitte. Du musst uns helfen," sagte sie.
Dann legte Ralph die Blumen auf eine Stufe zum Eingang direkt an die Seite und legte einen Augenblick später seinen Arm um Johns Körper. Dann trugen alle drei ihn mit Mühe die Stufen hoch und dann durch die Mietshaus-Eingangstür in den Erdgeschossflur des Miethauses. Das war anstrengend, denn John war – obwohl er einen Waschbrettbauch hatte – schwer und war 1,88 cm groß.
"Wir haben das gleich geschafft. Meine Güte ist der schwer," sagte Rüdiger.
"Ja. Nur noch ein Stück. Wir tragen ihn gleich in die Wohnung in das Schlafzimmer, stellen einen Eimer neben das Bett und lassen ihn seinen Rausch ausschlafen", sagte Franziska.
Sie holte einen Schlüssel aus der Tasche und schloss die Wohnungstür auf. Dann trugen sie John in die Wohnung ohne die Tür zu schließen. Dann schleiften sie ihn durch das Wohnzimmer in das Schlafzimmer und legten ihn auf die rechte Seite des Betts.
"Wir haben das geschafft", sagte Rüdiger.
"Wo gibt es einen Eimer?"
"Im Badezimmer. Bei der Dusche", sagte Franziska.
Sie zog ihre Jacke aus und legte sie auf einen Stuhl. Rüdiger lief ins Bad und suchte den Eimer. Kurz darauf fand er ihn. Er stand unter dem Waschbecken. In dieser Zeit sprach Ralph Franziska an.
"Ich hatte auf Euch gewartet. Endlich seid ihr da. Wir wollten doch gestern Abend was machen...", sagte Ralph.
"Bitte. Es ist jetzt unpassend. Wir waren eingeladen worden...John ist betrunken. Es passt jetzt nicht. Es ist mittlerweile zu spät geworden", erklärte Franziska.
"Dann wenigstens etwas für 50", flehte Ralph. "Ralph. Bitte. Es passt jetzt nicht. " "Dann will ich Dir wenigstens den Blumenstrauß geben." "Ralph. Das ist nett gemeint. Ich will keine Blumen", sagte Franziska.
"Doch bitte."
Dann kam plötzlich Rüdiger ins Zimmer und hatte den Eimer in der Hand.
"Hallo. Da bin ich wieder. Ich will Euch nicht stören. Ich muss los. Stella wartet. Ich muss mich um sie kümmern, sonst läuft sie mir in der Coronakrise noch weg", sagte er scherzhaft lächelnd. "Ich stell den Eimer hin und dann fahr ich los", sagte er.
Dann stellte er den Eimer auf den Boden an der rechten Seite des Betts, auf dem John lag, hin. "Hier ist der Eimer. Ich muss los. Ich wünsche Euch noch viel Spaß", sagte Rüdiger.
"Danke. Wir melden uns morgen", sagte Franziska. "
Ja. Tschüss."
Dann ging er schnell aus der Wohnung und lief aus dem Mietshaus zu seinem Wagen. Wenig später fuhr er los. Ralph stand im Schlafzimmer neben Franziska und gab keine Ruhe.
"Wir können was für 50 machen. Wenigstens einen Hand-Job", flehte immer noch Ralph.
"Ralph. John ist besoffen. Heute passt es nicht", versuchte ihm Franziska klarzumachen.
"Ich kann vielleicht bei Euch übernachten", schlug Ralph vor.
"Nein. diese Nacht nicht."
"Ich habe einen Blumenstrauß. Der liegt draußen auf den Treppenstufen. Den will ich Dir noch geben. Bitte. Ich hatte Dir auch geholfen John reinzutragen. Und Du hattest gesagt, dass Du was machen wolltest für 100 Euro", versuchte Ralph zu erklären.
"Aber wir waren eingeladen und kamen spät wieder. Weißt Du wie spät es ist? 2 Uhr 12", sagte Franziska.
"Ich habe die Blumen für Dich. Wir können auch nach oben in meine Wohnung gehen. Du hast noch nicht meine Wohnung gesehen. Komm mit. Bitte", forderte er sie auf.
"Na gut. Ausnahmsweise. Aber nur kurz."
"Ja. Nur kurz. Ganz bestimmt."
Dann ging Ralph aus dem Schlafzimmer. Franziska folgte ihm. Dann verließen sie ihre Wohnung und gingen auf den Treppenhausflur.
"Warte. Ich hole die Blumen. Sie liegen vor der Tür auf den Stufen", sagte er.
Dann lief er eilig zur Haustür, riss sie auf und lief nach draußen. Er griff sich den Blumenstrauss, der draußen vor der Eingangstür auf einer Treppenstufe lag und kam kurz darauf wieder auf den Treppenhausflur. Aufgeregt übergab er Franziska den Blumenstrauß.
"Das ist ja sehr nett. Die Rosen gefallen mir. Nur mach mir zukünftig keine solche Geschenke", bemerkte Franziska.
"Warum nicht? Ich freue mich Dich oder Euch kennengelernt zu haben", sagte Ralph.
"Aber es geht nicht hier um Liebe, wenn wir Dich dazu holen. Du verstehst glaube ich irgendwas nicht. Ich bin mit John zusammen und wenn wir Dich dazu holen, dann ist das eine Ausnahme. Dann bist Du Mitspieler oder für den Abend der Hausmann. Mehr nicht. Es geht nicht um Liebe", sagte Franziska.
"Siehst Du es wirklich so? Bin ich nicht mehr für Dich?", fragte Ralph.
"Naja. Das muss mir schon etwas Spaß machen-sonst würde ich das nicht machen. Aber mit Liebe hat das nichts zu tun. Deshalb will ich Dir den Blumenstrauss zurückgeben. Auch weil ich keine passende Vase habe. Aber es ist nett gemeint", sagte Franziska.
"Franziska. Bitte nimm die Blumen an. Ich hatte Dir geholfen, John reinzutragen. Wenn Du Hilfe brauchst, bin ich für Dich da. Ich wohne über Dir! Man braucht immer mal einen Freund. Einer der hilft. Ich habe eine Blumenvase für den Blumenstrauss oben. Die kannst Du für den Blumenstrauss nehmen", flehte Ralph.
Ralph redete so lange auf Franziska ein, dass sie den Blumenstrauss schließlich annahm und auf sein Angebot nach oben zu seiner Wohnung zu kommen einging.
"O.K. Warte einen Augenblick", sagte sie.
Sie ging schnell mit dem Blumenstrauss in ihre Wohnung, ging zur Küche und legte die Blumen auf den Küchentisch. Dann ging sie zur Schublade, holte den Fairy Future Bodywand raus und ging damit aus ihrer Wohnung in den Erdgeschossflur.
"Gehen wir nach oben. Machen wir was für 50," sagte sie.
Und dann gingen sie die Treppen rauf. Wenig später erreichten sie Ralphs Wohnung in der ersten Etage rechts. Ralph schloss die Tür rauf und sie gingen in die Wohnung.
"Herzlich willkommen. Gehen wir in mein Arbeitszimmer", sagte Ralph.
Dann gingen sie in Ralphs Arbeitszimmer. Franziskas Blick fiel auf ein Bücherregal. Dort standen allerlei Bücher. Jura -Bücher. Strafrecht. Europarecht. Allgemeiner Teil des BGB, Schuldrecht 1, 2. Dann Bücher von Arthur Miller, Edgar Alla Poe -Gesammelte Werke, Oscar Wilde, Hubert Selby, Hermann Hesse, Goethe, Schiller, Franz Kafka. Und einige psychologische Bücher, deren Autoren Franziska unbekannt waren. Hugo Biesenthal:" Wie man sich selbst helfen kann", "Was hilft bei tiefer Depression" von Monika Rösler, "Raus aus dem Dunkeln" von Otto Specht, "Wieder Freude am Leben haben" von Egon Kempke, "Don't Try Suicide Now" von Gustav Waller. Dann fiel Franziskas Blick auf die Strafrechtsklausur mit nur einem Punkt. Und sah die Zettel mit den Gedichten. Und irgendwelche unbezahlten Rechnungen. Ihr fiel auf, dass das "Studier"-Zimmer nicht gut aufgeräumt war. Ralph sah, wohin ihr Blick fiel, griff sich die verhauene Klausur mit dem einen Punkt und die Gedichte und packte sie schnell oben auf den Schrank, der rechts nicht weit weg von seinem Schreibtisch stand. So dass Franziska sie sich nicht mehr ansehen konnte.
"Wieso packst Du die Klausur und die Gedichte weg?", fragte Franziska stutzig und hielt den Fairy Future Bodywand fest in der rechten Hand.
"Ich wollte ...äh...nur ein bisschen Ordnung schaffen. Und ich wollte Dir nur was zu Trinken holen", redete er sich raus.
"Was möchtest Du haben. Orangensaft? Apfelsaft? Wasser?"
"Ich möchte erst einmal gar nichts. Du kannst mir offen sagen, dass Du eine Klausur verhauen hast", sagte Franziska.
Ralph wurde rot im Gesicht. Dann setzte er sich auf den Stuhl und begann mit den Erklärungen. "Ja. ich habe eine Klausur geschrieben. Und die war nicht gut. Ich… wollte das nicht so gleich sagen. Das wissen noch nicht mal meine Eltern", sagte Ralph leise.
"Das solltest Du. Das solltest Du besser nicht auf die leichte Schulter nehmen", mahnte Franziska.
"Nein. Nein. Das war ein Ausrutscher. "
"Wie sind denn Deine anderen Klausuren?", fragte Franziska.
"Naja. In letzter Zeit war ich unkonzentriert. Da war auch die Coronakrise. Das Lernen per Videokonferenz liegt mir nicht. Ich hatte auch mit dem Internet Probleme gehabt und deshalb viel Stoff verpasst... Wenn ich in die Vorlesung gehen würde, würde ich den Stoff besser aufnehmen", erklärte Ralph.
Franziska blickte auf die Psychologiebücher und auf die Selbsthilfebücher. Und es ergab sich von Ralph ein anderes Bild, das sie vorher hatte. Vorher war er in ihren Augen ein interessanter, wenn auch was Beziehungen anging unerfahrener Mann. Jetzt war er einfach für sie nur ein Jura-Versager und Depressiver. Nix mit einer riesigen Zukunft als Anwalt. Nein. in ihren Augen war seine Situation fatal. Er war ein junger Mann in Nöten. Und war froh, dass sie mit solch einen Mann nicht zusammen war. Ralph spürte, dass er in Franziskas Ansehen gesunken war. Er versuchte das Ruder rumzureißen, seinen Eindruck, den sie von ihm bekommen hatte zu korrigieren. Zu retten was noch zu retten war. Was ihn nur teilweise gelang. Zumindest -so schätzte er die Situation ein -hatte sein Image als intelligenter Jurastudent tiefe Risse bekommen. Und es war eine Frage der Zeit, wo John und Franziska in seine Schwächen reinhacken würden, ihn mit Fragen überhäufen würden oder ihn ignorieren würden. Egal wie er sich rausreden könnte, würde er sein Image versagt zu haben nicht loswerden. Ralph versuchte nun mit aller Gewalt Franziskas Aufmerksamkeit auf andere Fähigkeiten zu lenken. Ja. Er musste John schlecht machen, auf seine Schwächen hinweisen, damit er besser dastehen würde. Nur so konnte er seiner Meinung nach was erreichen. Und so redete er sich raus: "Ich war krank. Plötzlich hatte ich Fieber – dachte, ich hätte Corona. Hinzu kam die ganze Situation im Lockdown, die für mich sehr schwer war. Ich konnte nicht genug lernen und mich auch nicht konzentrieren. Am Ende habe ich die Klausur vergeigt."
"Das ist schade. Du hattest sicher lange gelernt", sagte Franziska.
"Sicher", sagte Ralph.
"Ja. Das kenne ich. Wir hatten auch Pech gehabt. John verlor in der Coronakrise seine Arbeit in der Gartenfirma, weil sein Chef gestorben war. Ich arbeitete als Arzthelferin in einer grossen Arztpraxis. Meine Arbeit wurde aber in der Coronakrise im Frühjahr 2020 immer schwieriger. Es gab während der Coronakrise immer mehr Arbeit. Ich musste die ganzen Emotionen der Patienten während der Coronakrise erleben. Einer hatte sich sogar umgebracht. Ich musste das miterleben wie Ärzte vergeblich ersucht hatten ihn zu retten. Das Ganze was ich im Frühjahr 2020 in der Coronakrise erlebt hatte, hatte mich fertig gemacht. Die Befürchtungen - weil ich mit vielen Patienten zu tun hatte - mich anzustecken waren in dieser Zeit zu stark. Ich brach dann zusammen. Hatte ein Burnout. Wurde krank geschrieben. Ich musste aufhören", erzählte Franziska. "Aber da hat Corona Schuld", ergänzte sie noch.
"Das kann ich verstehen", sagte Ralph.
"Wegen Corona hat sich meine Situation auch verschlechtert."
"Du musst verstehen...Das geht vielen Arzthelferinnen so. Und viele sind müde und erschöpft. Am Limit. In vielen Hausarztpraxen herrscht Ausnahmezustand. Ich werde mir wahrscheinlich eine andere Arbeit suchen. Solange ich krank bin, geht es nicht", erklärte Franziska.
"Klar."
"Ich hätte auch meinen Job als Arzthelferin behalten, wenn Corona nicht gekommen wäre und bestimmte Dinge nicht passiert wären. Vieles war einfach dumm gelaufen. Einfach Scheisse", erklärte Franziska.
"Hinzu kamen Konflikte in meiner Familie. Um all das zu ertragen nahm ich Drogen. Zeitweise. Allerdings leichte Drogen. Das war eine dumme Phase." "Verständlich. Bei mir waren es Depressionen. In der Coronakrise", sagte er.
"Ja. Das kann ich auch verstehen. Darum die Selbsthilfebücher."
"Ja. Es ist schwer für manche in der Coronakrise zu studieren. Vorlesungen laufen überhaupt nicht mehr. Alles läuft online. Zu meinen Mitstudenten habe ich keinen Kontakt. Sie arbeiten alle zu Hause. Ich sehe sie überhaupt nicht mehr in der Uni. Ist ja alles geschlossen. Ich habe nur zu meinen Eltern Kontakt. Und zu meinem Bruder. Und zu einem Ingenieur-Studenten. Das war alles. Ich hab noch nicht mal eine Freundin", klagte Ralph.
"Ich weiss. Das ist schwer für Dich. Aber wenn Du Probleme mit dem Jura-Studium hast, würde ich an Deiner Stelle wechseln. Ein anderes Fach oder eine Lehre machen. Bei Dir geht es ja, weil Du ja - so schätze ich - noch recht gesund bist. Du bist zwar depressiv - aber so depressiv, dass Du nichts mehr machen kannst, nun auch wieder nicht. Du bist ja nicht krankgeschrieben."
"Ich bin nicht krankgeschrieben", sagte Ralph.
"Dann kannst Du Dir ja eine andere, einfache Arbeit suchen, die Dich nicht überfordert", schlug Franziska vor. "Nein. Ich werde keine andere Arbeit machen", sagte Ralph etwas energisch. Nun kam hier seine Sturheit und sein Stolz zum Ausdruck. "Mein Jura-Studium werde ich nicht aufgeben!" Soll sie sich eine andere Arbeit suchen - ihre berufliche Laufbahn war ja aufgrund verschiedener Umstände wie Corona, Burnout... auch nicht gut verlaufen, obwohl sie intelligent ist, dachte er und wollte es aber nicht laut sagen.
"Weil Du Dir zu fein für einfache Arbeiten bist?", fragte Franziska. Sie hielt ihm seine Schwächen unbarmherzig vor Augen.
"Nein. Aber ich habe so viel Zeit in das Jurastudium investiert. Und ich will jetzt nicht einfach aufhören. Und auch ein Wechsel will ich nicht... Das wollen auch meine Eltern nicht."
"Dann tust Du immer, was Deine Eltern Dir sagen?"
"Nein. Aber ich werde von ihnen finanziell unterstützt. Wenn ich jetzt hinschmeissen, würde, würden sie die Unterstützung streichen. Und dann hätte ich kein Geld mehr."
"Trotzdem. Mir wäre es egal, was die Eltern sagen. Dann hätte ich mir Arbeit gesucht oder staatliche Unterstützung beantragt. Ich tue ja auch nicht, was meine Eltern sagen. Ich denke, Du solltest mal ein richtiger Mann sein. Einsichtig sein. Die Realitäten sehen. Und richtige Entscheidungen treffen."
"Ich bin ein Mann! Ich bin ein Mann!", schrie Ralph etwas empört.
"Dann zeig es! Nicht nur im Bett, auch im Leben! Und sei endlich einsichtig. Tu die richtigen Schritte. Wenn ich überfordert wäre, hätte ich gewechselt", sagte Franziska.
"Aber ich will gar nicht wechseln. Du verstehst mich nicht."
"Dann lerne mehr. Mit einem Punkt wird das aber nichts. Ich kenne auch einen Anwalt - aber der hatte in seinen Klausuren mindestens befriedigende Bewertungen gehabt. Aber nicht Klausuren mit ein Punkt oder so", erzählte Franziska.
"Hör bitte auf. Ich kriege das schon hin."
"Mit Deinen Depressionen?"
"Das alles ist nur eine Phase. Nur eine Phase, die bald vorbeigehen wird."
"Du musst wissen, was Du tust. Aber Du redest Dich raus."
"Ich rede mich nicht raus. Ich krieg das schon hin."
"Wie Du willst. Aber Du wirst sehen. Jura ist sehr schwer", wies Franziska darauf hin. Dann wurde er lauter.
"Ich schaffe es, Ich muss mich nur zusammenreissen. Notfalls mir einen Repititor oder Nachhilfelehrer nehmen. Notfalls einige Klausuren wiederholen. Es liegt auch an den ganzen Corona-Hindernissen und an meinen Depressionen, dass vieles in letzter Zeit nicht so bei mir geklappt hatte", erklärte Ralph.
"Du triffst schon Deine eigenen Entscheidungen."
"Eben." So ein uneinsichtiger Dickkopf, dachte sie. Dann wechselte sie das Thema.
"Kann ich etwas zu trinken haben? Einen Tee?", fragte Franziska.
"Ja. "
Dann ging er in die Küche und brachte einen Tee für sich und sie. Dann erzählte er - während sie Tee tranken -, dass er sich für Autos wie Lamborghinis, Sportwagen...interessierte, für Computerspiele (Playstation) -was sie wenig interessierte. Batman, Spiderman. Meistens Ballerspiele. Dann interessierte er sich für Fußball. Und eben für Frauen, weil er alleine war in dem Corona-Lockdown und keine Freundin hatte. "Typisch Mann", dachte sie, wenn sie so seine Interessen betrachtete. Sie tranken noch eine Weile. Dann kam sie zur Sache.
"Ich muss bald runter. Ich habe nicht so viel Zeit. Ich denke wie fangen mit unserem Programm an. Eine Massagetechnik", schlug sie vor.
"O.K.", sagte er.
Er wusste welches Programm sie meinte.
"Gehen wir besser ins Schlafzimmer?", sagte Franziska.
"Ja."
Dann verliessen sie das Arbeitszimmer und gingen in Richtung Schlafzimmer. Als sie wenig später die Schlafzimmertür erreichten, öffnete Ralph sie und Franziska kam aus dem Staunen nicht heraus. Sie sah diese Erotikpuppe mit blonden Haaren auf dem Stuhl sitzen. Die ihr etwas ähnlich sah. "Wer ist das?", fragte Franziska.
"Das ist einfach eine Puppe", sagte Ralph.
"Und die gibt Dir was?"
"Manchmal", sagte er leise. Sie schüttelte den Kopf.
"Für mich ist das unnormal", sagte sie.
"Unnormal? Ich hab die aus dem Versandkatalog. Da gibt es in der Coronakrise einen grossen Run auf die Puppen und die anderen Artikel", sagte er. "Die werden glaube ich bald Millionäre sein, wenn sie so viel verkaufen. Ganz viele Leute bestellen sie in der Coronakrise und lassen sie sie zu sich nach Hause schicken. Besonders Singels im Lockdown."
"Egal jetzt. Hast du die 50 Euro jetzt da?"
Ralph holte das Portemonnaie aus der Tasche und holte 50 Euro aus der Tasche. Diesen Schein gab er Franziska. Sie nahm den Schein und steckte ihn in ihre Tasche.
"Dann zieh Dich aus und leg Dich auf das Bett. Ganz entspannt. Ich mach erst ganz langsam und dann immer heftiger..."
"Ja."
Dann steckte sie dass Kabel des den Fairy Future Bodywand (Magic Wand) in die Steckdose und ging zu Ralph ans Bett. Und schaltete ihn an. Dann fing er an zu vibrieren. Erst schaltete sie auf Stufe eins (mild) und fing dann an Ralph zu bearbeiten. Dann schaltete sie langsam auf zwei (heftiger), dann auf drei, dann vier, dann fünf (höchste Stufe).

Es war etwa drei Uhr als Franziska wiederkam. Sie ging mit den Fairy Body Future Wand (Magic Wand) und einer Vase mit dem Blumenstrauß in die Wohnung und schloss die Wohnungstür. Wenig später hing sie ihre Jacke am Garderobenständer auf, die vorhin im Schlafzimmer ausgezogen hatte. Dann ging sie in die Küche und stellte die Blumenvase mit den Blumen auf den Küchentisch. Dann hielt sie den Fairy Bodywand kurz unter dem Wasserhahn und legte ihn in die Küche-Schublade. Kurz darauf ging sie ins Schlafzimmer. Dann zog sie sich aus, legte ihre Kleidung auf den Stuhl und legte sich ins Bett neben John. Sie dachte etwas nach. An Ralph. Dann schlief sie ein.

11. DER SUIZIDVERSUCH

Es war der 7. Februar 2021. Etwa um zehn Uhr wachte Franziska auf. Sie drehte sich um zu John. Er schlief noch. Schlief seinen Rausch aus. Sie griff sich ihre Hose, die auf dem Stuhl lag und holte das Handy aus der Hosentasche hervor. Sie schaltete das Handy an und blickte auf die im Display angezeigte Uhrzeit. Es war zehn Uhr und drei Minuten. Dann ging sie zum Schrank und holte ihren Bademantel hervor. Kurz darauf zog sie sich Ihren Bademantel an und ging in die Küche. Dort guckte sie Nachrichten in ihrem Handy durch. Eine Nachricht war von Ralph. "Ich komme gleich vorbei", schrieb er. Sie antwortete nicht. Dann ging sie duschen. Nachdem sie fertig geduscht hatte, ging sie wieder ins Schlafzimmer zurück, griff sich ihre Sachen und zog sich an. Während sie sich anzog, blickte sie zu John herüber. Er schlief immer noch tief und fest. Dann ging sie aus dem Schlafzimmer und ging durch das Wohnzimmer in die Küche. Dort nahm sie die Zeitung vom Vortag, die auf dem Tisch lag und las etwas darin. Sie dachte unfreiwillig an John und was in der Nacht bei dem Treff bei Linda zwischen Shari und ihm passiert sein könnte. Sie dachte auch an Ralph. Da sie etwas nervös war, wollte sie sich einen Kaffee machen. Sie ging daher in die Küche. Dort ging sie zum Schrank und stellte fest, dass der Kaffee leer war. Als sie den Kühlschrank aufmachte, stellte sie fest, dass sie auch Milch brauchte. Und vieles mehr fehlte. Es war fast kein Brot mehr da, die Marmelade war fast leer. Frustriert ging sie zur einer Küchenschrank-Schublade und holte eine fertiggedrehte Joint-Zigarette hervor. Sie wollte eigentlich keine Drogen oder betäubende Mittel mehr nehmen - auch keinen Joint. Doch sie wurde schwach. Sie steckte sich einen von den früher selbstgedrehten Joints in den Mund, zündete den mit dem Feuerzeug aus der Schublase an. Kurz darauf nahm sie in der Küche einige Züge von dem Joint und blies den Rauch in die Luft ganz in der Nähe des auf Klapp halbgeöffneten Küchen-Fensters. Plötzlich klopfte es an der Wohnungstür. Sie ging mit der Zigarette in der Hand aus der Küche zum Flur und öffnete die Wohnungstür. Es war Ralph.
"Guten Tag. Entschuldigung, dass ich mich so früh melde. Ich hoffe, es geht Dir gut", sagte Ralph.
"Ja. Du kommst ungelegen", sagte Franziska.
"Tut mir leid. Ich wollte mich nur bedanken, dass Du mich oben besucht hattest..."
"Alles Ok. Du kommst nur jetzt etwas ungelegen."
"Wir wollten uns heute treffen. Ich habe die 100 Euro mit."
"Jetzt aber nicht. John schläft immer noch. Ich wollte gerade Einkaufen gehen. Denn ich bin müde, brauche meinen Kaffee und habe keinen. Ich habe manchmal immer noch ab und zu Burn-Out-Syndrome. Deshalb wollte ich gerade Kaffee kaufen und andere Sachen. Für mein Frühstück."
"Wir können zusammen einkaufen gehen? Denn ich muss auch was einkaufen."
"Bitte Ralph. Ich komm schon alleine klar", meinte Franziska.
"Ich kann Dir helfen die Einkaufstüten zu tragen. Ich habe zwar kein Auto. Zu Fuß schaffen wir s auch."
"Na gut. Dann gehen wie zusammen. Ich muss noch schnell aufrauchen. Dann hole ich meine Jacke und los geht s."
"O.K. Ich warte draußen im Flur."
Während Ralph vor der Tür wartete, ging Franziska in die Küche. Sie rauchte dort schnell des Rest ihres Joint auf. Dann ging sie zu dem Garderobenständer im Flur, griff sich die Jacke und zog sie an. Einen Augenblick später griff sie sich aus einer Schublade zwei Einkaufstragetaschen, öffnete die Wohnungstür und ging mit den Einkaufstragetaschen aus der Wohnung raus zu Ralph, der vor der Tür wartete.
"Dann gehen wir."
"Ja."
Sie verließen einen Augenblick später das Mietshaus und gingen einige Zeit schweigend nebeneinander auf der Straße in Richtung Supermarkt.
"Ich habe tolle Gedichte geschrieben. Für Dich", erzählte Ralph. Doch Franziska interessierte es nicht.
"Das ist nett. Aber ich fürchte die Art der Gedichte, die Du schreibst, trifft nicht so mein Geschmack", sagte Franziska.
"Hast Du sie gelesen?" Er holte einen Zettel aus der Tasche.
"Nein. Will ich jetzt nicht. Dann später", sagte sie gelangweilt.
"O.K."
"Ich lese nur wenig und wenn nur ausgewählte Bücher", sagte sie.
"Was denn?"
"Naja. Ich lese ab und zu Stephen King. Ansonsten Zeitung. Mehr eigentlich nicht."
"Ich habe von Stephen King nur ein bisschen gelesen", sagte Ralph.
"Dann hast Du was verpasst."
Dann gingen sie an einem Juweliergeschäft vorbei. Franziskas Blick fiel auf einige Goldringe am Schaufenster.
"Schau. Die Ringe. Die sind toll. Einige haben auch tollen Diamanten", sagte Franziska.
Ralph zögerte zuerst.
"Die sind bestimmt teuer."
"Ne. Da gibt es Ringe für 129 Euro", sagte Franziska.
"Das ist auch viel Geld."
"Wenn Du mir den kaufst, gibt s eine Extra-Session in Deiner Wohnung."
"Ich wollte Dir 100 Euro für die Session geben. Ich lege noch 50 drauf und Du machst mehr heute. Und Du kannst den Ring heute kaufen", schlug Ralph vor.
"Jetzt willst Du mir einen Ring kaufen? Wie denn?"
"Ja. Wir gehen ins Geschäft und..."
Franziska unterbrach ihn.
"Hallo? Merkst Du noch was? Das Geschäft hat zu. Du kannst mir den Ring kaufen, wenn der Lockdown vorbei ist. Aber jetzt hat dieses Geschäft zu. Siehst du nicht das Schild?", fragte sie.
Ralph blickte auf das Schild " Wegen Corona vorübergehend geschlossen", das an der Tür hing. Er wurde rot im Gesicht. Er hatte tatsächlich vergessen, dass die Geschäfte zu waren.
"Hat geschlossen. Ich hatte das vergessen", sagte Ralph.
"Ich glaube, Du bist ein Träumer", meinte Franziska.
"Nein. Normalerweise bin ich sehr wach", wehrte er sich.
"Ich glaube, wenn man juristische Fälle löst, dann muss man sehr wach sein. Das weiß ich vom Freund, den ich hatte. Da kommt es auf das kleinste Detail an", meinte sie besserwisserisch und etwas hochnäsig.
"Ja. Du hast recht."
"Du kannst mir trotzdem jetzt die 150 Euro geben."
"Für die ganze Nacht?", fragte er.
"Ja. Die ganze Nacht."
Dann holte er das Portemonnaie aus der Tasche und holte 150 Euro aus dem Portemonnaie. Dann gab er ihr das Geld.
"Hier. Das ist für Dich. Dann weiß John auch, dass ich zuverlässig zahle."
"Ja. Danke," sagte sie.
"Kriegt er denn bald einen Job?", fragte Ralph neugierig.
"Ja. Er kriegt demnächst einen Job in einer Gartenfirma. Seine Eltern haben gute Verbindungen. Da wird er in der Coronakrise gut Geld verdienen. Und seine Eltern und sein Bruder unterstützen ihn finanziell", meine Franziska.
"Das ist ja. Gut. Ich dachte nicht, dass sich das Problem so leicht lösen ließ."
"Das Problem wurde gelöst."
"Sag mal. Ich habe einem Freund von mir von Dir erzählt. Er heißt Knut. Auch Student. Er würde Dich gerne mal kennenlernen wollen“, erzählte Ralph.
"Meinst Du?", fragte sie. Sie überlegte. Dann fand sie die Idee nicht schlecht.
"Ja. Das ist eine gute Idee. Dann kannst Du ihn mitbringen. Dann machen wir eine Session zusammen. Er muss aber was zahlen. Natürlich muss ich das mit John absprechen. Aber er wird wohl nichts dagegen haben. Wir müssen ihn aber vorher kennenlernen“, stellte Franziska die Bedingungen klar.
"Ich kann ihn mal mitbringen. Nur wenn John das erlaubt", sagte Ralph.
"Mal sehen. "
"Er ist nett. Ich habe ihn vor einem halben Jahr kennengelernt in Frankfurt. An der Uni."
"Ist er denn auch alleine?", fragte Franziska.
"Ja."
"Ich habe eine Bekannte, die solo ist. Die war auch auf dem Treff bei meiner Freundin. Die sucht jemanden, der solo ist. Shari heißt sie. Sie kommt aus Ghana", erzählte sie.
"Du kannst mir ihre Telefonnummer geben."
"Das kann ich machen. Wenn wir in meiner Wohnung sind. Aber...ich hatte ihr auf der Party Deine Nummer gegeben."
"Das ist ja nett, dass Du an mich gedacht hast", bemerkte Ralph.
"Hat sie nicht bei Dir angerufen?", fragte Franziska.
Ralph schüttelte den Kopf. "Nein. Bei mir nicht. Ich weiß von nichts. Bei mir hat keiner angerufen. Nur meine Eltern heute Morgen. Sie wollten wissen wie mein Studium läuft."
"Dann war Shari wohl auch einkaufen gegangen und hatte vergessen Dich anzurufen. Naja. egal."
Dann holte er plötzlich sein Handy aus der Tasche. Ging auf die WhatsApp-Kontaktliste. Wählte den Namen "Knut Bremer". Und schrieb schnell folgende Nachricht:" Ich bin mit F. beim Einkaufen. Komme bitte in einer halben Stunde. Wohnung unten rechts. Wie abgesprochen." Dann schickte er die WhatsApp ab. Franziska wurde neugierig.
"Wem hast Du eine WhatsApp geschickt?", fragte Franziska.
"An Knut. Er wollte mir meine DVDs zurückgeben, die er sich von mir geliehen hatte."
"Wer ist denn der Knut?"
"Er studiert Ingenieurswissenschaften an der TU. Technische Universität. Er ist alleine. So wie ich. Sieht gut aus. Und er sucht auch eine Frau", berichtete Ralph.
Doch Franziska hatte leichte Bedenken. "Aber Du kannst nicht alle zu mir schleppen. Das geht nur mit Termin. Und wenn John damit einverstanden ist."
Er lächelte.
"Das weiß ich. Er will nur meine DVDs vorbeibringen. Mehr nicht. Er wird uns auch nicht stören", sagte Ralph.
Franziska überlegte. Sie hatte inzwischen eigentlich keine große Lust den Knut zu sehen. Doch dann dachte sie an John und Shari und was sich zwischen abgespielt hatte. Oder vermutlich abgespielt hatte. Sie könnte doch Shari mit Knut verkuppeln. So würde Shari nicht mehr auf die Gedanken kommen irgendwie heimlich mit John Kontakt aufzunehmen und sich an ihn anmachen. Obwohl das eher unwahrscheinlich war (da John vermutlich nicht ihre Nummer hatte und sie nicht seine Nummer hatte). Aber das wusste man nie. Vielleicht waren es auch nur dumme Gedanken, weil sie im Stillen eifersüchtig war oder es waren einfach Ängste oder Gefühle, die sie nicht kontrollieren konnte. All diese Überlegungen führten zu einer Kehrtwende in ihrer Gesinnung bezüglich Knut. Die zerstreute ihre Bedenken und so sagte schließlich "ja".
"Ja. Er kann kommen."
"Wirklich?", fragte Ralph ungläubig.
"Ja. Er kann kommen. Ich will ihn kennenlernen. Mir ist egal was John sagt. Er hatte sich gestern auf der Party gut mit einer anderen Frau amüsiert. Natürlich nur harmlose Küsse", erzählte sie und verharmloste das Geschehen. "Dann wird er nichts dagegen haben, wenn Du und Knut da seid. Ihr könnt heute Nachmittag bei mir sein", sagte Franziska.
"Das ist ja gut. Er muss ja auch nicht lange bleiben. Du kannst ihn ja mal kennenlernen. Mehr nicht erst einmal", sagte Ralph.
"Ok. Wir werden sehen."
"Gut. Wir kaufen erst mal ein."
Dann gingen sie zum Supermarkt. Sie nahmen einen Einkaufswagen am Eingang des Supermarkts, setzten sich ihre Masken auf und gingen dann in den Supermarkt hinein. Wenig später gingen sie zu den Regalen und legten Wurst, Brot, Käse, Tomaten, Schinken, Erdbeermarmelade, Kaffee, Thunfisch, ein paar Dosen Bier in Franziskas Einkaufswagen. Für Franziskas Einkauf. Und Ralph legte für sich eine Cappuccino-Tüte, Chips, Nutella, Schinken, Müsli, Milch, Bier, Brot, Kekse und Butter für sich in den Einkaufswagen.
"Ich werde dann alles zahlen", bot Ralph an.
"Soll ich denn wenigsten einen kleinen Teil zahlen?", Fragte Franziska.
"Das ist ja nett. Denn das Geld, was meine Eltern mir schicken ist bald verbraucht."
"Ich gebe 20 Euro dazu."
20 Euro ist wenig im Vergleich zur Summe, die ich für den Einkauf gleich bezahlen werde, aber besser als nichts, dachte er. Und da er Franziska liebte, sagte er": Das ist ok."
Dann gingen sie zur Kasse. Als sie dran kamen, bezahlten sie. Dann packten sie die Lebensmittel in zwei Stofftragetaschen. Wenig später verließen sie mit den Tragetaschen gefüllt mit Lebensmitteln den Supermarkt. Und nahmen draußen die Maske ab. Jeder trug eine Stofftragetasche mit den Lebensmitteln. "Du kannst für uns Kaffee kochen. Und ich mache das Mittagessen. Ich wollte ursprünglich frühstücken, aber es ist jetzt inzwischen zu spät für Frühstück. Deshalb Mittagessen. Wir waren einfach zu lange unterwegs."
"Mach Du lieber den Kaffee. Und ich das Mittagessen."
"Wieso? Kannst Du etwa kein Kaffee kochen?"
Ralph wirkte verlegen.
"Ich... naja."
"Was ist los?", fragte Franziska.
"Ich bin kein Kaffeetrinker."
"Sag bloß... Du kannst noch nicht mal Kaffee kochen? Das meinst Du doch nicht im Ernst?", fragte Franziska und glaubte nicht richtig gehört zu haben.
"Doch. Ich bin kein Kaffeetrinker."
"Was kann er denn überhaupt? Er kann noch nicht mal Kaffee kochen", dachte Franziska. Irgendwie machte Ralph auf sie einen dummen und gleichzeitig schlauen Eindruck. Und er wirkte etwas seltsam und unberechenbar. Eigentlich wusste sie gar nicht wer er war. Trotzdem machte er auf sie - unter dem Strich gesehen - auch einen netten Eindruck, obwohl sie nicht so richtig aus ihm schlau wurde. Er war so anders als John. Sie gingen ungefähr 20 Minuten durch die Straßen. Da kam ihnen ein blonder Mann mit Maske auf einem Fahrrad entgegen. Am Lenker hatte er eine Tüte mit DVDs. Es war Knut. Ralph begrüßte ihn.
"Hallo. Ich bin s. Knut", stellte er sich vor.
Ralph stellte ihm Franziska vor.
"Das ist Franziska."
Franziska wusste nicht, wieviel Ralph von ihr erzählt hatte. Das ließ er nicht durchblicken. Sie blickte auf Knut und er gefiel ihr sofort. Etwas längere lockige, blonde Haare, wirkte sportlich, hatte einen gut trainierten Körper und er wirkte intelligent. Und so entschied sie sich beide in ihre Wohnung zu nehmen.
"Ihr könnt beide in meine Wohnung kommen. Dann essen wir was zusammen.", schlug Franziska vor.
"Das ist ja nett", sagte Knut.
"Ich hab´ nur Spaghetti da. Aber Kaffee. Den wir gerade gekauft hatten."
"Das ist sehr nett. Ich wollte eigentlich nur die DVDs bringen und gleich weg", sagte Knut.
"Aber Du bleibst noch und isst mit uns", bestand Franziska darauf.
"Ok. Wenn das für Euch passt. Danke."
"Du kannst die Maske abnehmen."
"O.K."
Wenig später erreichten sie das Mietshaus. Knut schloss sein Fahrrad an einen Fahrradständer an, der rechts an der Seite des Mietshauses stand. Dann nahm er die Maske runter und nahm seine Tüte in die Hand. Kurz darauf gingen sie alle ins Mietshaus hinein. Franziska schloss ihre Wohnungstür auf und alle gingen in ihre Wohnung. Knut nahm Ralphs DVDs mit in die Wohnung. Alle zogen ihre Jacken aus und hingen ihre Jacken am Garderobenständer an der Tür auf. Franziska führte sie zur Küche. Dort saß ein verkaterter John am Küchentisch. Und vor ihm ein Glas Whisky mit Cola.
"Guten Morgen", sagte John leise.
"Du bist mir eine Erklärung schuldig. Was lief zwischen Dir und Shari?", fragte Franziska.
"Nichts. Nichts. Ich war besoffen. Ich habe nichts mitgekriegt", sagte John.
"Sie lag mit dem Kopf auf Deinem Schoss!"
"Ich habe da nichts mitgekriegt."
"Das soll ich Dir glauben?"
"Da war wirklich nichts. Ich sollte Dich fragen: Was lief zwischen Dir und Ralph? Du warst bei ihm in der Wohnung gewesen. Das habe ich mitbekommen. War dann wieder eingeschlafen", sagte John.
"Ich war raufgegangen. Hab was für 50 gemacht. Für heute hat er 100 gezahlt und hat bis auf 20 Euro fast den ganzen Einkauf gezahlt. Wie Du weißt, brauchen wir Geld", wies Franziska ihn darauf hin.
"Ja. Dann musst Du dich wohl um ihn kümmern", meinte John.
"Ja. Ralph hat schon bezahlt. Daher will ich mich nachher um ihn kümmern." Johns grimmiger Blick fiel auf Knut.
"Und wer ist der andere?", fragte er.
"Das ist Knut, sein Freund. Ralph wollte, dass ich ihn kennenlerne. Er wollte Ralph nur einige DVDs geben. Er will nicht lange bleiben."
"So."
Dann stellte sich Knut höflich vor.
"Ich bin Knut Bremer. Freund von Ralph", stellte sich Knut vor. Er stellte die Tüte mit den DVDs vor Ralph auch den Boden, die Ralph dann an sich nahm. Dann reichte er John die Hand, die er nicht nahm.
"Ich werde auch gehen, falls ich nicht erwünscht bin", sagte Knut.
"Ich habe ihm gesagt, dass er kurz Mittag essen soll", sagte Franziska.
John zögerte. Dann sprach er etwas nuschelig": Meinetwegen. Was willst Du kochen?"
"Ich mache für die Jungs Spaghetti mit Hack."
"Ich esse sowas nicht."
"Für Dich mach ich Würste mit Grünkohl. Habe ich im Tiefkühlfach", schlug Franziska vor.
"Das ist schon besser. Dann mach doch gleich für alle Würste und Grünkohl", sagte John maulend.
"Ist das für Euch in Ordnung, Jungs?", fragte Franziska Ralph und Knut. "Denn ich ging vorher davon aus, dass ihr das nicht mögt und lieber Spagetti wolltet."
"Nein. Ist O.K.", sagte Knut.
"Für mich auch", sagte Ralph.
"Gut. Dann mach ich Grünkohl. Dann könnt ihr Euch an den Küchentisch setzen und wir unterhalten uns ein wenig."
Knut und Ralph setzten sich auf zwei der vier Stühle an dem Küchentisch. Ralph legte die Tüte mit den ausgeliehenen DVDs, die Knut ihm zurückgegeben hatte, unter den Küchentisch (die er leider später vergaß). Franziska holte kurz darauf den tiefgefrorenen Grünkohl und die Würste aus dem Tiefkühlfach des Kühlschranks und bereitete das Essen vor.
"Knut, kannst Du mir bei dem Kaffee helfen?", fragte Franziska.
"Wieso macht Ralph das nicht?", fragte John.
"Er kriegt das nicht hin", sagte Franziska.
"Er kriegt das nicht hin? Einen Kaffee aufzusetzen?", fragte John und verzog das Gesicht zu einer Fratze.
"Ich bin kein Kaffeetrinker."
John blickte ihn ungläubig an.
Knut stand auf, ging zur Kaffemaschine auf dem Küchentisch, setzte einen Filter in die Maschine und füllte gemahlenen Kaffee aus einer Packung rein. Wenig später war der Kaffee fertig und auch das Essen, das leicht gemacht war und alle saßen wenig später an dem inzwischen gedeckten Tisch, aßen Grünkohl mit Würstchen und tranken Kaffee. John blickte Knut an.
"Und Du bist Knut?", fragte John neugierig.
"Ja", entgegnete Knut.
"Kommst auch aus Frankfurt?"
"Ja. Aus Frankfurt."
"Kennt ihr Euch schon lange?"
"Nein. Nicht sehr lange. Erst in Frankfurt kennengelernt. Kurz vor der Coronakrise."
"Ja. Und Du bist Student?", fragte John den Knut.
"Ja. Ich bin Student", antwortete Knut. "Was studierst Du?"
"Ingenieurswesen. An der TU Frankfurt, Technische Universität", sagte er selbstbewusst.
"Und welcher Bereich genau?"
"Bauingenieurswissenschaften."
"Und finanzieren Deine Eltern Dich auch so in großem Masse wie sie das bei Ralph der Fall ist?", fragte John.
"Ich wäre glücklich, wenn das so wäre. Ich wohne in einem kleinem Studentenzimmer. Ich kriege Bafög. Von meinem Vater kriege ich fast nichts. Ich muss fast alles selbst bezahlen, jobbe auch."
"Ja. Ich kenne das. Meine Eltern unterstützen mich aktuell auch. Mit den Möglichkeiten, die sie haben. Aber es ist wenig im Vergleich zu Ralph, der ein ganzes Studium und Wohnung finanziert bekommt. Mir hätten sie früher sowas nicht finanzieren können", sagte John.
"Ja. Das ist nicht leicht", sagte Knut. Ralph saß nur am Tisch und schwieg. Er beobachtete alles was um ihn herum geschah, ließ die Eindrücke auf sich wirken und versuchte seine Gefühle so gut es ging zu verbergen. Auch seine Gefühle für Franziska.
"Was ist Dein Job neben dem Studium?", fragte John.
"Ich bin Pizzalieferant", antwortete Knut "Da hast Du es sicher nicht so leicht."
"Nein. Aber was sollt 's. Ich beklag mich nicht."
"Was machen Deine Eltern?", fragte John interessiert.
"Mein Vater ist Außenhandelskaufmann. Meine Mutter arbeitet in einer Restaurant", sagte Knut.
"Und hast Du Geschwister?"
"Ja. Zwei."
"Und Du, Ralph, hast ja nur ein Bruder," fragte Franziska.
"Ich habe nur einen Bruder. Der lebt aber in Hannover", antworte Ralph.
Dann sprach Franziska Knut an.
"Und wie bist Du eigentlich an der Uni?"
"Wie man es betrachtet. Ich bin im dritten Semester. Meine Noten... waren okay", antwortete Knut.
"Was heißt okay? Einsen und zweien?", fragte John.
"Ja", sagte Knut cool. Mehr sagte er nicht.
"Das erwähnt er beiläufig", bemerkte Franziska.
"Ich bin normaler Student. Ihr guckt mich ungläubig an. Ich kann Euch die Ergebnisse zeigen ohne zu prahlen", bot Knut an.
"Ne...ist schon o.k."
"Und wie stellst Du Deine Zukunft vor?", fragte John.
"Mal sehen. Erst mal Studium zu Ende machen. Irgendwas findet sich schon", sagte Knut.
"Da bist Du relativ locker. Lockerer als Ralph", stellte Franziska fest.
"Kommt darauf an wie man das sieht", entgegnete Knut.
"Du scheinst ja ein pfiffiges Kerlchen zu sein", warf John ein.
"Hmmm. Und ein Blondie. Ich bin mal gespannt wie er im Bett ist", sagte Franziska und leckte sich die Lippen.
Knut lächelt verlegen.
"Ich muss sagen, dass ich nicht damit gerechnet habe, dass das Thema Bettgeschichten aufkommt", meinte Knut.
"Ich denke schon. Sonst wärst Du nicht hier. Du bist nur schlau und sagst das nicht", meinte John.
"Ralph hat bestimmt Dir was gesagt", sagte Franziska zu Knut.
"Nichts Genaues, wenn ich ehrlich bin. Ich wollte ihm nur die DVDs geben. Ich wäre sowieso mit Fahrrad weitergefahren. Denn ich muss einiges erledigen."
"Aber er hat Dir von mir erzählt."
"Ja. Schon. Dass er Dich kennengelernt hat. Was ist schon dabei? Meine Schulkameraden lernen auch mal jemanden kennen. Jetzt ist es auf dem Campus schwer zu daten, weil alles zu hat und alles nur noch online oder per Videokonferenz läuft. Aber per Internet ist einiges möglich. Wenn man will und Zeit hat", erzählte Knut.
"Er hat auf alles eine Antwort", sagte John.
"So auch nicht. Macht mich nicht grösser als ich bin."
"Ich mach Dir gleich was grösser", sagte Franziska lächelnd.
Knut lächelte.
"Was machst Du privat?", fragte Franziska.
"Ich studiere. Spiele Schach. Lese. Gucke DVDS. Ich musiziere auch ein bisschen Keyboard. Nichts Besonderes", erzählte Knut.
"Hast Du eine Freundin?"
Er schüttelte den Kopf.
"Ne."
"Und gehabt?", fragte Franziska.
"Ich hatte mit 17 eine Freundin. Wir waren zwei Jahre zusammen. Aber das lief aus."
"Und da lief auch mehr. Beim Küssen war es nicht geblieben."
"Ja. Klar," sagte Knut.
"Hättest Du Lust mit mir was zu machen. Ein Blow-Job oder Hand-Job? 50 Euro?", fragte Franziska.
Knut blickte Franziska an. Lächelte etwas. Dann war er wieder ernster. Und dabei locker und entspannt.
"Wo? Hier?"
"Ja. Ich geh mit Dir alleine ins Nebenzimmer", bot Franziska an.
"Naja. Klingt reizvoll. Will Ralph denn nicht?"
"Doch. Wir holen ihn oft dazu. Er hatte auch schon bei uns übernachtet. Das gab ein tolles Programm. Und das in dem Corona-Lockdown. Stimmst, Ralph?" Franziska blickte Ralph an. Er nickte nur und schwieg. Dann blickte sie wieder zu Knut. "Er hat Dir sicher davon erzählt."
"Er hat etwas angedeutet", sagte Knut.
"Also hat er doch was erzählt."
"Naja. Er erzählte das beiläufig. Ich konnte mir noch nicht so richtig was darunter vorstellen", sagte Knut.
"Aber jetzt was ich Dir alles erzähle...", sagte Franziska geheimnisvoll.
Dann unterhielten sie sich weiter. Franziska erzählte Knut aus ihrer Sicht was sich hier zugetragen hatte. Auch dass sie auf dem Treff Shari kennengelernt hatte.
"Also. Ich muss sagen. Ihr hattet eine schöne Zeit. Ihr habt viel aus dem Lockdown gemacht. Das Beste herausgeholt. Muss ich sagen. Ich wusste nicht, dass die Lockdown-Zeit so schön und interessant sein kann", bemerkte Knut.
"Wenn man kreativ ist", sagte Franziska.
"Was soll man machen? Keine Kultur. Keine Partys, keine Konzerte, Museen geschlossen, Restaurants, Cafés, Bars, Kinos – alles war im Lockdown dicht. Da sollte man besser kreativ sein", sagte John.
"Bist Du denn kreativ?", fragte Knut den John.
"Ich bin eigentlich gelernter Klempner. Musste aus gesundheitlichen Gründen aufhören. Machte dann verschieden Jobs- auch Taxifahren. Nachher arbeitete ich in einer Gartenfirma. Leider starb mein Chef in der Coronakrise und ich wurde arbeitslos. Ich erlebte einige Tiefen. Ich war trotzdem kreativ. Zeichnete", erzählte John. Er wusste nicht wie oft er schon erzählt hatte, dass sein Chef in der Gartenfirma, in der gearbeitet hatte, gestorben war.
Er griff sich seinen Rucksack, der unter dem Küchentisch stand. Er griff in den Rucksack vorbei in dem dort versteckten Messer und bekam sein Zeichenbüchlein zu fassen. Dann holte er es schnell aus dem Rucksack, zog den Rucksack-Reißverschluss zu und legte den Rucksack wieder unter dem Tisch. Dann legte er das Zeichenbüchlein aufgeklappt auf dem Tisch.
"Darf ich einen Blick darauf werfen", fragte Knut höflich.
"Ja. Nur zu", sagte John.
"Und auch Ralph?"
"Ja."
Knut griff sich das Büchlein und blätterte darin rum. Nachdem er sich alles angesehen hatte, gab er das Büchlein Ralph, der auch ein wenig darin rumblätterte. Franziska guckte nur aus einiger Entfernung auf das Buch. Sie kannte schon die Zeichnungen. John hatte ihr alles schon gezeigt.
"Es ist toll. Richtig gut. Darf ich mal fragen, wer der aufgehängte Mann ist?", fragte Knut.
"Das bin ich", sagte John. Das hatte ich gezeichnet, als ich einen Tiefpunkt hatte. Völlig down...und alkoholisiert ...während der Corona-zeit", erzählte er.
"So? Es ist beeindruckend. Dramatisch", meinte Knut.
"Ich habe meine Empfindungen zum Ausdruck gebracht", meinte John.
"Das merke ich. Toll geworden."

"Mir ist auch egal was viele über Kunst sappeln. Ich wollte einfach einige Realitäten abbilden. Mehr nicht. Das muss technisch nicht perfekt sein", meinte John.
"Sehr interessant."
Ralph blätterte weiterhin in dem Buch. Er war von den Zeichnungen sehr beeindruckt. Schwieg aber nur. Und war ein wenig neidisch über die Aufmerksamkeit, die John genoss. Und auch auf Knut – obwohl er sich mit ihm angefreundet hatte – nervte ihn mit seiner höflichen und überlegenen Art. Und mit seinen Erfolgen in seinem Studium. Und er merkte, dass Franziska ihn interessanter fand als ihn. Er war schon -als er nur mit Franziska und John zusammen war – nur auf Platz Zwei gerückt. Und nun als Knut dazukam dann auf Platz Drei. "Was für eine Dummheit war es, ihn mitzunehmen", dachte Ralph. Aber er tat es nur, damit Franziska ihn reinließ - notfalls nur mit Knut. Was nicht sicher gewesen wäre, wenn er alleine gewesen wäre.
"Wie findest Du die Zeichnungen?", fragte Franziska Ralph.
"Ich ... äh... gut", stotterte Ralph.
"Toll nicht? Da sieht man was ich für einen begabten Mann habe. Und das denkt man nicht sofort! Man könnte nur denken, er ist ein Gärtner. Aber so ist das nicht", sagte Franziska stolz.
"Gärtner verdienen gut in der Coronakrise. Meine Eltern besorgen mir einen neuen Job. Dann geht s auch wieder aufwärts. Und ich werde Franziska nach Berlin mitnehmen", meinte John.
Ralphs Blick wurde ernster. Dass sie nach Berlin wollten, gefiel ihm nicht. Knut war da ziemlich locker. Er sah nach Ralphs Meinung zu sehr alles locker. Ralph merkte immer mehr, dass Franziska ihn nicht mehr so richtig wollte und Knut inzwischen mehr mochte. Sie mochte ihn - besonders als er in ihren Augen ein Jura-Versager wurde - nicht mehr so wie früher am Anfang. Und das machte ihm schwer zu schaffen. Und ratlos.
"Wann wollen wir nach Berlin fahren, Schatz?", fragte Franziska John.
"Noch diese Woche. Wenn ich das Geld von meinem Bruder abgeholt haben werde", entgegnete John.
"Ja."
"Wie lange kennt ihr Euch?", fragte Knut.
"Wir... seit 2020. Wir kamen uns in letzter Zeit richtig näher. Hatten eine offene Beziehung gehabt", erzählte Franziska.
Franziska und John erzählten, wie sie sich näherkamen. Und einiges - auch zum Ärger von Ralph- was sie im Bett erlebt hatten. Nur einige Einzelheiten.
"Also wie John mich nahm... das hatte noch kein Mann vor ihm gemacht. Diese Härte!", schwärmte Franziska.
"Und ich hatte noch keine Frau, die so fantastisch ist wie Du", sagte John und blickte sie lächelnd an.
"Das ist ja wunderbar, Mein Schatz."
Sie stand auf (um eine Show abzuziehen) und gab John ein Küsschen auf die Backe. Und dann auf die Lippe. Ralph kochte vor Wut, als er das sah. Und er hasste John immer mehr.
"Er sieht richtig heiß aus. So männlich. Ich mag den Blick den er hat. Er ist richtig erotisch. Und hast tolle Muskeln", sagte Franziska.
"Das sind Komplimente. Aber einige Frauen fahren ein bisschen auf mich ab. Wieso weiß ich nicht. Ich bin eigentlich im Gesicht etwas hässlich. Einige nennen mich Indianergesicht", sagte John lachend.
"Indianergesicht. Mit einigen Narben? Hahahaha", sagte Knut lachend.
"Ich finde er sieht aus ein wenig wie Richard Harris in "ein Mann, den sie Pferd nannten" von 1970. Nur dass er keine weißen Haare hatte, sondern kurze schwarze Haare. Und er guckt manchmal mit seinen dunklen Augen wie der Queen-Sänger Freddie Mercury wie Ende der 70er Jahre, als er noch die langen Haare hatte", sagte Franziska.
Ralph wurde immer wütender und verzweifelter. Franziskas Lobgedudel für John kränkte ihn. Er hatte inzwischen begriffen, dass Franziska zu den Frauen gehörte, die devot veranlagt waren und die bei solchen harten Typen heiß wurden - besonders wenn sie gut bestückt waren. Nicht umsonst gab es auch Frauen, sie solche interessant aussehenden Verbrecher selbst noch im Gefängnis treffen, sich verlieben und manchmal sogar heiraten wollen, so wusste es Ralph aus Erzählungen und so hatte er es irgendwo gelesen. Das sind nicht viele, aber doch mehr als man denkt. Die Welt war in Ralphs Augen verrückt! Er begann immer mehr an sich zu zweifeln. Knut behielt aber seinen Stolz. Er war ja auch gutaussehend. Und hatte seine Qualitäten und sah John nicht als seinen Rivalen.
"Ich habe übrigens eine Adresse für Deine Bilder", sagte Knut.
"Ja?"
"Ich kenne jemanden von der Uni. Der sammelt Corona-Objekte. Auch Bilder. Als Zeitdokumente. Für die Nachwelt. Wenn Du willst, gebe ich Dir seine Telefonnummer", schlug Knut vor.
"Ja. Gerne Das ist ja gut."
Dann holte Knut einen Kugelschreiber aus der Tasche.
Franziska stand kurz auf, ging zur Schublade und holte einen Notizblock raus. Sie gab ihn Knut und setzte sich wieder auf ihren Platz. Knut riss einen Zettel ab, schrieb darauf den Namen des Sammlers der Corona-Objekte, die Adresse und eine Telefonnummer auf und gab den Zettel John.
"Hier. Dr. Stradelmann. Sammler von Corona-Objekten."
Johns Augen weiteten sich.
"Das ist ja toll. Endlich kann ich was mit den Zeichnungen machen. Denn sonst wären sie irgendwann in den Mülleimer gelandet."
"Aber nicht durch mich", sagte Franziska.
John nahm das Glas Whisky in der Hand und trank daraus. Dann blickte er Franziska an.
"Du weißt doch wie das ist. Heutzutage werden Künstler gar nicht mehr geschätzt. Das sieht man in der Coronakrise. Da gibt es kaum oder keine Hilfen für Veranstalter und Künstler. Sie sind auf sich alleine meistens gestellt - nicht umsonst gibt es die Künstler- und Veranstaltungsdemos in Berlin! Künstler werden meist mies behandelt, man spottet über sie oder man grenzt sie als "Spinner" aus. Das Interesse ist – abgesehen jetzt von Euch – an Kunst Null! Nichts! Auch meine Familie interessiert das nicht, was ich zeichne. Für sie zählen nur normale Jobs. Handwerker-Jobs. Büro-Jobs. Studium. Natürlich landen meine Zeichnungen in den Papierkorb. Ich bin ja kein berühmter Künstler, sondern unbekannt. Und sehr viele interessieren sich auch für NICHTS – weder für Musik, noch für Kunst, noch für Literatur, noch für den Menschen selbst, für Gott und die Welt oder alles andere, was um sie herum passiert! Nichts. Nur für Geld und ihre Arbeit und für sich selbst und wie sie in der blöden Corona-Krise über die Runden kommen. Ich will deshalb auch mit vielen Leuten, die immer boshafter zu werden scheinen, nichts mehr zu tun haben, weil die mich runterreißen. Und Extra-Probleme gratis will ich nicht haben. Da bin ich lieber alleine!", sagte John laut.
"Reg Dich nicht auf, John", sagte Franziska.
"Aber das muss ja mal gesagt sein."
John trank wieder aus seinem Glas.
"Ich habe zwar selbst Fehler gemacht, die ich auch manchmal bereue. Aber man muss Fehler nicht wiederholen", sagte John.
"Ja. John. Du hast recht."
Dann blickte John zu Knut.
"Da Du mir geholfen hast, helfe ich Dir. Du kannst mal ab und zu vorbeikommen und wir laden Dich zum Essen ein", sagte John. Und Ralph nach Möglichkeit nicht, dachte John.
"Das ist sehr nett", sagte Knut.
"Wir kennen eine Shari. Sie kommt aus Afrika. Ghana. Sie ist alleine und ganz heiß. Sucht dringend einen Mann. Sie sucht einen Typen wie Dich", sagte Franziska.
"Ja. Danke", sagte Knut.
"Du kannst, wenn Franziska will, Spaß haben mit Franziska. Denn sie sucht mal Abwechslung. Du brauchst weniger zu bezahlen. 50 reicht. Weil Du mir geholfen hast", sagte John.
"Ja. Ich will", sagte Knut sofort.
"Für mich ist das O.K.", sagte Franziska, "Gib ihm doch die Nummer von Shari."
Franziska erzählte mehr von Shari. Und von dem Treff.
"Das hört sich viel versprechend an", meinte Knut.
"Ich schreib Dir ihre Nummer auf."
Dann nahm Franziska den Notizblock und Knuts Kugelschreiber, der auf dem Tisch lag. Sie holte ihr Handy aus der Tasche, ging auf die Kontaktliste und fand Sharis Namen und Telefonnummer. Sie hatte sich die Telefonnummer von Linda schicken lassen.
"Für mich auch bitte", sagte Ralph. Franziska blickte Ralph genervt an. Jetzt hatte sie ihn ertappt. Wusste wie er wirklich war. Nur auf das EINE aus, das er grenzenlos überbetont. Er wollte ihn ihren Augen nicht SIE, sondern nur eine Frau für seine Selbstbeglückung. Egal, ob das Franziska oder Shari war, er wollte scheinbar wirklich nur Dampf ablassen. Mehr war von ihm kaum zu erwarten und Franziska zweifelte an seinen Gefühlen für sie. Und ein klein wenig hasste sie ihn auch in diesem Moment. Sie war jetzt nicht sehr enttäuscht, weil sie aus ihrer Sicht schon früher für Ralph fast keine Gefühle hatte (außer ein bisschen Sympathie), denn es ging nur um Sex und hauptsächlich um das Geld, das er zahlte. Franziska hatte in diesem Moment Lust, ihn nun ein wenig zu provozieren und mit ihm zu spielen. Eine kleine Rache für sein Verhalten, eine Lektion, die sie ihm jetzt erteilen wollte. Sie wollte ihn nur noch diese Nacht bei sich haben – eben, weil er das bezahlt hatte. Danach musste er weg! Session vorbei oder "Game Over", wie man es nennen könnte. Und Knut würde an seine Stelle kommen!

Franziska schrieb die Sharis Nummer auf und schob sie Knut hin. Er nahm den Zettel dankbar an, holte sein Handy raus und speicherte ihre Nummer sofort in seiner WhatsApp-Liste ab.
"Schick ihr gleich ein Selfie-Foto. Dann wird sie sich vermutlich auch schneller melden", schlug Franziska vor. Dann richtete Knut die Kamera auf sein Gesicht, drückte den Auslöser und schoss schnell mehrere Selfies. Er guckte sie kurz an und schickte ihr gleich drei Fotos.
Ralph regte sich auf: "Ich möchte auch gerne Sharis Telefonnummer!"
"Ich hatte Shari Deine Nummer auf Lindas Party gegeben. Das reicht ja wohl. Aber wenn sie sich bei Dir nicht gemeldet hat, hat sie wohl kein Interesse. Aber wenn Du willst..."
"Vielleicht ist sie schüchtern und wartet bis ich mich melde. Oder sie hat Telefonnummer verloren. Das gibt es ja. Gib mir bitte die Telefonnummer. Ich will mich mal melden und ihr was schicken."
"Warte lieber ein Augenblick. Jetzt hat Knut was geschickt. Sie jetzt noch mit Deinen Bildern zu bombardieren wäre nicht weise."
"Warum kriegt er zuerst die Telefonnummer?"
"Ja. Er hat John geholfen. Da helfen wir ihm zuerst. Aber wir sind nicht so. Du kannst die Nummer haben", sagte Franziska. Und schon wieder spielte sie mit ihm. Kleine Spiele in der Corona-Lockdown-Zeit.
Sie riss einen Zettel vom Block und notierte sich die Nummer von Shari. Sie schrieb mit Absicht die Telefonnummer falsch auf. Nur eine Ziffer, die sie absichtlich bei der Nummer falsch schrieb. In der letzten Ziffer statt einer 5 eine 8. Dann schob sie Ralph den Zettel hin. Ralph begann die Nummer in seinem Handy einzuprogrammieren in dem Glauben, er hätte die richtige Nummer. Dann machte er es wie Knut. Er nahm die Brille ab, richtete sein Hand auf sein Gesicht, drückte die Auslösetaste und machte mehrere Selfies. Dann versuchte er, sie an Shari zu senden. Doch das funktionierte nicht. "Ha. Der wichtigtuerische Jura-Student Ralph lässt sich wieder mal täuschen. Liegt wieder mal wie ein hilfloser Käfer auf dem Rücken", dachte Franziska und lachte innerlich.
"Es geht nicht. Die Nummer ist falsch. Ich kann die Fotos nicht senden", klagte Ralph.
"Es liegt an Deinem Handy. Du hast falsches WLAN drin", log Franziska scheinheilig.
"Nein. Ich habe eine funktionierende Telefonkarte drin. Es muss gehen", sagte Ralph verzweifelt.
"Es liegt an Deinem Handy."
Ralph blieb beharrlich.
"Du hast mir die falsche Nummer gegeben! Da bin ich mir sicher", sagte Ralph. Er guckte auf den Tisch. Da war die Nummer nicht mehr. Franziska hatte den Zettel schnell gegriffen und weggeschmissen, als Ralph abgelenkt war.
"Ich habe Dir die falsche Nummer gegeben? Egal. Kann passieren. Ich schreib sie Dir nochmal auf", sagte sie. Sie genoss es mit ihm zu spielen. Ihn zu provozieren. Kleine Inszenierungen zu machen und Intrigen zu produzieren. Ihn heiß zu machen und danach auszuhungern oder abblitzen zu lassen. Ein bisschen ihn auch zu quälen, demütigen oder bloßzustellen. Besonders als ihre anfänglichen Gefühle der Sympathie für Ralph langsam ins Negative umschlugen. Zwar mochte sie ihn - bewusst und unbewusst immer noch irgendwo ein klein bisschen (es war zumindest mehr als nichts), aber diese Gefühle waren immer mehr mit leichtem Hass durchsetzt. Und John machte mit. Ohne zu ahnen, welcher Ausgang das Ganze nehmen würde.
Franziska nahm den Notizblock und schieb sie zum zweiten Mal die Nummer auf. Dieses Mal die richtige Nummer. Und riss den Zettel ab. Dann schob sie Ralph den neuen Zettel zu. Ralph nahm den Zettel an sich und programmierte die neue Nummer ein. Dann machte er einige Selfie-Fotos ohne Brille. Kurz darauf schickte er seine Fotos. Dieses Mal klappte es. Die neue Nummer war richtig.
"Ohne Brille? Wenn Du ein Foto mit Brille schickst, ist das ehrlicher", meinte Franziska.
"Ohne Brille sehe ich besser aus", entgegnete Ralph.
"Wenn Du meinst", sagte Franziska.
"Ein Lügner. Stellt sich besser da, als er ist", dachte Franziska.
"Gestern standest Du noch mit Blumen vor meiner Tür", merkte Franziska an.
"Ich wunderte mich schon vom wem die Blumen sind", sagte John.
"Ja. Und ich meinte es ernst", sagte Ralph.
"Was meintest Du ernst? Dass ich nur eine Bettvorlage für Dich bin und dann, wenn eine Frau wie Shari auftaucht - sofort mich vergisst und lieber mit ihr Kontakt haben möchtest?", fragte Franziska,
Ralph war in die Ecke gedrängt worden. Er wusste nicht, was er sagen sollte.
"Wenn ich Dir wichtig wäre, hättest Du kein Interesse an Shari", merkte Franziska an.
"Aber wir führen doch eine offene Beziehung. Und Du bist mit John zusammen", sagte Ralph.
"Aber auch da gibt es Benimmregeln. Und die hast Du missachtet. Hättest Du mir nicht den Blumenstrauss mitgebracht und hättest nicht so auf Liebe getan, hätte ich Dir mehr geglaubt. Aber dass Du jetzt Interesse hast an Shari und sogar Knut darum beneidest, dass er als erster Kontakt zu ihr hat, zeigt wie oberflächlich und unehrlich Du bist. Du hast die Glaubwürdigkeit verspielt. In meinen Augen bist Du disqualifiziert", sagte Franziska.
John nickte mit dem Kopf. Knut lachte innerlich über diese Situation. Und merkte auch die Rivalität zwischen John und Ralph.
"ES WAR ERNST GEMEINT! DAS MIT SHARI WAR EIN FEHLER, WEIL ICH UNSERE OFFENE BEZIEHUNG NOCH NICHT RICHTIG VERSTANDEN HATTE. WIR HÄTTEN DIE REGELN VORHER KLARER DURCHSPRECHEN SOLLEN! ICH WAR ÜBERFORDERT MIT DER SITUATION. MIT ALLEM", schrie plötzlich Ralph. Dann wurde er leiser. Tränen kamen in seine Augen.
"Es war ...alles offen...ich verlor den Abstand. Ich dachte, dass alles offen war. Alles ohne Liebe. Aber dann gab es das Gefühlschaos!"
"Das kann passieren", sagte John.
"Eben. Manchmal fehlt einfach der Abstand", sagte Kurt.
"Ich würde sagen: Du beruhigst Dich. Lass Dir von Franziska einen blasen und dann kannst Du gehen. Es reicht", sagte John.
Franziska unterbrach.
"Wir wollen jetzt nicht so streng sein. Aber es musste einfach gesagt sein. Aber da er auch für mich eingekauft hat, zeigte das schon, dass da mehr war. Deshalb muss ich gnädig sein. Ja. So sind viele Männer. Heute umwerben sie Frau...und dann kommt eine andere und die alte ist vergessen."
"Aber SO bin ich nicht", sagte Ralph.
"Ich auch nicht. Sonst würde es nicht viele glücklich verheirate Personen geben - trotz der Scheidungsrate von 50 %", sagte John.
"Und was war mit Shari gestern?", fragte Franziska.
"Ich war besoffen. Bekam nichts mit", redete sich John raus.
"Aha. Ach so."
"Ich finde wir sollten uns nicht gegenseitig fertig machen. Wir haben alle Fehler gemacht. Solche Beziehung - offene Beziehungen sind auch kompliziert", sagte Knut.
Ralph nickte und schwieg.
"Ich finde man sollte alles offen und ehrlich absprechen. Klare Regeln müssen vereinbart werden. Dann gibt es keine Konflikte. Aber solche offenen Beziehungen bringen meistens Probleme. Ich bin monogam veranlagt. Das heißt für mich: Für mich kommt normaler Weise nur eine Frau in Frage. Das ist normal, dass man Anfang einige Frauen datet - man muss dann nicht gleich mit ihr in die Kiste steigen. Man kann sich ja auch im Park kennenlernen, wenn man miteinander redet. Eben, weil in der Corona-Krise die Restaurants zu haben. Dann entscheidet man sich als Mann irgendwann eine Frau und ist fest mit ihr zusammen. Und gleichzeitig die Frau - wenn es passt - für den Mann. So ist das der normalere Weg. Man muss einfach am Anfang ein bisschen mehr suchen", sagte Kurt.
"Du warst immer schon monogam?", fragte John.
"Ich sagte ja, dass ich eine Freundin hatte. Und da waren wir zusammen und fertig. Das hatte mich geprägt."
"Ja. Und warum ging Deine Beziehung auseinander?", fragte Franziska.
"Hatte dann irgendwann nicht mehr gepasst. Wir waren einfach noch zu jung. Zu unreif. Wenn wir älter gewesen wären, hätte es vielleicht gepasst. Ich habe daraus gelernt", erzählte Knut.
"Verstehe", sagte John.
"Wir gingen im Guten auseinander. Es war aber alles kein Problem. Man muss nur reden."
"Er hat recht. Alles absprechen", sagte Franziska.
"Eben", sagte John.
"Ja... dann..."
Dann piepte Knuts Handy. Er blickte auf das Handy. Es war eine Nachricht von Shari.
Sie schrieb: „Hallo. Ich bin Shari. Du bist Knut und bist jetzt bei John und Franziska?"
"Sie hat geschrieben", sagte Knut freudig.
Ralph war sofort eifersüchtig und verzog das Gesicht.
"Mir hat sie nicht geschrieben."
"Naja. Wer zuerst da ist, malt zuerst", sagte Franziska schadenfreudig.
"Naja. Weil Du mir die Nummer zu spät gegeben hattest. Und sie war dazu noch falsch", sagte Ralph.
"Das war ein Versehen. Verzeihung", sagte Franziska. Sie tat auf unschuldig.
"Warum geht ihr - Du und Ralph - nicht beide zusammen zu Shari?", fragte John Knut.
"Sie will bestimmt nur einen", sagte Franziska. "Wir werden sehen, wen sie wählt. Ralph oder Knut", sagte sie und versuchte Rivalität und Eifersucht zu schüren. "Das wird spannend. Das sind schöne Corona-Games."
"Meinst Du? Wer sagt, dass sie überhaupt einen von uns wählt? Manchmal ist die Situation kompliziert. Wir können ja einfach nicht in ihr Beuteschema passen. Vielleicht will sie einen Mann mit dunklen oder schwarzen Haaren", meinte Knut.
"So wie John."
"Nein. Den will ich haben. Dann soll sie Euch nehmen", sagte Franziska lächelnd und scherzend.
"Aha. Daher willst Du uns verkuppeln?", fragte Knut.
"Nein. Shari ist eine Freundin von uns. Oder Freundin einer Freundin von uns...", sagte Franziska.
Knut schrieb an Shari kurz darauf eine folgende kurze Nachricht: "Ich bin Knut Bremer, 22 Jahre alt, Ingenieurstudent. Ich würde mich freuen von Dir zu hören. Wenn Du Lust hast: Schreib mir."
Wenig später bimmelte das Handy. Er guckte auf das Handy. Da war ein Foto von Shari. Gesichtsfoto. Darunter stand eine Nachricht: "Wir können mal Live-Chat abends machen."
Knut schrieb zurück:" Wirklich? Wir können uns auch treffen. Im Park. Im Café. Oder bei Franziska und John. Das ist auch gut."
Dann kam eine Antwort zurück:" Bist Du solo?", schrie Shari.
Knut tippte "ja" ins Handy.
"Ich auch", schrieb sie zurück.
"Freut mich Dich kennengelernt zu haben", tippte Knut ins Handy.
"Mich auch. Wieso treffen wir uns nicht gleich bei mir?", schrieb Shari.
"Ja. Das ist gut. Wann?", schrieb Knut. "Ich muss mal sehen. Ich habe momentan viel zu tun."
"Ich kenne das. Ich auch."
"Ich melde mich nachher. Ich muss jetzt noch was erledigen", schrieb Shari.
Was es war, wusste Knut nicht. Das Gespräch war danach erst einmal beendet.
"Kontakte brauchen Zeit", meinte Franziska.
"Du hast recht", sagte Knut.
"Und warum schreibt sie mir nicht? Warum nicht?", fragte Ralph nervös und eifersüchtig.
"Weil sie momentan keine Zeit hat", sagte Franziska.
"Ja. Sie macht vermutlich essen", sagte Knut.
"Aber da kann Sie sich doch melden", jammerte Ralph.
"Das ist einfach Pech. Sie meldet sich später."
Dann drehte sich Franziska zu Knut um.
"Was meinst Du? Wird sie sich melden oder nicht?", fragte sie.
"Weiß ich nicht", sagte Knut.
"Ich auch nicht. Aber ich habe ein Angebot für Dich. Wie wäre es, wenn wir ins Nebenzimmer gehen?", fragte Franziska.
"Für 50?"
"Ja."
Dann holte Knut sein Portemonnaie aus der Tasche. Er holte einen 50-Euro-Schein aus dem Portemonnaie. Dann gab Knut ihr den 50-Euro-Schein und stand auf.
"Dann gehen wir. Jetzt gibt s Flatterzunge", sagte sie. Dann standen sie auf und gingen in das kleine Gästezimmer neben dem Schlafzimmer. Sie konnte gar nicht erwarten ihn im Bett "fertigzumachen".
John und Ralph saßen sich gegenüber und schwiegen.
"Ja... und jetzt hat sie ihn. Wie eine Spinne", sagte John.
"Ja", sagte Ralph mit leiser Stimme. Er merkte, dass er sich auf der Verliererschiene befand.
"Ja... sie amüsieren sich... Ich hör s."
"Bist du nicht eifersüchtig?", fragte Ralph.
"Ich vertraue ihr. Und nur deshalb bin ich nicht eifersüchtig. Cool sein. Das solltest Du auch sein. Wenn Du nicht cool bist und zu zart besaitet bist, wirst Du einknicken in dieser Welt", sagte John.
"Warum kommt Knut besser an als ich? Ich merke das?", fragte Ralph verzweifelt.
"Du musst Dich fragen... was haben die Männer als mehr als ich?" John stand auf, griff in die Schublade und holte ein Maßband raus und warf es vor Ralph auf den Tisch.
"Was soll das?"
"Nicht kapiert?", fragte John. Auch er liebte es Spiele zu spielen.
"Es fehlen einige Zentimeter."
Ralph schüttelte erst mit dem Kopf, weil die ganze Situation unglaublich war. Dann nickte er.
"Ich weiß..."
"Noch ein Tipp. Nur wer nett ist darf...", sagte John.
"Ich bin nicht nett? Was stört denn die Frauen bei mir?", fragte Ralph flehend.
"Du bist einfach zu weich"
"Zu weich?"
"Ja. Was habe ich alles durchmachen müssen. Das hättest Du niemals überlebt. Das hat mich hart gemacht. Ich wurde in Marokko mal überfallen. Ich hatte bisher nur erzählt, dass ich um Hilfe geschrien hatte auf dem Markt in Marrakech. Aber... Ich musste den Mann befriedigen", sagte John und strich mit seinen Fingern über seinen Mund. "Wie will ich nicht sagen. Ich bin hetero. Aber Du kannst Dir vorstellen, was ich durchgemacht hatte."
"Ja. Das ist schlimm. ich kann das verstehen", sagte Ralph.
"Aus Schmerz lernt man. Das Leben ist kein Wunschkonzert. Wenn das Leben hart ist, muss man härter sein", sagte John.
"Ja."
Dann schwiegen sie. Dann kamen Franziska und Knut wieder. Franziska zog sich gerade den BH an. "
"Seid ihr durch?", fragte John.
"Ja."
"War es gut?."
"Super. The Best. Exzellent", sagte Knut. "The Best. Ever."
"Er kann wiederkommen", sagte Franziska. "Runde bestanden."
"Hast Du gehört? Kannst wiederkommen. Musst aber anrufen und Termin machen", sagte John zu Knut. Nicht bestanden hat Ralph und er muss draussen bleiben, dachte John.
Dann setzten sich Knut und Franziska an den Tisch. Ralph schwieg.
"Und was ist mit mir?", fragte Ralph. Er wurde immer nervöser.
"Heute bist Du dran. Danach, ... Mal sehen". Was für Ralph übersetzt "danach eher nicht" bedeutete. Er wurde durch Knut ersetzt. So sah er es.
Plötzlich klingelte Knuts Handy. Knut ging einen Augenblick später ans Telefon. Es war Shari.
"Hallo? Ich bin `s. Shari", ertönte eine helle Stimme am Handy. Sie war leise zu hören.
"Ja. Hier Knut. Wie geht s!", sagte Knut.
"Gut."
Franziska rief in den Hörer rein: "Viele Grüße von uns. Franziska. John."
"Gleichfalls", sagte sie zu John und Franziska. Dann redete sie wieder mit Knut.
"Und Dir geht's gut?"
"Ja. Ich freue mich, dass ich Dich sprechen kann. Du hast eine tolle Stimme. Und Deine Fotos gefallen mir", sagte Knut am Telefon.
Dann mischte sich Franziska ein. Sie rief ins Telefon:" Hallo? Hier Franziska. Schick ihm heißere Fotos. Er schickt Dir dann auch was. Auch was hot ist."
"Ja. Gerne", sagte Shari.
Dann unterhielten sich Knut und Shari weiter am Telefon. John, Franziska und Ralph konnten nicht immer hören was Shari sagte. Knut sagte oft "ja... ja, ja." Er hatte den Lautsprecher nicht an. Knut war geschickt im Gespräch, ließ meistens Shari reden, wenn sie von ihren Sorgen erzählte. Er war ein guter Zuhörer und exzellenter Amateur-Psychologe. Und alle merkten, dass er sie für sich gewonnen hatte. Von Ralph war keine Rede mehr. Wahrscheinlich hatte Shari seine Fotos, die er ihr gesendet hatte, schon längst gelöscht oder in den virtuellen Papierkorb geschmissen.
Alle hörten nur zuletzt wie Knut sagte: „Wir wollten uns mal treffen bei Dir" und sie antwortete: Ja. 14 Uhr." Dann beendete er das Telefonat und setzte ein Gewinnerlächeln auf.
"Ich hab´s geschafft. Ich hab´s geschafft. Ich treff´ mich mit ihr. Morgen. 14 Uhr", jubelte Knut. Ralph blickte ihn neidisch an.
"Das ist gut."
Dann piepte sein Handy. Er blickte auf das Handy. Er durchsuchte das Handy nach Nachrichten und fand ein pikantes Bild, das Shari ihm geschickt hatte. Auf dem Bild war Shari wie sie ein Domino-Eis leckte. Franziska warf einen Blick auf das Handy und Sharis Bild.
"Ziemlich eindeutig", sagte Franziska.
"Ja. Kann man wohl sagen", sagte Knut.
Dann klingelte wieder das Handy.
"Ich geh dann mal ins Wohnzimmer, wenn ich telefoniere. Ich hoffe, es ist O.K.", sagte Knut.
"Ja. Dann geh mal. Ich glaub ihr Heiratest demnächst. Wenn Du willst kannst Du bei mir für die Hochzeit noch was lernen. Üben für die Hochzeitsnacht", sagte Franziska lächelnd.
"Ich glaube das Training heute reicht", sagte John und grinste.
Ralph ging ins Wohnzimmer und telefonierte mit Shari. Dann kam er nach einiger Zeit wieder.
"Wie war das Gespräch?", fragte John.
"Es läuft super. Ich freu mich auf morgen", sagte Knut.
"Jetzt hat er wieder mal Glück. Und ich Pech", sagte Ralph. Dass Knut sich jetzt mit Shari treffen würde, traf ihn schwer.

Dann kam es dicker. "Was ich Dich mal eigentlich fragen wollte: Was willst Du eigentlich mal werden?", fragte John Ralph.
"Ich? Anwalt will ich werden", sagte Ralph.
"Wie sind Deine Noten? Ich habe gehört Du hast eine Arbeit verhauen", sagte John.
Da kam Ralph ins Stottern. Das war sein wunder Punkt. Trotzdem legten sie die Finger auf seine Wunde, bedrängten ihn mit Fragen, demütigten ihn und genossen es ein Spiel mit ihm zu treiben. Es war für sie der Kick.
"Ja... äh... das war Strafrecht", stammelte Ralph.
"Was hast Du genau geschrieben?", fragte John.
"Ein Punkt", sagte Ralph.
"Von wieviel Punkten?"
"Von achtzehn Punkten. Achtzehn Punkte.... ist die Höchste, beste Punktzahl, die man erreichen könnte", stotterte Ralph.
Ralph wurde rot im Gesicht und senkte den Kopf.

"Ein Punkt? So schlecht?", fragte John.
"Ja. Die Corona-Krise ist schuld. Ich konnte mich kaum konzentrieren. War mit den Nerven am Ende. Könnt ihr das verstehen? Ich hatte immer wieder Probleme gehabt, ich hätte zu viel Stoff aufholen müssen", erklärte Ralph.
"Corona ist hart für alle. Mehr oder weniger", sagte Franziska.
"Für mich besonders", jammerte Ralph.
"Da gibt es Leute, die es schwerer haben. Aber... Erzähl weiter. Wie sind Deine anderen Klausuren?", fragte John.
Bevor Ralph antworte, unterbrach ihn Franziska.
"Er hat mehrere Arbeiten verhauen. Er mag es seinen Eltern nicht sagen. Er ist alleine, depressiv, hat eine Frauenpuppe oben, schreibt komische Gedichte."
"DAS STIMMT NICHT", schrie Ralph auf einmal.
"Wie willst Du Anwalt werden, wenn Du solch schlechte Noten hast und das obwohl Deine Eltern Dich unterstützen und Dir alles bezahlen - auch die Wohnung? Ich glaube, Du solltest mit dem Studium aufhören und lieber eine Lehre machen. Du bist ja völlig unselbstständig, kriegst Dein Leben nicht auf die Reihe. Und Du kannst noch nicht mal Kaffee kochen", sagte Franziska.
Dann fing er an zu weinen.
"DAS STIMMT NICHT. WIE BEHANDELT IHR MICH. ICH WAR IMMER EIN GLÄNZENDER SCHÜLER. Ich hatte 1,8 NOTENDURSCHNITT Im ABITURZEUGNIS. UND JETZT SOLL ICH EIN VERSAGER SEIN?", schrie Ralph plötzlich.
Alle wurden sofort leise. Und blickten sich an. So hatten sie Ralph noch nie erlebt. "Ich habe eine schwere Phase. Die ich durchmache. Alles wurde mir zu viel. Corona kam. Ich wurde immer einsamer und depressiver."
"Das verstehe ich. Darum die Selbsthilfebücher."
Franziskas Blick fiel zufällig auf Ralphs Handgelenk. Dort war ein weißer querverlaufender Strich, das über dem Handgelenk verlief. Eine Schnittnarbe.
"Was hast du mit Deiner Hand gemacht? Hattest Du ein Selbstmordversuch hinter Dir?", fragte Franziska besorgt. Sie wurde sofort ängstlicher.
Ralph schwieg zuerst. Dann nickte er.
"Ja. Ich war mal sehr depressiv. Da war ich siebzehn Jahre alt. Da wollte ich mich in der Badewanne umbringen. Da schnitt ich mir die Pulsadern auf. Ich wurde dann später gerettet", erzählte Ralph.
"Was?", fragte Franziska. Sie schwieg eine Weile. Auch alle anderen schwiegen. Dann sprach sie weiter. "War dann die Phase dann vorbei?", fragte Franziska besorgt.
"Ja."
"Und wie ist es jetzt? Für mich bist Du sehr depressiv. "
"Ja. Es ist mal besser, mal schlechter. Franziska hat Freude in mein Leben gebracht", sagte Ralph. "Sie hat mich vor Schlimmeren bewahrt."
"Was?", fragte Franziska erstaunt. Damit hatten sie nicht gerechnet. Sofort kippte die Stimmung vom Spaß in düstere Richtung. Einige Zeit schwiegen sie. Erst nach einer Weile redeten sie weiter.
"Geht es Dir jetzt besser?", fragte Franziska.
"Ja", sagte Ralph leise.
Dann stand John plötzlich auf und blickte auf Franziska.
"Franziska? Kommst Du bitte mit? Ich muss was mit Dir besprechen." Ralph ahnte nichts Gutes. Er schwieg jedoch.
"Ja. Ist es wichtig?", fragte Franziska.
John nickte.
"Komm bitte her, Franziska", sagte er. Dann blickte er zu Ralph und Knut.
"Ihr beide wartet mal kurz", forderte John sie auf.
Dann stand Franziska auf. Dann gingen sie und John aus der Küche ins Wohnzimmer. John packte Franziska am Arm.
"Wir können ihn nicht mehr hierbehalten", sagte John.
"Ralph?", fragte sie ängstlich.
"Ja. Dieser Ralph. Er muss gehen. Er hat schon einmal versucht sich umzubringen. Ist depressiv. Liest Selbsthilfebücher. Ist ein seltsamer Typ. Ist eine Gefahr. Ich will ihn nicht mehr hier haben", sagte John.
"Ja. Aber er hat für diese Nacht bezahlt", sagte Franziska.
"Dann mach ein bisschen was. Blowjob oder so und einiges dazu. Dann muss er gehen. Das wird das Beste sein."
"Ja."
"Du machst am besten jetzt was. Dann müssen Ralph und Knut gehen", forderte John.
"Ja. Das ist vielleicht besser so", stimmte Franziska zu.
"Wir müssen das so machen."
Dann gingen sie in die Küche zurück. Knut und Ralph saßen sich gegenüber und hatten sich wohl nichts mehr zu sagen.
"Ich muss Euch eine Mitteilung machen. Franziska und ich haben einen Termin. Wir können heute nicht so lange. Ihr müsst leider gleich gehen", sagte John.
"Aber ich habe bezahlt", sagte Ralph.
"Das lässt sich nicht ändern. Franziska kann Dir noch eine kleine Gefälligkeit erweisen. Du weißt schon. Aber dann ist Schluss. Knut kann solange warten, wenn er will."
"O.K. Ich werde auf Ralph warten", sagt Knut. "Ich kann das verstehen."
"Tut mir leid. Wir können das nicht mehr machen", sagte John bestimmt.
"Ist für immer Schluss?", fragte Ralph. Ralph konnte es nicht glauben. Es klang für ihn unwirklich. Als ob er sich verhört hatte. Er spürte in sich einen grossen Schmerz.
"Leider ja. Wir können das aus bestimmten Gründen nicht mehr machen", sagte John.
"Ich kümmere mich jetzt um Dich. Weil wir nachher keine Zeit haben", sagte Franziska und leckte sich demonstrativ den Finger.
"Aber ich habe bezahlt für die ganze Nacht", stammelte Ralph.
"Ja. Dann muss das Programm abgekürzt werden."
"Aber ich habe 150 Euro bezahlt, den Einkauf fast ganz bezahlt, Blumen vorbeigebracht!", klagte Ralph.
"Die Blumen hast Du freiwillig geschenkt. Keiner hat gesagt, dass Du Blumen vorbeibringen sollst. Außerdem kannst Du mal Franziska einen ausgeben! Sie hat so viel für Dich gemacht," meinte John.
"Er hat aber 150 bezahlt", mischte sich Knut ein. Da kann ich ihn schon ein bisschen verstehen", mischte sich Knut ein.
"Gut. Ich mach Dir ein Angebot", sagte er zu Ralph." Franziska macht etwas für Dich. JETZT. Für 100 Euro. Für 50 war letzte Nacht schon in seiner Wohnung was gelaufen. Das sind schon 150 Euro", sagte John.
"Aber ich habe den Einkauf bezahlt."
"Sie kann-weil Du fast den Einkauf bezahlt -Dir mal beim Aufräumen der Wohnung helfen. Sie hat mir erzählt, dass es dort unaufgeräumt aussah."
"Dann hätte ich wenigstens einen Teil des Geldes zurück. Ich habe kein Geld. All das Geld was mein Vater mit geschickt hat ist inzwischen aufgebraucht. Ich habe ja noch nicht mal was zu essen diesen Monat. Ich habe bestimmt 700 Euro ausgegeben diesen Monat", jammerte Ralph.
"Aber nicht für Franziska. Vielleicht hast du Dich mit anderen Frauen getroffen."
"Das ist nicht wahr!", schrie Ralph.
"Ich bin mir da nicht sicher. Ich fürchte, Du kannst mit Geld nicht umgehen. Diskutiere jetzt nicht. Entweder es läuft jetzt was oder Du wanderst jetzt raus", sagte John bestimmt.
"Aber wovon soll ich denn diesen Monat leben?"
"Du kannst uns eine WhatsApp schicken. Franziska stellt Dir ein Teller mit einige geschmierten Brötchen vor die Tür. Aber diese Tür können wir nicht mehr aufmachen", sagte John.
"Kann ich Franziska oder Euch nicht wenigstens ab und zu sehen? Ich komme nur zum Frühstück", bettelte Ralph.
"Nein. Das geht nicht mehr."
"Dann komm. Reden wir nicht. Macht jetzt was. Oder nie mehr", sagte John.
Dann ging Franziska auf Ralph zu und packte ihn am Arm
"Los. Gehen wir."
Dann gingen beide aus der Küche. Einen Moment später verschwanden sie im Schlafzimmer.
John blickte Knut an.
"Was wollen wir machen? Wir können im Wohnzimmer zusammen ferngucken und was trinken. Einen Whisky Bourbon? Mit Cola", bot John an.
"Ja. Gerne", sagte Knut.
"Du nimmst die Gläser. Und ich die Whiskyflasche und die Cola", schlug John vor.
"Ja."
Dann reichte John Knut die Gläser, die Knut sofort nahm. John nahm einen Bourbon -Whisky aus dem Schrank und eine Colaflasche aus dem Kühlschrank. Dann gingen sie ins Wohnzimmer. Dort schaltete John den Fernseher ein und füllte zwei Gläser mit Whisky-Bourbon und Cola. Kurz darauf tranken sie, während Ralph und Franziska sich im Schlafzimmer vergnügten.
"Tut mir leid, dass wir heute früher als geplant Schluss machen müssen", sagte John.
"Kein Problem. Ich komme damit klar. Hatte nicht viel erwartet", meinte Knut. Da er mit Shari verabredet war, sah er vieles locker.
"Du kannst gerne mal anrufen. Franziska hat bestimmt Lust auf Dich. Ralph kann nicht mehr kommen. Den wollen wir nicht mehr hier haben."
"Wieso?"
"Du kannst Dir denken warum!"
"Ah...verstehe. Weil er ein Selbstmordversuch verübt hat", sagte Knut.
"Solch einen können wir hier nicht haben. Was meinst Du was passiert, wenn er sich hier umbringt? Wie kommt Franziska damit klar? Nein."
"Da hast Du Recht. Ich verstehe das. Dann ist das für ihn das letzte Techtelmechtel. Sozusagen die letzte Sonate in Dur."
"Ja. Er ist für eine offene Beziehung wie wir die führten nicht gemacht. Er ist zu weich. Hat keinen genügenden Abstand", meinte John.
"Ich denke das Problem ist, dass er sich in Franziska verliebt hat. Zumindest ein bisschen", sagte Knut.
John blickte ihn besorgt an.
"Ja. Ich denke, dass er sich in Franziska verliebt hat. Deshalb passt es nicht mehr."
"Wie wird er das aufnehmen?", fragte Knut.
"Vermutlich gar nicht", sagte John.
"Das ist das Problem."
"Ich werde nach den beiden mal sehen."
Dann ging John zur Schlafzimmertür, machte sie auf und guckte durch den Türspalt. Das Licht fiel etwas in das dunkle Schlafzimmer. Er sah im schwachen Licht, dass Franziska sich auf Ralphs Bauch gesetzt hatte. Genaueres konnte er nicht erkennen. Dann schloss er leise wieder die Tür, ging zum Wohnzimmertisch und setzte sich dort in den Wohnzimmersessel. Dann trank er weiter den Whisky.
"Hat er noch andere Selbstmordversuche hinter sich?", fragte John.
"Ja. Ich weiß nur, dass er sich einmal vor das Auto geworfen hatte. Und ein anderes Mal wollte er sich mit Tabletten umbringen", sagte Knut, der sich inzwischen auf die Couch gesetzt hatte. John blickte Knut mit großen Augen an.
"Das wusste ich gar nicht. Dann ist er sehr selbstmordgefährdet. Krank. Nimmt Tabletten. Ist depressiv. Kriegt sein Jurastudium, sein Leben und nichts nicht auf die Reihe", sagte John. Er wirkte besorgt.
"Ja. Er hat mehrere Klausuren verhauen. Er wird das Studium nicht schaffen. Es ist schwer ihm das beizubringen", sagte Knut.
"Ich denke, ich habe genug gehört. Sie müssen Schluss machen", sagte John im harten Ton.
John stand auf und ging zur Schlafzimmertür. Dann klopfte gegen die Tür.
"Franziska. Ralph. Ihr müsst Schluss machen!", schrie John.
"Ja", ertönte es nur schwach aus dem Schlafzimmer.
"Ralph. Zieh Deine Klamotten an. Du musst jetzt gehen", forderte John ihn auf.
"Darf ich schnell noch duschen?", ertönte eine Stimme. Es war Ralphs Stimme.
"Ja. Zehn Minuten. Dann bist Du bitte weg. Beeil Dich."
"Ja", so hörte John seine Stimme. Dann war eine ganze Weile Stille. John ging zum Wohnzimmertisch und setzen sich wieder in den Sessel. Eine ganze Weile guckten sie fern. Guckten die Serie Riverdale.
"Das dauert bis sie fertig sind", meinte John.
"Ja", sagte Knut.
Dann ging die Schlafzimmertür auf und Ralph lief mit gesenkten Kopf aus dem Schlafzimmer ins Wohnzimmer. Er blickte nicht auf Knut und John, sondern ging an ihren vorbei zum Flur und verschwand dort.
"Was ist los?", fragte John. Doch er antwortete nicht. Das war schon seltsam. Dann ertönte plötzlich Franziskas ängstlichen Ruf.
"JOHN! JOOOOHN!!", rief sie laut.
Knut fiel der Schreck durch die Glieder. Auch John - obwohl er ein harter Mann war - fuhr der Schreck durch seinen Körper. John erhob sich aus seinem Sessel und Knut von seiner Couch und sie liefen sofort zur Schlafzimmertür. Sie öffneten die Schlafzimmertür und sahen eine verängstigte Franziska, die sich gerade ihre Jeanshose anzog. Dann fiel Johns Blick auf die vielen Tabletten auf dem Bett.
"Sind das Ralphs Tabletten?"
"Ja", stammelte sie.
"Wo will er hin?", fragte John.
"Ich glaube er ist ins Badezimmer gegangen. Er ist... völlig depressiv. Enttäuscht...", stammelte Franziska.
"Komm schnell. Er versucht wahrscheinlich, sich umzubringen!", sagte John zu Knut.
Knut und John rannten durch die Wohnung und suchten nach Ralph: "Ralph? Ralph!".
Es kam keine Antwort. Einen Augenblick später erreichten die Badezimmertür und hörten, dass die Dusche lief. "Ralph", rief John erneut. Wieder keine Antwort. Dann klopfte John drei Mal gegen die Badezimmer. Dann mehrmals und immer heftiger.
"Ralph. Mach die Tür auf! Ralph. Ich weiß, dass Du da drin bist!", schrie John.
Wieder hämmerte er gegen dir Tür.
"Wenn Du nicht rauskommst, breche ich die Tür auf."
Dann erschien Franziska auf dem Flur mit besorgtem Gesicht. Sie hatte sich inzwischen angezogen.
"Wir müssen die Tür aufbrechen", meinte John.
"Die Tür aufbrechen?", fragte Franziska.
"Er liegt da drin. Ist vermutlich tot. Wir müssen das machen."
"RALPH! MACH DIE TÜR AUF. SOFORT. WIR BRECHEN DIE TÜR AUF!", schrie John.
"JOHN. BITTE!", rief Franziska.
Dann trat John heftig gegen die Tür. Einmal. Zweimal. Dreimal. Dann zersplitterte die Tür dort wo das Schloss war. Und in der Nähe des Schlosses war ein dicker Riss. Dann trat John erneut gegen die Tür. Im Schlossbereich zersplitterte die Tür, das Schloss gab nach und die Tür flog auf. Sie liefen ins Bad und sahen Ralph mit ausgestreckten Armen auf dem Rücken neben der Dusche auf dem Boden liegen – nackt bis auf die Unterhose. Er rührte sich nicht. Neben ihm waren mehrere Tabletten. Die Dusche lief.
"ER IST TOT. NEIN!"
John lief mit Schweißperlen auf der Stirn zu Ralph. Er bückte sich zu ihm runter, hob mit seiner linken Hand seinen Kopf an und klopfte mit der rechten flachen Hand gegen seine linke Backe.
"Ralph. Ralph. Ralph. Wach auf", sagte John.
"IST ER TOT?", schrie Franziska.
John merkte, dass er noch atmete. Sofort machte er Mund-zu-Mund-Beatmung. Dann merkte, dass er Unmengen von Tabletten geschluckt hatte.
"Hilf mir mal", schrie er zu Knut. "Wir müssen ihn hochheben."
Knut rannte zu John. Dann packten er und John Ralphs Körper und hoben ihn hoch. Sie drehten ihn etwas mit dem Kopf auf die Seite. Dann weiter nach unten. John steckte Ralph hastig einen Finger in den Hals. Es dauert nicht lange und eine Fontaine aus stinkendem Erbrochenen schoss aus seinem Mund und dann auf dem Boden.
"Los. Weiter. Es muss alles raus. Er krepiert sonst!", schrie John.
Ralph bewegt sich etwas, stöhnte, versuchte sich ein bisschen zu wehren. Doch John ließ nicht locker. Er stecke ihm erneut den Finger in den Hals. Dann wieder sprudelte es mit einem gurgelnden Geräusch aus Ralphs weitgeöffneten Mund heraus. Dann legten sie ihn auf den Boden. Ralph keuchte. Seine Augen waren rot unterlaufen. Dann bewegte er seinen Mund. Konnte nur stammelnd und abgehackt sagen": Tragt mich hoch... Bitte!"
"Wir müssen einen Krankenwagen rufen", schlug Knut vor.
"Wir tragen ihn erst mal raus. Er kann so nicht liegenbleiben", sagte John.
Dann packten John und Knut ihn an den Armen. Und trugen ihn aus dem Bad auf den Flur. Da John mit Ralphs Suizidversuch nicht zu tun haben wollte und ein größeres Aufsehen (inklusive Polizei) vermeiden wollte, wollte er Ralph möglichst schnell aus Franziskas Wohnung schaffen. Daher sagte er": Wir tragen ihn gleich hoch in seine Wohnung oben!", schrie John.
"Soll er besser nicht ins Schlafzimmer?", fragte Knut.
"Nein. Wir tragen ihn hoch. Das ist besser."
"Meinst Du schaffen wir? Wir müssen einen Krankenwagen holen."
"Er kann hier nicht bei uns liegen bleiben. Was soll die Polizei denken? Wenn die Polizei kommt, sagen wir: Es war ein Unfall", sagte John.
"Ja. Vielleicht war es ein Unfall. Vielleicht auch nicht", sagte Knut.
John wich Knuts Bemerkung aus.
"Schleppen wir ihn hoch. Das ist nur eine Etage. Das wird am besten sein! Das schafft er schon!"
"Franziska stand bleich auf dem Flur, war panisch und schrie:" MEINE GÜTE. ER HAT SICH UMGEBRACHT! TUT DOCH WAS! ER STIRBT!"
"BERUHIG DICH! ER LEBT! HELF LIEBER! WIR MÜSSEN IHN HOCHSCHLEPPEN - ZU SEINER WOHNUNG", schrie John.
Knut wollte Ralph ins Schlafzimmer schleppen. Zerrte an seinen linken Arm. Doch John war stärker. Er hatte ihn fest am rechten Arm und zog ihn mit aller Kraft zur Wohnungstür.
"Wir schleppen ihn nicht ins Schlafzimmer. Sondern gleich nach oben", befahl John. Knut beugte sich Johns Vorhaben.
"Dann machen wir das. Obwohl unten besser wäre", sagte Knut.

"Hier kann er nicht bleiben. Oben ist besser", sagte John ohne genau zu erklären, warum er das so wollte.
"Wie...Du meinst."
"Franziska. Hilf mir mal. Wir müssen ihn hochschleppen. Mach die Tür auf. Und pack mit an", schrie John.
Ehe Knut noch etwas sagen konnte, lief Franziska zur Wohnungstür, machte sie auf und dann rannte sie zu John und Knut, die Ralph an den Arne festhielten. Dann packte sie auch Ralph unter den Arm. Wenig später schleiften sie alle drei ihn durch die Wohnungstür auf den Erdgeschossflur. Vor Franziskas Wohnungstür warteten sie kurz.
"Franziska. Hol seine Sachen aus dem Schlafzimmer. Alles! Auch seinen Wohnungsschlüssel. Und die Tabletten!", schrie John.
"Ja, sagte Franziska und rannte wieder in ihre Wohnung. Einen Augenblick später stand sie vor Ralphs Sachen im Schlafzimmer, die er auf einen Stuhl gelegt hatte. Sie nahm Ralphs Jeans, griff in die linke Hosentasche der Jeans und holte den Wohnungsschlüssel hervor. Kurz darauf lief sie mit Ralphs Sachen und seinem Wohnungsschlüssel aus ihrer Wohnung auf den Erdgeschossflur. Dann zogen sie Ralph schnell und leise (damit ein Nachbar das nicht bemerkte) seine Sachen an und trugen alle drei Ralph die Treppen hoch auf den ersten Stock. Franziska gab John den Schlüssel und John schloss daraufhin Ralphs Wohnungstür auf. Danach trugen sie ihn in sein Schlafzimmer und legten ihn auf das Bett.
"Ruf Du mit Ralphs Handy oder Telefon das Krankenhaus an. Sag, es ist ein Unfall", sagte John. Knut lief sofort zu Ralphs Telefon, das auf dem Nachttisch lag und wollte gerade die Telefonnummer des Krankenhauses anrufen, als Ralph seinen Mund bewegte.
"L-lass es", stammelte Ralph.
"Hallo Ralph? Kannst Du mich hören?", fragte John.
"Es ...geht mir wieder...besser. Die lassen mich da nicht mehr raus...ich muss studieren..."
"Wir rufen jetzt einen Krankenwagen", sagte Knut. "Wenn ihm was passiert, werde ich mir das sonst nicht verzeihen."
"Bitte", flüsterte Ralph. Weiteres war unverständliches Gemurmel.
Knut ging zum Telefon und wählte die Nummer vom Krankenhaus. Nachdem er die Krankenhausnummer gewählt hatte, meldete sich jemand.
"Ja...hallo. Knut Bremer. Hier liegt ein Freund zu uns...er hat so viele Tabletten genommen. Kommen Sie..."
Da vermutlich auch die Polizei kommen würde (vielleicht hatte ein Nachbar sie gerufen nach den Vorfällen), wurde John unruhig. Er ging daher zur Schlafzimmertür, wo auch Franziska stand.
John achtete in diesem Moment nicht darauf was er redete. Sein Blick fiel mehr auf die fast menschengroße Plastik-Puppe mit den blonden Haaren, am Bett auf dem Stuhl sass. Sie sah Franziska sehr ähnlich. Dann sagte er zu Franziska": Komm. Wir gehen", sagte John.
Knut beendet gerade das Telefonat: "Dann kommen Sie gleich. Bis gleich. Wiedersehen."
Gerade als Knut das Gespräch beendete sagte John: „Ich muss Franziska runterbringen. Sie ist geschockt. Kümmere Du Dich alleine um Ralph. Der Krankenwagen kommt ja gleich", sagte John. Knut merkte, dass John mit der ganzen Sache nichts zu tun haben wollte.
"Ich ruf an."
"Mach das. Bis dann", sagte Knut. Dann verließen John und Franziska die Wohnung, gingen im Treppenhaus die Treppen runter und gingen in ihre Wohnung. Franziska und John machten danach im Badezimmer das Erbrochene weg. Es dauerte ungefähr 20 Minuten, bis die Notambulanz kam. Es war mittlerweile dunkel geworden. John und Franziska saßen im Wohnzimmer und guckten gerade fern. Als sie auf der Straße den Rettungswagen hörten, gingen sie zum Wohnzimmerfenster und sahen dann aus dem Fenster auf die mittlerweile dunkle Straße und sahen wie die Notambulanz dort am Straßenrand hielt. Vier Männer stiegen aus. Sie liefen schnell mit einigen Geräten in das Mietshaus. Sie konnten auf dem Flur hören, wie sie die Treppen hochliefen, oben klingelten und dann in Ralphs Wohnung gingen. Zuerst war eine Zeitlang Stille. Wenig später hörten sie erneut auf dem Treppenhaus Geräusche. John und Franziska, die immer noch am Wohnzimmerfenster standen, sahen vom Wohnzimmerfenster aus, wie die Rettungskräfte Ralph auf einer Bahre aus dem Mietshaus nach draußen und dann in die Notambulanz transportierten. Jemand klingelte an ihrer Wohnungstür. Franziska und John gingen nicht an die Tür. Wer das war, das wussten sie nicht. Dann sahen sie, wie der letzte Mann in die Notambulanz einstieg. Und dann fuhr der Wagen mit Ralph davon.
"Wir gehen jetzt schlafen. Ich bin müde nach dem aufregenden Tag."
"Ja. Gehen wir."
In der Nacht konnten weder John noch Franziska schlafen.

12. BÖSES ERWACHEN

Am nächsten Morgen, am 8.2.2021, wachten sie auf, frühstückten, tranken Kaffee und redeten über die Ereignisse.
"Es war ein Fehler Ralf als Mitspieler hinzuzuholen", meinte Franziska.
"Ja. Das war ganze Zeit mein Gedanke. Er war einfach zu weich dafür", sagte John.
"Meinst Du er wird wieder gesund? So wie sein Zustand ist?", fragte Franziska, die wegen Ralph besorgt war.
"Wir werden sehen."
"Wir haben ein Fehler gemacht! Wir haben ihn geärgert! Provoziert! Verdorben! Und jetzt hat er sich fast wegen uns umgebracht. Es ist unsere Schuld!", sagte Franziska. Sie hatte plötzlich Tränen in den Augen.
"Es ist nicht unsere Schuld. Niemand konnte voraussehen, dass das passieren würde. ES war einfach...dumm gelaufen. Ein Unfall", sagte John.
"ES WAR KEIN UNFALL! ES WAR EIN SELBSTMORDVERSUCH! IN UNSERER WOHNUNG! UND WIR TRAGEN DIE VERANTWORTUNG! ES WAR UNSERE SCHULD! ER HÄTTE DAS NIE GEMACHT!" schrie Franziska.
John wurde wütend.
"DU WOLLTEST IHN ALS MITSPIELER HABEN! NUR DU. NUR DIR ZU LIEBE HAB ICH MITGEMACHT! WENN DU NICHT GEWOLLT HÄTTEST, WÄRE DAS NICHT PASSIERT!", schrie John.
"DU HAST MITGEMACHT! DU WOLLTEST DAS AUCH!"
"NUR DIR ZU LIEBE. NUR WEIL DU DAS WOLLTEST!"
"ES HATTE AM ANFANG FUNKTIONIERT! ABER DU HAST DAS VERSAUT! WEISST DU WIE DU IHN OFT BEHANDELT HATTEST? DU HAST IHN AUF DEN KÜCHENFUSSBODEN GESCMISSEN. EIN ANDERES MAL EINE SPIELZEUGPISTOLE AN DEN KOPF GEHALTEN! SO BEHANDELT MAN KEINEN MENSCHEN", schrie Franziska.
"UND DU HAST IHN AUCH MIT WORTEN OFT GEKRÄNKT! IMMER WIEDER VERFÜHRT! VERDORBEN! DU WOLLTEST DAS. ES WAR DEIN PLAN. DU WOLLTEST IHN VON DIR ABHÄHGIG MACHEN, DASS ER IMMER WIEDER ZU DIR ANGEKROCHEN KOMMT. UND DAS EINE WILL. ES WAR EIN SPIELCHEN! DEIN SPIELCHEN, DAS ICH MITGESPIELT HATTE! WEIL DU DAS WOLLTEST. DAS WAR FÜR DICH DER KICK! DU HAST DIE MACHT GENOSSEN, WENN ER IMMER ZU DIR ANGEKROCHEN KOMMT!", schrie John.
"UND DU? UND DU? DU HAST IHN AUF DEN KÜCHENFUSSBODEN GESCHMISSEN, IHN BEDROHT, IHN FERTIGGEMACHT, IHN GEDEHMÜTIGT! DU WOLLTEST IHN ZERSTÖREN", schrie Franziska. "DU HÄTTEST EINFACH DIE FILMAUFNAHMEN, DIE ER VON UNS GEMACHT HAT, AUF SEINEM HANDY LÖSCHEN SOLLEN UND IHN WEGSCHICKEN SOLLEN."
"DAS HABEN WIR EBEN NICHT GEMACHT UND ES WAR RICHTIG SO. DU WOLLTEST JA AUCH NICHT, DASS ER HEIMLICH FILMAUFNAHMEN MACHT UND DAVONKOMMT."
"AM ANFANG WAR JA ALLES IN ORDNUNG! DANN HATTEST DU IHN MIES BEHANDELT. DAS WÄRE NICHT PASSIERT, WENN DU NETTER ZU IHM GEWESEN WÄREST."
"FRANZISKA! HÖR AUF! ICH KANN DAS NICHT MEHR HÖREN! HÖR AUF! HÖR AUF!!", pöbelte John.
"ES IST DEINE SCHULD! DEINE SCHULD!"
"FRANZISKA! HÖR AUF! DAS KONNTE KEINER WISSEN, DASS SOWAS PASSIERT! WIR BEIDE HABEN MIT IHM GESPIELT! WIR BEIDE! ABER WIR WUSSTE NICHT, DASS DAS PASSIERT! SCHULDZUWEISUNGEN HELFEN NICHT! WIR WUSSTEN NICHT, DASS DAS PASSIERT! WIR MÜSSEN DA JETZT DURCH!"
Dann schwiegen sie eine Weile. Franziska fing an zu weinen an.
"Ich hätte das nie gemacht. Ich habe auch Schuld. Auch mit den Männern. NIE HÄTTE ICH DAS NOCHMAL GEMACHT. WIR HABEN RALPH FAST UMGEBRACHT. VERSTEHST DU!?", schrie Franziska.
"Verlier bitte nicht die Nerven, Franziska. Es kommt schon alles wieder in Ordnung."
Wieder schwiegen sie. Erst nach einer Weile sprach John.
"Es kann viele Gründe haben, warum er sich umbringen wollte. Er hatte schlechte Klausuren geschrieben und wollte es seien Eltern nicht sagen. Aus Angst, dass es Ärger gab. Hast Du nicht gemerkt, wie sehr er unter Druck stand? Wie sehr er unten war? Dazu kamen noch die Corona-Krise und die Einsamkeit im Lockdown, die seine Probleme noch verstärkten! Das war alles zu viel für ihn. Er war SO depressiv, dass er fast nichts mehr in seinem Leben auf die Reihe bekam! Und er hat sich sicherlich geärgert, dass Knut Shari, die er auch wollte, erobert hat!", meinte John.
"Er hat es unmittelbar getan, nachdem ich mit ihm im Bett war und Du sagtest, dass Schluss war und er gehen müsse!", schrie Franziska.
"Nein. Ich denke, dass Knut Shari erobert hatte und ER NICHT war ein möglicher Grund! Er ist auch ein labiler Typ, der zu weich ist für die Welt. Das musst Du wissen. Er hat sich schon früher versucht mehrmals umzubringen", erzählte John.
"Mehrmals? Das wusste ich nicht."
"Ja. Mehrmals. Er wollte sich erhängen und das hatte nicht geklappt. Ein anderes Mal schmiss er sich vor das Auto und überlebte", sagte John.
"Das ist ja schlimm. Das wusste ich nicht. Wann hast Du das erfahren?", fragte Franziska.
"Das sagte mir gestern Knut im Wohnzimmer, als Du mit ihm im Schlafzimmer warst! Deshalb wollte ich, dass sofort Schluss war und er gehen müsse", erklärte John.
"Ich verstehe jetzt."
"Ich wollte Dir das schon früher sagen. Aber da war es schon passiert", sagte John.
"Ja. Das ist ja schlimm."
Sie blickte nach unten.
"Hör mal. Das konnten wir nicht wissen. Wir hatten die Narbe - den Schnitt an seinem Handgelenk erst zu spät entdeckt", sagte John.
"Ja. Ich verstehe", sagte sie. Obwohl sie sich mit seinen Erklärungen nicht ganz zufrieden gab. "Er scheint mich zu lieben. Er hat mir sogar einen Blumenstrauß gebracht", fügte sie hinzu.
"Ich dachte zuerst auch, dass er Dich liebt, weil er Dir einen Blumenstrauß gebracht hat. Das hat wohl nicht so viel zu bedeuten. Er wollte auch mit Shari sein. Das darf man nicht vergessen! Ich denke, dass das ein ganz oberflächlicher Mensch ist, der nur Sex wollte!", sagte John.
"Vielleicht war er so wie wir. Wollte nur eine Erfahrung sammeln. Aber mich hatte er dann geliebt", meinte Franziska. "Nur so passt alles für mich zusammen."
"Denkst Du das wirklich?", fragte John. "Ich war gestern mit ihm im Schlafzimmer. Da sagte er mir, dass er Gefühle für mich hat. Für Shari nicht, nur für mich", erzählte Franziska.
John wurde wütend.
"AHA! ER HAT DIR GESAGT, DASS ER GEFÜHLE FÜR DICH HAT! HINTER MEINEM RÜCKEN. MIR HAT ER NICHTS GESAGT. ICH MUSS DIR SAGEN - AUCH WENN MIR SEIN SELBSTMORDVERSUCH LEID TUT...ES ÄNDERT NICHTS DARAN, DASS ICH IHN FÜR EINEN ERBÄRLICHEN LÜGNER UND SCHEISSKERL HALTE. UND ICH BEDAURE, DASS ICH MICH AUF DIESEN KERL EINGELASSEN HABE! DIESER MANN IST SCHLAU! ER IST PURES GIFT FÜR UNSERE BEZIEHUNG! DAS WAS ER ZU DIR GESAGT HAT, HÄTTE ER AUCH ZU SHARI GESAGT. DA BIN ICH MIR SICHER!", schrie John.
John fiel plötzlich ein, was sein Freund mal zu ihm in der Vergangenheit gesagt hatte:" Eine Liebe und Leidenschaft zu dritt ist ein Feuer, das um sich greifen kann und alle schneller verzehren kann, als man denkt. A Dangerous Game."
"John. Ich möchte nicht weiter darüber reden!", sagte sie.
"Ja. Das ist manchmal besser bestimmte Dinge in der Vergangenheit zu begraben", meinte John.
"Wenn man es kann", dachte sie.
Dann schwiegen sie eine Weile. Danach redeten sie - als sich die Stimmung wieder beruhigt hatte - über Corona, Inzidenzahlen. Dann auch über Pläne, die sie hatten. John erzählte wieder, dass endlich seinen Bruder Hartmut und seine Eltern in Berlin besuchen wollte. Er schlug ihr vor - wenn er endlich das Geld von seinen Eltern bekommen würde - sie mit nach Berlin zu seinen Eltern mitzunehmen.
"Das ist doch eine gute Idee nach Berlin zu fahren", sagte Franziska. John war innerlich froh, Franziska von all diesen ganzen Problemen hier in Frankfurt weg zu bekommen. Er merkte, dass sich ihre Stimmung gebessert hatte.
"John. Das ist eine gute Idee. Du weißt aber auch, dass ich hier in Frankfurt Arbeit suche. Als Arzthelferin in einer Hausarztpraxis. Falls das nicht klappen wird, dann in einem Supermarkt. Es kann sein, dass ich auch Termine habe zum Beispiel beim Arbeitsamt, Vorstellungsgespräche haben werde...", erklärte Franziska.
"Nur wenn Du Zeit hast. Nur wenn Du Zeit hast", sagte John.
Dann wechselten sie das Thema.
"Wollen wir ferngucken?", fragte John.
"Ja. Gerne", antwortete Franziska.
Dann plötzlich klingelte Johns Handy. Er nahm das Handy aus der Hosentasche und sah sich die Nachrichten an. Knut hatte eine Nachricht hinterlassen. John las die Nachricht - etwas holprig - vor:
"Ralph ...ist im Krankenhaus. Er hat keine toxische Vergiftung. Er hat Glück gehabt. Er wird in den nächsten Tagen wieder rauskommen. Ich bin mit Shari glücklich. Viele Grüße. Knut."
"Das ist gut, dass es Ralph besser geht" sagte Franziska.
"Finde ich auch. Knut ist ja mit Shari wohl zusammen", sagte John.
"Er hat Glück."
"Der ist clever. Der hat auf das richtige Pferd gesetzt. Er weiß, dass monogame Beziehung das Richtige ist. Sagten meine Eltern immer schon. Und die kennen so einen Pastor, der dasselbe sagt", sagte John.
"Das heißt aber nicht, dass das für alle Personen das Richtige ist."
"Ja. Aber allgemein weiß man, dass es nicht auf Dauer funktionieren kann. Gerade in Bettsachen will jeder als einzigartig wahrgenommen werden."
"Wieso? Das ging ja bei uns auch eine Zeitlang gut."
"Aber nicht lange. Man hat das ja bei Ralph gesehen. Nochmal mach ich das nicht mehr mit", sagte John.
"Ne", sagte auch Franziska. John sah sie kritisch an. Er war sich nicht sicher, ob sie wirklich ihre Einstellung zu einer offener Beziehung geändert hatte oder sie es nur aus einer momentanen Laune heraus gesagt hatte. John wechselte wieder das Thema.
"Ich will meine Eltern in Berlin besuchen. Das wollte ich schon die letzten Tage. Wann können wir das mal machen? Ich würde Dir meine Eltern vorstellen", schlug John vor.
"Nächste Woche", antwortete Franziska.
"Ok. Ich möchte jetzt was trinken. Möchtest Du auch Whisky?", fragte John.
"Nein. Ich will nicht meine Leber kaputtmachen. Du solltest aufhören zu viel Alkohol zu trinken", mahnte Franziska.
"Ich trinke nur ein bisschen zu viel."
"Nein. Du trinkst viel zu viel. Meistens zu viel Whisky. Du trinkst morgens schon. Zu oft. Ich sag nicht immer, aber eben oft. Beschönige das nicht. Und nur weil Du Sport betreibst, hat Dein Körper das durchgehalten. Deine Arterien sind noch nicht verkalkt und Du kriegst einen hoch."
"Stimmt. Aber Du solltest auch keine Drogen nehmen", sagte John.
"Ich habe in letzter Zeit nichts hartes mehr genommen", beteuerte Franziska unschuldig.
"Ich habe in letzter Zeit ein Kokainpäckchen gefunden. Auf dem Küchenschrank hinter der Uhr. Ich habe das dann ins Klo geschmissen."
"Ich geb´s zu... Ich hatte nach Lindas Party noch was genommen. Ein kleines bisschen. Heimlich. Das war ein Fehler."
"Siehst Du? So ganz durch bist Du mit dem Thema noch nicht. Du solltest GANZ davon runterkommen", sagte John. "Sowas dauert. Ich nehme in letzter Zeit kaum noch was", sagte Franziska. "Höchstens einen Joint geraucht."
"Ich hoffe. Ich hoffe!", mahnte John.
"Nur Du trinkst wirklich zu viel."
"Franziska. Du weißt, ich hatte viel Stress. War zeitweise sogar obdachlos. Auch - gebe ich zu - aufgrund eigenes Verschulden. Ich hatte viele Fehler früher gemacht, da ich nicht im stabilen Elternhaus groß geworden bin. Und auch später in der Corona-Zeit. Ja, als Corona kam, machte ich noch größere Fehler", erklärte John.
"So wie ich übrigens auch. Auch früher und später habe ich Fehler gemacht. Auch mit den Drogen. Denn ich war damals einsam, verzweifelt. Ich hatte es auch schwer. Meine Eltern waren geschieden. Ich hatte eine Mutter, die alkoholabhängig war, aber sich durch Therapie geändert hatte. Ich hatte zu ihr ein schwieriges Verhältnis. Sie war schon mit 18 schon mit mir schwanger. Das war zu jung. Als ich Schule machte, war keiner da, der mir half. Ich baute sich einfach zu viel Mist. Machte nie Hausaufgaben, schwänzte teilweise die Schule, hatte Affären - auch mit einem Lehrer, den ich in der Pause... naja." Sie lächelte und leckte sich die Finger. "Mehr als Realschule war nicht bei mir drin - obwohl einige Lehrer mir eine gewisse Intelligenz bescheinigt hatten."
"Ich verstehe. Ich war auf der Realschule. Mehr war auch nicht drin. Ich habe zu oft Mist gebaut. Schlägereien und Ladendiebstähle. Zusammengefasst: Asoziales Verhalten. Mit meinem Vater gab es oft Stress. Mit meiner Mutter auch. Sie verprügelten mich oft. Einmal als mein Vater mich schlug, haute ich zurück. Da war sein Zahn weg. Dann schmiss er mich raus. Dann gab es eine Versöhnung. Und dann wieder Streit. Und er schmiss mich wieder raus. Ich war auch psychisch am Ende irgendwann. Machte eine Therapie. Und in der Corona-Zeit verlor ich wieder mein Job und war dann auf der Straße", erzählte John.
"Aber jetzt bist Du hier. Man sollte nicht zurückschauen und nach vorne gehen."
"Ja. Das stimmt. Auf Vergangenes hat man keinen Einfluss mehr. Was geschehen ist geschehen", sagte John. "Stimmt."
"Wir wollen ja hoffen, dass wir gut durch die Corona-Krise kommen."
"Eben. Wenn wir die Weltverhältnisse betrachten- da kommt noch einiges auf uns zu. Klimakrise, Inflation durch teure Ölpreise", sagte John.
Dann plauderten sie weiter und tranken ihren Whisky aus.

13. ABWÄRSSPIRALE

Die nächsten Tage verliefen ruhig. Sie verließen kaum die Wohnung - meistens nur zum Einkaufen von Lebensmitteln in den beiden Supermärkten relativ in ihrer Nähe von dem Geld, das Ralph an ihnen gezahlt hatte. Der Rest wurde per Onlinebestellungen abgewickelt, wenn es um irgendwelche andere Dinge ging, die nicht im Supermarkt zu kaufen gab, weil aufgrund des Corona-Lockdowns die Geschäfte noch geschlossen hatten. John bestellte sich online eine gebrauchte, günstige Lederjacke. Im Elektrofachgeschäft einige USB-Sticks und eine Powerbank, um sein Handy unterwegs besser aufladen zu können (da er nach Berlin wollte). Franziska bestellte sich einige Kleidungsstücke und günstige Reizunterwäsche (die John so gerne mochte). Sie schlossen eine Vereinbarung: John musste sein Alkoholkonsum reduzieren und Franziska wollte nicht mehr Drogen wie Kokain und Hasch nehmen. Sie unterhielten sich, lasen, guckten fern. John zeichnete ab und zu in seinem Zeichenbüchlein. Er hatte auch die Telefonnummer von Dr. Stradelmann von der Uni angerufen, der Interesse an seine Zeichnungen hatte. Er hatte ihm daraufhin einige geschickt und er erfuhr wenig später, dass sie als Corona-Zeitdokumente veröffentlicht werden würden. In dieser Zeit hatten John und Franziska auch regelmäßig Sex. Von Knut kam nur eine Nachricht am fünften Tag, dass er mit Shari glücklich sei und dass Ralphs Zustand (er wurde psychologisch betreut) stabil sei. In dieser Zeit sahen sie Ralph nicht, da er immer noch im Krankenhaus war. Und hörten auch nichts von ihm. Es war so als wäre er vom Erdboden verschluckt und John war - so tragisch sein Suizidversuch auch war - froh, dass er von der Bildfläche verschwunden war. Und John gab oft ehrlich zu, dass es ein Fehler war, sich auf so einen instabilen Typen wie Ralph (der in seinen Augen wahnsinnig und ein Hypochonder war) eingelassen zu haben.

Am 15. Februar, es war der neunte Tag, nachdem Ralph ins Krankenhaus eingewiesen wurde, saßen John und Franziska nachmittags im Wohnzimmer und guckten fern und tranken mit Wasser verdünnte Cola (weil John den Alkoholkonsum reduzieren wollte), als sie plötzlich ein Motorgeräusch hörten. Sie blickten aus dem Wohnzimmerfenster und sahen einen kleinen Audi am anderen Ende der Straße halten. Zwei Männer stiegen aus. Zuerst wussten sie nicht, wer da ausstieg. Dann erkannten sie einen der Männer. Es war Ralph. Er war munter, gut in einem Anzug gekleidet, die Haare nach hinten gegelt. Noch nie sah er so gut aus. Er kam in Begleitung eines anderen Mannes, der ebenfalls gut gekleidet war. Wer der Mann war, wussten sie nicht. Sie schlossen die Wagentüren, gingen über die Straße zum Mietshaus, das Franziska und Ralph bewohnten. Dann gingen sie in das Mietshaus hinein. Ralph und Franziska hörten wie die Eingangstür auf und zuging. Dann hörten sie, wie sie im Erdgeschoss des Treppenhauses ankamen, dann die Stufen hochgingen, dann wie jemand Ralphs Wohnungstür aufschloss und sie in Ralphs Wohnung gingen. Dann war Stille. Was sich dann weiter abspielte und was dort gesprochen wurde, wussten sie nicht.
"Ralph ist angekommen", sagte Franziska.
"Mist. Jetzt geht das Ganze von vorne los", dachte John.
"Gut für ihn. Nicht gut für uns - aus meiner Sicht", sagte John.
"Du musst nicht eifersüchtig sein."
"Weil ich Dich liebe. Denn außer Dich habe ich nichts in der Corona-Zeit. Nichts. Höchstens den Whisky. Aber wenn ich mir das Trinken abgewöhne, habe ich wirklich nur Dich", erklärte John.
"Das ist ja nett. Solch ein Komplement habe ich noch nie gehört."
"Ich glaube schon. Du hattest viele Beziehungen. Du kannst Dich entweder nicht erinnern oder willst Dich nicht daran erinnern", sagte John.
Dann legte sie ihm die Hand aufs Knie.
"Soll ich Dich etwas verwöhnen? Dann lässt die Eifersucht nach", bot Franziska ihm an und lächelte.
"Ja. Ich will aber erst austrinken."
"Jetzt, Schatz", hauchte Franziska.
"Jetzt hast Du mich am Haken. Dann gehen wir gleich ins Schlafzimmer und machen den Fernsehabend dort", sagte John.
"Das ist die beste Idee, die Du heute hattest."
Franziskas Hände wanderten unter Johns Hemd auf Johns Brust. Dann wanderten die streichelnden Hände immer weiter runter... Schließlich gab es kein Halten mehr. John und Franziska zogen sich aus, duschten und lagen wenig später eng umschlungen im Bett. Und guckten in Richtung Fernseher.
"Soll ich nicht wenigstens Ralph aus Höflichkeit fragen wie es ihm geht? Er war ja fast in unserer Wohnung gestorben. Eine Begrüßung wäre angebracht", meinte Franziska.
John drehte sich um, griff sich sein Handy auf dem Nachttischschrank und guckte auf die Uhr. Es war 23:15 Uhr.
"Es ist 23:15 Uhr. Um diese Uhrzeit besucht man keine Leute", brummte John.
"Er ist aus dem Krankenhaus gekommen. Wir sollte ihm alles Gute wünschen. Aus Höflichkeit", schlug Franziska vor.
"Nicht um diese Uhrzeit. Es ist spät. 23:15 Uhr. Er ist krank und wird überfordert sein. Wir können ihn jetzt nicht besuchen", meinte John.
"Wir sollten ihm wenigstens ein Zettel mit Gute-Besserungs-Wünschen vor die Tür legen."
"Das können wir machen. Aber in die Wohnung kommt er mir nicht. "
Dann dachte er an die Corona-Bestimmungen. Es wäre leicht Ralph auf Abstand zu halten, wenn er – der ja eigentlich vieles tendenziell lockerer sah – mit den Corona-Regeln käme! Ja. Er würde ihn sogar auffordern eine Maske zu tragen!
"Wir haben außerdem Corona. Und Kontaktbeschränkungen. Nur noch auf Abstand", sagte John.
"Wieso bist Du so streng auf einmal?", fragte Franziska.
"Zu viele sind an Corona erkrankt. Ich muss auf strengere Regeln pochen. Anders kriegt man die Pandemie nicht in den Griff. Das Gesundheitsamt und die Polizei machen auch verstärkte Kontrollen", erzählte John. Er wusste, dass er Franziska - die in letzter Zeit bezüglich Corona, der hohen Inzidenzzahlen und der Coronamassnahmen zunehmend verunsichert war - so überzeugend könnte bei Ralph auf mehr Abstand zu gehen.
"Ja. Du hast Recht. Vielleicht reicht es, wenn ich ihn auf dem Treppenhaus begrüße", sagte Franziska.
"Ja. Das wird besser sein."
Dann schliefen sie ein.

Am nächsten Morgen (am 16. Februar 2021) wachten sie auf. Dann duschten sie gemeinsam zusammen, seiften sich gegenseitig ein, bespritzten sich mit Wasserpistolen (die Franziska von ihrer Schwester hatte), alberten rum. Dann zogen sie sich an und frühstückten gelassen am Küchentisch. Dabei tranken sie eine Tasse Kaffee. Dabei hörten sie Corona-Nachrichten. Zwar waren die Inzidenzzahlen gesunken, aber immer noch hoch. Dann wurde von dem Präsidenten Biden berichtet, der sämtliche Trump-Entscheidungen rückgängig gemacht hatte. Zwar wussten sie dies schon, aber im Radio wurden noch mal Einzelheiten berichtet, die bisher noch nicht besprochen wurden.
"Wir werden sehen, wie die Präsidentschaft von Biden wird", sagte John.
"Ja. Mal schauen."
Plötzlich klopfte es an der Wohnungstür. John stöhnte gleich auf.
"Es ist bestimmt Ralph."
"Ja. Dieser Ralph. Er nervt."
"Sei freundlich zu ihm. Er hat eine schlimme Phase hinter sich und kommt aus dem Krankenhaus", bat ihn Franziska.
"Ich gib mir Mühe. Aber er kommt nicht in die Wohnung", sagte John.
"Er kommt nur kurz in die Wohnung. Dann nicht mehr."
"Ok. Das letzte Mal. Nur eine halbe Stunde. Dann muss er gehen."
John ging zur Wohnungstür und öffnete sie. Ralph stand dort an der Tür. Mit einem Pralinenkasten in der Hand.
"Guten Tag. Ich bin wieder da", sagte Ralph.
"Guten Tag. Ich hoffe, Dir geht s gut. Alles Gute. Geht es Dir besser?"
"Ja. Es geht."
"Ich hab Dich noch gerettet", sagte John kühl und trocken.
"Ja. Ich weiß nicht, wie ich Euch danken soll", sagte Ralph.
"Du brauchst uns nicht zu danken. Du hast keine Maske auf. Wenn Du die nicht auf hast, kannst Du gleich wieder gehen", sagte John.
"Ich habe sie oben."
"Lass ihn rein", ertönte Franziskas Stimme im Hintergrund.
"Er trägt keine Maske. Er muss Maske tragen. Das ist gesetzlich vorgeschrieben", wies John darauf hin.
"Und jetzt bist Du so streng!", sagte Franziska.
"Ja. Bin ich. Es gibt immer mehr Corona-Fälle. Ich will nicht coronakrank werden", sagte John.
"Ich habe die Maske oben", sagte Ralph schon wieder.
"Ja. Dann lauf hoch."
Dann lief Ralph hoch in seine Wohnung.
"John. Er kommt gerade aus dem Krankenhaus. Sei nett zu ihm. Warum gibst Du ihm nicht eine von Deinen Masken?", fragte Franziska. "Ich weiß nicht wo sie sind. Er muss sich selbst drum kümmern. Tut mir leid", sagte er. Er log auch ein bisschen. Ralph lief in der Zeit zu seiner Wohnungstür, schloss die Wohnungstür auf, lief in die Wohnung, griff die Maske, die auf dem Küchentisch lag und kam nach kurzer Zeit wieder runter zu Franziskas Wohnungstür. Mit aufgesetzter Maske und Pralinenschachtel in der Hand.
"Ich habe die Maske", sagte Ralph euphorisch.
"Dann komm rein. Aber nur auf Abstand. Und nur eine halbe Stunde. Dann musst Du gehen", mahnte John.
Dann machte John die Wohnungstür auf. Ralph ging mit breitem Lächeln in die Wohnung und reichte John die Pralinenschachtel. Doch John nahm sie nicht an.
"Pralinen sind nichts für mich. Ich mache Diät. Das weißt Du! Gib sie Franziska. Bitte nichts mitbringen", sagte John. Dann ging Ralph in die Küche. Dort gab er Franziska die Hand.
"Ich bin froh, Dich zu sehen", sagte Ralph. Dann gab er ihr die Pralinenschachtel.
"Er macht das ganz geschickt. Der Kerl ist doch nicht so dumm wie ich dachte. Aber leider nicht gut genug", dachte John.
Franziska bedankte sich.
"Oh. Toll. Ich bin ja so froh, dass Du gesund nicht. Dass nichts passiert ist." Sie war in diesem Moment froh Ralph munter und gesund vor sich zu sehen.
"Ja."
"Geht es Dir gut?"
"Ja. Wie ist mein Geschenk?", fragte Ralph.
"Ich bin ja so froh, dass Du an mich denkst und mir Geschenke machst", sagte Franziska.
"Wenn Du ihr was schenken willst: Gib ihr Geld. Merk Dir. Viele Frauen wollen Kohle!", sagte John zynisch.
Franziska verzog das Gesicht.
"Ich bin aber nicht so", sagte sie. Ralph beachtete John nicht. Er hatte nur Augen für Franziska. Auch das störte John.
"Wie geht es Dir?", fragte Franziska.
"Ja. Ich war Im Krankenhaus. Ich hatte erzählt, dass ich die Tabletten falsch eingenommen hatte - auch unter Alkoholeinfluss. Und es dann zum tragischen ungewollten Unfall kam. Da wurde ich nach einer Woche kurzfristig entlassen und von meinem Bruder nach Hause gebracht", erzählte Ralph.
"Das ist ja geschickt es als Unfall darzustellen", sagte John.
"Sonst hätten sie mich nicht rausgelassen."
"Hätten sie nicht", meinte John höhnisch.
"Das ist ja toll. Ich freue mich für Dich", sagte Franziska.
"Ja. Danke."
"Aber da muss doch normaler Weise eine längere psychologische Behandlung erfolgen. Normaler Weise kommt so ein Fall wie er in eine geschlossene Abteilung. Wenn jemand so gefährdet ist wie er", warf John ein.
"John. Bitte. Ich bin froh, dass er hier ist. und dass es ihm gut geht. Er geht ja in einer halben Stunde", sagte Franziska.
"Halbe Stunde hast Du noch. Jetzt noch genau 25 Minuten. Nur reden - mehr nicht", wies John darauf hin.
"John. Bitte. Er bleibt nicht lange."
"O.K."
Dann fragte Franziska Ralph weiter:" Und wie geht s Deiner Familie?"
"Meine Familie hat mir geholfen. Sie wissen auch, dass ich die Klausuren verhauen habe. Ich habe reinen Tisch gemacht", erzählte Ralph.
"Das ist gut", sagte Franziska.
"Ich glaub Dein Jura-Studium tut Dir nicht gut. Was willst Du machen, wenn Du fertig bist. Willst Du erst mal zehn Jahre studieren und Dir dann mit 32 eine Freundin suchen? Da wird Deiner noch kleiner als er jetzt schon ist", meinte John höhnisch.
"John. Bitte!", schrie Franziska fast.
"Gut. Ich misch mich nicht mehr ein. Ihr könnt kurz quatschen. Dann muss er gehen. Aber bitte kein Liebes-Gefasel", sagte John.
"John. Bitte."
Dann stellte Ralph eine direkte Frage.
"Sag mal Franziska. Können wir heute was machen? Für 50?"
John schüttelte den Kopf.
"Nein. Sex läuft nicht mehr", sagte John.
"Auch nicht für 50?"
"Nein. Auch nicht für 50. Nicht mal für 30. Nach dem was passiert war, war das letzte Mal das letzte Mal. Das müssen wir nicht nochmal haben", stellte John klar. "Sei vernünftig. Wir können das nicht mehr machen. Das verstehst Du hoffentlich. Wir wollten nur nachfragen wie es Dir geht", sagte Franziska. Ihre sanfte Stimme klang in diesem Moment grausam. Für Ralph war die Situation reinste Folter. Der reinste Schmerz.
"Aber... ich dachte... wir führen eine offene Beziehung. Sind enger zusammen", sagte Ralph enttäuscht.
Er fing an zu weinen. Franziska nahm seine Hand und streichelte sie. Um ihn zu trösten und zu beruhigen.
"Meine Gefühle waren und sind aufrichtig für Euch. Ich liebe Euch. Ihr gehört zu meinem Leben dazu. Ohne Eure Liebe ist mein Leben leer", jammerte Ralph.
"Aber Ralph", versuchte Franziska ihn zu beruhigen.
"Das war eine für Dich aufregende Zeit. Wir haben aber gemerkt, dass unsere Verbindung - zumindest für uns nicht mehr funktioniert und auch Dir nicht guttut - auch wenn Du das nicht wahrhaben wirst: In solch einer Verbindung müssen alle glücklich sein", erklärte Franziska.
"Akzeptier das, das es einfach vorbei ist. Trotzdem bleibst Du für uns ein toller Mensch. Bist ein hervorragender Mensch," sagte John förmlich.
"Ihr mögt mich nicht, weil ich in Jura versagt habe. Aber ich habe noch andere Möglichkeiten!", schrie Ralph.
"Das kannst Du machen. Aber außerhalb unserer Reichweite", sagte John.
Dann wurde Ralph lauter. Fast schon drohend.
"IHR HABT GESAGT ODER MIR ZU VERSTEHEN GEGEBEN, ICH SEI WILLKOMMEN HIER. ICH HABE EUCH GEGLAUBT. UND WAS JETZT?", schrie er.
"Du bist willkommen. Aber auf Abstand. John und ich haben uns zuerst kennengelernt. ER IST MEIN PARTNER. ZUERST kennengelernt. Verstehst Du? Du darfst mich nicht lieben. Du musst mich vergessen!", schrie Franziska.
"Genau. Auf Abstand. Ohne Liebe", sagte John.
"Ich habe Euch sooo geglaubt. Ich habe mir keine andere Zukunft vorstellen können als mit Euch!", schrie Ralph.
"Aber das ist nun vorbei. Wir haben mehrere Fehler gemacht. Erstens Dich in unsere Beziehung oder Spiel- als Mitspieler - einzubeziehen. Weil Du psychisch labil bist, zu jung und unerfahren bist und überhaupt nicht für solche Art Beziehung geeignet bist. Das war der erste Fehler. Und zweitens hätten wir die Regeln klarer formulieren sollen. Zum Beispiel "Nichts muss, Alles kann" oder "Nein heißt nein." Wir haben alle irgendwie Schuld", sagte Franziska.
"Ja", sagte John.
"Auch verstehen wir unter Liebe manchmal was anderes. Franziska braucht mal was anderes als Du ihr geben kannst oder willst. Es gibt viele Arten von Liebe. Man muss manchmal Umwege gehen. Denk an Maffays "Über sieben Brücken musst Du gehen." Es ist kompliziert mit der Liebe. Ich weiß nicht wie ich Dir das erklären soll. Liebe kommt manchmal auf Umwege. Oder durch die Hintertür. Sie geht nicht immer nur geradeaus oder kommt von vorne", sagte John.
"Erklär es ihm doch so, dass er s besser versteht", bat ihn Franziska.
"Ich hatte in Deutsch nur ne Vier. Entschuldigung. Ich hatte im Deutschunterricht zu oft heimlich unter dem Tisch gezeichnet oder Kreuzworträtsel gemacht, anstatt im Unterricht aufzupassen oder die Deutschbücher zu lesen, die wir hatten." Er konnte sich ein Lachen kaum verkneifen. Was John da sagte stimmte in Wirklichkeit nur halb. Eigentlich wollte - obwohl er Ralph innerlich ablehnte - aus einem Gefühl menschlicher Pflichterfüllung und Franziska zuliebe Ralph etwas helfen und ihn nach seinem Suizidversuch psychisch aufbauen, wurde jedoch immer wieder von Konkurrenzdenken, Eifersucht übermannt und Gefühlen der Freude mit Ralph zu spielen und ihn zu demütigen und Scherze zu machen. Es war oft ein Gefühlschaos in ihm, das ihn selbst übermannte und er weder selbst kaum erklären konnte noch oftmals kontrollieren konnte.
"Du wirst es ihm doch erklären können", sagte John.
"Nein. Er versteht es nicht. Ich will es mal so erklären. Nicht immer kann man ausgleichen, wenn was fehlt", sagte Franziska.
"Ja. Besonders wenn das fehlende Zentimeter sind, wolltest Du sagen?", fragte John. Er grinste.
Franziska fing an zu lachen. "Nein", sagte sie und lachte.
"Doch, ich glaube Du lügst."
John fing wieder an zu lachen. Franziska fing auch an zu lachen.
John hob den Kopf nach oben und schaute an die Decke. Runzelte die Stirn und öffnete demonstrativ den Mund. Wie ein Schauspieler, der Oberacting betrieb. In seiner Gestik lag schon etwas Arrogantes. Und er dachte innerlich: Den wird man nicht los. Der wird immer hier aufkreuzen und nerven. Manchmal bin ich froh, er wäre tot - dann hätten wir Ruhe. Dann hatte er bei dem Satz "ich wünschte, er wäre tot" plötzlich ein schlechtes Gewissen. Er wollte das nicht denken. Nein. "Lang lebe Ralph ", zwang er sich zu dem Gedanken. Dann kamen andere Gedanken auf: "Aber vier Kilometer entfernt. Am besten in einem Irrenhaus wo er gut betreut wird und nicht mehr hier auftaucht. Wäre ich doch als der Krankenwagen kam an dem Tag, als er die Tabletten geschluckt hatte, dabei gewesen, dann hätte ich Ihnen gesagt, dass der verrückt ist und sich umbringen wollte nach dem zehnten Suizidversuch - dann hätte sie ihn für immer dabehalten. Dann wäre er weg! Warum war ich so doof und war an diesem Abend abgehauen nach unten in Franziskas Wohnung gegangen und hatte ihn mit Knut alleine in seiner Wohnung gelassen?", dachte John. Dann dachte er - etwas verwirrt weiter:" Alles ok. So schlimm war Ralph scheinbar gar nicht. Oder doch?" Er wusste, dass der Schein trügen konnte. Er hatte es mit einem zwar in einige Bereichen irgendwo schusseligen weltfremden Juraversager zu tun, gleichzeitig war er intelligent genug, seine Beziehung zu Franziska (ob gewollt oder nicht gewollt) mit seiner nicht immer sofort erkennbaren seltsamen und zu Teil auch destruktiven Art zu zerstören. Ralph musste weg! Weg von dieser Wohnung. Einfach 10 oder 100 Kilometer entfernt. Solange es nicht zu spät war. John erkannte, dass er nun sehr stark gegensteuern musste und zwar indem er Ralph von Franziska konsequent fernhielt! Noch ahne er nicht, dass vieles GANZ anders kommen würde.
"Warum suchst Du Dir nicht eine Frau im Internet? Gegen Bezahlung. Oder gehst in einen Club? In Berlin kenne ich eine Adresse. Blue Salon. Vielleicht gibt s hier auch so was Ähnliches", schlug John vor.
"Ja. Dachte ich auch", sagte Ralph.
"Und?"
"Ist nicht mein Ding. Franziska ist Franziska. Ich habe ...keinen Abstand zu ihr."
"Und warum wolltest Du mit Shari Kontakt?", fragte John.
"Das hatten meine Eltern mir geraten. Ich hatte gesagt, dass ich eine Frau Mitte 30 kennengelernt hatte und eine Affäre hatte und dass sie einen Mann hat. Sie hielten davon nichts und sagten daraufhin: Such Dir eine andere Frau. Eine in Deinem Alter. Das hatte ich versucht. Ich hörte von Shari. Bekam die Nummer von Euch. Wollte Kontakt mit ihr. Ganz spontan. Ich wollte eine Beziehung eingehen, weil ich endlich eine Freundin haben wollte - was völliger Blödsinn war. Ich dachte ich könnte das: Gefühle kontrollieren, sie an- und ausknipsen wie ein Lichtschalter. Aber das geht nicht bei Gefühlen. Das habe ich gelernt. Ich war im Irrtum. Es war ein fataler Irrtum", erzählte Ralph.
Franziska blickte betroffen John an.
"Warum warst Du dann eifersüchtig, als Knut sie erobert hatte?", fragte Franziska.
"Es war grundlose kopflose Eifersucht. Ich war mir in diesem Zeitpunkt nicht klar über meine Gefühle. Ich hatte Zeit gebraucht. Ich kam zum Ergebnis, dass ich Euch brauche in meinem Leben. Nicht Shari", sagte Ralph.
"Mich brauchst Du ja auch nicht. Höchstens als Gesprächspartner - obwohl ich mich nicht als Dein Gesprächspartner weiterhin sehe. Du bist hetero. Eine Frau wie Franziska bräuchtest Du. Auch im Bett", meinte John.
"Ich hatte mich an Euch beide gewöhnt. Als Menschen - und nur mit Franziska lief mehr - das ist klar. Ich kann es nicht erklären. Es ist kompliziert."
"Jetzt verstehe ich das. Ich habe Dich bisher nur für einen oberflächlichen Menschen gehalten, der nur das Eine wollte und den ganzen Tag ...oder zumindest abends im Bett alleine...naja", sagte Franziska.
"Nein. So bin ich nicht."
"Aber...trotzdem kannst Du nicht mehr an unseren Leben teilnehmen nachdem was passiert ist", sagte John.
"Er hat leider recht", sagte Franziska. "Wie bisher können wir leider nicht mehr machen."
"Aber meine Gefühle sind echt. Ich wohne oben. Ich kann ab und zu kommen. Und bin dann wieder weg. Es ist ganz unkompliziert. Dann ist auch genügend Abstand da", sagte Ralph.
"Nein. Das können wir nicht mehr machen. Das sage ich zum letzten Mal heute", sagte John. "Ich habe genug von den Gesprächen. Du kriegst noch zehn Minuten. Weil ich großzügig bin 15 Minuten. Dann musst Du hier raus", sagte John.
"Ok", sagte Ralph und senkte seinen Kopf.
Dann ging John ins Wohnzimmer. Er hörte noch wie sie diskutierten. Er nahm heimlich eine Flasche Rum aus dem Wohnzimmerschrank und ein kleines Glas. Er füllte Rum in das Glas und trank es - ohne dass Franziska es sehen konnte - aus. Dann setzte er sich in den Sessel, nahm die Fernbedienung und schaltete den Fernseher an. Er guckte etwa zehn Minuten Fernsehen. Dann stand er vom Sessel auf und ging in die Küche. Dann sah er, wie Ralph vor Franziska an dem Küchentisch saß. Er sah wie seine Hand gerade die vom Stoff bedeckte Brust von Franziska berührte. John wurde wütend.
"Was ist das hier? ICH HAB DOCH GESAGT, DASS HIER NICHTS WEITER LÄUFT ALS REDEN. JETZT ABER SOFORT RAUS AUS DER WOHNUNG," schrie John. Er packte John am linken Arm und riss ihn von seinem Platz hoch.
"Ich wollte... wollte... wollte... wollte", stammelte Ralph.
John zog ihn behutsam, aber mit festem Griff aus der Küche. Ralph winkte noch einmal zu Franziska und schrie:" Franziska! Franziska!"
Aber John blieb hart. Er zog ihn zur Wohnungstür.
"Ich muss Dich leider etwas begleiten und im Reden bremsen. Es war nett, dass Du da warst. Wir haben uns beide gefreut, Dich zu sehen. Besonders Franziska. Und freuen uns, dass es Dir gutgeht. Aber jetzt ist Feierabend. Mach keine Dummheiten. Das Leben geht weiter. Such Dir Hilfe. Einen Psychologen...Mehr kann ich Dir nicht sagen. Ich wünsche Dir schönen Feierabend. Tschüss", sagte John.
Ehe Ralph noch etwas sagen konnte, schob er ihn durch die geöffnete Wohnungstür nach draußen auf den Erdgeschossflur und schloss blitzschnell die Wohnungstür. Ralph haute noch gegen die Tür.
"Bitte. Lasst mich rein. Ich wollte nur reden", schrie Ralph.
"Nein. Feierabend", rief John. Dann war Stille. Er ging dann in die Küche.
"Ich wusste, dass es schwer sein würde den los zu werden. Und dass es nicht 100 prozentig sauber ablaufen würde. Aber er ist weg. ER war wie ein schmerzender Weisheitszahn, den man endlich loswird", sagte er.
"Wichtig ist, dass es ihm gutgeht", meinte Franziska.
"Ja. Es ist besser, wenn er bei dem richtigen Psychologen in Behandlung bleibt."
"Ja."
Dann wechselten sie das Thema.
"Was wollen wir im Lockdown machen?", fragte John.
"Was wohl. Wir duschen und gucken fern. Und vergnügen uns im Bett", sagte Franziska.
"Das ist toll."

Einen Tag später, am 17. Februar 2021, frühstückten sie gerade in der Küche und tranken Kaffee. Es lief im Radio "It s Against all Odds" von Phil Collins. Plötzlich klopfte es an der Tür.
"Soll ich aufmachen?", fragte Franziska.
"Nicht aufmachen. Es ist Ralph."
Wieder klopfte es. Dieses Mal stärker. Dann hörten sie Ralphs Stimme.
"Ich bin s Ralph. Guten Morgen", rief er von dem Erdgeschossflur durch die Wohnungstür in die Wohnung hinein hinein. John ging kurz darauf genervt zur Wohnungstür und öffnete sie. An der Tür stand Ralf mit einer Flasche Bourbon an der Tür.
"Hallo John. Ich habe ein Bourbon für Dich." Obwohl John ihn gerne genommen hatte, riss er sich zusammen und nahm ihn nicht.
"Nein Danke. Ich hätte genug Geld, um das zu kaufen. Aber ich trinke kein Alkohol mehr. Ich will davon runterkommen. Aber das konntest Du nicht wissen."
"Ich habe das extra für Dich gekauft."
"Nein, Danke. Ich muss jetzt unser Gespräch beenden. Ich mach jetzt die Tür zu und Du musst jetzt gehen", sagte John. Doch Ralph gab immer noch keine Ruhe.
"Und wo sind meine DVDs, die ich Knut geliehen hatte und die er letztes Mal mitgebracht hatte?", fragte Ralph.
"Du kriegst noch Deine DVDs wieder. Die stehen noch in der Küche rum. Ich hol sie mal. Warte hier."
Dann lief John aus dem Flur in die Küche und griff sich die Tüte mit den DVDs, die Ralph auf den Küchenfussboden unter dem Küchentisch gestellt hatte. Dann lief er mit der Tüte wieder zur Wohnungstür und gab sie Ralph.
"Hier sind Deine DVDs", sagte John. Ralph nahm die Tüte mit den DVDs. John dachte, dass er jetzt gehen würde. Aber er blieb immer noch vor der Tür stehen.
"Kann ich Franziska wirklich nicht sehen?", fragte er.
"Nein. Du wirst sie nicht sehen. Jetzt geh bitte. Tschüss", sagte John.
Dann schlug er ihm die Tür vor der Nase zu. Dann ging er wieder zu Franziska.
"Das war wieder Ralph. "
"Der gibt nicht auf. Das wird mir langsam zu viel", sagte Franziska.
"Sag ich doch. Ich kenne die Sorte. Stalker", sagte John.
"Dann sollten wir den Kontakt abbrechen."
Auf jeden Fall".
Dann wechselten sie das Thema.
"Wir müssen noch staubsaugen", sagte John.
"Ja. Und einkaufen."
Dann nahm John wenig später den Staubsauger in die Hand. Nachdem er den Stecker in die Steckdose gesteckt hatte, saugte er den Wohnzimmerteppich, den Holzfußboden und die Küchen-Fliesen.
"Das sieht jetzt besser aus", meinte Franziska.
"Ja", sagte John. Er schaltete den Staubsauger aus, zog den Stecker aus der Steckdose und packte den Staubsauger in den Abstellraum, der auf dem Flur war.
Dann zeigte Franziska John ihr Handy.
"Guck mal. Ich habe drei Nachrichten von Ralph erhalten. Er bombardiert mich mit Nachrichten wie "Wann kann ich Dich sehen. Wann kommst Du zu mir?", sagte Franziska.
"Der wird nicht Ruhe geben. Der ist so besessen von Dir und von Liebesschmerz zerfressen. "
"Ich wollte eigentlich einkaufen gehen. Aber ich denke, ich sollte das verschieben."
"Ja. Besser jetzt nicht. Am Nachmittag passt es besser", schlug Ralph vor.
"Dann Nachmittag."
Als es 23 Uhr war und sie gerade schlafen gehen wollte, hörten sie wieder ein Klopfen.
"Jetzt so spät? Der Ralph ist doch verrückt."
John legte den Finger auf den Mund.
"Pssst. Wir tun einfach, als ob wir nicht da sind."
"Besser ist das."
Dann gingen sie ins Schlafzimmer, zogen sich aus und legten sich ins Bett. Noch immer klopfte es an der Tür. Dann hörte nach einer Weile das Klopfen auf und es herrschte Stille.
"Was meinst Du? Ob er uns belauscht oder beobachtet?", fragte Franziska. Dann sah sie zu den Vorhängen und dem Rollo am Wohnzimmerfenster, das John runtergemacht hatte.
"Keine Angst. Von draußen hat Ralph keine Möglichkeit uns zu beobachten", sagte John.
"Es ist richtig unheimlich."
"Vielleicht ist es ja ein Kick für mich", meinte John scherzhaft.
"Für mich nicht, Du Spaßvogel. Komm jetzt endlich ins Bett", sagte Franziska.
Dann umarmten sie sich, küssten sich...und schliefen ein.

Am nächsten Morgen, den 18. Februar 2021 saßen sie gerade am Frühstückstisch und aßen Müsli und tranken Kaffee, als es wieder an der Tür klopfte. John verlor die Geduld. Er stand vom Stuhl auf, griff sich einen Kerzenständer, der auf dem Küchentisch in der Ecke stand. Dann ging er zur Tür. Er wartete hinter der Tür und lauschte eine Weile. Den Kerzenständer hielt er in der Hand jeder Zeit bereit zuzuschlagen, wenn es sein musste. Denn er hatte mittlerweile eine gewisse Furcht entwickelt. Furcht, dass Franziska was passieren könnte und dass die Situation, das ehemalige Vierer-Beziehungsgeflecht (wenn man Knut mitrechnete) aus dem Ruder laufen könnte. Und Ralph durchdrehen könnte. Und er wusste, dass auch Franziska Angst hatte, auch wenn sie immer noch im Geheimen Sympathie für Ralph empfand.
"Ralph? Bist Du da?", rief er.
Es kam keine Antwort. Dann er öffnete er vorsichtig die Wohnungstür. Ralph stand nicht an der Tür. Er blickte auf den Flur. Auch dort war er nicht. Dann sah er einen kleinen Zettel mit Tesafilm an die Wohnungstür geklebt. Er trat auf den Flur, riss den Zettel ab und las sich den Zettel durch. Darauf stand:

Franziska ich seh Dich
vor mir gehn
Mit offenem Armen im Licht
vor mich stehn
Nachts in meinen Träumen
Sogar draußen
In den Bäumen
Auf den Straßen
Wenn ich denke an Dich
Wenn ich mich verschwende an Dich

Deinen Atem, Deine Liebe
kann ich nicht mehr kriegen
versetzt mir nun Hiebe
Ich kann nur noch verlieren
Hab Franziska verloren
Fühl mich wie tot geboren
All das liegt mir schwer im Magen
Find mich bald im Leichenwagen

Der Zettel war nicht unterschrieben. Aber John wusste, dass es Ralph war, der die Texte geschrieben hatte. Er schloss die Wohnungstür und lief mit dem Zettel zu Franziska in die Küche. Dann legte er ihr Zettel auf den Küchentisch und sie las ihn durch.
"Das hat Ralph geschrieben", sagte John.
"Ich weiss", sagte Franziska.
"Er ist wahnsinnig."
Plötzlich klingelte Franziskas Handy, das vor ihr neben den Teller auf dem Tisch lag. Sie ging ans Handytelefon.
"Hallo?"
Dann kam plötzlich eine weinerliche Stimme. Es war Ralph."
"Ich lieb Dich doch. Franziska. Wieso darf ich nicht mehr kommen? Was habe ich getan? Was gemacht? Womit habe ich das verdient?", stammelte er laut weinend. Dann ging er zu einem heftigerem Weinen über. Es war dann nur noch ein Jaulen - fast wie das eines Hundes -, ein wahnsinniges Jaulen und Geschreie. Ein Schmerz-Geschrei, das ihnen das Blut in den Adern gefrieren ließ. Sowas ließ John, der harte Typ, auch nicht kalt. Er, der niemals vor einer Frau weinen würde und das noch auf SO einer Art - schon aus Stolz nicht oder aus Furcht unmännlich zu wirken. So ein verzweifelter Klageschrei hatten sie beide noch nie gehört. Es klang fast so, als wäre ein Mann am Telefon, der gerade einen Angehörigen verloren hatte und schlimmste Qualen durchmachte. Oder es klang wie jemand, der sich in einer absoluten verzweifelten Lage befand. Es war entsetzlich.
Franziska versuchte Ralph zu beruhigen. Seinen Schmerz zu lindern.
"Beruhig Dich. Alles wird gut. Alles wird gut", sagte Franziska.
"Nein. Ich kann mich nicht beruhigen", sagte Ralph.
"Es wird alles gut. Ich kann Dir empfehlen eine Lehre zu machen. Geh zum Psychologen. Der hilft. Mach etwas was Dir guttut."
"Nein. Das ist nicht so einfach." Er weinte weiterhin. Und wieder klang aus einiger Entfernung am Ende für John fast so, als würde ein Wolf oder Hund heulen. Das ging eine ganze Weile so und irgendwann reichte es John.
Franziska wollte weiterreden, als John ihr das Handy aus der Hand riss. Er ging ans Telefon.
"Ralph. Ich verstehe, dass Du verzweifelt bist. Ruf bitte nicht noch mal an, klar? Du machst Franziska Angst", sagte John und drückte auf den roten Button, der bedeutet "Gespräch beenden".
Franziska begrub in ihr Gesicht in ihren Händen und hatte Tränen in den Augen. Sie war erschüttert durch das Telefonat. "Ich würde ja die Polizei holen. Aber die Polizei mag mich nicht. Du weißt warum. Deshalb regeln wir das auf unsere Art", sagte John.
"Ja. Ich verstehe es", hauchte sie leise. "Wir gehen nicht an die Tür, wenn er klopft. Und auch nicht ans Telefon, wenn er anruft."
"Soll ich ihn blockieren?"
"Noch nicht. Lass ihn seine Nachrichten schicken. Wir sehen dann, was er schreibt, wir können die Nachrichten analysieren und wissen, wie er so drauf ist. Wenn er aber uns bedroht, werde ich ihn verprügeln und kopfüber aus dem 1. Stock schmeißen. Oder aus dem dritten Stock. Das ist klar", sagte John.
"John tu' das bitte nicht!", bettelte Franziska.
"Ich werde das tun! Wenn er zu weit geht, werde ich das tun."
"Reiß Dich zusammen, John."
Dann frühstückten sie und tranken weiter ihren Kaffee.

In den nächsten fünf Tagen verbrachten sie die meiste Zeit in der Wohnung. Abgeschottet von der Außenwelt. Und wussten nicht, was kommen würde. Sie lebten sparsam von Ralph letztem Geld und von dem Geld, dass Johns Bruder Hartmut ihnen von Johns Eltern gegeben hatte. Sie guckten oft fern, aßen zusammen, redeten zusammen, Sie spielten "Mensch-Ärgere -Dich-Nicht", spielten "Mühle", kochten zusammen (mit den günstigen bescheidenen Zutaten, die sie hatten). Vergnügten sich im Bett. John ging nur nach draussen zum Einkaufen in den Supermarkt. Ralph schrieb in den ersten zwei Tagen noch viele Nachrichten, Nachrichten wie "Franziska, Du bist Nummer Eins", "ich mag Dich, will Dich sehen." Diese beantworten sie nicht. Auf seine Anruf-Versuche reagierten sie auch nicht. Irgendwann wurden Ralphs Nachrichten und Anrufe immer weniger.


14. PICKNICK IM WALD

Am Tag des 24. Februar 2021 sollte sich einiges ändern. Franziska und John saßen am Frühstückstisch, aßen Brötchen mit Salami und tranken wieder ihren Kaffee. Sie unterhielten sich und planten, Johns Bruder Hartmut zu besuchen, der am Frankfurter Stadtwald wohnte. Auch wollte John dort mit Franziska im Wald spazieren gehen. Denn er musste mal raus! Und auch Franziska würde ein Spaziergang gut tun. Obwohl er – nach der Sache, die am 15. und 16. Dezember passiert war – nicht gerne nach draußen ging und unerkannt bleiben wollte. Er würde sich eine Brille mit verdunkelten Gläsern oder eine Schiebermütze aufsetzen, die er sich tief ins Gesicht ziehen wollte.
"Ich finde, wir könnten Mal was unternehmen. Meinen Bruder Hartmut besuchen, der am Waldrand wohnt. Und das Geld von meinen Eltern abholen. Und dort können wir im Wald spazieren gehen. Einen Ausflug machen", schlug John vor.
"Ja. Das ist ja eine gute Idee", meinte Franziska.
"Das Wetter ist ja gut."
"Ja."
"Ok. Wie kommen wir dahin?", fragte John.
"Ich weiß schon. Mit dem Bus", antwortete Franziska.
"Ist Bahn nicht besser?"
"Nein. Mit Bus."
"Das ist gut. Dann nehmen wir Essen mit."
"Ja. Besser ist das."
Wenig später packten sie in Franziskas Rucksack Bier, Limonade, Orangensaft, etwas Süßes und ein paar Brote. Sie bereitete noch einen Hähnchensalat zu, den sie wenig später ebenfalls in den Rucksack packte. Nachdem sich John eine Schiebermütze aufgesetzt und tief ins Gesicht gezogen hatte, nahmen sie ihre Jacken, die am Garderobenständer hingen, zogen sie an und verließen etwa um zehn Uhr die Wohnung. Sie bemerkten nicht, dass sie von Ralph aus dem Fenster beobachtet wurden, als sie gerade das Mietshaus verließen und auf die Straße gingen.

Sie fuhren wenig später mit dem Bus bis Frankfurt (Main) Südbahnhof. Von dort nahmen sie den Bus Linie 61 Richtung Flughafen Terminal 1 und stiegen Frankfurt (Main) Oberschweinstiege aus. Dort gingen sie kurze Zeit danach im Wald spazieren.
"Es ist gut, mal im Lockdown rauszugehen. Man kann nicht immer nur drin sein", sagte John.
"Ja. Besser ist es."
Dann blieb Franziska stehen.
Was ist los?", fragte John.
"Ich bin nur aus der Puste. Wir können gleich weiter gehen", sagte Franziska etwas erschöpft. Franziskas Blick fiel auf ein Haus aus Holz, in dem sich ein toll eingerichtetes Restaurant befand.
"Da drüben ist ein Restaurant. Da können wir was essen", bemerkte Franziska.
"Ok."
Dann setzten sie sich ihre Masken auf und gingen dorthin. Direkt am Eingang befand sich ein Schild mit der Aufschrift "Essen und Café To Go." Ein Mann kam gerade aus dem Restaurant mit eingepacktem Essen in der Hand. Was das für Essen das war, konnten sie nicht erkennen. Sie gingen einen Augenblick später ins Restaurant hinein. Dort drinnen war es völlig leer - denn kein Besucher durfte sich durch die Coronapandemie drinnen aufhalten und essen. Es gab nur Essen to Go - zum Mitnehmen. Sie sahen, dass das Restaurant mit altmodischen, aber edlen Möbeln eingerichtet war. An den Wänden hingen einige realistisch gemalte Ölbildern vom Stadtwald, von Pferden auf einer Wiese und Bauernhäusern, die von unbekannten Malern gemalt waren. Zumindest kannte John sie nicht einordnen, der zwar – weil er selbst zeichnete – praktisch, autodidaktische Erfahrungen mit Zeichnen hatte, aber kaum theoretisches akademisches Grundwissen besaß.
Sie gingen kurzerhand zu einer Bar und dem Kassenbereich. Dort war niemand und sie warteten daher etwa eine kurze Zeit. Dort war eine große Speisekarte auf dem Tisch. Als sie sich die Speisekarte genauer anschauten, sahen sie, dass es dort normalerweise eine große Auswahl an gutem Essen gab. Doch durch die Corona-Krise und die Corona-Beschränkungen war die Auswahl an Speisen – notgedrungen – reduziert worden. Auch wurde noch einmal extra auf der Speise hingewiesen, dass es nur Essen zum Mitnehmen ("Only To Go") gab. Nur eingepacktes Essen zum Mitnehmen wie zum Beispiel Currywurst mit Pommes, Schweinebraten mit Sauerkraut und Kartoffelpüree, Frikadellen, Burger mit Salat, Hähnchen, Nudelsalat, Schaschlik auf Plastikteller oder eine Wurst auf einer Serviette in die Hand. Dann die üblichen Getränke wie Cola.
Eine Frau mit Maske erschien hinter der Kasse.
"Was darf es sein?", fragte die Wirtin.
"Ich hätte nur ein Schaschlik", sagte John.
"Und ich eine Currywurst", meinte Franziska.
"Ohne Pommes?", fragte sie Wirtin.
"Ja. Ohne Pommes", antwortete Franziska.
"Was zu trinken?"
"Ich noch ein Bier. Das gönne ich mir noch, Baby."
"Du trinkst zu viel", mahnte Franziska.
"Nur eins!", sagte John.
"Aber nicht mehr."
Franziska bestellte sich eine Apfelschorle. Die Wirtin nahm die Bestellung auf und verschwand daraufhin in der Küche. Franziska und John warteten eine Weile an der Bar. Und beide waren genervt, weil sie etwas länger warten mussten als sie dachten. Niemand war außer ihnen zu sehen.
"Da ist ja auch nichts los. Wie wäre ich gerne mal wieder in einem Restaurant und würde dort richtig essen! Mit Kerzenschein!", klagte John.
"Sag ich ja. Über all nichts los. Tote Hose. Überall", stellte Franziska fest.
"Ja. Ich finde, wir sollten meinen Bruder Hartmut öfter besuchen. Und meine Eltern in Berlin."
"Ja."
Beide wurden ungeduldig. Je mehr Zeit verstrich.
"Die Wirtin kann ja endlich mal kommen. So viele Leute sind ja hier nicht" maulte John.
"Stimmt. Das kann ja mal schneller gehen", meinte Franziska.
"Ich weiß auch nicht… irgendwie ist heutzutage alles verrückt."
Dann kam die Wirtin nach kurzer Zeit wieder und brachte das Essen, dass sich auf Papptellern befand und eingepackt war und mit dem Bier und der Apfelschorle.
"Hier ist das Essen. Achtzehn Euro und dreissig", sagte die Wirtin.
"Wie kommt der Betrag zustande?", fragte John.
"Fünf Euro kostet Schaschlik, Currywurst vier Euro. Plus Getränke. Da kommt neun Euro dreissig dazu. Insgesamt macht das achtzehn Euro und dreissig."
Die Wirtin gab ihm die Rechnung. John guckte die Rechnung durch, die ihm die Wirtin gegeben hatte. Als er alles kurz nachgerechnet hatte und der Rechnungsbetrag stimmte, holte er sein Portemonnaie aus seiner Hosentasche und bezahlte die Rechnung.
"Danke. Ich wünsche Euch alles Gute und Gesundheit", sagte die Wirtin.
"Danke", sagte John.
Dann verließen sie das Restaurant und suchten wenig später draussen eine Weile eine Sitzgelegenheit. Kurz darauf fanden sie der Nähe zwei große Steine, auf die sich setzten und dort ihr Essen aßen: John ass dort wenig später sein Schaschlik und Franziska ihre Currywurst auf.
"Das Essen war lecker. Trotzdem zu teuer. Und ich esse lieber an einem gut gedeckten Tisch im Restaurant als auf einem Stein draußen", bemerkte Franziska.
"Was bleibt uns anderes übrig? Hat alles geschlossen jetzt. Für viele Restaurants wird es in der Corona-Krise schwierig sein", fügte John hinzu.
"Ja. Das wird schwer sein für sie zu überleben."
"Da gehen bestimmt viele Restaurants Pleite. Das sind schwere Zeiten."
Nachdem sie zu Ende gegessen hatten und ihre Getränke ausgetrunken hatten, unterhielten sie sich noch eine Weile und blickten auf die fast menschenleere Umgebung. Auf die kahlen Bäume. Auf den grauen, bewölkten Himmel, der die gesamte Umgebung in ein tristes grau tauchte. Kurz darauf wurde ihnen etwas kalt und sie standen von ihren beiden Steinen auf.
"Mir ist etwas kalt", sagte Franziska.
"Dann gehen wir besser spazieren. Dann wird uns warm werden", meinte John. "Ja. Gerade im Lockdown ist Bewegung wichtig, sagte mein Arzt."
"Eben."
Dann gingen sie eine Weile spazieren.
"jetzt ist mir wärmer", sagte Franziska.
"Sag ich doch", sagte John.
"Bewegung ist immer gut. Ich will nicht dick werden."
"Das sagst Du oft.
John grinste. Ich muss auch meine Power im Bett behalten, denn wenn die Adern durch Übergewicht verkalkt sind, kriege ich im Bett nichts mehr hin, dachte John und grinste.
"Wir können ja diese Woche meine Eltern in Berlin besuchen", schlug John vor.
"Ja. Das machen wir."
"Denn sie wollen mir noch etwas Geld geben. Und hätten wahrscheinlich einen Job in einer Gartenfirma für mich. Falls das klappt. Ob ich den Job - falls ich den bekomme - annehmen werde hängt davon ab, ob Du mit mir kommst. Wir könnten in Berlin leben", so ließ John diese Diskussion wieder aufleben.
"John... ich muss mir das alles überlegen", sagte sie schon wieder. "Ich bin mit Dir gerne zusammen. Wenn Du bei mir wohnst, ist das kein Problem. Aber ob ich für längere Zeit nach Berlin mitkommen kann, ist fraglich. Denn ich habe in Berlin keine Arbeit. Ich weiß nicht was wird... Vielleicht bekomme ich einen Termin beim Arbeitsamt in Frankfurt und dann eine Arbeit als Arzthelferin. Oder wenn es nicht klappt in einem Supermarkt, In der Corona-Zeit... ist vieles unsicher... ich kann nicht so planen."
"Ich verstehe. Das hattest Du mir schin gesagt."
"Du bist aber nicht böse?", fragte Franziska.
"Nein. Ich verstehe das. Entscheidungen müssen überlegt sein."
"Genau."
"Aber Du kommst doch wenigstens für einige Tage zu meinen Eltern mit?", fragte John.
"Ja."
"Wir können dann zu dem Club "Blauer Salon" nach Neukölln gehen. Dort arbeitet Petrick. Er ist ein cooler Typ. Er war immer so. Das kann ich sagen, weil ich ihn schon lange kenne."
"Ich weiß noch nicht... Ich habe nachgedacht. Ich weiß nicht, ob eine offene Beziehung für mich noch was ist... seit der Sache, die mit Ralph passiert war", sagte Franziska.
"Ja, Es war ein Fehler, ihn dazu zu holen. Wie ich schon sagte. Er war mit 22 zu jung und psychisch labil. Ich hoffe, er bekommt nach dem Suizidversuch die richtige Hilfe beim Psychiater. Es ist besser, dass wir Schluss mit ihm gemacht haben. Und mit den offenen Beziehungen ganz allgemein erst mal Schluss gemacht haben. Es wäre zu kompliziert und belastend geworden."
"Ja. Ralph hatte immer mehr Gefühle für mich bei unseren Sessions gehabt, die er nicht kontrollieren konnte. Dazu die Corona-Belastung und die verhauenen Jura-Klausuren. Auch riss er mich mit seiner depressiven Art runter", erklärte sie.
"Ja. An besten kein Kontakt mit dem Typen. Ich kann mich nur wiederholen. Soll er sich eine Prostituierte im Internet suchen. Mehr kriegt der sowieso nicht. Lass den Typen mal älter werden. 40 Jahre alter oder älter. Dann wird der sehr wahrscheinlich hässlich sein. Kriegt nur eine Frau, wenn er Geld hat. So ist das meistens bei solchen Typen", meinte John.
"Jetzt machst Du ihn aber schlecht", sagte Franziska.
"Ich habe Lebenserfahrung. Ich habe öfters solche Typen scheitern gesehen. Besser weg mit diesem Ralph", sagte John.
"Da ist was wahres dran", meinte Franziska.
"Eben."
"Ich finde, es ist wirklich besser, keine offene Beziehung zu führen."
"Das finde ich auch."
"Gehen wir weiter in den Wald?", fragte Franziska.
"Ja", sagte John. "Gib mir bitte das Bier aus dem Rucksack."
Franziska griff in den Rucksack, holte ein Bier hervor und gab es John. Er öffnete die Flasche hastig und trank einen großen Schluck.
"Und trink nicht so viel", sagte Franziska.
"Nein."
Sie gingen weiter durch den Wald. Die Bäume waren auch hier kahl. Und es war draußen immer noch recht kalt und der Himmel immer noch bewölkt. Nur die dicke Lederjacke, die John trug und die Wolljacke, die Franziska anhatte, verhinderten, dass sie nicht froren. Nach einiger Zeit des Wanderns kamen sie zum Jakobiweiher.
"Der Wald seht schön aus", sagte John.
"Ja. Da hinten ist der Jakobiweiher", meinte Franziska als sie den Jakobiweiher aus einer gewissen Entfernung erblickte hatte. Und zeigte dorthin.
"Ja. Dann gehen wir dorthin."
Nach kurzer Zeit des Marschierens erreichten sie den Jakobiweiher, dessen Teichgewässer sich vor ihnen lang erstreckte und in dessen Wasser sich die kahlen Bäume spiegelten. Es war dort sehr ruhig, idyllisch und es waren kaum Menschen dort.
"Ein wunderbarer Platz", meinte Franziska.
"Ja. Sehr erholsam. Es lohnt sich, hierherzukommen."
Dann entdeckte Franziska in einiger Entfernung eine Holzsitzbank.
"Gehen wir zur Bank uns setzen uns. Ich fühle mich... etwas müde", sagte Franziska.
"Eine Pause könnten wir gut gebrauchen."
Sie liefen zur Bank und setzten sich dort hin. Plötzlich fasste sich Franziska am Kopf. John blickte sie besorgt an.
"Was hast Du?", fragte John.
"Mir ist schlecht", hauchte Franziska. "Musst Du Dich übergeben?"
Ich habe plötzlich... Schwindel..."
Dann stand sie auf, bückte sich und übergab sich direkt vor der Bank. All das, was sie im Restaurant gekauft hatte, kam als stinkende Soße wieder heraus.
"Was ist los? Mist. Wir müssen zum Arzt!", sagte John besorgt.
Nachdem sie alles ausgekotzt hatte, setzte sich Franziska wieder schweißgebadet auf die Bank. Zuerst keuchte sie nur und spuckte kleine Tropfen auf den Boden vor ihre Füße. Dann zitterten ihre Lippen und sie sprach: "Ich muss was Falsches gegessen haben. Vermutlich die Currywurst. Die ist wieder draußen."
Sie hustete und spuckte erneut wieder heftig. Es lief nur noch aus dem Mund. "Wir gehen zur Bushaltestelle zurück. Und dann musst Du zum Arzt", schlug John vor.
"Es geht schon. Vermutlich ist das eine aufkommende Grippe."
Dann kam John ein entsetzlicher Gedanke": Hat sie nicht etwa Corona? Wie sind verdammt nochmal die Symptome!?, fragte er sich. Denn er wusste das nicht so genau. Gehört das Sich-übergeben auch zu den typischen Corona-Symptomen? Er war unsicher. Er hielt seine Gedanken vorerst zurück, während sie schwer atmend auf der Bank saß. Er blickte sie an und bemerkte, dass sie schwitzte und ziemlich erschöpft aussah. Dann konnte er sich nicht mehr zurückhalten. "Du hast doch nicht etwa Corona?", rutschte John plötzlich heraus.
Sie blickte ihn überrascht mit großen Augen an.
"Ich? Corona? Nein", sagte Franziska.
"Bist Du Dir sicher?"
"Ich war die meiste Zeit drinnen in der Wohnung. Und wenn ich rausging, dann nur zum Einkaufen. Und dann trug ich Maske. Und mit Ralph hatte ich keinen Kontakt in der letzten Zeit. Jedenfalls nicht in den letzten 4 bis 6 Tagen. Der ist auch nur alleine und kann kein Corona haben. Sehr wahrscheinlich nicht", sagte Franziska.
"Soll ich Dich besser zum Arzt bringen? Zur Notaufnahme. Da kommst Du sofort dran", bot John an. Und er fühlte sich plötzlich mulmig. Gerade, wenn es bei Corona hart auf hart kam, zeigte es sich wirklich, wie es um die Angst eines Menschen bestellt war. So auch bei John. Denn obwohl er eigentlich ein harter Typ war und er oft über die Coronamassnahmen in der Vergangenheit gespottet hatte, überkam ihn plötzlich doch etwas Angst.
"Nein John. Ist schon gut. Es geht mir schon besser. Ich vermute, dass das das Essen war. Oder eine leichte Erkältung", versuchte sie zu erklären.
"Wir sollten besser zum Arzt fahren. Das ist meine Meinung. Gehen wir auf eine Nummer sicher", sagte John.
"Nein. Das ist nicht nötig. Nur, weil ich gekotzt habe, heißt es nicht, dass ich krank bin. Das kann vorkommen. Es ist jetzt alles gut."
"Wir fahren dann nicht zu Hartmut, sondern gleich nach Hause."
"Aber Du brauchst doch das Geld", erinnerte Franziska ihn. Als Franziska das sagte, wurde für John das Geld wichtiger und seine Angst wurde plötzlich weniger. "Gut. Dann fahren wir zu Hartmut. Wir würden auch nicht lange bleiben. Nur das Geld holen und dann weg. Ich frage Hartmut, ob er uns nach Hause fährt."
"Ja."
John dachte an die Wirtin des Restaurants und wurde wütend.
"Die Wirtin von dem Restaurant. Ich werde mich beschweren. Sie hat uns verdorbenes Essen gegeben. Ich werde..."
Franziska unterbrach ihn.
"John. Ist alles gut. Gehen wir. Es kann auch eine leichte Erkältung sein."
"Kann auch sein", sagte John. Er schwieg eine Weile. Dann sprach er weiter: "Hältst Du den Weg zurück zur Bushaltestelle durch?"
"Ja. Mach Dir keine Sorgen. Es geht."
Erst warteten sie eine kurze Weile. Franziska saß auf der Bank während John vor der Bank stand. Dann sagte John:" Gehen wir den Weg durch den Wald zur Bushaltestelle zurück. Und ich rufe mein Bruder an, dass er alles regelt. Und uns dort mit dem Wagen abholt."
"Ja. Gehen wir. Es... geht mir besser", sagte Franziska.
John holte sein Handy aus der Tasche und rief seinen Bruder Hartmut an. Kurz darauf meldete er sich auf John`s Handy.
"Hallo. Ich bin s. John. Ich bin in der Nähe vom Jakobiweiher. Meiner Freundin geht es nicht gut. Sie hat sich übergeben. Ich weiß nicht, ob sie krank ist. Bitte hole uns doch an der Bushaltestelle Linie 61 Oberschweinsstiege ab."
"Ja. Mach ich gern. In 30 Minuten bin ich bei Euch", sagte Hartmut.
"Gut."
John packte Franziska kurz darauf unter dem Arm. Dann schlenderten sie – als es Franziska besser ging – den ganzen Weg durch den Wald zurück und kamen wenig später an der Bushaltestelle Oberschweinsstiege in der Nähe des Restaurants an, wo sie sich vorhin Essen geholt hatten. Bei der Wirtin beschwerten sie sich nicht, da sie eine Erkältung als Ursache für Franziskas Erbrechen sahen. Sie warten dort eine Weile. Kurz darauf näherte sich ein grauer Audi. Er hielt an der Straßenseite. John blickte auf den Fahrer, der (zur Sicherheit) eine Maske trug: Es war Hartmut. Er kurbelte das Fenster an der Fahrerseite hinunter.
"Steigt ein", rief Hartmut.
Dann liefen Franziska und John zu der hinteren Wagentür, öffneten sie, setzten sich schnell ihre Masken auf und stiegen ein.
"Hallo Hartmut. Altes Haus!", begrüßte ihn John.
"Hallo John", sagte er. Er begrüßte auch kurz Franziska.
"Ich freue mich Dich zu sehen", sagte Hartmut zu Franziska. "Geht es Dir gut?"
"Es geht", antwortete sie.
Steigt ein", sagte Hartmut ernst.
"Ja."
"Sie braucht einen Arzt. Fahren wir besser in die Notaufnahme", schlug Hartmut vor.
"Nein. Es geht mir schon wieder gut“, sagte Franziska.
"Aber Du hast Dich übergeben, habe ich erfahren. Da muss man vorsichtig sein. Gerade in der Corona-Zeit muss man aufpassen", mahnte Hartmut.
"Nein. Es ist schon in Ordnung. Das war nur eine Magenverstimmung", sagte Franziska verharmlosend.
"Kein Husten, Schnupfen, Störungen des Geschmackssinns, Fieber, Gliederschmerzen?", fragte Hartmut etwas besorgt.
"Nein. Ganz bestimmt nicht,"
"Wirklich?"
"Ja."
Dann sprach John das Thema Geld an. Er konnte nicht damit warten.
"Sag mal... Mutter und Vater haben Euch das Geld für mich geschickt?", fragte John.
"Ja. Du brauchst sicher das Geld?", fragte Hartmut.
"Ja, dringend. Wir haben finanzielle Probleme, brauchen unbedingt die Kohle!", erklärte John.
"Das habe ich aber nicht hier. Ich habe das Geld oben in meiner Wohnung", sagte Hartmut.
"Ok. Fahren wir dann zu Dir?", fragte John.
"Ja. Ich kann Dir das Geld geben und Euch dann nach Hause fahren", bot Hartmut an.
"Das ist gut."
"Tut mir leid, dass ich etwas hektisch bin. Ich hatte in letzter Zeit viel zu tun und hatte viel Stress. Aber kein Problem. Ihr könnt eine Weile bei uns bleiben", sagte Hartmut.
"Das ist gut. Denn Franziska ist erschöpft. Sie sollte sich lieber etwas ausruhen", meinte John.
"Besser ist das. Ihr könnt etwas bleiben. Dann können wir etwas plaudern", sagte Hartmut.
"Das ist gut. Wir bleiben auch nicht lange."
"Ist schon O.K. Ich freu mich, dass ihr da seid. Und dass wir auch Franziska näher kennenlernen dürfen", sagte Hartmut.
"Ich freue mich auch, Euch näher kennenzulernen", sagte Franziska.
Dann fuhren sie zu seiner Wohnung. Da sie nicht weit vom Stadtwald lag, waren sie in kurzer Zeit da.

Als sie ankamen, parkte Hartmut den Wagen am Straßenrand in der Flieder-Straße, in der er wohnte. Hartmut setzte sich seine Maske ab. Nachdem er vermutete, dass sich Franziska nicht mit Corona angesteckt hatte. Denn die typischen Symptome wie Husten, Schnupfen, Gliederschmerzen, Störungen des Geschmackssinn, Fieber hatte sie nicht. Als John und Franziska sahen, dass sich Hartmut seine Maske abgesetzt hatte, setzten sie auch ihre Masken ab und setzten sie in der ganzen Zeit als mit Hartmut an diesem Tag Kontakt hatten nicht mehr auf.
"Wir sind da", sagte Hartmut."
"Gut. Ging ja schnell", meinte John.
Dann stiegen sie aus und gingen in ein Mietshaus mit blau gestrichener Fassade. Wenig später erreichten sie mit dem Fahrstuhl Hartmuts Wohnung im 2. Stock. Hartmut öffnete mit einem Schlüssel die Wohnungstür und einige Augenblicke später gingen alle in die Wohnung. Hartmuts Freundin Elfie begrüßte sie auf dem Flur. "Hallo. Ich bin Elfie. Wie geht s? Kommt rein. Ich mach Euch etwas Schönes zu Trinken. Kaffee oder Tee", bot sie an nachdem sie sich kurz vorgestellt hatte.
"Für mich nur Tee", sagte Franziska.
"Ich trinke einen Kaffee. Danke", sagte John.
"Setzt Euch ins Wohnzimmer", sagte Elfie. Dann ging sie in die Küche.
Hartmut, John und Franziska gingen ins Wohnzimmer. Franziska und John setzten sich auf die Couch und Hartmut setzte sich auf einen Sessel ihnen gegenüber. Dann unterhielten sie sich. Elfie kam wenig später aus der Küche und brachte auf einem Tablett zwei Tassen Kaffee für Hartmut und für John und eine Tasse Tee für Franziska.
"Das war bestimmt nicht leicht im Lockdown für Euch?", fragte Hartmut.
"Ne. Es war nicht leicht", entgegnete John.
"Ich hatte Dir angeboten bei mir zu übernachten. Du wolltest das nicht", sagte Hartmut.
"Mich störten die Bedingungen. Ich habe meinen Stolz", sagte John etwas mürrisch.
"Das ist es. Sein Stolz und sein Dickkopf manchmal. Das führte dann zu Streit. Und wir hatten uns oft gestritten. Aber vergessen wir 's nun. Ich helfe Dir gerne, John. Ich gebe Dir später das Geld. Nach dem Kaffee. Ist das in Ordnung? Ich wollte erst einmal in Ruhe austrinken", schlug Hartmut vor.
"Ja. Ich trink auch erst mal aus. Denn draußen war es kalt", sagte John. Obwohl man ihn anmerkte, dass er kam warten konnte das Geld zu bekommen.
Hartmut wechselte das Thema.
"Was macht eigentlich Ralph von dem Du mal erzählt hast? Wie ich gehört habe, lebt ihr in einer... äh... etwas anderen Beziehung...In einer Offenen Beziehung. Wenn ich das ansprechen darf!"
"Offene Beziehung. So ist das. Ich hatte Dir das, glaube ich, letztes Mal schon erzählt. Vielleicht nicht so deutlich wie jetzt. Zumindest war es das früher so, jetzt aber nicht mehr so, wie es aussieht", sagte John und trank seinen Kaffee.
Franziska guckte ihn etwas verärgert an. Sie sprach ungern über das Thema.
"Ok... ähm... ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich habe nicht so ganz so viel Erfahrung damit. Ich hätte das auch mal probiert, aber für meine Freundin wäre es nichts", sagte Hartmut.
"Verstehe."
"Habt ihr mit dem Ralph noch Kontakt?", fragte Hartmut.
"Nein. Wir wollen das nicht mehr."
"Aha. Das ist konsequent. Naja... so offene Beziehungen. Da muss man ja aufpassen. Da kann ja viel passieren."
"Was meinst Du?", fragte Hartmut neugierig.
"Naja. Man muss aufpassen. Da kann es Eifersüchteleien geben... Streit, Neid, Konkurrenzkampf, ungewollte Schwangerschaften."
"Naja. Wir passten auf. Wir achteten, dass alles "safe" war. Wir passen immer auf", erklärte John.
Hartmut blickte John kritisch an.
"Ach ja...?"
John wusste nicht genau, was er genau sagen wollte.
"Wann willst Du Vater und Mutter besuchen? Sie warten auf Dich. Haben Dich lange nicht gesehen, machen sich Sorgen um Dich, waren beunruhigt, als sie hörten, dass Du zeitweise auf der Straße gelebt hattest. Sie konnten es wirklich kaum glauben, dass Du auf der Straße gelebt hattest. Auch an Weihnachten und Neujahr. Weil es auch im Winter so kalt ist. Sie dachten, dass Du in einem Mietshaus oder Kellerwohnung gewohnt hattest – gegen Bezahlung vermutlich. Denn Du sagtest mir mal, dass Du im Keller gelebt hattest. Zumindest zeitweise", sagte Hartmut.
John schwieg.
"Ich sehe. Du willst nicht darüber reden." "Mich stört nur, dass Vater und Mutter meine Realitäten, so wie ich sie erlebe, nicht verstehen! Deshalb rede ich besser nicht mit ihnen darüber", sagte John.
Franziska hielt sich die Hände vor das Gesicht.
"Wir sollten besser nicht bestimmte Themen ansprechen. Franziska ist erschöpft", sagte John.
"Ja".
"Es ist nicht Corona, denke ich. Sie hatte letzte Nacht nicht so gut geschlafen. Da ist sie etwas müde", sagte John.
"Ich muss an Elfies Freundin denken. Ihr wurde auch übel, war müde... Wir hatten erst gedacht, das wäre Corona... aber sie war am Ende einfach schwanger. In der Corona-Pandemie werden viele Kinder gezeugt. Viele haben auch im Lockdown nichts Besseres zu tun."
John Hand zitterte. Fast hätte er die Kaffeetasse fallen lassen.
"Schwanger?", fragte John ungläubig. "Worauf willst Du hinaus?"
"Es kann doch sein, dass Franziska schwanger ist", sagte Hartmut.
"Was?", fragte John und blickte Franziska an. Und Franziska guckte John mit offenen Augen an. Dann schüttelte John den Kopf. Er wollte diesen Gedanken nicht zulassen.
"Das kann nicht sein. Wir verhüten."
"Ach so... Dann muss es doch eine andere Erkältung sein", sagte Hartmut schnell. "Ja. Denke ich. Wir passen auf."
"Aber auch wenn man aufpasst ... kann immer mal was passieren. Das weiß ich aus Erfahrung. Ein Kondom kann reißen. Das hat man ja bei unserem Bruder Günther gesehen. Dessen Freundin wurde schwanger, weil er nach der Trennung mit ihr gepoppt hat. Und - nach seinen Erzählungen ein Kondom gerissen war. Jetzt ist er Zahlvater. Denn sie ist mit dem Kind abgehauen und er darf das Kind noch nicht mal sehen, weil sie lügnerisch behauptet hat, dass er sie geschlagen hat, zu viel Alkohol trinkt und als Vater ungeeignet ist."
"Sowas kann passieren. Aber bei uns nicht."
"Bist Du sicher? Solltest ihr nicht lieber nur zur Sicherheit einen Schwangerschaftstest kaufen? Bei uns ist eine Drogerie."
John guckte Hartmut fragend an.
"Ich denke... Es ist nicht nötig."
Franziska schwieg.
"Oder?", fragte John Franziska.
"Ja. O.K. Alles. Es geht mir gut."
Dann wechselte John das Thema "Schwangerschaft" (das ihm lästig wurde) gegen ein anderes: "Die Corona-Zeit ist ja auch schwierig. Die Corona-Pandemie und der Lockdown bringt viele Ehepaare – wenn finanzielle Probleme vorherrschen – auseinander. Andere Paare schweißt das enger zusammen und da läuft auch mehr im Bett."
"Meistens liegt das an den Corona-Problemen, wenn ein Paar auseinandergeht. Finanzielle Probleme, Jobverlust, Überforderung mit den Kindern, die nicht zur Schule gehen können", sagte Hartmut.
"Ja", sagte John nur.
"Die Corona-Zeit ist schlimm. Besonders für viele, die keinen Partner oder keine Partnerin haben, ist das schwer. In der Einsamkeit kommt so vieles hoch. Und nicht immer kann man das unterdrücken." "Ja. Stimmt."
"Manche, die solo sind, sind heiß. Vor Lust. Kochen über, drehen durch. Ich kenne einen, der fing sogar an, Schwänze zu lutschen, obwohl er hetero ist, weil er im Lockdown keine Frau fand. Einem Freund von mir war das passiert, der hetero war, aber da er in der Corona-Zeit keine Frau fand und es nichts anders gab, entwickelte es sich für ihn anders.... Da machte er sich an seinen besten Freund ran, der zuerst mit Abstand und Maske zufällig zu Besuch kam und der ebenfalls solo und ausgehungert war. Durchgedreht. Wie viele. Andere bestellen sich Toys, Spielzeuge. Manche Versandhäuser von solchen Artikeln werden reich", erzählte Hartmut.
John wollte davon nichts mehr hören.
"Ich möchte mein Geld jetzt. Gehen wir in Dein Homeoffice-Zimmer", sagte John. "Ja."
Dann stellte John seine Kaffeetasse auf den Tisch und er und Hartmut standen auf. Hartmut ging vor in Richtung Homeoffice-Zimmer und John folgte ihm, während Franziska im Wohnzimmer wartete. Hartmut öffnete die Zimmertür und schaltete das Licht an. Dann gingen sie ins Homeoffice-Zimmer. Hartmut stellte sich mit verschränkten Armen vor John.
"Bevor ich Dir das Geld gebe, sage ich noch eins. Deine Eltern haben mir für Dich 400 Euro gegeben. Zum Leben und nicht zum versaufen! Ich habe dann noch 100 Euro für Dich draufgelegt. Das sind 500", sagte Hartmut.
"Ja. Danke", antwortete John.
"Bevor ich Dir das Geld gebe, gebe ich Dir noch gutgemeinte Ratschläge, die ich Dir als Dein älterer Bruder mache: Besuche bitte Deine Eltern. Sie haben in der Vergangenheit Fehler gemacht aber: Vergib ihnen. Besuch sie. Sie warten auf Dich und sie haben Dich lange nicht gesehen!"
"Ja."
"Und noch etwas. Such Dir endlich einen JOB: Du kannst nicht auf der Straße pennen! Und auch keine Raubüberfälle machen, was Du mir erzählt hattest, als Du bei mir völlig besoffen warst. Willst Du im KNAST landen?!", mahnte Hartmut.
"Es ist im Lockdown sowieso Wohnungsknast."
"Das ist aber IMMER NOCH BESSER ALS IM KNAST ZU HOCKEN! DENN IN EINER WOHNUNG KANNST DU MIT DEINER FREUNDIN WENIGSTENS IM BETT POPPEN! DAS IST EIN GROSSER UNTERSCHIED!", schrie Hartmut.
"Es ist alles KNAST. WENN ALLES ZU HAT. UND WENN MAN KEIN GELD HAT", schrie John.
"ABER IM KNAST WIRST DU DEINE FREUNDIN NICHT MEHR HABEN! AUCH NICHT IM SCHLAFZIMMER! VERSTEHST DU ES NICHT?", schrie Hartmut.
Dann sprach John ruhiger: "Doch. Tut mir leid. Ich rede Unsinn. Ich hatte viel Stress gehabt. Man dreht ab in der Corona-Krise. Wenn man kein Geld hat. Immer Angst haben muss, dass man auf der Straße landet oder pleitegeht. Du kennst das nicht, weil Du einen sicheren Job hast."
"Ja. Das stimmt. Es ist etwas anderes."
"Du hast einen Job als Speditionskaufmann. Aber ich? Ich bin arbeitslos. Weil mein Chef tot ist", sagte John leise.
"Ja."
"Du hattest mehr Glück im Leben! Und Vater und Mutter haben Dich gefördert. Für mich blieb keine Zeit! So war das!", schrie John.
"John. Du musst vergessen! Wir sollten nach vorne gucken", riet ihm Hartmut. John schwieg.
"Und noch ein Ratschlag. Ich würde keine offene Beziehung führen. Das gibt Probleme. Und mach ein Schwangerschaftstest. Und sei vorsichtig mit Corona... Achte auf Abstand und Maske..."
"BELEHR MICH NICHT! ICH WILL DEINE RATSCHLÄGE NICHT MEHR HÖREN! DA ÜBERNACHTE ICH LIEBER DRAUSSEN UND KREPIERE DORT! ABER DEINE RATSCHLÄGE, WIE ICH MEIN LEBEN GESTALTEN SOLL, MÖCHTE ICH NICHT MEHR HÖREN! DA SCHLAFE ICH LIEBER AUF DER STRASSE!", schrie John.
John ballte die Faust der rechten Hand und wollte gerade zuhauen.
"Wenn Du zuhaust, gebe ich Dir Dein Geld nicht. Sei nicht so aggressiv, Mann!", schrie Hartmut.
John nahm seine Hand runter und senkte den Kopf.
"Ich bitte um Entschuldigung. Du hast Recht. Ich muss mein Leben ändern."
"Das solltest Du. UNBEDINGT! Sonst ist es irgendwann zu spät. Und...besuche Deine Eltern. In der Corona-Krise müssen wir zusammenhalten. Es reicht schon, wenn wir zu unseren Brüdern Günther und Frank kein gutes Verhältnis haben", sagte Hartmut.
"Ja... Du hast Recht. Ich werde zu Mama und Papa fahren. Noch diese Woche."
"Gut. Dann tust Du was Gutes. Du kannst mit meiner Hilfe rechnen. Auch bei mir wohnen. Auch, wenn das nicht immer leicht ist", bot ihm Hartmut an.
"Das möchte ich nicht", sagte John.
"Du hast Deinen Stolz. Aber wir kriegen das hin."
"Ich wohne bei Franziska."
"Aber Du weißt, wie das manchmal so ist."
"Was willst Du mir jetzt wieder sagen? Bitte. Ich möchte mein Geld."
"Ja. Bekommst Du!" Hartmut ging zum Schrank, zog eine Schublade auf, griff sich einen Brief von seinen Eltern, den er dort aufbewahrt hatte. Aus dem Brief holte er einen kleinen Stapel Geldscheine raus. Insgesamt 500 Euro. Dann gab er John das Geld und den Brief.
"Hier. Bitte. Von Mutter und Vater."
John war sonst so stark und cool. Er, der in letzter Zeit oft nichts für seinen Bruder empfand, begann in diesem Moment etwas Liebe für seinen Bruder zu empfinden. Fast wäre er ihm um den Hals gesprungen. Doch irgendwas hinderte ihn in diesem Moment daran. Es war, als ob sich ein Stacheldraht um seinen Hals befand. Er gab deshalb Hartmut nur die Hand. Blieb gefasst und cool.
"Weißt Du, was ich bis zum bitteren Ende sein will? Cool. Ein Kämpfer. Bis zum bitteren Ende. Und so bleib ich bis zuletzt", sagte John.
"John. Ich hoffe, Du weißt was Du tust. Und häng´ nicht wieder mit Deinem Freund Torsten Siebert rum."
"Bitte... erwähne seinen Namen nicht. Er ist nicht mehr mein Freund. Wenn jemand fragt... die Polizei... ich habe ihn nie gekannt. Sag das auch Mutter und Vater!", bat John ihn darum.
"Ok. Hast Du mir schon mal gesagt. Warum eigentlich?", fragte Hartmut.
"Weil etwas dumm gelaufen ist."
John sagte daraufhin nichts mehr. Er drehte sich mit dem Geld in der Hand um und verließ den Home-Office-Raum. Hartmut folgte ihm. Als er vom Flur gerade ins Wohnzimmer laufen wollte, kam ihm Franziska entgegen. Sie hatte den Tee ausgetrunken.
"Wollen wir los?", fragte Franziska.
"Ja."
"Ich glaube, Du zähmst ihn. Seit Du mit ihm zusammen bist, ist er ruhiger geworden. Er trinkt weniger und ist weniger aggressiv", sagte Hartmut lächelnd zu Franziska.
"Du kennst ihn vielleicht nicht richtig. Er ist bei mir anders", sagte Franziska.
"Ja. Er hat mehrere Seiten. Ich fahr Euch rasch Hause. Gehen wir", sagte Hartmut. Sie verabschieden sich in der Küche von Elfie. Dann verließen sie die Wohnung. Als sie gerade die Treppen runterliefen, dachte John, dass Franziska schwanger sein könnte. Innerlich beruhigte er sich etwas, dass es vermutlich ein Fehlalarm sein könnte. Aber an eine Möglichkeit der Schwangerschaft dachte er schon. Er konnte es zumindest nicht ausschließen. Zwar könnte er sich damit anfreunden, wenn sie schwanger wäre und er Vater eines Kindes werden würde. Auf Grund seiner finanziellen Situation und der Corona-Situation war es jedoch der falsche Zeitpunkt! Da es unklar war, brauchte er genaue Gewissheit! Es könnte ja auch sein, dass sie wieder - ohne dass er es wusste - Drogen nahm. Als sie aus dem Mietshaus kamen, war es schon dunkel. Als sie gerade zu Hartmuts Wagen gingen, erblickte John das Drogeriegeschäft und dachte an die Gelegenheit sich dort einen Schwangerschaftstest zu besorgen. Daher sagte er plötzlich: "Ich muss etwas kaufen im Drogeriegeschäft."
"Kaufen. Jetzt? ", fragte Hartmut.
"Ja. Ich muss Alkohol kaufen. Das gibt es ja dort auch."
"Was? Ich denke Du willst nicht so viel trinken?", fragte Franziska überrascht.
"Nicht nur. Ich muss auch ein Geschenk kaufen, wenn wir meine Eltern besuchen."
"O.K.", sagte Franziska. Sie schien wieder etwas beruhigt zu sein.
Dann lief er zum Drogeriegeschäft, holte sich einen Einkaufswagen, den es dort am Eingang gab und ging damit in das Geschäft. Dort kaufte er sich wenig später einige Dosen Bacardi-Cola (das war besser als NUR Bier), zwei Pralinen-Kästen für seine Eltern und das, was er unbedingt wollte und für notwendig hielt: Einen Schwangerschaftstest. Als er an der Kasse alles bezahlt hatte, das Geschäft verlassen hatte und den Einkaufswagen am Geschäfts-Eingang abgestellt hatte, ging er wieder zum Wagen. Dann stieg er hinten ein, setzte sich mit der Einkaufstüte auf den Sitz neben Franziska und sie fuhren kurz darauf los.
"Hast Du alles bekommen?", fragte Hartmut.
"Ja", antwortete John.
"Dann fahr ich Euch nach Hause."
"Ja."
John schwieg während der gesamten Fahrt. Er dachte an Franziskas mögliche Schwangerschaft. Er würde sich über ein Kind freuen. Er wusste nur nicht, wie er dieses Kind ernähren sollte in seiner Situation! Ja. Er musste zu seinen Eltern. Und zum ersten Mal hatte er Sehnsucht nach Zuhause. "Ist wahrscheinlich immer so. Wenn die Kacke am Dampfen ist, will man schnell nach Hause", dachte John. Dann verwarf er die Gedanken. Nein. "Vermutlich ist mit Franziska alles in Ordnung. Es wird vermutlich nur eine Erkältung sein", dachte er.
"Was hast Du Eigentlich alles gekauft?", fragte Franziska.
Er gab ihr die Tüte. Als sie in die Tüte blickte, wurde sie ärgerlich.
"Was? Du hast einen Schwangerschaftstest gekauft?"
"Ich dachte, es wäre besser. Es kann ja sein, dass Du schwanger bist."
"Darum warst Du in der Drogerie? Nur um den Test zu besorgen? Und hast mir nichts gesagt? Vertraust Du mir nicht?", fragte sie.
"Reg´ Dich nicht auf. Es ist zu Deinem Besten. Sei es nur, um eine Schwangerschaft auszuschließen", versuchte John sie zu beruhigen.
"Es ist ja nicht schlimm. Ich kenne mehrere Frauen, die schwanger waren, ohne es zu wissen", meinte Hartmut.
Sie schwieg.
"Ich kann mir das nicht vorstellen", meinte Franziska.
"Wir werden das sehen. Vermutlich kann das wirklich nur eine Erkältung sein."
Wenig später hielt Hartmut den Wagen am Straßenrand vor Franziskas Wohnung an. Ralph saß am Fenster seiner Wohnung und beobachtete sie.
"Wir sind da. Ich wünsche Euch einen schönen Abend", sagte John.
"Gut Nacht, John."
Auch Franziska sagte kurz "Tschüss" und stieg wie John mit der Einkaufstasche in der Hand aus dem Wagen aus. Dann fuhr Hartmut los. John und Franziska gingen einen Augenblick später über die Straße zum Mietshaus und dann die Stufen hinauf zum Erdgeschossflur und dann zu ihrer Wohnung. Nachdem sie in der Wohnung angekommen waren, John die Wohnungstür abgeschlossen hatte und sie dort ihre Jacken auf den Garderobenständer gehängt hatten, ging John 's Fragerei los: "Hast Du die Pille nicht genommen, als wir einander geschlafen hatten?"
"Ich habe die Pille genommen", sagte Franziska.
"Aber wirklich immer? Sag die Wahrheit!", schrie John.
"Was ist denn eigentlich los? Vertraust Du mir nicht?"
John baute ihr eine Brücke. Denn er wusste: Vermutlich fürchtete sie Johns Zorn und erzählte ihm deshalb nicht alles.
"Ich weiß, dass Du mir nicht alles gesagt hast. Ich halte es inzwischen für möglich, dass Du schwanger bist", meinte John.
"Ich bin nicht schwanger. Ich halte es für nicht möglich. Aber..."
"Dann mach den Test. Wenn Du den Test machst, wissen wir das genau!", schlug John vor.
"JA! ICH MACH DEN TEST! WAS IST DENN DEIN PROBLEM. VERTRAUST DU MIR NICHT?", schrie Franziska.
"Doch, aber..."
"Ich glaube, das tust Du nicht."
"Sag die Wahrheit. Hast Du die Pille regelmäßig genommen?", fragte John. "Ja. Ich habe immer daran gedacht. Aber einmal... da musste ich mich übergeben, weil ich was genommen hatte... hatte ich das vielleicht ausgespuckt."
"Du hast die Pille ausgespuckt?", fragte John ernst nach.
"Ich weiß es nicht. Ich erinnere mich nicht genau daran."
"Dann kann es ja möglich sein, dass Du schwanger bist."
Dann schwieg sie eine Weile...
"Und was wäre, wenn ich schwanger wäre? Würdest Du Dich darüber freuen?", fragte Franziska.
"Ich würde es akzeptieren. Ja", sagte John.
"Mehr nicht? Nicht darüber freuen?", fragte Franziska.
"Doch würde ich. Ich bin gerne Vater. Bevor wir weiterquatschen: Mach bitte den Test. Der liegt in der Tüte. Ein Urin-Test. Dann wissen wir genau."
"Du hast recht. Ich werde den Test machen. Dann gibt es nicht mehr diese nervigen Diskussionen!"
Dann gab John Franziska die Tüte in die Hand. Sie holte den Schnelltester aus der Tüte und verschwand damit in Badezimmer. John wartete aufgeregt. Minuten vergingen. Die ihm wie eine Ewigkeit erschienen. Er hörte, wie Franziska in der Toilette spülte. Dann kam sie wenig später mit dem Testergebnis wieder. Sie gab John den Schnelltest in die Hand. Er sah die blaue Linie.
"Ich bin schwanger", sagte Franziska.
"Das habe ich am Ende immer mehr vermutet. Es ist gut. Toll. Auf der anderen Seite ist das schwierig."
"Es ist der falsche Zeitpunkt. Mitten in der Corona-Zeit und in der schlimmen finanziellen Situation", meinte Franziska. John schwieg. "Ja. Das ist wirklich der falsche Zeitpunkt", dachte John ein wenig ratlos. Nur seine Eltern konnten ihm nur noch helfen.
"Ich denke, wir kriegen das hin. Ich besorge mir einen Job. Ich werde mich ändern und dann bekommen wir das Kind", sagte John.
"Ja. Das ist eben so", sagte sie.
"Wir werden morgen zum Arzt gehen. Dann wissen wir mehr."
Sie schwiegen eine Weile. Dann diskutierten sie weiter über die Situation und gingen ins Bett. In dieser Nacht hatten beide eine schaflose Nacht.


25.2.2021. Nach dem Telefonat mit der Notaufnahme aßen sie noch etwas. Dann riefen sie ein Taxi, das nach ca. zehn Minuten kam. Kurz darauf zogen sie sich ihre Jacken an, setzten sie sich ihre Masken auf, griffen sich Franziskas Rucksack mit dem Test, verliessen damit die Wohnung und das Mietshaus und liefen draussen schnell zum Taxi. Einen Augenblick später stiegen sie mit dem Rucksack hinten ein. Das Taxi fuhr sie sofort zur Klinik und hielt wenig später auf dem Gelände direkt vor der Notaufnahme (Zentrale). Franziska und John bezahlten den Taxifahrer, verabschiedeten sich von ihm, behielten ihr Masken auf und gingen in die Notaufnahme. Sie meldeten sich am Empfangsschalter und gingen danach ins Wartezimmer. Auch dort mussten sie die ganze Zeit ihre Masken aufbehalten, denn dort wurde streng auf Maske und Abstand gehalten. Sie wartete mehrere Stunden und saßen zweieinhalb Meter entfernt vom nächsten Sitznachbarn! Franziska wurde übel und er musste sie zur Toilette bringen, wo sie dort sich kurz darauf in eine Toilette übergab. John half ihr, wo er konnte.
"Möchtest Du Wasser? Trink etwas Wasser aus dem Wasserhahn. Oder ich geh zum Automaten und hol Dir eine Wasserflasche", bot John an.
"Hol mir eine Wasserflasche bitte", stammelte Franziska.
"Ja. Gehen wir ins Wartezimmer zurück.

Wenig später brachte John Franziska ins Wartezimmer zurück. Sie setzte sich auf den Stuhl und er ging zum Getränke-Automaten und holte ihr ein Glas Wasser. Wenig später brachte er ihr das Glas Wasser und sie trank alles aus. Kurz darauf wurden sie aufgerufen und eine Krankenschwester kam und führte sie durch lange Korridore in ein Ärzte-Zimmer. Dort wartete eine Ärztin auf Franziska. Als sie dort ankamen, begrüßte Dr. Bornemann sie und Franziska erzählte von dem Schwangerschaftstest, der positiv war. Kurz darauf zog sich Franziska nach Aufforderung der Ärztin Dr. Bornemann bis auf die Unterwäsche aus und legte sich auf die Bahre. Dann musste sie ihre Brüste freimachen und die Ärztin Dr. Bornemann trug eine schleimige kalte Flüssigkeit auf ihren Bauch auf. Dann wurden Elektroden mit Pflastern auf ihrem Bauch befestigt und mit einem Monitor verbunden und die Ultraschalluntersuchung begann. Sie blickte auf den Monitor. Dann drehte sie den Monitor in Franziskas Richtung. Seltsame Laute, Schläge im gleichförmigen Takt, Herzschläge, ertönten und etwas in dem schwarz-weißen Gewirr im Monitor pochte. Es war ein Herz. Weitere Bilder zeigten das Innere von Franziskas Bauch und schwach einem Embryo.
"Sie sind schwanger. Das ist sicher", sagte die Ärztin Dr. Bornemann. "Ich kann Ihnen gratulieren."
"Wirklich?", fragte Franziska. Sie wirkte erschrocken und freudig zugleich. John, der sonst oft so cool war, war überrascht. Irgendwo freudig, aber auch voller Sorge.
"Sie können das im Monitor sehen. Das ist ein Herz, das pocht."
Sie drehte den Monitor zu John.
"Das ist erstaunlich", sagte John.
"Sie sehen wie niedlich das Herz pocht. Ein Lebewesen!", sagte Bornemann.
Dr. Bornemann sprach so liebevoll von dem kommenden Baby, dass sie davon berührt waren. Sie ging aus ihrer Sicht davon aus, dass es natürlich ein Wunschkind war. Dass John und Franziska das Kind zwar irgendwie wollten und erfreut waren, doch innerlich zweifelten und das nicht zeigen wollten, sah sie nicht. Vermutlich hatte sie - ohne es zu wissen - noch viel krassere Fälle gehabt zum Beispiel Eltern, Mütter, die ihre Kinder gar nicht wollten und später sogar abtrieben. Nachdem sie die Untersuchungen abgeschlossen hatte, zog sie die Elektroden von Franziskas Körper ab und sagte, sie könne sich wieder anziehen. Daraufhin zog sich Franziska wieder an. Als sie fertig war, griff sich Dr. Bornemann sich eine Info-Mappe und reichte sie ihr.
"Hier sind noch alle Infos zum Thema Baby. Infos, Fragen und Antworten. Geburtsvorbereitungskurs von Frau Ullrich. Sämtliche Adressen. Sie müssen dann zu Ihrem Hausarzt gehen."
"Ich habe einen. Dr. Schneider", antwortete Franziska.
"Dann wünsche Ihnen alles Gute und Gesundheit. Auch fürs Baby. Und eine gut verlaufende Schwangerschaft", sagte Frau Dr. Bornemann.
Dann verabschiedeten sich Franziska und John von Frau Dr. Bornemann und gingen aus dem Ärztezimmer. Und dann aus dem Krankenhaus. Einige Herzschläge später nahmen sie ein Taxi Richtung Franziskas Wohnung. Das Taxi hielt wenig später vor Franziskas Wohnung. Sie bezahlten, stiegen aus und das Taxi fuhr davon. Als sie gerade die Stufen zum Eingang des Mietshauses hochliefen, kam ihnen Ralph entgegen.
"Hallo. Ich bin ja so froh, Euch zu sehen", begrüsste sie Ralph.
"Sie ist schwanger. Verschwinde", sagte John.
"Was?", fragte Ralph, "Schwanger?"
John schubste Ralph einfach machohaft beiseite. Die beiden gingen wortlos an Ralph vorbei in den Flur und verschwanden in ihrer Wohnung. Und schlossen die Wohnungstür.
Sie setzten sich wenig später im Wohnzimmer auf die Couch und redeten über die Ereignisse und die Schwangerschaft.
"Freust Du Dich auf die Schwangerschaft? Auf das Kind?" fragte John.
"Ja. Sehr", sagte Franziska..
"Wollen wir`s behalten?"
"Ja. Ich finde, es ist nur der falsche Zeitpunkt. Mitten in der Corona-Zeit und in der schlimmen finanziellen Situation", meinte Franziska.
John schwieg eine Weile. "Hm, ja, sie hat recht. Das ist wirklich der falsche Zeitpunkt. Nur meine Eltern könnten uns noch helfen", dachte er.
Nach einer Weile antwortete er entschlossen: "Ich denke, wir kriegen das hin. Ich besorge mir einen Job. Ich werde mich ändern, wenn wir das Kind bekommen."
"Ja. Aber wie machen wir das mit dem Geld? Wir haben doch keine Ahnung von Babys...", zweifelte Franziska.
"Meine Eltern helfen uns. Wir müssen zu meinen Eltern fahren. Unsere einzige Chance", sagte John.
"Ja. Verstehe."
"Ich werde mit ihnen reden. Und unseren Besuch ankündigen. Und dann packen wir die Koffer."
"Wirst Du Dich mit Deinen Eltern verstehen?", fragte Franziska.
"Ja, es muss gehen. Wir bekommen ein Kind. Das ist ihr Enkelkind. Wir sollten an das Kind denken."
"Du hast recht. Und wo werden wir wohnen, schlafen und essen?“, fragte Franziska.
"Bei meinen Eltern."
"Wann fahren wir?", fragte sie.
"In den nächsten Tagen", antwortete John. "Das ist gut."
"Ich werde ein wenig Sport machen. Draußen laufen", sagte John.
"O.K."
John holte sein Handy aus der Tasche und gab in der Google-Suchmaschine ein: "Wann ist eine Frau nach dem Sex schwanger?" Zwar hatte John eine gewisse Bauernschläue und er konnte sich auch – wenn er nicht mit Alk oder so zugedröhnt war – einigermaßen verständlich ausdrücken, doch wusste er aufgrund seiner geringen Schulbildung vieles nicht.
"Was suchst Du im Handy?", fragte Franziska.
"Ach... ich will mich nur informieren. Mich interessiert eigentlich, wann eine Frau nach dem Verkehr schwanger werden kann", antwortete John.
"Na, nach der Befruchtung der Eizelle."
"Ich meinte, welcher Tag."
Sie gab keine Antwort. Dann las sich John im Handy diverse Informationen aus dem Internet zum Thema Schwangerschaft durch. Und wusste Bescheid. Dann dachte er plötzlich an Ralph und wurde nachdenklich.
"Sag mal... wann bist Du schwanger geworden?", fragte er Franziska.
"Ich? Das weiß ich nicht", antwortete Franziska.
"Aber Du wusstest, dass Du nicht vor einer Schwangerschaft geschützt warst, als Du Dich mal übergeben und die Pille ausgespuckt hattest."
Franziska wich John aus.
"Aber wir haben immer aufgepasst. Es gibt ja Koitus Interruptus, Kondome oder Hand-Jobs..., um Schwangerschaft zu verhindern", erklärte Franziska.
"Davon gehe ich aus. Aber Du hättest es mir sagen sollen, dass Du die Pille ausgespuckt hattest."
"Aber... ich hab´ immer die Pille genommen. Ich hab` mich nur zweimal, als ich Drogen genommen hatte, fürchterlich übergeben. Ich weiß aber nicht, ob ich die Pille beide Male ausgespuckt hatte."
"Ach. Jetzt war Dir das plötzlich zweimal passiert", bemerkte John misstrauisch.
"Ich kann mich nicht genau daran erinnern."
"Hast Du verhütet, als Du mit Ralph Sex hattest? Du hast doch hoffentlich Kondome genommen", wollte John wissen.
"Ja. Immer!", schrie Franziska.
"Aber eben sagst Du, dass Du Dich nicht genau erinnern kannst? Dann kann es ja sein, dass Ralph vergessen hatte Kondome zu benutzen und dass er der Vater ist."
Franziska blickte John mit großen Augen an.
"Nein. Ich habe immer Kondome genommen. Ralph kann nicht der Vater sein."
"Und das weißt Du genau?"
"JOHN. WAS SOLL DAS, VERDAMMT? MISSTRAUST DU MIR? IST DAS EIN VERHÖR? WAS DENKST DU VON MIR!", schrie Franziska.
"ICH WILL NUR DIE WAHRHEIT WISSEN!", schrie John zurück.
"WAS SOLLEN DIESE GANZEN FRAGEN? DU MISSTRAUST MIR. DIE GANZE ZEIT!"
"ICH WILL RALPH ZUR REDE STELLEN. EIN VATERSCHAFTSTEST MUSS GEMACHT WERDEN!", schrie John.
"DU VERTRAUST MIR ÜBERHAUPT NICHT! DANN HAU DOCH AB! WAS WILLST DU VON MIR?", fragte Franziska laut.
Dann wurde John ruhiger.
"Gut. Ich gehe jetzt nach draußen. Spazieren. Ich muss das alles erst mal verarbeiten. Wir reden später", sagte John.
Dann nahm er seine Jacke und verließ die Wohnung. Franziska vergrub ihr Gesicht in ihre Hände und fing an zu weinen.

John lief eine Weile durch die Straßen. Dachte nach. Über die Ereignisse und das was Franziska sagte. Vielleicht hat Franziska recht und sagt die Wahrheit und ich bin der Vater, dachte er. Als er einige hundert Meter durch die Straßen gelaufen war, stoppte er. Er musste Mutter oder Vater um Rat fragen! Und wollte nun mit Ihnen telefonieren. Alleine. Ohne dass Franziska dabei war. Reine Vorsichtsmaßnahme. Er nahm sein Handy aus der Tasche. Er sah auf der Anruferliste, dass Mutter bereits versucht hatte ihn anzurufen. Kurz darf wählte er die Nummer seiner Eltern Klaus und Irene Peters. Er wartete. Einen Augenblick später meldete sich seine Mutter Irene.
"Hallo?", fragte eine Frauenstimme.
"Mutter? Hallo Mutter. Hier ist John."
"John. Ich bin ja so froh, Deine Stimme zu hören. Wie geht s Dir? Lange nicht mit Dir gesprochen", sagte Mutter Irene.
"Ich habe meine Freundin. Du weißt. Franziska", erzählte John.
"Ich weiss. Und...wie geht mit ihr?", fragte sie.
"Mutter...sie ist schwanger."
"Was? Tatsächlich? Hartmut erzählte sowas. Ich kann es kaum glauben. Ich wollte Dich schon mehrmals anrufen. Konnte Dich aber nicht erreichen", sagte seine Mutter.
"Da war wohl das Handy abgeschaltet. Ja. Ich weiß. Du hattest angerufen", sagte John. "Ist ja nicht wichtig. Ich wollte Dir nur mitteilen, dass wir Nachwuchs bekommen."
Mutter Irene war ganz aufgewühlt.
"Das ist ja toll. Ich werde das gleich Klaus erzählen. Ist das denn sicher?", fragte Mutter.
"Ja. Wir haben einen Schwangerschaftstest gemacht", erzählte John.
"Du solltest aber sicherheitshalber zum Arzt gehen und die Schwangerschaft bestätigen lassen."
"Ja, Mutter."
"Ich bin ja ganz überrascht. Mein Junge wird Vater. Ich freue ich mich. Ich bin ja so glücklich. Ich kann es nicht fassen!", jubelte Mutter.
"Ich freue mich, wenn Du Dich freust. Ich freue mich auch", sagte John. Da er leise Zweifel hatte, ob er wirklich der Vater des Kindes in Franziskas Bauch war, war seine Freude etwas gedämpft.
"Aber John. Meine Güte... Weißt Du, was das bedeutet, ein Kind zu haben? Sicher viel Freude. Aber auch jede Menge Verantwortung", sagte Mutter Irene.
"Ja, ich weiß, Mutter."
"Wie willst Du ein Kind ernähren, wenn Du selbst keine Arbeit und kein Geld hast? Du warst ja sogar eine Zeit obdachlos. Ich habe alle Einzelheiten von Hartmut erfahren. Wie willst Du das schaffen?", fragte Mutter. Dann kam sie mit ihren üblichen Belehrungen. Erzählte und erzählte. John hatte andere Sorgen und konnte sich diese Tipps, die zwar gut gemeint waren, aber ihn in diesem Moment nur nervten, gar nicht verarbeiten.
"Ich weiß, Mutter... Keine feste Arbeit zu haben... Das ist ein Problem."
"Und... ich habe gehört, dass Franziska verschiedene Männer hatte!", schrie Mutter. Er wusste, dass das kommen würde.
John schwieg zuerst. Dann redete er. Und erzählte einige Ereignisse, die passiert waren. Und gab zu, dass sie früher andere Männer hatte. Er erzählte auch, dass sie Ralph kennengelernt hatten.
"Wir hatten eine offene Beziehung. Und der Ralph war erst O.k., später nicht mehr. Dann war das nur ein Arschloch", erzählte John.
"Naja. Ist das Kind denn von Dir?", fragte Mutter.
"Ja. Ich gehe davon aus", sagte er zögernd. Er mochte seiner Mutter nicht von seinen Zweifeln und dem Streit mit Franziska erzählen. Jedenfalls noch nicht.
"Bist Du wirklich sicher? Wenn sie eine offene Beziehung geführt hat und verschiedene Männer hatte? Ich habe viel von Hartmut gehört und habe meine Zweifel", sagte Mutter.
"Mutter. Sie hat aufgepasst bei anderen Männern. Das Kind ist von mir", sagte er trotz seiner Zweifel, die er immer mehr bekam.
"Ach. Das glaubst Du? Das sagen alle. Sie hat bestimmt mit einem der Kerle das Kind. Ich kann mir ehrlich bei ihrem Lebenswandel nicht vorstellen, dass Du der Vater bist. Die will doch nur, dass Du ihr Kind bezahlst, während der wahre Vater verschwindet und nicht zahlen braucht", sagte Mutter empört.
"Mutter - das glaube ich nicht."
"Soweit kommt es noch ein fremdes Kind von einem anderen Mann durchzufüttern. Ein DNA-Test muss her", schrie Mutter.
"Ja. Mutter. Das wird gemacht. Sie muss den Test machen."
"Und was ist mit dem Ralph? Von dem mir Hartmut erzählt hatte?"
"Ralph?" Er zögerte. Dann sagte er": Ich glaube, das Kind ist von mir."
"Woher weißt Du das?", fragte sie kritisch. "Weil sie mir das erzählt hat. Ich vertraue ihr", sagte John.
"Ach - das hat sie Dir so erzählt und Du sollst das glauben? Ich glaube Du spinnst. Du musst einen Test machen. Die verarscht Dich nur. Das Kind ist niemals von Dir. Ich halte es für unwahrscheinlich", sagte Mutter.
"Mutter. Das Kind ist von mir", erklärte John.
"Trotzdem, mein Junge, Du musst einen Vaterschaftstest machen! Einen DNA-Test! Auch sie und all die Männer, die sie hatte. Diese DNA-Testergebnisse müssen alle auf den Tisch sein und verglichen werden. Nur so wissen wir von wem sie das Kind bekommt", forderte Mutter.
"Mutter. Ich weiß. Ich werde mich darum kümmern", versprach John.
"Hoffentlich macht sie den DNA-Test auch!", schrie Mutter Irene am Telefon.
"Den muss sie machen! Ich werde mit ihr reden."
"Wann kommst Du mich besuchen?", fragte Mutter Irene.
"In den nächsten Tagen mit Franziska."
"Mit Franziska? Das kann ja heiter werden", klagte Mutter.
"Mutter. Seid nett zu ihr. Sie ist eine tolle Frau", versicherte ihr John.
"Wenn Du meinst. Ich sehe das anders. Wenn sie verschiedene Männer hat, kannst Du das vergessen."
"Mutter. Das war die Vergangenheit."
"Ich bin mir da nicht so sicher. Du musst ja mit der Frau leben. Wenn was passiert, ist das Deine Schuld! Ich hatte Dich gewarnt!", schrie Mutter.
"Du brauchst mich nicht zu warnen. Ich muss jetzt gleich Schluss machen."
"Ich geb´ Dir Deinen Vater. Der will Dich auch kurz sprechen. Ich sag erst mal Tschüss", sagte Mutter. Dann gab sie den Hörer Vater Klaus, der das Gespräch mitgehört hatte. Und John hatte einen Augenblick später Vater Klaus am Handytelefon.
"Hallo, Junge. Wie geht s? Ich habe gehört, dass Du Vater wirst. Das ist eine tolle Neuigkeit. Nur Du musst sicher gehen, dass das Kind von Dir ist", sagte Vater.
"Ist es aber, Vater", antwortete John.
"Ja. Dann beleg es. Sie muss Vaterschaftstest machen, Da führt kein Weg daran vorbei", sagte Vater Klaus. "Vater! Jetzt fängst Du auch noch an."
"Kommst Du uns besuchen?"
"Ja. Hatte ich vorgehabt. Mit Franziska."
"Naja gut Dann mit Franziska. Und dann reden wir in Ruhe über alles..." Dann fing Vater an ihm Ratschläge zu geben. John war nicht mehr aufnahmefähig.
"Vater. Ich muss das Gespräch beenden. Ich muss gleich zu Franziska. Ich wünsche Dir alles Gute. Tschüss", sagte John.
Dann beendeten sie das Telefonat. John ging noch eine Weile innerlich aufgewühlt mit gemischten Gefühlen durch die dunklen, leeren Straßen. Zwar freute er sich über eine mögliche Vaterschaft, hatte jedoch alle möglichen Gedanken und Befürchtungen. Nach einiger Zeit des Spazierengehens fand er eine Tankstelle. Dort kaufte er sich eine Flasche Whisky, aus der er dann wenig später auf dem Nachhauseweg trank.
"Scheiße. Warum ist mein Leben immer so kompliziert. Jetzt freue ich mich auf das Kind und nun passiert das. Dann kommen Vater und Mutter und haben Zweifel und versauen mir die Stimmung!", schrie er wenig später auf der leeren Straße, in der er sich befand. Weil es seiner Meinung nach so nicht weitergehen konnte, beschloss er, seinen Eltern eine kurze Mail zu schreiben. Er tippte folgenden Text ins Handy": Ich verstehe ja, dass Ihr besorgt seid, Zweifel habt. Aber so geht es nicht weiter. Das Kind ist von mir. Wenn wir kommen, behandelt Franziska freundlich! Gruß John!“ Nachdem er diese Botschaft per WhatsApp an seine Eltern versendet hatte, ging er nach Hause. Als er in Franziskas Wohnung ankam, hatte sie aufgehört zu weinen. John wollte sich bei ihr entschuldigen. Er wusste: Wenn er das nicht tun würde, würde er alles kaputt machen. Er würde die Beziehung zu Franziska auf diese Weise ruinieren und sie würde mit ihm nie nach Berlin kommen. Von dem Gespräch mit seinen Eltern dürfte sie auf keinen Fall etwas erfahren!
"Ich muss mich entschuldigen", sagte John. "Ich war grob. Wusste nicht, was ich sagte.“
"Du hast recht. Du hast recht. Ich werde den Test machen. Aber... ich kann Dir sagen: Das Kind ist von Dir", versicherte ihm Franziska.
"Ich glaube Dir. Wenn Du es so sagst", sagte John.
"Ich weiß, dass Du mir nicht hundertprozentig vertraust. Aber ein Test wird das beweisen."
"Dann lass uns die Sache vergessen. Wir trinken einen Wein und freuen uns über das Baby. Ich muss mich bei Dir sehr entschuldigen. Ich wollte das nicht."
"Ich habe noch eine andere Sorge: Wie sollen wie das Kind ernähren?", fragte Franziska. Die Frage war berechtigt. Denn John hatte keine Arbeit und so gut wie kein Geld.
"Das schaffen wir schon irgendwie. Ich werde mir einen Job suchen. Das Amt wird in dieser Zeit helfen. Da gibt es Arbeitslosengeld, Kindergeld, Mutterschaftsgeld. Meine Eltern werden mir helfen. Wir werden das schon irgendwie schaffen", sagte John.
"Ja".
"Damit sie uns finanziell weiterhelfen, sollten wir endlich dorthin fahren. Mit dem Zug. Du musst endlich meine Eltern kennenlernen", drängte John.
"Ich weiß nicht. Du hattest früher immer schlecht über Deine Eltern geredet."
"Ja. Doch. Aber jetzt helfen sie ja. Ohne meine Eltern und die Hilfe meines Bruders Hartmut würde ich nicht finanziell über die Runden kommen. Würden wir nicht finanziell über die Runden kommen", sagte John.
"Ich bin müde. Gehen wir besser ins Bett", sagte Franziska.
"Ja. Das machen wir. Ich möchte vorher aber noch ein Tee trinken. Pfefferminztee."
"Ja. Ich setz Wasser auf."
Franziska machte kurz darauf Pfefferminztee. Nachdem sie danach Corona-Nachrichten geguckt hatten und den Tee ausgetrunken hatten, gingen sie ins Bett.


15. DAS ENDE VOM LIED


Am nächsten Tag, am 26. Februar 2021 standen sie ungefähr um acht Uhr auf, duschten gemeinsam, zogen sich an, machten sich ein kurzes Frühstück und tranken einen Kaffee. Dann packten sie für die Reise nach Berlin zu Johns Eltern die zwei Koffer (einer gehörte John, der andere Franziska) mit den nötigsten Sachen wie Kleidung, Pyjama, Zahnbürste, etwas zu Lesen, Shampoo,... John hatte Franziska zu der Reise überredet! Nachdem, was John ihr alles über seine Eltern erzählt hatte (und das war meistens Negatives), hatte sie bisher keine große Lust gehabt dorthin zu fahren und sie kennenzulernen. Etwa gegen zehn Uhr waren sie mit dem Packen fertig. John zog sich nicht seine schwarze Kapuzenjacke, sondern eine normale Lederjacke an, die er vor kurzem zu einem günstigen Preis online gekauft hatte. Und Franziska ihre warme Winterjacke mit Fellkragen. Auch nahm John seine graue Schiebermütze und eine Brille mit etwas verdunkelten Gläsern mit, die er auch online ergattert hatte. Denn niemand sollte ihn unterwegs erkennen. Man wusste ja nie...Dann riefen sie ein Taxi. Als das Taxi wenig später draussen vor ihrer Wohnung hielt, verließen sie mit den beiden Koffern die Wohnung, gingen die Treppen runter und liefen draußen zum Taxi. Der Fahrer, der eine Maske trug, stieg aus dem Wagen, nahm ihnen die Koffer ab und legte sie hinten in den Kofferraum. Dann setzte er sich ans Steuer. Nachdem auch John und Franziska hinten eingestiegen waren, sich auf die hintere Sitzreihe gesetzt hatten, und ihre Masken aufgesetzt hatten, ließ er den Motor an.
"Zum Frankfurt Hauptbahnhof", sagte John zum Taxifahrer.
"O.K.", sagte er und fuhr los. "Ihr macht Urlaub?", fragte er beim Fahren.
Da John nicht so viel Persönliches erzählen wollte, sagte er einfach: "Ja."
"Das ist eine schwierige Zeit. Ich mache kaum Umsatz. Es wird Zeit, dass sie endlich wieder alles öffnen", sagte der Taxifahrer.
Auch hier sagte John nur "Ja. Wird endlich Zeit." Mehr jedoch nicht. Denn John war Fremden gegenüber meist verschlossen. Den Rest der Fahrt schwiegen sie. Nach kurzer Zeit kamen sie am Frankfurt Hauptbahnhof an. John bezahlte die Taxifahrt, 12,50 Euro.
"Danke“, sagte der Taxifahrer, holte die beiden Koffer heraus und übergab sie John und Franziska. "Ich wünsche Ihnen noch eine schöne Zeit. Bleiben Sie gesund."
"Sie auch", sagte John. Nachdem der Taxifahrer davongebraust war, schnappte sich jeder von ihnen einen der beiden Koffer und sie gingen damit zur Bahnhofshalle. John setzte sich seine Schiebermütze auf. Er zog sie so tief ins Gesicht, dass man kaum seine Augen sehen konnte. John wollte nach dem Vorfall in Berlin in der Nacht vom 15. zum 16. Dezember 2020 (auch wenn nun lange Zeit verstrichen war) unerkannt bleiben. Sie kauften sich am Bahnhof Frankfurt eine Fahrkarte. Wenig später stiegen sie in den Zug nach Berlin. Einige Augenblicke später gingen sie dort in die 2. Klasse. Links und rechts des Ganges liefen sie an vielen besetzten Plätze vorbei, bis sie endlich rechts eine leere Viersitzgruppe fanden. Sie setzten sich auf die beiden Fensterplätze. Auf einem Fensterplatz in der Viersitzgruppe ihnen gegenüber auf der anderen Seite des Ganges saß eine ältere Frau mit Koffer. Franziska und John sahen kurz zur Frau rüber und grüssten kurz. Dann begannen sie sich zu unterhalten.
"Meinst Du, ob Deine Eltern über meine Schwangerschaft erfreut sind?", fragte Franziska skeptisch.
"Aber ja. Aber ja", meinte John.
Die ältere Frau, gegenüber hatte das Gespräch gehört und sagte: „Ein Kind ist immer ein Segen! Und ich mag Kinder! Ich habe drei erwachsene Kinder. Warum sollten Großeltern sich nicht freuen?"
"Natürlich“, sagte John. "Meine Eltern sind immer offen. Wollten schon immer Enkelkinder. Franziska muss meine Eltern erst einmal richtig kennenlernen. Sie sind sehr nett."
"So nett scheinen sie aber nicht zu sein. Du hattest lange Zeit keinen Kontakt zu ihnen, wie ich von Dir gehört habe...", bemerkte Franziska etwas spitz.
John unterbrach sie: "Es gibt immer Höhen und Tiefen. Auch mit den Eltern".
"Klar, gibt es immer mal Konflikte. Man muss verzeihen können" mischte sich die alte Frau weiter ein.
"Stimmt", sagte John. "Und in der Corona-Krise werden die Probleme oft schlimmer."
"Ja, leider. Wegen Corona musste ich meistens zu Hause bleiben. Weil ich eine Vorerkrankung habe", sagte die alte Frau. "Die Corona-Zeit ist ja auch eine schreckliche Zeit", meinte Franziska.
"Ja. Stimmt."
"Wart ihr im Lockdown auch die meiste Zeit zu Haus?", fragte die alte Frau.
"Ja, waren wir", sagte Franziska.
"Ja. Ich auch. Ich konnte wegen Corona meine Söhne im Lockdown nur ganz selten sehen. Denn ich wohne in Berlin. Zwei Söhne in Frankfurt und ein Sohn in Bayern. Da sieht man sich nicht so oft."
"Das kann ich verstehen", sagte Franziska.
Da John nicht zu viel von sich preisgeben wollte, zog er sich bei diesem Gespräch immer mehr zurück.
"Ein Kind bringt viele Veränderungen in die Beziehungen. Viele Freude. Aber... auch viel Arbeit. Besonders in der Corona-Krise sind Eltern gefordert. Ich weiß das von meinen beiden Söhnen Sören und Ullrich. Die haben auch in der Corona-Krise Babys bekommen", erzählte die ältere Frau.
"Wie alt sind sie?", fragte Franziska.
"Sören hat letztes Jahr eine Tochter bekommen. Und Ullrich, mein anderer Sohn einen Sohn. Aber in der Corona-Krise ist das so schwer, wenn alle Geschäfte geschlossen haben. Was aus den Kindern später wird... Viele werden wohl corona-geschädigt werden."
"Das stimmt", sagte John. Mehr sagte er jedoch nicht.
"Corona ist für diejenigen besonders schwer, die krank sind. Ich war auch krank und war auch im Krankenhaus letztes Jahr. Das war dann sehr schwer für mich", sagte die alte Frau.
"Das kann ich nachvollziehen", sagte Franziska.
"Wie das alles wird... Ihr seid ja noch jung. Ich bin nicht so gesund", erzählte die alte Frau. Dann stand sie auf. "Ich muss leider auf Toilette gehen. Könnt ihr so nett sein und auf meinen Koffer aufpassen? Ich bin gleich zurück."
"Ja. Machen wir", sagte John. Dann ging die Frau nach links den Gang entlang Richtung Toilette. Johns Blick fiel auf ihren Sitzplatz. Er bemerkte, dass sie ihr Portemonnaie liegen gelassen hatte. Es war ziemlich prall gefüllt. John schätzte, dass vielleicht einige hundert Euro darin sein könnten, und es begann in ihm zu arbeiten. Schweiß sammelte sich auf seiner Stirn. Er war hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, das Rechte zu tun, also das Portemonnaie nicht zu nehmen und dem Drang, das Portemonnaie zu klauen und Unrecht zu tun. „Soll ich zugreifen? Soll ich zugreifen? Soll ich zugreifen? Oder soll ich das nicht? Soll ich das nicht?“, schallte es in seinem momentan verwirrten Kopf. Er rang mit sich selbst und immer mehr Schweißperlen sammelten sich auf seiner Stirn.
"Ist alles in Ordnung?", fragte Franziska. "Willst Du das Portemonnaie nehmen?"
"Ich bin korrekt. Was denkst Du von mir", entgegnete John.
"Ich dachte nur..."
"Was denkst Du von mir? Ich werde Familienvater... Ich muss ein Vorbild sein", sagte er.
"Wirklich? Früher hast Du aber geklaut..."
"Nein. Früher machte ich einige Sachen, auf die ich nicht stolz bin. Heute habe ich mich geändert. Du hast aus mir einen besseren Menschen gemacht. Ich liebe Dich!", sagte John und beruhigte sich allmählich.
"Es ist schön, das zu hören", sagte Franziska. "Das ist wirklich schön. Nur die Sache mit dem Test und dass Du mir misstraust gefällt mit nicht. Aber ich mache den DNA-Test für Dich."
"Das soll ja nicht zwischen uns stehen. Wenn Du willst, brauchst Du den Test nicht machen. Unsere Beziehung ist Hauptsache. Ich vertrau Dir", sagte John.
"Hoffentlich. Denn das Kind ist wirklich von Dir", versicherte ihm Franziska nachdrücklich.
Schließlich kam die ältere Frau wieder. Sie ging zu ihrem Platz und sah, dass ihr Koffer noch da war und dass sie ihr Portemonnaie auf dem Sitzplatz liegengelassen hatte.
"Hier bin ich wieder. Ich sehe... ich hab´ mein Portemonnaie liegen gelassen. Da war ich aber unvorsichtig", sagte die ältere Frau.
"Sie müssen nächstes Mal besser aufpassen", riet ihr John.
"Ich bin ja so froh, dass mein Portemonnaie noch da ist. Auch mein Koffer und mein Mantel sind noch da. Ich bedanke mich, dass Sie so toll darauf aufgepasst haben", sagte die alte Frau.
"Das tun wir doch gerne", sagte John und lächelte. Er wusste nicht, wieviel Geld in dem Portemonnaie war. Es war ihm schwer gefallen, nicht zuzugreifen. Aber auf der anderen Seite wusste er: Noch so ein Ding und er wäre dran! Er wusste, dass das, was er in der Vergangenheit getan hatte, längst nicht ausgestanden war. Irgendwann würde – wenn es dumm laufen würde – alles hochkommen! Darum trug er lieber eine tief ins Gesicht gezogene Schiebermütze. Oder eine Sonnenbrille mit leicht verdunkelten Gläsern. Denn er hatte viele Raubdelikte begangen, als er noch auf der Straße lebte und vermutlich hatte die Polizei noch ein Überwachungskameravideo von ihm, als er den Mann namens Anton in der Nacht vom 15. und 16. Dezember 2020 aus der Bahn geschmissen hatte. Und da war die tödliche Messerattacke am 15. Dezember 2020 im Hamburger Hauptbahnhof, bei der ein Mann ums Leben gekommen war. Das geschah, als er ihm das Geld rauben wollte. Nur im letzten Moment gelang ihm die Flucht nach Berlin. Aber er wusste: Die Polizei würde weiter ermitteln! (Weitere Informationen - auch was die Polizeiermittlungen anbelangte - hatte er vor einiger Zeit aus den Nachrichten erfahren.) Was aus seinem Freund Torsten Siebert wurde, wusste er nicht. Als John daran dachte, schwitzte er noch mehr. Und er war froh, dass Franziska von all dem nichts wusste. Er würde sie sofort verlieren! Und vermutlich würden sich auch seine Eltern und sein Bruder Hartmut von ihm distanzieren, wenn das alles rauskommen würde. „Nein, ich darf nicht daran denken, ich darf nicht daran denken, ich darf nicht daran denken“, schwirrte es in seinem Kopf herum.
"Ich bin ja so froh, dass es noch ehrliche Menschen gibt", sagte die ältere Frau. John berührte das unangenehm. Denn so ein Lob hatte er nicht verdient. Er kam sich plötzlich schlecht vor und wurde rot im Gesicht. Doch die Frau machte weiter.
"Ich habe selten solch ehrliche Menschen getroffen in der Corona-Zeit", sagte sie. Obwohl das gut gemeint war, war dies grausam. Denn obwohl John ein harter Mensch war, hatte er auf einmal diese starke Empfindung, nichts wert zu sein. Und er konnte nicht einmal die Gefühle mit Worten definieren.
"Selbstverständlich passen wir auf Ihre Sachen auf", sagte Franziska.
"Auf jeden Fall", sagte John.
"Ich bin ja nicht ganz gesund. Ich hatte einen Schlaganfall gehabt. Deshalb war ich im Krankenhaus“, erzählte die ältere Frau.
"Das tut mir leid", sagte Franziska.
Sie unterhielten sich über ihre Krankheit. Über Corona. Über die Corona-Politik. Dann rollte der Zug in Berlin Hauptbahnhof ein.
"Wir sind da. Müssen Sie auch jetzt aussteigen?", fragte Franziska die alte Frau.
"Nächste Station. Berlin Spandau", sagte sie.
"Gut. Dann wünsche ich Ihnen alles Gute!", sagte Franziska.
"Ich Ihnen auch."
Wenig später hielt der Zug. Nachdem sie sich von der älteren Frau verabschiedet hatten, griffen sie sich schnell ihre Koffer. Einen Koffer trug John, den anderen trug Franziska. Dann verließen sie den Zug. Der Bahnsteig war fast leer. Sie fuhren mehrere Rolltreppen rauf, um zur S-Bahn zu kommen. Dann nahmen die Bahn S9 Richtung Alexanderplatz. Dort stiegen sie um in die U8 Richtung Neukölln. Als John und Franziska in der U-Bahn mit ihren Masken im Gesicht auf ihrer Sitzbank saßen, schrieb John eine WhatsApp-Nachricht an seine Eltern: „Wir sind gleich da. Holt uns bitte am Bahnhof Hermannplatz ab. 14 Uhr.“ Wenig später saßen sie wieder ruhig auf der Sitzbank nebeneinander.
"Holen Sie uns ab?", fragte Franziska.
"Ja. Bestimmt. Hermannplatz. Das ist der Norden des Berliner Bezirks Neukölln. Du bist schwanger und musst Dich schonen", sagte John.
"Wie lange wollen wir in Berlin bleiben?", fragte Franziska.
"Keine Ahnung. Mindestens eine Woche. Für ein paar Tage lohnt es sich nicht."
"Ja."
Als sie den Bahnhof Hermannplatz (Neukölln) erreicht hatten, stiegen sie aus und fuhren mit der Rolltreppe hoch, um zum Ausgang zu gelangen. Als sie den Ausgang erreichten, lief ihnen eine grauhaarige, dicke Frau mit Maske im Gesicht auf sie zu. Es war Johns Mutter, Irene Peters. Eine faltige, pummelige Frau mit einigen Warzen im Gesicht von ungefähr 75 Jahren aus einfachen Verhältnissen, so vermutete Franziska, als sie sie das erste Mal sah.
"Mein Junge! Mein Junge!", schrie die alte Frau und umarmte John, "Ich bin ja so froh, Dich zu sehen. Wie geht es Dir?"
"Hallo, Mutter. Gut", sagte John nur kurz und knapp. Dann befreite sich John aus der Umarmung und die alte Frau reichte Franziska die Hand.
"Hallo. Ich bin Irene, Johns Mutter. Nenn mich einfach Irene. Mein Mann heißt Klaus. Und der sitzt zu Hause“, sagte sie kühl.
"Ich bin Franziska", stellte sie sich kurz vor.
"Kommt", sagte Mutter Irene. Dann ging sie durch Ausgang nach draußen. John und Franziska folgten ihr mit den Koffern.
"Ich würde Euch gerne einen Koffer abnehmen. Aber ich hab´s mit dem Rücken."
"Nein, schon gut, Mutter, wir machen das schon. Die Koffer haben auch kleine Rollen. Das macht das Tragen leichter", sagte John.
"Ich bin ja so froh, dass ihr da seid", wiederholte Irene noch einmal. "Mein Wagen ist da drüben." Dann gingen sie über den Hermannplatz nach links. Sie legten noch eine ganze Strecke zu Fuß zurück was mit zwei Koffern beschwerlich war. Dann erreichten sie die Karl-Marx-Straße und bogen wieder nach links ab und kamen schließlich zu Irenes Wagen – ein billiger, gebrauchter Ford, der an der linken Straßenseite in der Nähe eines Dönerladens parkte.
"Wir müssen erst einmal die Koffer einladen", sagte Mutter Irene und öffnete den Kofferraum. Nachdem die Koffer verstaut waren, fragte sie": Meint ihr, dass ihr gesund seid? Habt ihr immer wegen Corona auf Maske und Abstand geachtet?"
"Aber Mutter. Was denkst Du denn? Corona ist gefährlich. Wir haben immer auf Maske und Abstand geachtet. Du kannst uns vertrauen", sagte John ironisch.
"Dann ist gut. Dann könnt ihr Eure Masken abnehmen. Und hinten einsteigen. Ihr könnt beide hinten Platz nehmen", sagte Mutter. Dann nahmen John und Franziska ihre Masken ab, stiegen hinten im Wagen ein und setzten sich auf die hintere Sitzbank. Mutter setzte sie sich kurz darauf vorne ans Steuer, setzte ihre Maske ab und fuhr los.
"Ich bin ja so froh, dass ihr gekommen seid. Du warst lange nicht da, John."
"Ich hatte viel zu tun."
"Ich hörte, Du warst auf der Straße. Dein Vater hatte Dir Arbeit angeboten. Aber Du hattest das nicht angenommen. Du machst ja nie, was wir Dir sagen", sagte Mutter. "Aber was soll´s. Du bist alt genug. Machst doch, was Du willst."
"Mutter. Darüber möchte ich nicht reden", wehrte John ab.
"Ich bin aber froh, dass Du da bist, John. Und es freut mich auch, Dich kennenzulernen, Franziska", sagte Mutter Irene.
"Das freut mich auch."
Sie fuhren eine Weile, bis sie in der Konrad-Straße ankamen.
"Wir sind da", sagte Mutter.
Mutter Irene parkte ein, sie stiegen aus und einige Herzschläge später öffnete Mutter Irene den Kofferraum und John und Franziska luden ihre Koffer aus. Dann nahmen die beiden ihre Koffer und Mutter führte sie zu einem gelben Mietshaus. Sie liefen bis zur dritten Etage die Treppen rauf und erreichten schliesslich die Eltern-Wohnung. Dann schloss Mutter mit ihrem Schlüssel ihre einfach eingerichtete, kleine Wohnung auf und alle traten ein. Der Vater kam sofort auf sie zu und umarmte John: "Ich bin froh, dass Du da bist. Wie geht Dir? Ich habe gehört, dass Du schlimme Phasen durchgemacht hast!"
"Es geht mir gut, Vater", sagte John etwas kühl.
Dann begrüßte der Vater Franziska, indem er ihr die Hand reichte.
"Ich bin Klaus. Ich grüße Dich. Du bist herzlich Willkommen."
"Ich grüße Euch auch. Danke. Vielen Dank", sagte Franziska.
"Irene hat Essen im Wohnzimmer für Euch vorbereitet", sagte Vater Klaus.
"Danke. Vielen Dank für die Einladung."
Mutter zeigte auf einen Raum gegenüber dem Wohnzimmer.
"Fühlt Euch wie zu Hause. Ihr könnt da drüben im Gästezimmer schlafen. Da ist ein großes aufklappbares Bett", sagte Mutter.
"Ja."
"Dann essen wir. Ich habe den Tisch gedeckt. Extra für Euch. Obwohl wir nicht viel besitzen, haben wir sogar zwei silberne Teelöffel für Euch neben die Tassen gelegt", sagte Mutter Irene.
"Ich bin gespannt. Und Franziska sicher auch", sagte John.
Dann ging Mutter in das Wohnzimmer. John, Franziska und Vater folgten ihr zu einem gedeckten Tisch mit einer großen Couch und einem Sessel. Mutter hatte Schinkenbrote und Käsebrote gemacht und alles auf den kleinen Tisch an der Couch gestellt. Auf dem Tisch standen Gläser, eine Flasche Orangensaft, eine Cola, mehrere Flaschen Berliner Weiße grün und rot und auch Hagebuttentee...
"Der Tisch ist reichlich gedeckt. Danke", freute sich Franziska.
"Auch Bier ist da. Danke, Mutter. Der Abend ist gerettet", sagte John.
"Danke. Sehr lecker", sagte Franziska.
"Dann setzt Euch. Lasst uns Essen und Trinken", bat John.
Franziska und John setzten sich auf die Couch. Vater setzte sich in den Sessel und schaltete mit der Fernbedienung einen James-Bond-Film ein. Mutter setzte sich auf einen Stuhl, der an dem kleinen Wohnzimmertisch stand. Dann aßen sie. John öffnete eine Flasche Berliner Weiße grün und schenkte Franziska ein. "Wenn Bier da ist und ein Blow-Job am Abend, dann ist der Abend gerettet", rief ihr John lachend zu. Franziska verzog das Gesicht.
"Ich finde das nicht witzig, John. Ich finde es einfach ehrlich gesagt bescheuert", meckerte sie.
"Das ist nur ein Witz", sagte John.
"Ein geschmackloser Witz", sagte Mutter, "Aber so ist manchmal, unser John."
"Normaler Weise ist er nicht so. Mir gegenüber zeigt er sich immer von einer anderen Seite", sagte Franziska.
"Du musst erst mal hören, was er früher alles angestellt hat", sagte Mutter.
"Ich möchte das nicht auskramen", sagte John.
"Genau. John ist endlich wieder hier. Wir trinken darauf", sagte Vater Klaus. Mutter Irene öffnete eine weitere Flasche Berliner Weiße und schenkte sich und Vater ein. Wenig später prosteten sich alle feierlich zu.
"Ich bin ja so froh, dass Du da bist. Ich habe gehört, dass Du zeitweise auf der Straße gelebt hast. Oder dort gelandet warst. Das sagte mir Hartmut. Als Du so unten warst, hättest Du anrufen sollen. Wir hätten Dir gern geholfen", sagte Mutter.
"Wir hatten Streit gehabt!", erinnerte John sie daran.
"Vater hatte einen Job für Dich. Und Du? Schmeißt hin, fährst einfach weg und lebst in Frankfurt. Ich dachte schon, Du wolltest aus Berlin fliehen... Ich werde das nie verstehen."
"Ihr versteht das sowieso nicht. Und hättet damals nicht geholfen."
"Doch. Immer", versicherte ihm Mutter.
"Egal jetzt. Ich war arbeitslos. Dann war es so gekommen. War einiges dumm gelaufen bei mir."
"Aber Du hättest Dich melden sollen. Wir hatten uns Sorgen gemacht", sagte Mutter.
"Lass doch... Er hatte seine Gründe. Lasst uns nach vorne gucken und sehen wie´s weitergeht. Es hat keinen Sinn, alte Sachen auszugraben und darüber zu streiten. Da waren einige Dinge schiefgelaufen. Aber darüber will ich heute Abend nicht reden. Es würden keine fruchtbaren Gespräche werden. Lasst uns über etwas anderes reden", sagte Vater Klaus. "Da hast Du vielleicht Recht", sagte Mutter Irene. "Ich habe gehört, dass Du schwanger bist, Franziska?".
John wusste, dass das kommen würde.
"Ja. Sicher", sagte Franziska etwas hochmütig.
"Das ist aber eine große Verantwortung", wies Mutter darauf hn.
"Ich weiß. Aber ich werde das schon schaffen", sagte Franziska.
"Ihr werdet das schon schaffen. Ihr beide zusammen", meinte Mutter.
"Das meine ich auch."
Dann guckten sie fern und redeten nur wenig miteinander. Es lief ein James-Bond-Film, der fast zwei Stunden lang war. Danach kam Mutter wieder auf die Schwangerschaft zu sprechen.
"Wollt ihr Euch nicht zum Geburtsvorbereitungskurs anmelden? Da wird vieles einfacher", sagte Mutter.
"Wir werden uns darum kümmern", sagte John.
"Es ist auch hilfreich, wenn Ihr Euch schon jetzt Broschüren über Kindererziehung und den Schwangerschaftsverlauf kauft, auch Babynahrung und Babykleidung, Trinkflaschen, eine Kinderkrippe, Kinderliederbücher...", riet Ihnen Mutter Irene.
"Mutter. Weiß ich. Wir kümmern uns darum. "
"Ich bin ja so froh, dass ihr da seid", sagte Mutter Irene noch einmal.
Dann aßen und tranken sie eine Zeitlang weiter. John blickte Franziska an. Sie wirkte etwas blass und müde. John stand kurzerhand auf und sagte: "Ich denke, es ist besser, wenn wir jetzt schlafen gehen."
"Ich bin auch sehr müde", sagte Franziska.
"Ja. Das ist dann besser. Dann geht mal schlafen. Die Reise war anstrengend genug. Habt ihr Nachtzeug und Zahnbürste mitgenommen?", fragte Mutter Irene.
"Wir haben alles dabei."
"Gut."
"Mutter. Dann sage ich gute Nacht. Wir gehen jetzt schlafen", sagte John. "
"Gute Nacht", sagte auch Franziska.
"Gute Nacht. Ihr könnt im Gästezimmer schlafen. Bett ist vorbereitet", sagte Mutter.
"Danke", sagte John.
Als sie das Gästezimmer betraten, sahen sie auf das frisch gemachte Bett und dass Mutter Seife und zwei Handtücher auf den linken Nachttisch hingelegt hatte.
"Sie hat an alles gedacht. Wie ist Mutter in Deinen Augen so?", fragte John. Er war sich nicht sicher, was Franziska antworten würde.
"Nett. Naja. Dein Vater auch. Sie stellen viele Fragen", sagte Franziska.
"Eltern sind neugierig. Das ist so. Sie haben aber alles schön vorbereitet, extra Essen für Dich gemacht."
"Das schon....aber...Meinst Du, dass Deine Eltern mich mögen?", fragte Franziska.
"Aber ja. Natürlich. Warum fragst Du?", fragte John.
"Sie wirken mir gegenüber misstrauisch. Du hast Ihnen doch bestimmt was über mich erzählt."
"Nein."
"Jetzt bist Du nicht ehrlich. Als wir neulich Streit hatten, warst Du rausgelaufen und hast mit jemanden telefoniert", sagte Franziska.
"Ja. Mit Mutter. Ich wollte Bescheid sagen, dass ich kommen werde", sagte John.
"Wusste ich´s doch! Ohne, das mit mir abgesprochen zu haben!", bemerkte Franziska.
"Franziska. Hör auf. Es ist alles in Ordnung. Ich rief an, weil ich Geld brauchte."
"Du hattest gestern mit Mutter über Geld gesprochen. Und dann nach dem Streit plötzlich auch?", fragte Franziska misstrauisch nach.
"Franziska. Was soll das Gespräch? Ich brauchte nur Rat, weil wir Nachwuchs bekommen. Ich wollte wissen, wo es Kinderklamotten gibt, wo es einen Kinderwagen gibt. Ich wollte nichts falsch machen. Ich war überzeugt, dass Mutter uns helfen konnte. Darin ist nichts verkehrt", sagte er mit heiserer Stimme.
"Ich bin überzeugt, dass Du mehr erzählt hast."
"Nein."
John und Franziska zogen sich aus. Franziska holte ihre Pyjamas aus den beiden Koffern. Kurz darauf zogen sich um, schalteten sie das Licht aus und legten sich nebeneinander auf das Bett. John legte wenig später ihre Hand auf die Schenkel unter der Decke und streichelte sie.
"Heute nicht", sagte Franziska.
Abrupt zog er die Hand wieder weg und drehte sich auf die Seite: "Wieso?"
"Die Reise ist für mich anstrengend. Ich bin schwanger", erklärte Franziska.
"O.K. Dann gute Nacht", sagte John.
"Du bist jetzt sauer?", fragte Franziska.
"Nein. Ich versteh´s."
"Wir machen morgen was."
"O.K. Morgen. Wir können morgen auch am Club "Blue Salon" vorbeigehen. Bei dem Petrick. Vielleicht fühlst Du Dich inspiriert."
"Nein. Ich glaube, das ist momentan nichts für mich."
"Der Club ist wirklich gut."
"Verkehr mit anderen Männern will ich nicht haben. Das ist schon mal klar. Da ich Geld brauche, würde ich im Club höchstens einen Blow-Job machen. Oder einen kleinen Gang-Bang. Mit zwei, drei Männern. Und das nur für Geld", sagte Franziska.
Dass sie es nur für Geld machen würde, nahm John ihr in diesem Moment nicht ab. Er kannte sie. Wusste, was sie mochte. Es gab eben Frauen und auch immer mehr Männer, die mit dem Blue Salon verbunden waren und die das mochten.
"Aber nicht mehr?"
"Nein. Nicht mehr. Ich bin schwanger. Das ist alles nicht mehr so wie früher."
"Das verstehe ich. Ich frage mich nur...Wird Ralph das kapieren? Die ganze Situation?", fragte John. Und er fragte sich, ob Ralph an diesem Tag versucht hatte Franziska zu erreichen.
"Ich glaube nicht. Ralph ist mit egal. Ich werde Mutter, habe Verantwortung. Solche jungen Leute, die den Ernst des Lebens nicht begriffen haben, sind nichts für mich. Ich brauche einen reiferen Mann, der was im Kopf hat. Verantwortung übernehmen kann. Nicht so einen unreifen Mann, der 22 Jahre alt ist und sich auf manchen Gebieten verhält, als sei er 15", sagte Franziska.
"Aber bei Ralph sieht das anders aus. Und er wohnt in Deinem Haus. Wird er akzeptieren, dass er Dich nicht mehr besuchen kann?", fragte John.
"Ich weiß nicht. Er kommt bei mir nicht mehr rein", sagte sie. Und John dachte in diesem Moment": Ralph hat bestimmt versucht sie anzurufen oder ihr eine Nachricht zu schreiben, aber sie hat vermutlich - weil sie auch inzwischen merklich genervt ist von ihm, alle versuchten Anrufe und Nachrichten in ihrem Handy abgeblockt und nur nichts davon erzählt. Oder sie hatte in den letzten Stunden aufgrund der für sie stressigen Berlin-Reise nicht im Handy nachgeschaut." Und er wollte sie - um längere, nervige Diskussionen zu vermeiden - nicht auf das Thema Ralph ansprechen. Ausserdem war er nicht mehr auf Ralph eifersüchtig, weil er Ralph nicht als einen ernstzunehmenden Konkurrenten ansah. Er hoffte nur nicht, dass er der Vater des Kindes war.
"Hattest Du ihn jemals begehrt?", fragte John.
"Nein. Ist zu kurz geraten. Ich war fast nie gekommen hatte, als wir s taten."
"Das dachte ich mir. Dann ist er ja uninteressant", sagte John.
"Schlafen wir."
"Liebst Du mich noch?", fragte John. Und dachte": Hoffentlich zerstören die Diskussionen bezüglich des Schwangerschaftstest nicht langsam unsere Beziehung."
"Ja. Du weisst doch, dass Du mein Liebster bist", sagte Franziska aufrichtig.
"Ja. Ich mag Dich auch, meine Süsse", sagte John.
"Ich Dich auch, mein Süsser. Gute Nacht."
"Gute Nacht."
Dann drehte sie sich zu John um und gab ihm einen Kuss. Und dann wuchs ihre Lust. Wenig später zogen sie ihre Pyjamas aus. Dann kuschelte sich John von der Seite ganz eng an Franziskas Körper und danach waren sie vereint...

Am nächsten Morgen, dem 27. Februar 2021, wachte John im Schlafzimmer in der Wohnung seiner Eltern auf. Er blickte zu Franziska und sah, dass sie sich zur Seite gedreht hatte und noch schlief. Der Sex war gut und ich glaube, die Beziehung kommt wieder in Gang, dachte er. Dann holte er sich Unterwäsche und Strümpfe aus einem der Koffer (in dem Koffer, in dem sich hauptsächlich seine Sachen befanden), griff sich eines der beiden Handtücher, die auf dem linken Nachttisch lagen und verließ das Schlafzimmer. Er wickelte auf dem Flur das Handtuch um die Hüfte und ging ins Badezimmer. Nach dem Duschen rasierte er sich mit einem Gilette-Nassrasierer, den er im Schrank seiner Eltern gefunden hatte und ging danach mit einem Handtuch, das er sich um die Taille gewickelt hatte, zurück ins Schafzimmer, um sich anzuziehen. Während Franziska noch schlief, zog er sich an. Danach ging er auf den Flur, wo er seine Mutter plötzlich traf.
"Guten Morgen, John", sagte sie.
"Guten Morgen", Mutter.
"Ich möchte mit Dir reden."
"Worüber?", fragte John.
"Komm bitte ins Wohnzimmer. Vater ist auch dort. Das Frühstück ist auch fertig", sagte Mutter Irene.
"Ja“, sagte John, "Ich möchte aber auf Franziska warten."
"Wie Du willst."
Mutter führte John ins Wohnzimmer. Vater saß dort auf dem Sofa vor dem gedeckten Frühstückstisch und guckte fern. John grüßte Vater. Und Vater grüsste zurück.
"Guten Morgen", sagte John.
"Guten Morgen, John", sagte Vater Klaus. Dann setzte sich John mit Mutter auf die Couch an den gedeckten Tisch. Es gab dort Brot, Ei, Rührei, Schinken, Käse, Wurst. Dazu Kaffee in einer Kaffeekanne und Orangensaft. Und das dazugehörige Besteck. John griff sich die Kaffeekanne. Als er gerade Kaffee in seine Tasse eingoss, fragte Vater ihn: "Na, wie fühlt man sich als werdender Vater?"
"Gut", antwortete John.
"Und Du bist wirklich sicher, dass das Kind von Dir ist?", fragte Mutter Irene.
"Ja."
"Ich hatte gehört, dass Franziska andere Männer hatte. Das hattest Du selbst gesagt“, sagte Vater.
"Ja. Aber das war früher."
"Nein. Erst kürzlich. Da war dieser Ralph. Was ist mit dem? Der kann ja auch der Vater sein? Oder die anderen Männer."
John schüttelte den Kopf. Obwohl er innerlich sich nicht ganz sicher war.
"Ich glaube nicht", sagte John.
"Du musst einen Vaterschaftstest machen. Und auch die anderen Männer. Daran führt kein Weg vorbei. Du kannst nicht ein fremdes Kind aufziehen und alles bezahlen. Woher willst Du das Geld nehmen?", fragte Vater.
"Wenn Franziska eine ehrliche, gute Frau ist, wird sie das auch verstehen, dass ein Test her muss", sagte Mutter Irene.
"Aber Franziska ist ehrlich. Eine super Frau. Sie hat sich um mich gekümmert, als ich auf der Straße war", erklärte John.
"Bist Du sicher? Auch wenn sie Dir geholfen hatte, kann es möglich sein, dass sie in diesem einen Punkt lügt", sagte Mutter.
"Man muss auf eine Nummer sicher gehen."
"Nein, Mutter."
"Es passiert einfach zu viel, mein lieber Johannes. Du musst das einsehen."
"Mutter - nenn mich John. Wie immer", bat John sie darum.
"Du solltest wissen, mein Junge, dass ein Kind eine ernste Sache ist. Ein Kind macht viel Freunde. Das ist - wie ich Dir schon sagte - Verantwortung. Und kostet Geld", erklärte Mutter.
"Du hast ja gar kein Geld. Wir unterstützen Dich. Aber wie willst Du für ein Kind sorgen, wenn Du gar kein Geld hast und keine Arbeit hast. Das bezahlen wir alles. Aber wir können nicht immer alles zahlen - Wir werden jedenfalls nicht für ein fremdes Kind zahlen", sagte Vater.
"Seid ihr wahnsinnig? Es ist mein Kind. Franziska sagt die Wahrheit. Warum sollte sie lügen?"
"Denk mal nach. Viele Frauen lügen. Wie kann man nur so naiv sein. Du musst einen Vaterschaftstest machen. Das ist das erste", sagte Mutter.
"Jetzt hör auf… Wir können später darüber reden. Franziska schläft nebenan… Wenn sie das hört", klagte John.
"Du hast recht. Iss erst einmal, mein Junge", sagte Mutter.
Dann hörten sie ein Geräusch im Flur. Und dann ein weiteres, das aus dem Bad kam.
"Sie kommt", sagte Mutter leise.
John bekam einen roten Kopf. Ihm war ihr Verhalten gegenüber Franziska unangenehm, obwohl er ihnen in diesem einen Punkt Recht gab: Ein Test musste her. Franziska konnte viel erzählen. Aber nur ein Test konnte hundertprozentige Gewissheit geben, wer der Vater des Kindes in Franziskas Bauch war. Das Problem war nur, das Franziska nahe zu bringen oder verständlich zu machen – ohne dass sie das als Beweis des Misstrauens ansah. John wusste, dass das möglicherweise ihre Beziehung belasten würde. Bis zu dem Gespräch mit den Eltern hatte er Franziska noch geglaubt und wäre auch wenn es hart auf hart käme bereit gewesen, die Vaterschaft einfach anzuerkennen und auf einen Test zu verzichten. Nach der Diskussion mit seinen Eltern kam er auch zu dem Punkt, in dem er einsah, dass es ohne Test nicht mehr ging. Würde er auf den Test verzichten, würden seine Eltern ihn möglicherweise weniger unterstützen. Oder - so befürchtete er - gar nicht mehr.
"Ich gebe Euch recht", sagte John leise. Dann aß er sein Ei. Plötzlich kam Franziska ins Wohnzimmer.
"Guten Morgen", sagte sie.
"Guten Morgen, Schatz" begrüßte John sie kurz, aß sein Ei und tat so, als sei nichts gewesen. Auch Johns Eltern wünschten ihr einen guten Morgen und tranken ihren Kaffee, während der Fernseher lief. Auch sie taten so, als wäre nichts gewesen.
Franziska setzte sich neben John.
"Hast Du gut geschlafen", fragte John.
"Ja. Und Du?", fragte Franziska.
"Auch."
"Es gibt leckeren Käse. Salami. Schinken. Ei."
"Und Kaffee", sagte Mutter. "Ich habe sogar Rührei gekocht. Das magst Du doch bestimmt, Franziska."
"Ja. Gerne."
"Was hälst Du davon, wenn wir heute spazieren gehen? Wir gehen zum Brandenburger Tor, gehen in den Tiergarten. Oder wir fahren nach Grunewald und gehen dort spazieren", schlug John vor.
"Das ist eine gute Idee. Lasst uns zum Brandenburger Tor gehen.", sagte Franziska.
"Dann machen wir das."
"Ihr könnt auch vom Brandenburger Tor mit dem Bike-Taxi - wenn es jetzt welche gibt - zum Alexanderplatz fahren. Oder ihr fährt zum Bahnhof Zoo. Nur als Tipp", sagte Vater.
"Es gibt im Lockdown keine Bike-Taxis."
"Ich glaube wir werden vom Bahnhof Friedrichstrasse zum Brandenburger Tor und zum Tiergarten gehen. Mal sehen", sagte John.
"Das ist gut", sagte Mutter.
"Wir gehen jetzt. Dann bis nachher", sagte John zu seinen Eltern.
"Ich mach nachher für Euch das Abendbrot", schlug Mutter vor.
"Dann bis nachher. "
Dann verließen John und Franziska die Wohnung. Sie gingen aus dem Mietshaus und gingen die Konrad-Straße runter. Da machte John ihr den Vorschlag zu Petrick und seinem Blauen Salon in der Grünen-Buchen-Straße 7 zu gehen.
"Hast Du Lust zum Blauen Salon zu gehen?"
"Ist denn da was los?", fragte Franziska neugierig.
"Mal sehen."
"Das ist bestimmt nichts los", meinte Franziska.
"Mal sehen. Probieren wir s", sagte John.
"Ist das weit?", fragte Franziska.
"Das ist nicht weit."
"Dann gehen wir. Mal sehen was da los ist. Du hast ja so viel davon erzählt", sagte Franziska.
Dann gingen sie einige Zeit durch zwei weitere Straßen. Nach einer Weile erreichten sie die Grüne-Buchen-Straße. Bald sahen sie Petrick mit einer Zigarette im Mund draußen auf dem Fußgängerweg vor seinem Club "Blauen Salon" stehen. Seine Wohnung befand sich oberhalb des Blauen Salons im gleichen Haus. Als er John und Franziska sah, begrüßte er sie, nahm schnell die Zigarette aus dem Mund und setzte sich eine Maske auf. Auch Franziska und John setzten sich ihre Masken auf.
"Hallo. Wie geht s?", fragte er.
"Hallo Alter", sagte John lächelnd und gab ihm kurz die Hand. "Das ist meine Freundin Franziska."
"Angenehm. Ich bin Petrick," stellte er sich höflich vor und gab Franziska die Hand, die sie daraufhin nahm.
"Freut mich Dich kennenzulernen", sagte Franziska.
"Wie geht es denn so. Dein Club Blauer Salon ist zu?", fragte John.
"Ja. Ich musste meinen Club wegen Corona schließen. Zumindest offiziell. Da die Einhaltung der Maskenpflicht sicherlich kontrolliert wird, muss auch ich Maske tragen", erklärte Petrick die Situation.
"Das ist sicher wirtschaftlich sehr hart", sagte John.
"Ja."
"Das heißt, ich und Franziska können hier nichts erleben oder machen?", fragte John.
"Ich mach oben in meiner Wohnung noch ein bisschen was. Heimlich", erzählte Petrick.
"Was denn?"
"Ich organisiere Dates. Für Singles. Ich nehm´ dafür Geld. Aber alles nicht offiziell. Und auch nur zwei Personen aus zwei verschiedenen Haushalten dürfen sich in einer Wohnung aufhalten."
"Interessant. Nur... Was kannst Du uns bieten? Der Blaue Salon hat ja zu."
"Ich kann Euch Partnertausch anbieten. Heute in meiner Wohnung. Nur zwei Personen...Ich kann Dir eine Partnerin besorgen für eine Nummer. Und ich kann für Franziska einen Lover für gewisse Stunden besorgen. Ist doch ein gutes Angebot. "
John überlegte. Er wusste, dass es für ihn und Franziska nichts besseres in der Coronakrise geben würde. Jedenfalls nicht in seinem Umfeld. Er wollte fast schon das Angebot annehmen (auch aus Liebe zu Franziska, um ihr Abwechslung zu bieten). Doch Franziska wollte in diesem Moment nicht.
"Nein", sagte Franziska. "Für mich ist das nichts mehr. Ich bin schwanger und habe ganz andere Probleme."
"O.k. Dann hat sich das erledigt", sagte John.

"Schade. Ihr hättet Euren Spass gehabt." "Ja. Schade. Momentan ist das bei uns schwierig."
"Verstehe. Ihr könnt gerne später wiederkommen, mich besuchen, und wir trinken wir einen Drink zusammen", bot Petrick an.
"Das können wir sicher einrichten. Ich denke mal wir, fahren los. Ich melde mich später. Alles Gute."
"Tschüss, alles Gute. Und kommt auf jeden Fall vorbei", sagte Petrick.
"O.k."
Nachdem sie sich von Petrick verabschiedet hatten, gingen sie weiter die Grüne Buchen-Straße entlang.
"Das mit Petrick in seiner Wohnung ist nichts für mich. Vielleicht später Mal. Jetzt habe ich keine Lust mehr darauf", sagte Franziska.
"Dann eben nicht. Kein Problem...Er ist ein früherer Freund von mir", sagte John.
"Ja."
"Er hat auch zu kämpfen in der Corona-Krise."
Plötzlich wurde Franziska schlecht und sie blieb stehen. Auch John blieb kurz stehen.
"Ich glaube ich muss kotzen", sagte Franziska. Dann kam es stinkend und explosionsartig aus ihrem Mund raus. Sie spuckte alles auf dem Gehweg. John blickte sich um. Da war niemand, der das sah.
"Geht es Dir jetzt besser?", fragte John.
"Ja. Es geht", antwortete Franziska. "Wollen wir zurück nach Hause gehen und legst Dich ins Bett?"
"Nein. Es geht schon."
"Wirklich?", fragte John.
"Ja. Das ist Übelkeit wegen der Schwangerschaft", meinte Franziska.
"Ich weiß. Ich hoffe, es geht Dir wirklich besser."
"Das geht schon. Ich muss ja mal rausgehen. Ich habe gehört, dass man sich während der Schwangerschaft erholen sollte. Aber im Lockdown auch mal ab und rausgehen sollte."
"Wie Du willst."
Dann gingen sie die Straße weiter hoch. Und gingen noch zwei Straßen weiter. Plötzlich kam ein Taxi auf der Straße auf sie zugefahren.
"Da ist ein Taxi. Das nehmen wir", sagte John und winkte dem Taxifahrer zu. Das Taxi hielt kurz darauf neben John und Franziska und der Taxifahrer kurbelte das Fenster runter.
"Wo wollen Sie hin?", fragte der Taxifahrer.
"Zur S-Bahn-Station Hermannplatz."
"O.K.", sagte der Taxifahrer, "Steigen Sie ein."
Franziska und John gingen dann zum Taxi, John öffnete die hintere Wagentür und sie stiegen danach hinten ein. John schloss die Taxitür. Beim Anlassen des Motors sagte der Taxifahrer: "Das ist ja alles Mist mit Corona."
"Ja. So ist es leider", sagte John.
"Wird Mal Zeit, dass der Lockdown vorbei ist."
"Ich hoffe es."
"Aber...Ich glaube es geht noch lange so weiter. Corona ist noch lange nicht vorbei," sagte der Taxifahrer und fuhr los. Sie fuhren eine Weile und unterhielten sich etwas. John redete wenig, erzählte nichts von sich und ließ meistens nur den Taxifahrer reden. Wenig später kamen sie am Bahnhof Hermannsplatz an. Als das Taxi dort am Strassenrand hielt, bezahlte John John die Taxifahrt und dann stiegen sie aus.
"Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag", sagte der Taxifahrer zum Abschied.
"Wünsche ich Ihnen auch", sagte John. Dann gingen hinunter sie hinunter zur U8 und fuhren in Richtung Alexanderplatz. Als sie kurz darauf Bahnhof Alexanderplatz erreichten, stiegen sie in die S9 um und erreichten wenig später den Bahnhof Friedrichstraße. Dort gingen sie zu Fuß zum McDonalds-Restaurant, das sich direkt im Bahnhof Friedrichsstrase befand. Als sie das Restaurant betraten, waren nur zwei Gäste dort, die gerade gingen. John ging dort direkt zum Tresen und kaufte für sich eine Portion mit neun McNuggets, für Franziska einen "Veggie-Burger" und für sie beide zwei Becher Kaffee. Sie verließen kurz darauf mit einem Kaffee in der Hand und der McDonalds-Tüte, die Franziska trug, das McDonalds-Restaurant im Bahnhof und liefen kurz darauf die Friedrichstraße Richtung Straße Unter den Linden runter. Draußen war es kalt. John wusste aus den Nachrichten, dass in diesem Februar dort vor kurzem noch pulvriger Schnee auf dem Boden lag, der inzwischen geschmolzen war.
"Schade, dass die Restaurants geschlossen haben", meinte Franziska.
"Ja. Man kann nur draußen was essen", entgegnete John.
"Trinken wir jetzt den Kaffee. Jetzt ist der noch heiß", riet Franziska.
Sie stellten sich vor einem geschlossenes Schuhgeschäft und tranken dort ihren heißen Kaffee aus. Der wärmte sie. Dann gingen sie mit ihrer McDonalds-Tüte weiter.
"Es ist besser, wenn wir in Richtung Brandenburger Tor gehen. Wir können unser Essen auch auf dem Weg dorthin essen. Zum Beispiel auf einer Bank auf der Promenade der Straße Unter den Linden."
"Ja. Das ist eine gute Idee."
Dann gingen sie die Friedrichstraße weiter entlang und blickten auf die geschlossenen Geschäfte links und rechts der Straße.
"Da werden noch viele Geschäfte pleitegehen", meinte Franziska.
"Sicher. Ich glaube auch nicht, dass wir Corona loswerden. Es ist alles Scheiße in der Corona-Krise heutzutage", sagte John.
Als sie die Straßenkreuzung Friedrichstraße und Straße Unter den Linden erreichten, griff sich John die Packung mit den neun Chicken MC Nuggets und eine Süss-Sauer-Sosse aus der Tüte und begann sie mit der Sosse zu essen. Er konnte nicht warten! Dann gab er die Tüte Franziska und auch sie griff sich ihren Vegetarischen Burger und begann kurz darauf ihn zu essen. Sie gingen - während sie assen - rechts die Straße Unter-den-Linden auf dem Fußweg runter in Richtung Brandenburger Tor. Unterwegs sahen sie nur wenig Menschen.

Wenig später gingen sie auf der Straße Unter den Linden auf einen Imbiss-Kiosk zu. Ernüchtert stellten sie jedoch einen Augenblick später fest, dass dieser geschlossen war. Denn die purpur-roten Sonnenschirme auf den aufgestellten Ständern waren zusammengefaltet und vor dem Imbiss-Kiosk standen zwar Tische und Stühle, auf denen man sich aber dort nicht hinsetzen durfte.
"Jetzt ist hier auch alles zu", sagte Franziska. "Wir hätten gar nicht herkommen sollen."
"Ja. Es ist hier wie ausgestorben", sagte John.
"Und was willen wir hier machen?"
"Ich weiß nicht. Zum Brandenburger Tor gehen. Und saufen. Ich habe noch zwei kleine Whiskyflaschen in meiner Lederjacke. Die trinken wir am Brandenburger Tor. Weil Du schwanger bist, trinkst Du natürlich weniger als ich. Höchstens einen Schluck - mehr nicht", schlug John vor.
"Ich weiss."
Dann blickte John auf die wenigen Menschen auf der Strasse Unter den Linden.
"Auch am Brandenburger Tor wird wahrscheinlich nur wenig los sein", sagte John.
"Hier ist alles dicht. Nichts hat auf. Man kann ja nicht einmal ins Restaurant gehen", maulte Franziska.
"So ist das eben. Es ist überall Lockdown. Wir müssen uns damit abfinden, dass es auf unabsehbare Zeit so bleibt."
"Das wird leider so bleiben. Denn da gibt es noch die gefährlichen Corona-Mutationen."
"Ja. Der Lockdown soll ja auch verlängert werden. Bis Mitte März. Vielleicht nicht länger", sagte John.
"Ich fürchte, wir werden Corona nie mehr los."
"Das kann sein. Mit Corona müssen wir leben."
"Wollen wir uns nicht etwas hinsetzen und was trinken? Auf eine Bank an der Straße?", sagte Franziska und zeigte zu einer Sitzbank an der Straße. John ging zu der Bank, die etwa zehn Meter vom Imbiss-Kiosk entfernt war. Franziska folgte ihm. Doch auf der Bank an der Straße lagen eine Decke, Müll und einige Flaschen. Vermutlich von einem Obdachlosen.
"Ich glaube wir gehen. Ich hab´ keine Lust mich hier irgendwo hinzusetzen. Es ist auch zu kalt", sagte Franziska.
"Ja. Gehen wir weiter", sagte John.
Dann gingen sie weiter. Kurz darauf erblickten sie andere Imbiss-Kioske. Auch die hatten geschlossen. Fast alles hatte geschlossen: Die Restaurants, die Cafés, auch die Souvenirläden...Zwar wussten sie von den Corona-Nachrichten, dass im Lockdown alles geschlossen sein würde. Aber so richtig verinnerlicht oder vorstellen konnten sie sich das in der Stadt Berlin nicht. Sie waren bestürzt, als sie die geschlossenen Cafes, Restaurants und Geschäfte sahen und und vieles erschien ihnen unwirklich.
"Hier ist wirklich nichts los", sagte Franziska,
"Nein", antwortete John.
Dann erreichten sie den Pariser Platz am Brandenburger Tor. Dort waren nur wenige Menschen, die man mit den Fingern abzählen konnte. Meistens Touristen, die einige Fotos vom Brandenburger Tor machten. Einige wenige Radfahrer und eine Frau, die mit ihrem Hund spazieren ging.

"Hast Du eine Idee, was wir hier machen wollen? Hier ist nichts los. Alle Geschäfte haben zu. Wenn ich das gewusst hätte...", sagte Franziska enttäuscht.
"Wir können einige Fotos machen. Mehr können wir nicht machen. Oder spazieren gehen. Wir müssen das Beste daraus machen“, sagte John.
Dann holte er das Handy aus der Tasche und machte einige Fotos von Franziska und dem Brandenburger Tor. Auch Franziska hielt ihr Handy auf das Brandenburger Tor, drückte auf den Auslöser und machte einige Fotos von John und dem Brandenburger Tor. Dann holte John eine Whiskyflasche aus der Tasche und gab sie Franziska.
"Hier. Trink. Aber nur einen kleinen Schluck", sagte John.
Franziska nahm die Whiskyflasche und trank daraus einen Schluck. Dann gab sie John die Flasche zurück.
"Ich bin ja keine Säuferin."
"Aber ein kleiner Schluck tut gut. Das hebt die Stimmung", sagte John. Dann nahm er ebenfalls einen Schluck aus der Flasche.
"Das tut gut. Gehen wir weiter", sagte er. Dann gingen sie an den Säulen vorbei durch das Brandenburger Tor und erreichten den Platz des 18. März.
"Was wollen wir machen?", fragte Franziska.
"Es hat alles geschlossen. Ich denke, wir machen einen Spaziergang zum Potsdamer Platz. Wenn Du dort kein Bock mehr hast zu laufen, können wir die U2 zum Alexanderplatz nehmen, dort umsteigen in die U8 und zum Hermannplatz fahren. Oder wir nehmen uns ein Taxi zum Hermannplatz, das ist zehn Minuten Fahrtzeit und kostet 15 Euro", sagte John.
"Das können wir machen."
Dann gingen sie über die Ebertstraße. Und danach gingen sie auf die linke Fußweg-Seite der Straße des 17. Juni. Dort hingen sie eine Weile spazieren und unterhielten sich.
"Ein Spaziergang tut gut", sagte John.
"Ja. Wir müssen mal raus. Wir können nicht nur drin bei Deinen Eltern sitzen."
"Da hast Du sicher keine Lust zu?"
"Nein."
"Dann wärst Du lieber in Frankfurt?"
"Naja. Was erwartest Du? Ich arbeite, lebe in Frankfurt und habe dort meine Freunde. In Berlin habe ich nichts. Kenne dort keine Leute", sagte Franziska.
"Aber ich. Und durch mich würdest Du auch Leute kennenlernen", meinte John.
"Du spielst mit dem Gedanken wirklich nach Berlin zu gehen?"
"Mal sehen. Vielleicht. Hängt von der Arbeit ab. Nur wenn Du mitkommst."
Dann kamen sie auf den Bremer Weg. Dann wenig später zum Tiergartengewässer. Eine Weile später schossen sie am Venusbassin und im Steppengarten einige Handyfotos. Und am Beethoven-Haydn-Mozart-Denkmal. Dann gingen sie die Bellevuestraße entlang in Richtung Tunnel Tiergarten. Wenig später erreichten sie das Sony-Haus am Kemperplatz und kamen wieder wenig später auf den Henrietten-Herz-Platz. John blickte auf die futuristisch wirkenden Häuser. Auch hier war niemand draußen zu sehen. Dann gingen sie die Bellevuestraße entlang und erreichten kurz darauf den S- und U-Bahnhof.
"Da drüben ist das Filmmuseum. Wenn Du dort hingehen willst. Ist aber geschlossen, wir können nur von Außen gucken", meinte John.
"Ja. Dann gehen wir dorthin." Kurz darauf gingen sie die Potsdamer Straße runter und erreichten die Kinematik und das Museum des Deutschen Films. Als sie dort am Fenster des Filmmuseums standen, sahen sie die alten Plakate und alten Fotos bekannter Film-Klassiker.
"Manche alte Filme sind echt cool", sagte John.
"Ja. Schade, dass wir nicht reingehen können", sagte Franziska.
"Ja. Wollen wir noch zur Gemäldegalerie oder willst Du nach Hause?", fragte John.
"Ich weiß nicht. Ist das weit?", fragte Franziska.
"Nein. Gehen wir in die Richtung. Mal sehen."
Dann gingen sie weiter die Potsdamer Straße runter und unterhielten sich.
"Eine Zeitlang wolltest Du ja gar nicht nach Berlin. Da hatte ich das Gefühl, dass Du einfach abtauchen wolltest."
"Ja. Ich wollte einfach nicht weg", sagte John.
"Deine Eltern hätten Dir einen Job besorgt. Und das lehntest Du damals ab?", fragte Franziska.
"Ich wollte damals nicht in Berlin leben. Es wurde mir einfach alles zu viel. Mein Chef der Gartenfirma starb an Covid-19. Und da drehte ich einfach etwas durch. Landete auf der Straße. So war s."
"Und dann wohntest Du bei mir."
"Ja. So war s. Weil Du mir wichtig bist. Du bist alles, was ich hab´."
"Ich brauche Dich auch. Ich versteh nur nicht ganz Deine Vergangenheit."
"Frag nicht nach meiner "Vergangenheit. Da ist einiges blöd gelaufen. Besser ist es, wenn Du nicht fragst. Und auch nicht darüber redest. Das Wichtigste habe ich Dir schon erzählt", sagte John.
"Erzählst Du mir wirklich alles?", fragte Franziska.
"Ich habe nicht viel zu erzählen. Das was wichtig für mich ist, weißt Du: Dass ich Dich liebe. Und brauche. Ich hatte noch nie so eine Frau getroffen wie Du. Es ist ein Unterschied ob man sich nur einen lutschen lässt und das war's oder ob man richtig fest mit -jemanden zusammen ist, den man liebt. Und von dem man auch geliebt wird", erklärte John.
"Das freut mich zu hören.“
"Und wie soll es für uns weitergehen?"
"Weitergehen? Ich werde mir Arbeit suchen. Als Gärtner. Notfalls in Berlin. Oder in Frankfurt. Dann kümmern wir uns um das Kind."
"Ich habe trotzdem noch einige Fragen. Was haben Deine Eltern heute Morgen zu Dir gesagt?", fragte Franziska.
"Heute Morgen zu mir gesagt? Sie haben nichts weiter gesagt", log John.
"Sie zweifeln, dass Du der Vater bist."
"Franziska. Ich möchte nicht darüber reden."
Sie erreichten die Straßenkreuzung und gingen den Fußweg an der Sigismundstraße runter. John zeigte auf die Neue Nationalgalerie.
"Da vorne ist die die Neue Nationalgalerie.“
"Aber da gehen wir nicht mehr hin. Ich will nach Hause. Wir waren lange genug spazieren gegangen. Das ist mir zu anstrengend. Ich bin schwanger" erinnerte Franziska ihn.
"Ich weiß. Gehen wir jetzt", sagte John.
Dann klingelte das Telefon.
Franziska holte ihr Handy aus der Tasche und ging ran. Es war Ralph.
"Hallo Ralph. Was willst Du von mir?", fragte Franziska.
"Warum meldest Du Dich nicht mehr?", fragte Ralph.
Als John Ralphs Stimme hörte, dachte er": Jetzt ruft der Kerl Ralph tatsächlich wieder an - auch während Franziskas Schwangerschaft, den werden wir wohl nie mehr loswerden."
"Ich bin schwanger. Verstehst Du nicht? Ich habe ganz andere Sorgen. Ein Kind bedeutet Verantwortung!", versuchte Franziska ihm zu erklären.
John mischte sich ins Gespräch: "Franziska. Gib mir mal den Hörer."
Dann gab Franziska John den Hörer, der einen Augenblick später ins Handy sprach.
"Hier ist John, Hallo...Du weißt, dass jetzt nichts mehr läuft. Franziska ist schwanger. Sie will keine anderen Männer mehr. Das gilt auch für Dich!", sagte John.
"Aber wir haben uns so gut verstanden.“
"ICH KANN DIR NOCH WAS ANDERES SAGEN. SIE IST SCHWANGER. WAS IST, WENN DU BIST DER VATER BIST? DU HAST JA NIE AUFGEPASST. WENN DU DER VATER BIST, DANN MUSST DU ZAHLEN. ICH WILL SOFORT EINEN VATERSCHAFTSTEST. Ein DNA-TEST VON DIR UND AUCH VON KNUT!"
"Ich der Vater? Aber..." stammelte Ralph.
"DU WIRST DICH DARUM KÜMMERN, SONST KRIEGST DU PROBLEME UND ICH SCHICK DIR EINEN ANWALT AUF DEN HALS! DANN KANNST DU DAS STUDIUM VERGESSEN", schrie John.
Franziska unterbrach sie. "JOHN! JOHN! HÖR AUF! HÖR AUF!"
"KÜMMERE DICH UM DEN TEST VERDAMMT NOCH MAL, DU ARSCHLOCH. SONST PASSIERT EIN GROSSES UNGLÜCK!“, schrie John.
Dann fing Ralph an zu weinen.
"Aber ich... aber ich..."
"ICH LEG AUF. FRANZISKA WIRST DU NIE WIEDER SEHEN. DU HATTEST DIE LETZTEN MALE KEINE KONDOME GENOMMEN. DA BIN ICH MIR SICHER!", schrie John.
"JOHN, BITTE!", schrie Ralph.
Dann beendete John das Telefonat. Dann öffnete er Franziskas Kontaktliste und fing an, sie durchzudrücken. Er sah die die Namen Martin, Daniel, Torsten.
"Was sind das für Namen? Martin, Daniel, Torsten?", fragte John.
"GIB HER", schrie Franziska und John gab ihr das Handy.
"BIST DU VERRÜCKT GEWORDEN? WAS SOLL DAS?", schrie Franziska.
"So. So. Das sind alles Männer, mit denen Du zu tun hattest. Daniel, dieser Torsten!", schrie John. " Na. Die werden mal erfahren, was los ist! Auch dieser Ralph!"
"Aha. SO IST DAS! Du misstraust mir."
"Franziska. So geht es nicht. Du musst einen reinen Tisch machen. Alle Männer anschreiben mit denen Du tun hast. Und dann muss ein ernsteres Gespräch erfolgen. Jeder muss seinen DNA-Test vorlegen und die werden dann mit Deiner DNA verglichen. Und dann ist gut. Ich werde auch einen DNA-TEST machen", sagte John.
"Ach, das hast Du mit Deinen Eltern besprochen? Hinter meinem Rücken", stellte Franziska fest.
"So ist es nicht. Sie hatten nur gesagt, dass ein DNA-Test mehr Klarheit verschafft. Ansonsten ist alles gut."
"Gut? ICH GEHE JETZT. ES REICHT MIR!", schrie sie. Dann lief sie plötzlich von ihm weg.
"Franziska. Bleib hier. Beruhige Dich. So ist das nicht gemeint."
Sie lief zur Straße und blieb dort plötzlich stehen: "Mir ist übel."
John lief sofort zu ihr: "Komm. Gehen wir ganz langsam…"
Sie gingen langsam von der Sigismundstraße zur Potsdamer Straße. Als ein Taxi vorbeifuhr, winkte John dem Taxifahrer zu: „Halt, bitte", schrie er.
Das Taxi fuhr noch einige Meter an ihnen vorbei. Dann hielt es am rechten Straßenrand. John und Franziska liefen sofort zum Taxi, öffneten die hintere Wagentür und stiegen hinten ein.
"In die Konrad-Straße 12 bitte. Neukölln Nord", sagte John.
"O.K.", sagte der Taxifahrer hinter der durchsichtigen Corona-Schutz-Plastik-Trennwand, die die Vordersitze von der hinteren Sitzbank im Inneren des Taxis trennte.
"Das ist meine letzte Tour. Eigentlich wollte ich Schluss machen", erzählte der Taxifahrer.
"Warum?", fragte John.
"Weil es nicht läuft. Ohne Zuschuss vom Amt, könnte ich mit meiner Familie nicht mehr existieren."
"Alles wegen Corona?"
"Ja. Es schließen auch immer mehr Geschäfte. Viele sind pleite."
"Ja. Schlimm", sagte John. Es gibt wohl in dieser Stadt kaum ein Taxifahrer, der nicht jammert in der Coronazeit. Zumindest kommt es mir so vor", dachte John in diesem Augenblick.
"Was kostet die Fahrt?"
"Ich fahre sowieso in die Richtung. Geben Sie mir 15 Euro und dann ist gut. Die Taxi-Uhr lasse ich aus", bot der Taxifahrer an.
"Das ist gut."
Franziska saß blass neben John.
"Geht es Dir besser?", fragte er sie.
"Es geht. Es geht. Ich will wieder nach Frankfurt", maulte sie.
"Machen wir. Wir fahren morgen. "
Der Taxifahrer mischte sich in das Gespräch ein: "Geht es ihr nicht gut?"
"Sie ist schwanger."
"Dann sollte sie sich schonen. Das war bei meiner Frau auch so. Aber ... das geht vorbei. Mein Sohn wurde 2018 geboren. Er wird im Sommer drei Jahre alt", erzählte der Taxifahrer.
"Toll. Herzlichen Glückwunsch", sagte John.
"Es ist gut mal rauszugehen. Aber dann... muss man sich wieder etwas wieder ausruhen. Im wievielten Monat ist sie denn?", fragte der Taxifahrer.
"Das wurde gerade festgestellt", erzählte John kurz und knapp. Er redete auch bei dieser Taxifahrt nicht viel.
"Na dann... Ich wünsche Euch viel Glück. Das wird in der Corona-Zeit nicht leicht sein. Aber im Herbst wird wohl Euer Baby da sein. Wird es ein Junge oder Mädchen?"
"Das wissen wir noch nicht. Das wird sich bei der nächsten Untersuchung herausstellen. "
"Ja. Habe ihr denn schon einen Namen? Babykleidung und Kinderwagen gekauft?", fragte der Taxi-Fahrer neugierig.
"Das kommt jetzt gerade.“
"Dann mal los. Ich hatte damals sofort alles gekauft. Gleich, nachdem ich erfahren hatte, dass ich Vater werden würde. Ach, ich kann nicht beschreiben, was für tolle Gefühle es sind, Vater zu sein. Ich wünsche Euch viel Glück."
"Danke."
Sie fuhren knapp eine halbe Stunde. Weil es wegen Bauarbeiten Umwege gab. Kurze Zeit später kamen sie in der Konrad-Straße 7 an.
John holte sein Portemonnaie aus der Hosentasche und bezahlte die 15 Euro. Dann stiegen er und Franziska aus.
"Ich wünsche Ihnen alles Gute. Bleiben sie gesund", sagte der Taxifahrer noch.
"Sie auch", sagte John. Dann fuhr das Taxi davon.
"Gehen wir", sagte John. Sie gingen dann ins Mietshaus, gingen die Treppen rauf (was für Franziska anstrengend war) und klingelten kurz darauf an der Wohnungstür von Johns Eltern. Die Mutter öffnete mit den Worten: "Wo wart ihr so lange. War der Spaziergang gut?"
"Wir wollen zurück nach Frankfurt reisen. Franziska geht es nicht gut", teilte John ihren Entschluss mit.
"Was? Ihr seid doch gerade erst gekommen!"
"Sie fühlt sich schlecht. Hatte sich übergeben. Es ist wegen der Schwangerschaft. Sie muss nach Frankfurt zurück."
"Was jetzt? Könnt ihr nicht morgen abfahren?"
"Frag nicht, Mutter."
"Wenn Franziska sich nicht gut fühlt und nach Hause muss, dann ist das so", rief Vater aus dem Wohnzimmer.
"Aber sie können doch nicht abreisen. Ich habe schönes Essen gemacht“
"Ja. Schade. "
"Ich hol mal die Koffer“, sagte John und ging ins Schlafzimmer. Dort holte er Franziskas Koffer (dort in dem sich die meisten Sachen von Franziska befanden), ging damit in den Flur und stellte ihn dort ab. Dann ging John ins Schlafzimmer zurück, um dort einige Sachen von ihm, die sich dort befanden, in den zweiten Koffer zu packen und in den Flur zu bringen. Mutter wollte ihm dabei helfen.
"Danke, Mutter. Ich schaff es schon", sagte John.
"Dann halt ich wenigstens die Tür auf. Denn durch den Durchzug geht sie oft zu", bot Mutter an.
"Dann musst Du weniger lüften", sagte John scherzhaft, packte seine restlichen Sachen in den zweiten Koffer, trug auch diesen in den Flur und stellte ihn dort ab. Mutter fing sofort wieder mit dem DNA-Test an.
"Aber ihr müsst alle einen DNA-Test machen. Denkt daran", mahnte Mutter.
John wurde wütend: "Mutter. Es reicht. Ich kann das nicht mehr hören."
"Nicht mehr hören? Ich habe keine Lust, für ein fremdes Kind zu zahlen. Und Du hast kein Geld. Keine Arbeit. Wie soll es werden?", schrie Mutter Irene.
"Franziska will das nicht hören. Sie ist hier Gast", erinnerte er seine Mutter.
Mutter blickte zur Tür. Doch sie konnte sie nicht sehen. "Wo ist Franziska?", fragte sie bestürzt.
John drehte sich ebenfalls zur Tür. Und sah: Franziska war weg. Auch ihr Koffer.
"Franziska? Franziskas?", rief John. Es kam keine Antwort.
"DU HAST SCHULD, MUTTER. Weil Du immer wieder von dem DNA-Test anfängst", schrie John. Er schimpfte, während er sofort die Treppen hinunter nach draußen stürmte. Er lief aus dem Mietshaus nach draussen und blickte auf die leere Strasse. Er blickte nach links. Nach rechts. Und sah, dass Franziska weg war. Zornig und frustriert rannte er kurz darauf wieder zurück in die Wohnung seiner Eltern. Im Wohnzimmer gab es einige Augenblicke später Streit mit Mutter, die auf der Couch saß und auch mit Vater, der im Sessel sass und sich gerade wieder einen James-Bond-Film mit dem Titel "Liebesgrüsse aus Moskau" anguckte. Einen alten Film mit Sean Connery.
"WARUM HABT IHR DAS GETAN? WARUM SEID IHR GEGEN FRANZISKA? WARUM WOLLT IHR MEINE BEZIEHUNG UND KÜNFTIGE FAMILIE ZERSTÖREN? WARUM DARF ICH DENN NIE HABEN WAS ANDERE NORMALER WEISE HABEN? WARUM MUSS ICH IMMER PECH HABEN UND WIE EIN AUSGESTOSSENER LEBEN!?", schrie John.
"Du bist krank. Du bist krank. Wir haben Dich unterstützt und versucht Dir zu helfen. Dir Geld gegeben. Aber Du... hast immer gegen die Vernunft gehandelt", sagte Vater.
"WARUM HABT IHR FRANZISKA MIT DEM DNA-TEST GENERVT!?"
"Weil wir nicht wollten, dass sie Dich -eventuell -verarscht. Kapiert? Du hast kein Geld. Kein Job. Noch nicht mal einen Job, obwohl ich Dir immer gesagt habe: Geh zur Gartenfirma in Berlin und hol Dir endlich den verdammten Job. Mutter hat das auch gesagt! Weil ich den Kontakt zum Chef der Gartenfirma habe. Aber was machst Du? Fährst nach Frankfurt. Macht einige krumme Dinger, von denen Du nichts sagst. Du lebst wie ein Penner auf der Straße, nur weil Du Deinen eigenen Kopf hast. Hast sogar früher zeitweise Drogen genommen. Und warst besoffen. Welche Eltern würden das akzeptieren? Ganz ehrlich John, wenn Du Vater werden willst musst Du Dich sehr, sehr ändern! Sonst geht das in die Hose!", sagte Vater Klaus.
"Ach, so ist das. Ich bin nur einer, der sein Leben nicht auf die Reihe kriegt. Mehr nicht. Dass ich auch etwas Zeichnen kann, interessierte Euch nie. Ihr seht immer nur meine Fehler!", schrie John.
"John. Du bist mein Sohn. Ich will Dir nur helfen. Deine Zeichnungen sind zwar gut. Aber davon leben kann man nicht. Das musst Du einsehen. Außerdem zeichnest du wirre, verrückte Sachen, die finde ich interessant, sind aber nicht jedermanns Geschmack. Ich habe immer Dir gesagt: Such dir einen vernünftigen Job. Und wenn Du erst einmal Arbeit hast, bei einer Gartenfirma, wird alles in Ordnung sein. Dann hast Du ja etwas Geld."
"Dir geht es immer nur ums Geld. Du hast ja auch keine Ahnung vom Zeichnen!", schrie John.
"Das nicht. Ich habe aber immer darauf geachtet, dass ich mein Leben auf die Reihe gekriegt habe!", sagte Vater.
"Auf die Reihe gekriegt? Du hast ja kaum Kontakt zu Deinen Söhnen."
"Ja. Das stimmt. Das hätte besser laufen sollen. Wir waren mit drei Kindern überfordert. Und zugegeben: Wir sind auch nicht perfekt. Niemand ist perfekt", meinte Mutter.
"Es ist aber nicht so einfach Vater zu sein. Das bedeutet Verantwortung", sagte Vater.
"Nun raub ihm nicht die Freude Vater zu werden", ermahnte Mutter den Vater.
"Erst einmal muss festgestellt werden, wer der Vater ist. Wenn Du, sie und die anderen Männer ihre Teste haben und ein DNA-Abgleich erfolgt ist, wird man genau wissen wer der Vater ist. Ich wiederhole mich nur! Und wenn Du der Vater bist, werden wir Dir auch helfen. Auch mit der Kindererziehung. Habe ich mich verständlich ausgedrückt?", schrie Mutter.
"Ja", sagte John. Dann setzte er sich neben Mutter auf die Couch. Vater saß immer noch in seinem Sessel und guckte den James- Bond-Film.
"Die Polizei war vor einigen Tagen hier", sagte Mutter.
"Warum?", fragte John.
"Da war eine Sache am 15. Dezember passiert. Da wurde einer aus der Bahn geschmissen. Sie fragten, wo Du in der Nacht gewesen bist. Ich sagte, dass Du hier warst. Dann waren sie wieder weggegangen. Sie meinten, dass das dann ein Irrtum war", berichtete Mutter.
"Das ist ja gut", meinte John.
"Ich hoffe, Du hast nicht wirklich was mit der Sache zu tun", sagte Vater.
"Nein", log John. "Ich kann mich gar nicht daran erinnern, wo ich war." John schwieg besser.
"Besser wir sagen, dass Du hier warst. Ansonsten sagen wir gar nichts. Und das ist so gut", sagte Vater. "Die hatten sich aber nicht wieder gemeldet. Die suchen wahrscheinlich einen anderen Mann."
"Ja. Vermutlich. Und warum erzählt ihr mir das erst jetzt?", fragte John.
"Wir hielten das nicht für relevant. Du hast ja sowieso nichts damit zu tun. Also war s ein Missverständnis", meinte Vater.
"Eben. Das war wohl ein Krimineller. Davon gibt es in der Coronakrise immer mehr", sagte John.
"Stimmt", sagte Mutter.
Obwohl John so tat, als ob ihn das nicht berührte, beunruhigte ihn diese Sache schon tief in seinem Inneren. Deshalb schwieg er eine ganze Weile während sie den James-Bond-Film anguckten. Und er überlegte und überlegte.... (John kannte solche beunruhigenden Gedanken und Gefühle und wusste, wenn er ein bisschen Whisky trank, wäre das weg, da er jetzt kein Whisky griffbereit hatte und mit dem Whiskytrinken -wenn er einen Whisky griffbereit hätte oder sich schnell einen besorgen würde - seine Eltern nicht verärgern wollte, versuchte er diese Gefühle und beunruhigenden Gedanken zu verdrängen oder beiseitezuschieben. Doch so richtig gelang ihm das nicht.) Und er überlegte und überlegte..Sind sie mir wegen der Sache am 15. und 16. Dezember auf den Fersen?, hämmerte es in seinem Kopf. Erst stehen sie an der Tür bei seinen Eltern und dann sagen sie , dass das ein Irrtum war. Wie war das zu bewerten?, fragte er sich. War es clevere Ermittlungstaktik oder glaubten sie wirklich, dass das ein Irrtum war nachdem sie an der Tür bei seinen Eltern standen? Werden sie wiederkommen und ihn für den Täter halten oder die Sache, nachdem es in ihren Augen eine falsche Spur oder ein Irrtum war, einfach vergessen? (John wusste: wenn sie ihn wirklich für den Täter hielten, würden sie nie locker lassen, ein Täter würde sich nie sicher fühlen können, weil er weiss, dass irgendwann die Polizei - mit ihren heutigen Ermittlungsmethoden wie professionelles Profiling, DNA-Analyse - früher oder später an seine Wohnung anklopfen werden). Was ist mit seinem ehemaligen Freund Torsten Siebert? Das waren alles Fragen, die John beschäftigten und die er versuchte zu verdrängen. Dann beruhigte er sich mit den Gedanken: Vielleicht würde ja alles gut werden, die Bilder Überwachungskamera der Bahn vom 15. Dezember 2020 zeigten John nur unklar während der Auseinandersetzung in der Bahn. Man sah sein Gesicht kaum! Niemand würde ihn erkennen und es gab auch keine klare Spur! Denn alles ging damals ganz blitzschnell. Auch die Messerstecherei am Hamburger Hauptbahnhof. Und von Torsten Siebert, der an ADHS litt und völlig kaputt und oft voller Drogen war und wenn er high war noch nicht mal sich an die Strassennamen in der Nähe seiner Wohnung erinnern konnte, konnte man sowieso wenig erwarten (da John ihm gedroht hatte, falls er irgendwas der Polizei über ihn erzählen sollte, ihn eigenhändig erwürgen würde, ging er davon aus, dass er aus Angst nichts erzählen würde!). Es wird schon alles gutgehen, irgendwann wächst Gras über die Sache und dann ist das vergessen! Man muss positiv sein und nicht das schlimmste annehmen!, so glaubte John. Er hing noch eine Weile diesen und ähnlichen Gedanken nach. Dann sagte Mutter plötzlich "ich gebe Dir was" und riss ihm so aus seinen beunruhigenden Gedanken (was in diesem Augenblick die perfekte Ablenkung war).
"Was ist, Mutter?", fragte John.
Mutter holte plötzlich ihr Portemonnaie aus der Tasche und fingerte einige Scheine heraus.
"Ich gebe Dir 300 Euro für die Reise und zum Leben. Später gebe ich Dir noch etwas. Damit Du in der Corona-Krise überleben kannst", sagte Mutter.
"Danke, Mutter, sehr nett", sagte John und steckte sich das Geld in die Tasche.
"Und das Geld nicht verspielen. Du musst sparen", setzte Mutter hinzu.
Dann schwiegen sie. John dachte an Franziska und schrieb ihr mehrere WhatsApp-Nachrichten.
Sie guckten noch eine Weile fern. Nach einiger Weile stand Mutter von der Couch auf, ging aus dem Wohnzimmer in die Küche und machte für alle drei mehrere Käse und Schinken-Brote. Kurz darauf brachte sie die Brote ins Wohnzimmer, sie setzte sich auf die Couch neben John und sie assen alles auf. Nach einer Weile wurde John müde. Wenig später sagte er daher seinen Eltern "gute Nacht", verliess das Wohnzimmer, zog sich ein Pyjama an und ging ins Bett. In der Nacht konnte er nicht schlafen. Er wälzte sich im Bett hin und her. Er hatte Schweiß auf der Stirn. Und dachte immer wieder an Franziska.
"Franziska. Oh Franziska", sagte er zu sich selbst. Und dachte an die Ereignisse am 15. Dezember und an die Polizei. Irgendwann wurde er so müde, dass er endlich einschlief. Am nächsten Morgen wachte er verkatert auf. Als er aus seinem Bett aufstand, ging er zu seinem Koffer, holte schon gleich aus dem Koffer eine Whiskyflasche hervor und trank mehrere Schlucke daraus. Das würde ihn - so nahm er an - beruhigen und ihn von negativen Gedanke und Sorgen befreien. Zumindest für eine kurze Zeit. Dann zog er sich eilig an, holte sein Handy aus der Hosentasche und schrieb Franziska mehrere Whats-App-Nachrichten, die jedoch unbeantwortet blieben. Kurz darauf ging er ins Wohnzimmer. Vater und Mutter saßen am gedeckten Wohnzimmertisch und frühstückten, als John ins Wohnzimmer kam. Sofort merkten seine Eltern den Alkoholgeruch. Und kurz darauf brach wieder Streit aus. (Später an diesem Tag und in den darauffolgenden Tagen würde ein Unglücksschlag nach dem anderen folgen.)
"Du riechst nach Alkohol. Und gewaschen hast Du Dich auch nicht", grunzte Vater.
"ICH WASCH MICH NORMALERWEISE IMMER. IMMER DUSCHE ICH! JEDEN TAG!", schrie John.
"DAS IST JA NUR EIN TIPP", schrie Vater. "Warum regst Du Dich wieder auf?", fragte Mutter.
"IMMER MÜSST IHR ALLES VERSAUEN! IMMER!", schrie John und setzte sich neben Mutter an dem Frühstückstisch. Er aß jedoch nichts.
"Wir wollten nur, dass Franziska und alle Männer, die sie hatte einen DNA-Test machen. Mehr nicht."
"ABER DAMIT HABT IHR ALLES VERSAUT. FRANZISKA MELDET SICH NICHT MEHR! DIE BEZIEHUNG IST KAPUTT GEGANGEN! IHR HABT ES GESCHAFFT!", schrie John.
"HÖR JETZT ENDLICH AUF! DAS IST JA NICHT ZU ERTRAGEN. WENN DU NUR SCHLECHTE STIMMUNG VERBREITEST, KANNST DU BESSER NACH FRANKFURT ZURÜCKFAHREN", schrie Vater.
Dann stand John auf.
"WENN ICH EUCH NUR STÖRE UND IHR AUCH FRANZISKA NICHT MÖGT, DANN GEH ICH BESSER!", schrie John.
"John. Bitte. Das war nicht so gemeint!", meinte Mutter.
"ICH GEHE. IHR BRAUCHT MIR NICHT MEHR ZU HELFEN. ICH VERSCHWINDE. SAULADEN."
Dann verließ John wütend das Wohnzimmer, ging auf den Flur, griff sich seine Lederjacke, die am Garderobenständer hing und zog sie sich an. Dann nahm er mit der rechten Hand seinen Koffer, der dort stand. Er drehte sich noch kurz auf dem Flur um und schrie "ich komme nicht wieder."
Dann ging er mit dem Koffer aus der Wohnung. Das war das letzte Mal, dass sie ihn sahen.

John ging mit seinem Koffer unruhig durch die Straßen (nicht weit weg von der Karl-Marx-Straße). Als er Franziska mehrfach geschrieben hatte, sie jedoch sich nicht mehr bei ihm gemeldet hatte, beschloss er, zu Petrick zum Blauen Salon in die Grünen-Buchen-Straße 7 zu gehen. Das war zu Fuß gut zu erreichen. Auch mit Koffer. Nach etwa 20 Minuten Fussmarsch erreichte er den Blauen Salon. Dieser war in der Corona-Krise natürlich auch geschlossen. Auch war das in der Dunkelheit leuchtende Schild "Blauer Salon" - so bemerkte John - inzwischen abmontiert worden. Auch am Klingeltableau, das sich auf der rechten Seite in der Nähe der Eingangstür befand, stand inzwischen noch nicht mal der Name "Blauer Salon" und durch das Fenster konnte man von draussen nicht nach drinnen in die Räumlichkeiten schauen, weil die Fenster innen durch ein Rollo verdeckt waren. John blickte näher auf das Klingeltableau rechts an der Tür. Dort stand auf einem kleinen Schild an der Klingel nur der Name Petrick Kramer. John klingelte und wenig später kam ein "Piep-Ton." John wusste in diesem Augenblick: Petrick machte die Haustür auf. Er war in diesem Moment wenigstes für ihn da! John setzte sich die Maske auf und ging mit dem Koffer in der Hand auf den düsteren Flur. Dort lag viel Müll rum, an den Wänden blätterte die Farbe ab. Er lief mit seinem Koffer in der Hand auf die zweite Etage, wo Petrick ihn kurz darauf mit Maske und geöffneter Wohnungstür empfing. "Hallo, John. Wir geht es Dir, altes Haus. Komm rein!", sagte Petrick. Dann ging John mit seinem Koffer in seine Wohnung und ihm fiel sofort auf: In Petricks Wohnung roch es stark nach Zigarettenqualm
"Hallo Petrick, Alder!", sagte John und lachte schief.
"Du kommt mit Koffer? Verreist Du?", fragte Petrick.
"Ich muss nach Frankfurt zu meiner Freundin Franziska."
"Sie ist jetzt wieder nach Berlin gereist? So plötzlich!?", fragte Petrick neugierig. Er ahnte, dass es zwischen ihm und Franziska Probleme gab.
"Ja."
"Komm mit ins Wohnzimmern. Erzähl mir gleich mehr. Die Maske kannst Du abnehmen", sagte Petrick und nahm seine Maske ab. John nahm daraufhin ebenfalls seine Maske ab. Einen Augenblick später führte er John ins Wohnzimmer.
Dort stand Alkohol auf dem Tisch: Bourbon-Whisky, Gin Tonic, Cola, Wodka. Für John ein Traum. Petrick zeigte auf die Couch.
"Setz Dich", sagte Petrick.
"Gerne. Schenk mir´n Bourbon mit Cola ein, Alter", freute sich John.
"Aber gerne doch", sagte Petrick. Er ging einen Augenblick später zum Schrank und holte daraus zwei Gläser und gab John eins in die rechte Hand. Das andere Glas behielt er selbst in der linken Hand. Dann griff er sich mit der rechten Hand die Bourbon-Flasche und schenkte John Bourbon ein. Und dann schenkte er Bourbon in sein eigenes Glas ein. Wenig später hoben sie ihre Gläser. "Auf unser Wohl. Auf das wir die Corona-Krise gut überstehen und zu den Corona-Gewinnern gehören!", sagte Petrick lachend.
"Auf unser Wohl", sagte auch John. Dann stießen sie an, tranken alles aus und stellten die leeren Gläser auf den Tisch. Dann setzten sie sich auf die Couch an den Tisch. Petrick holte eine Zigarette aus der Schachtel, steckte sie sich an und fing an zu rauchen.
"Möchtest Du auch eine?“, fragte er und hielt John eine Zigarette hin.
John nahm sie dankbar an, steckte sie sich in den Mund und bekam danach Feuer von Petrick. Während Petrick ihm Feuer gab, sah sich John Petrick genauer an. Er war so 48. Hatte für sein Alter - so fiel ihm auf - noch eine gute Figur. War aber älter geworden. Und sah älter aus, als er war. Seine schütteren, kurzen, grauen Haare waren nach hinten gekämmt und er hatte für sein Alter zu viele Falten (noch mehr als er), sein Gesicht war leicht grau (was wohl vom Rauchen kam) und er hatte ein Muttermahl im Gesicht. Er wirkte reif, erfahren und intelligent. Und hatte viele Beziehungen hinter sich und hatte einige Erfahrungen (Höhen und Tiefen) erlebt. Aufgrund dieser Eigenschaften und Erfahrungen war er interessant für viele Menschen in seinem Umfeld, der er konnte vielen in Sachen Beziehungen (ob es Affären, One-Night-Stands oder Liebesbeziehungen waren) mit Rat und Tat zur Seite stehen. Er wirkte in Johns Augen jedoch auch etwas verlebt, abgeklärt und desillusioniert. Was Beziehungen anging auf jeden Fall. Petrick war sicher froh, dass er etwas Kohle verdienen konnte mit dem Kram, den er in der Corona-Krise machte, dachte John. Und das reichte schon. Und ab und zu kam ein Blow-Job für ihn raus. Wenn das Leben schon manchmal beschissen ist, dann sind es wenigstens Blow-Jobs, die das Leben - besonders in der Corona-Zeit - versüßen (wenn es mit der dauerhaften Partnerschaft oder Liebe nichts wird), dachte John. Das ging ihm bevor er Franziska kennengelernt hatte auch lange Zeit genauso. Ja. Dieser Petrick war schon ein Organisationstalent und ein feiner Kerl und auch irgendwie ein Orginal. Ein Held und Antiheld zugleich. Ein Original in dieser Szene, in der er sich bewegte auf jeden Fall. Ein Sympol für diese Zeit in John 's Augen. Der Petrick konnte leicht ein Date organisieren. Denn er gut gut reden und sowas klarmachen. "Wir kennen uns doch schon so lange", meinte Petrick.
"Ja", sagte John cool.
"Seit der Schulzeit".
"Eben."
"Wir hatten uns immer wieder zwischendurch gesehen. Nie aus den Augen verloren", sagte Petrick.
"Ja."
"Zusammen in Discos gegangen. Frauen aufgerissen."
"Ja", sagte John. "Weißt Du noch, Alter, wie geil das war, da hatten wir doch Tanja kennen gelernt. Das war in meiner Lehrzeit. Die haben wir dann auf die Bude genommen. Mannomann, ging die ab. Brauchte es. Hat uns fertiggemacht. Sie war wie ein Vampir."
"Ja. So ist das. Aber mehr wurde nicht daraus. Sie nahm dann lieber den Mirko. Ich dachte, sie würde sich wenigstens für einen von uns entscheiden. Aber da war nichts am Ende", erinnerte sich Petrick und nahm wieder einen Zug aus der Zigarette. Ein klein wenig sah er deprimiert aus.
"Stimmt. So kann man sich irren. Man denkt, wenn was gelaufen ist, dass da noch mehr läuft... war aber nicht. Wir waren nur für so eine Erfahrung brauchbar, aber für mehr nicht. Nur so eine Durchlaufnummer waren wir in ihren Augen", meinte John.
"Traurig. Aber aus Erfahrungen lernt man. Tja. So ist das. Ich hatte einige Beziehungen im Leben gehabt. Aber alles irgendwie vergeigt", meinte Petrick. Das klang schon fast lehrerhaft wie er das sagte. Als ob er einen Sportkurs leiten würde und seine Erfahrungen ganz normal waren.
"Hast Du eine feste Beziehung?", fragte John.
"Nein. Aber ich kenne einige Freundinnen von früher, die sich etwas um mich kümmern. So 'n Blowjob oder 'ne Nummer zwischendurch", sagte er. "Man muss Kontakte haben, Kohle, dann läufts! Meistens nur mit Kohle", sagte Petrick.
"Und Dein blauer Salon hat komplett zu?", fragte John.
"Ja. Wir haben Lockdown. Ich musste zumachen. Wie alle anderen auch. Zumindest offiziell."
"Schade."
"Ich bin aber flexibel. Ich mache inoffiziell weiter. Ich habe noch einige Frauen, die ich von früher kenne. Alte Freundinnen. Die nach einer zerbrochenen Beziehung solo sind. Und die auch Bedürfnisse haben. Die waren alleine im Lockdown letztes Jahr, saßen nur in ihren Wohnungen rum und drehten fast durch. Die fragten mich, ob ich da mal so einige Männer für gewisse Stunden hätte. Ich sagte ja, ich kenne so Freunde. Ihr müsst mir aber mindestens ´n Fuffi geben, wenn ich das organisiere. Und dann nur inoffiziell, mit Abstand und Maske. So ein bisschen swingen. Naja. Sie gaben mir noch immerhin 30, kamen sogar früher, kümmerten sich aber auch um mich. Die Damen waren kurz vorm verhungern, verschlangen mich förmlich. Sie bliesen alles weg, was es da gab. Und auch die anderen beiden Männer, die ich anrief. Mit allem Drum und Dran. Sie waren wie vom Vampiren am Ende komplett ausgesaugt. Aber auch die Männer waren beim Beginn der Session völlig ausgehungert. Das merkte man. Zum Glück kannte ich diese Freunde, die sich gerne mal für eine Stunde mal um die Damen kümmern konnten. Ich kenne eine ganze Reihe Freunde.... Ich hab sie alle in meine Kartei aufgenommen. Aber von diesen nahm ich dann 100 Euro pro Person - so legte ich das im ersten Lockdown fest. Die ließ ich nur einzeln in meine Wohnung. Offiziell nur als Freund. Nur eine Person und kein Nachbar sollte das mitkriegen. Ich hatte dann bei jedem Treff meistens auch nur eine Dame in der Wohnung. Und ein Mann. So dass wir nur drei Personen waren. Ich, der Mann und die Dame. Der Mann und die Dame konnten sich dann im Wohnzimmer vergnügen -während ich ins Nebenzimmer ging oder als Mitspieler hinzugeholt wurde, wenn die Dame das wollte. Es musste aufgrund der Corona-Situation so gemacht werden. Ganz diskret", erzählte Petrick.
"Klingt interessant. Dann machst Du ja richtig Kohle", meinte John.
"Naja, ich komme so über die Runden. Das was ich mache ist so ein Art Dating-Service in der Corona-Krise. Eine Art Vermittlung. Ich bin so eine Art Corona-Nothilfe für Singles", erklärte Petrick.
"Klingt gut."
"Meine Wohnung ist wie so eine Art Absteige. Ein Treffpunkt auch für Leute, die nicht nur jemanden Daten wollen, sondern einfach ein bisschen Spass wollen. Alternativen Spass. Die stelle ich dann den Personen zur Verfügung. Ich geb´ auch Alkohol aus oder eine Cola. Ich stell nur ein Glas ins Wohnzimmer - falls da jemand das kontrolliert zum Beispiel die Polizei... Und ich mache in meiner Anlage auch passende Musik an, wenn das gewünscht wird. Ich hab auch immer einige Lümmel-Tüten in der Schublade. Da fehlt nichts, es ist alles "safe". Auf dem Wohnzimmersessel kann sich das Paar vergnügen. Nach außen sieht das hier alles normal aus. Aber in Wirklichkeit..."
"Klasse", sagte John schon wieder.
"Ich kann Dir eine Frau besorgen. Ich rufe sie an, sie kommt und verwöhnt Dich auf der Wohnzimmercouch. Weil Du es bist, zahlst Du nur 50."
Dann wurde John still.
"Tja. Moment nicht."
"Das gibt es doch nicht. Du hast keine Lust? Was ist mit Dir los? Das will Deine Franziska wohl nicht?", fragte Petrick überrascht.
"Wir hatten Streit. Sie ist abgehauen. Ich bin für eine andere Frau momentan nicht offen", sagte John.
Petrick wurde still. Blickte ihn betroffen an.
"Dann bist Du in Franziska wirklich verliebt?", fragte Petrick.
John nickte.
"Verstehe. Das tut mir leid. Das tut mir wirklich leid."
"Ja. Danke."

"Es ist vielleicht besser heutzutage sich nicht mehr zu verlieben. So erspart das einem Enttäuschungen und man kommt nicht so schnell unter die Räder. Gerade in unserem Alter", sagte Petrick.
"Du hast vielleicht recht", sagte John.
"Ich hatte auch mehrere Trennungen erlebt. Ich hatte vor der Corona-Krise wie Du weißt eine Frau aus Polen gehabt. Als ich meinen Blauen Salon zumachen wollte, wollte sie keinen Kontakt mehr. Das war deprimierend. Das hatte ich dir ja schon mal erzählt."
"Ja. Stimmt."
"Viele wollen nur jemanden mit Kohle. Das ist schade."
"Tja. Schön, dass Du da bist. Nachher kommt ein Mann. Der will eine Frau treffen. Ich organisiere den Treff. Ich muss daher gleich telefonieren. Du kannst auch gerne kommen. Die Frau würde Dich bestimmt auch kennenlernen wollen. Aber Du hast ja keine Lust oder kannst es nicht", sagte Petrick.
"Ja. Momentan nicht. Ich muss jetzt auch leider gehen, da ich nach Frankfurt reisen muss", sagte John.
"Dann kann ich für Dich nichts mehr tun."
"Nein."
"Vielleicht kommst Du später. Ich kann Dich als buchbaren Mann in meine kleine Kartei in meinen Kopf aufnehmen", bot Petrick John an. "Ich suche für die Sache, die ich mache, immer Solomänner und Solofrauen."
"Aber jetzt nicht. Trotzdem danke."
"Mach 's gut, John. Alles Gute. Und bleib gesund. Viel Glück mit Franziska."
"Ich wünsche Dir auch alle Gute", sagte John. Und hatte zum ersten Mal seit längerer Zeit Tränen in den Augen. Dann verließ John mit seinem Koffer Petricks Wohnung.

Er ging mit seinem Koffer die Grüne-Buchenstraße entlang, die - abgesehen bis auf wenige Radfahrern und Autos, die entlangfuhren- menschenleer war. Und später durch andere Strassen, die auch fast menschenleer waren. Wenig später erreichte er die Karl-Marx-Straße, auf der mehrere Autos entlang fuhren. Dort holte er sich seine Schiebermütze aus dem Koffer, die er sich auf den Kopf setzte und die er tief ins Gesicht zog. Denn er wollte nicht erkannt werden. Er setzte sich seine Maske auf und nahm (für eine billige Kurz-Strecke) ein Taxi, das ihn später zum Bahnhof Hermannplatz brachte. Er stieg daraufhin in die U8 zum Alexander Platz und stieg dort in die S9 Richtung Berliner Hauptbahnhof um. Als er dort nach einer Weile ankam, stieg er aus und stellte überraschend fest, dass der Berliner Hauptbahnhof ziemlich leer war. Dort an einem Kiosk kaufte er für Franziska eine Pralinenschachtel und einen Whisky und löste an einem Fahrkarten-Automaten eine Fahrkarte nach Frankfurt, Abfahrtzeit um 15:15 Uhr. Da er bis zur Abfahrt noch etwas Zeit hatte, ging er mit dem Koffer in der rechten Hand zum Hauptbahnhof-Ausgang Washington-Platz-Seite und setzte sich, als er dort ankam, die Maske ab. Wenig später ging er mit dem Koffer über den Washington-Platz und über die Gustav-Heinemann-Brücke. Und spazierte mit dem Koffer noch durch den Spreebogen-Park zum Paul-Löbe-Haus und dann am Reichstag vorbei und über den Simsonweg bis zum Platz des 18. März am Brandenburger Tor. Dort machte er noch einige wenige Fotos. Und schickte Franziska eine WhatsApp-Nachricht, die sie wieder nicht beantwortete. "Was ist los, hat sie etwa einen anderen Kerl oder ist sie einfach sauer und geht nicht ans Handy", dachte John und wurde etwas unruhig. Und wurde auch etwas wütend. Er holte sein Handy aus der Tasche und blickte auf die Uhrzeit, die auf dem Display angezeigt wurde. Es war schon 14:50 Uhr. Für ihn war die Zeit um und er ging mit seinem Koffer den Weg schnell zurück zum Hauptbahnhof, um den Zug nicht zu verpassen. Als er dort um kurz nach 15 Uhr ankam, nahm er wenig später um 15:15 Uhr den Zug nach Frankfurt. Die Reise im Zug empfand John als deprimierend - obwohl er ansonsten ein harter Typ war. Er versuchte mehrmals erneut Franziska anzurufen - doch sie ging nicht ans Handy. Auch auf seine WhatsApp-Nachrichten oder Mails reagierte sie nicht. John war einerseits enttäuscht und verletzt, auf der anderen Seite wurde er wütend. Wenn sie einen Lover hat ohne es mit ihm abzusprechen, werde ich ihn verkloppen! Richtig auseinandernehmen!, dachte er. Während der restlichen Fahrt blickte er deprimiert und gleichzeitig wütend aus dem Zugfenster und dachte ständig an Franziska. Dachte daran, wie deprimierend sein Leben ohne Franziska sein würde. Und dachte auch an Petrick, der, obwohl er mit seiner Sache etwas Geld machte, auch nicht so glücklich war was Beziehungen anging. Nach John 's Meinung fehlte es heute in der Welt – besonders in der grauen, leeren, verrückten Corona-Welt – einfach an Liebe, an Glauben (wie der Pastor seiner Mutter sagte), an Mitgefühl, an Werten, an Zukunftsperspektive... Nach einer Weile kam John in Frankfurt an. Er stieg mit dem Koffer aus dem Zug, ging aus dem Bahnhof und nahm sich ein Taxi direkt zu Franziskas Wohnung in der Lehnertstrasse. Als er wenig später dort ankam, bezahlte er die Taxifahrt, stieg aus dem Taxi, verabschiedete sich vom Taxifahrer und blickte sofort hoch zu Franziskas Wohnung. Es brannte Licht! „Ob sie wohl Besuch hat?“, fragte er sich. Deshalb ging er nicht sofort über die menschenleere Lehnertstraße zu Franziskas Wohnung, sondern wartete noch eine Weile dort. Er zog sich seine Schiebermütze tiefer ins Gesicht und ging wenig später mit seinem Koffer auf der gegenüberliegenden Strassenseite in der Nähe von Franziskas Wohnung unauffällig auf und ab und beobachtete ihre Wohnung. Er wollte sehen, was passierte. Zwischendurch blickte er immer wieder auf die Uhr. Es verging ungefähr eine halbe Stunde, als sich Johns Befürchtung bewahrheitete: Er sah zwei Männer aus Franziskas Wohnung kommen. Sie liefen zu ihrem Wagen, der in der Nähe von Franziskas Wohnung am Strassenrand stand. John bemerkten sie sehr wahrscheinlich nicht. Und wenn doch, dann hielten sie ihn mit seinem Koffer vermutlich für einen Reiserückkehrer. Wer diese Leute waren, konnte John nicht erkennen. Es waren auf jeden Fall Männer um die 30. So vermutete er. John reagierte jedoch schnell und holte sich einen Stift aus der rechten Hosentasche. Zufällig fand er einen alten Kassenbon in der rechten Jackentasche, auf dem er sich schnell und unauffällig das Wagen-Kennzeichen der beiden jungen Männer notierte. Dann steckte er beides wieder in die rechte Hosentasche. Nachdem die beiden Männer abgefahren waren, ging er über die leere Straße und huschte über die Stufen in das Mietshaus, in dem Franziska wohnte. Wenig später stand er vor Franziskas Wohnung, schloss sie auf und trat ein. Sofort stellte er seinen Koffer in den Flur. Und hängte seine Lederjacke auf den Garderobenständer. Dann fiel ihm in der Wohnung ein entsetzlicher Gestank auf. Es roch entsetzlich nach Cannabis. Er ließ deshalb die Wohnungstür offen, um etwas zu lüften. Im Flur, in der Küche und im Wohnzimmer war niemand zu sehen.
"Franziska?", rief er. Es kam keine Antwort. Wieder rief er "Franziska". Es kam wieder keine Antwort. Dann betrat er das Schlafzimmer. Franziska lag da. Sie bewegte sich wenig. Als er auf den Nachtisch blickte, sah er eine kleine, durchsichtige Plastiktüte mit weissen Stoff liegen, das ihn etwas an Mehl erinnerte. Kokain! Und einen Löffel, ein Feuerzeug, eine kleine Tasche mit allerlei Zeug und Zubehör. John war entsetzt. Und wusste: Sie war drauf. Völlig high. Sofort lief er zu ihr, schüttelte sie.
"Franziska! Franziska!", schrie er. Sie bewegte sich. War aber schwach und sprach nur leise.
"Was... Was ist los? John! John... Du bist hier?", stammelte sie.
"Franziska! Geht es Dir gut? Es tut mir leid, was passiert ist. Ich hätte auch sofort nach Frankfurt reisen sollen", sagte John voller Reue.
"Du hast es aber nicht getan", hauchte sie.
"Es tut nur so leid. Es tut mir so leid."
"Bring mir ein Glas Wasser", sagte sie. John nahm schnell die Schiebermütze ab und legte sie auf einen Stuhl. Dann lief er schnell aus dem Schlafzimmer über das Wohnzimmer und den Flur in die Küche, griff sich dort ein Glas aus dem Schrank und füllte es schnell mit Wasser aus dem Wasserhahn. Dann lief er mit dem Glas Wasser wieder zurück ins Schlafzimmer. Eine Augenblick später hielt er ihr das Glas Wasser an ihre Lippen und sie trank. Dann erinnerte er sich, dass die Wohnungstür im Flur offen war. Er lief blitzschnell aus dem Schlafzimmer auf den Flur zur Wohnungstür und wollte sie gerade schließen, als er Ralph an der Tür sah, der gerade in die Wohnung gehen wollte.
"Hallo John. Ich hatte ständig Franziska angerufen. Sie ist nicht da", sagte Ralph mit verweinten Augen. "Ich wollte nicht, dass sie schwanger ist. Ich habe immer aufgepasst. Ich wollte nie, dass das passiert. Wenn meine Eltern das rauskriegen. Sie bringen mich um."
"Wir treffen uns morgen und reden dann. Ich habe ein größeres Problem. Franziska ist nicht nur schwanger, sie ist wieder drauf", sagte John. "Du weißt , was das bedeutet? Drogen. Behalte das aber für Dich, sonst ist was los", fügte John drohend hinzu.
"Was? Ehrlich? Drogen?", fragte Ralph überrascht. "Ich kann das kaum glauben."
"Ja. Das ist so. Leider."
Dann erzählte Ralph etwas, was für John interessant war.
"Ich hab was gesehen. Da waren vorhin zwei Männer bei ihr. Ich hatte das beobachtet", sagte Ralph.
John wurde sofort hellhörig.
"Wer waren die Männer?", fragte John.
"Es waren Männer, die Franziska kannte."
"Ich brauche die Namen."
Ralph zögerte zuerst. Dann rückte er mit den Namen raus.
"Es waren... Daniel Neuss und Axel Neuberger. Ich habe sie erkannt."
John holte sich einen Stift und einen alten Kassenbon aus der Hosentasche und notierte sich kurz darauf die Namen der beiden Männer.
"Danke", sagte John. "Und woher kennst Du sie?"
"Ich hatte sie mal im Hausflur getroffen. Sie wollten zu Franziska. Aber sie war nicht da. Dam deshalb fragte ich sie, wohin sie wollten. Oder wen sie suchten. Ich bot auch an Franziska eine Nachrichten zu hinterlassen. Da sagten sie mir ihre Namen. Franziska erzählte ich von der Begegnung und sie erzählte mir später mehr über diese Männer."
"Und Du hast sie zufällig getroffen?"
"Ja. Wir fragen meistens, wenn wir ein neues Gesicht im Treppenhaus sehen. Es passiert zuviel. Einbrüche. Deshalb frage ich lieber nach..."
"Ich verstehe", sagte John. "Kannst Du mir mehr sagen? Ich suche alle Männer, mit denen sie zu tun hatte und verkehrt hat. Fällt Dir doch noch was ein?"
"Ich ...äh..ich weiss nicht. Da war noch..."
"Wer noch? Spuck es aus. Ich brauche alle Namen!"
"Ich werden Dir die Namen geben. Ich musss überlegen ", sagte er.
"Nochmal. Wer waren die Männer? Dir fällt bestimmt mehr ein. Ich weiss, dass Du mehr weisst. Ich spüre es. "
"Jetzt fällt es mir wieder ein. Einer hieß Peter Wiegand."
Peter Wiegand, Peter Wiegand, noch nie gehört, dachte John.
"Woher kennst du ihn?"
"Auch durch Franziska. Denn ich traf sie ab und zu im Treppenhaus. Wir grüßten nur, plauderten nur einige Sätze. Irgendwann - so hatte ich das beobachtet - hatte sie Besuch und da fiel dann der Name Peter Wiegend."
"Dann hat sie Dir viel erzählt."
"Sie hat nicht viel erzählt. Aber das hatte sich zufällig erfahren. Ich weiss ziemlich viel was im Haus hier vorgeht. Denn nachts lerne ich oft für Jura. Und dann achte ich auf jedes Geräusch."
"Weiter?"
"Mehr weiß ich nicht. Einer hieß Daniel. Ich glaube Daniel Neuss. Mehr weiß ich aber nicht."
"O.k. Daniel Neuss haben wir schon", sagte John und notierte sich den Namen Peter Wiegand auf den Kassenbon. Dann steckte er den Stift und den Kassenbon-Zettel mit den Namen in seine rechte Hosentasche.
"Darf ich reinkommen und mit Franziska sprechen?", fragte Ralph.
"Nein. Es geht nicht. Es geht ihr schlecht."
John erinnerte sich plötzlich daran, dass er irgendwo gelesen hatte, dass Aspirin hilfreich sein könnte, um Herz-Kreislauf-Krankheitsrisiken in Verbindung mit Kokainkonsum minimal zu senken. Ob das stimmte, war in diesen Moment aufgrund seiner mangelnden Kenntnisse bezüglich Medikamente zweifelhaft. Trotzdem. Er wollte das versuchen. Auch mit Iboprofen, ohne genau die Wirkung in Zusammenhang mit Kokain zu kennen.
"Du kannst Medikamente von der Apotheke holen. Leg sie vor die Tür. Aspirin soll vermutlich helfen. Das weitet die Blutgefässe. Ich bin mir nicht sehr sicher. Besorg trotzdem beides: Aspirin und Iboprofen. Schnell. Ich bleib bei Franziska", sagte John.
"Ja. Mach ich", sagte Ralph.
"Gut."
"Darf ich reinkommen und helfen?", fragte Ralph.
"Nein. Ich schaff das schon", sagte John.
"Geht es ihr wirklich so schlecht?"
"Sie wird das schon überstehen."
"Darf ich Franziska nie mehr sehen?"
"Nein. Wir sehen uns morgen, damit wir über die Schwangerschaft sprechen können. Ich brauche auf jeden Fall einen DNA-Test. Bring Knut mit. Morgen um 17 Uhr ist hier in Franziskas Wohnung ein Treff. Kommt bitte. Ganz wichtig! Wenn ihr nicht kommt, gibt es Ärger!", sagte John.
"Bitte. Meine Eltern dürfen das nicht erfahren. Sie bringen mich um", jammerte Ralph.
"Jammer nicht. Sieh zu, dass Du die Medikamente besorgst."
Plötzlich fing Ralph an zu weinen.
"Es ist alles so furchtbar, was passiert", stammelte Ralph.
"Nun jammer nicht. Besorg die Medikamente. Schnell", sagte John. Doch Ralph hörte nicht zu weinen auf.
"Besorg endlich die Medikamente, Du Jammerlappen", sagte John. Er liess ihn dann stehen und knallte die Wohnungstür zu. Dann ging er wieder zurück ins Schlafzimmer zu Franziska. Als er sie da liegen sah, vermutete er, dass die Situation kritisch war.
"Franziska. Wir müssen zum Arzt. Oder in die Notaufnahme", sagte John.
"Nein. Ich steh das schon durch...Ich bin nur müde und habe Kopfschmerzen. Und mir ist etwas übel."
"Übel?"
"Ja. Etwas."
Dann bäumte sich im Bett ihr Oberkörper plötzlich auf, sie drehte sich etwas zur Seite und dann übergab sie sich auf den Fussboden der rechten Bettseite.
"Spuck es aus. Lass es alles raus", sagte John. Dann ging er aus dem Schlafzimmer ins Badezimmer und holte dort einen Eimer und Lappen hervor. Wenig später kam er damit ins Schlafzimmer zurück und wischte mit dem Lappen die ganze stinkende Kotze weg. Und dachte, wie elend ihr Leben geworden war.
"Geht es Dir besser, Franziska?", fragte John.
"Ja. Es ist vieles raus", antwortete Franziska.
"Wir müssen besser den Notarzt rufen. Oder Dich in die Notaufnahme fahren", sagte John.
"Es ist nicht so schlimm. Es geht mir jetzt ein klein wenig besser", hauchte Franziska etwas kraftlos.
"Das ist gut."
"Gib mir noch was zu trinken."
"Ja. Ich hol was..."
Dann lief John in die Küche. Dort wühlte er sämtliche Schubladen durch in der Hoffnung doch noch einige Medikamente zu finden, die in dieser Situation (möglicherweise) für Franziska geeignet waren. Nach kurzer Zeit hatte er Glück und fand in der Küche noch eine Schachtel voller Iboprofen-Tabletten und auch einige Aspirin-Tabletten. Er nahm ein neues Glas aus dem Schrank, fühlte es mit frischen Leitungs-Wasser auf und ging damit und mit den Tabletten wenig später ins Schlafzimmer zurück.
"Ich hab ein neues Glas Wasser und einige Tabletten mitgebracht, die ich in der Küche gefunden habe", sagte John.
"Aspirin?", fragte Franziska.
"Ja. Ich hab Aspirin und Iboprofen-Tabletten gefunden. Ich geb Dir zuerst eine Aspirin-Tablette mit Wasser", sagte John.
Dann warf er eine Aspirin-Tablette in das Wasserglas, die sich dann in Kohlensäure auflöste. Dann gab er ihr das Glas Wasser mit der aufgelösten Aspirin-Tablette zu trinken. Und zu seiner Überraschung trank sie das Glas zügiger als gedacht aus. Später gab er ihr noch eine Iboprofen-Tablette. John verbrachte mehrere Stunden im Schlafzimmer an Franziskas Bett und kümmerte sich sehr fürsorglich um Franziskas Wohlbefinden. Nach einer Weile trat bei Franziska eine Besserung ein.
"Wie geht es Dir jetzt? Geht es Dir jetzt besser?", fragte John besorgt.
"Ja...es geht mir etwas besser...ich fühl mich nur noch sehr schwach und müde. Und ich hab etwas Kopfschmerzen", sagte Franziska leise. John wusste: Kopfschmerzen sind nach Kokain-Konsum normal. Das kann bis zu 12 Stunden anhalten. Mindestens.
"Soll ich einen Notarzt rufen? Oder Dich in die Notaufnahme fahren? Ist das noch nötig?"
"Nein. Nicht in die Notaufnahme fahren. Ich hab Drogen genommen...Die werden Fragen stellen...Besser ist es zu einem einfachen Arzt zu fahren."
John schwieg einen Moment und überlegte. Dann sagte er": Es ist wirklich in unserem Fall besser nicht in die Notaufnahme zu fahren. Denn sie werden Fragen stellen und möglicherweise könnten wir - wegen Drogen - in Schwierigkeiten geraten. Möglicherweise auch mit der Polizei. Du hast recht...Besser nicht, wenn es kein absoluter Notfall ist. Dann ist ein einfacher Arzt besser."
"Ja...Da können wir morgen hinfahren."
"Geht es Dir denn jetzt besser?", fragte John.
"Ich werde das schon überstehen....Es geht mir besser", sagte sie.
John war eine Weile unschlüssig, was er tun sollte und wartete daher erst einmal eine Weile ab. Als sich Franziskas gesundheitlicher Zustand besserte, beschloss John sie nicht in die Notaufnahme zu fahren. Das war nicht mehr nötig. Aber vielleicht zum Arzt. Franziskas Rückfall in Drogen war doch nicht so schlimm wie er anfangs dachte. Trotzdem liess ihn die Sache keine Ruhe und er wollte die Namen der Personen wissen, mit denen Franziska zu tun hatte und die ihr die Drogen gegeben hatten.
Dann sah er, dass sie ihr Handy, das sie auf dem Nachtschrank liegengelassen hatte, in die Hand genommen hatte. John sah, dass sie die Kontaktliste aufgemacht hatte.
"Wen suchst Du?", fragte John.
"Ich kannte mal einen Arzt. Ich bin ja schließlich Arzthelferin. Ehemalige Arzthelferin. "
"Du kennst einen Arzt?", fragte John etwas neugierig. "Welchen Arzt?"
"Dr. Gerd Winkler. Wohnt nicht weit weg von hier. Ich finde nur die Nummer nicht. Ich bin etwas schwach und müde."
"Soll ich Dir helfen?"
"Es geht schon. Mach mir ein bisschen Müsli mit Milch."
"Ja."
Dann legte sie sich auf die Seite. Und kurz darauf schlief sie ein. John sah dann ihr Handy, das angeschaltet und neben ihr auf dem Bett lag. Er wurde sofort neugierig und hoffte vielleicht in ihrem Handy weitere Informationen zu Daniel Neuss und all den anderen Männern, die bei Franziska in der Wohnung waren, zu finden! Sofort (ohne weiter zu überlegen) nahm er ihr Handy an sich. Franziska schien das nicht zu bemerken. Sie schlief tief und fest. Schnell schlich er mit dem Handy in der Hand aus dem Schlafzimmer leise ins Wohnzimmer und von dort auf den Flur. Als er auf dem Flur war, ging er zuerst zur Wohnungstür und öffnete sie leise, um zu sehen, ob Ralph - wie das zwischen ihnen abgesprochen war - die Medikamente aus der Apotheke für Franziska besorgt hatte und vor die Wohnungstür gelegt hatte. Als er die Wohnungstür weit geöffnet hatte und danach auf den Boden vor der Wohnungstür schaute, sah er dort eine Packung Aspirin und eine Packung Iboprofen liegen, die Ralph in der Apotheke gekauft und hingelegt hatte. Ralph hatte es tatsächlich geschafft dies zu besorgen, dachte John. Er bückte sich, hob die Aspirin- und die Iboprofen-Packung auf, ging damit in die Wohnung und schloss dann die Wohnungstür. Danach ging er mit dem Handy und den beiden Packungen Aspirin und Iboprofen schnell in die Küche und legte alles auf den Küchentisch. Plötzlich dachte er er an Ralph. Auch wenn er jetzt hilfsbereit ist, wird er trotzdem nicht mehr Franziska sehen, dachte er. Dann griff er sich Franziskas Handy, das freigeschaltet war und auf dem Küchentisch lag, und stellte überrascht fest, dass die Kontaktliste geöffnet war. Sie hatte sie aus Versehen kurz bevor sie eingeschlafen war offen gelassen! So beschloss er nun ihr Handy mit der Kontaktliste genauer anzugucken. Normalerweise würde er dies unter normalen Umständen nicht tun. Da Franziska aber den seltsamen Besuch von den Männern hatte, die sie unter Drogen gesetzt hatten nach ihrer und John 's Berlin-Reise, wollte er die Wahrheit wissen! Wer das getan hat und warum. Er wollte auch alle Namen der Männer wissen, die daran beteiligt waren (auch weil er ein klein wenig eifersüchtig war). Und daher musste er ihr Handy genau untersuchen, um mehr zu erfahren. So sah er sich zuerst die Kontaktliste genauer an. Und wurde schnell fündig. Er fand die Namen Peter Wiegand (wer er war, wusste er nicht), den Arzt Dr. Winkler, dann Alex Neuberger, Tobias Riemer und Daniel Neuss (der Name sagte ihm schon etwas). Und natürlich Ralph und Knut. John holte schnell sein Handy aus der Hosentasche und speicherte schnell die Namen der Personen und die Telefonnummern in sein Handy ab. Das schaffte er in relativ kurzer Zeit. Dann schrieb er in sein Handy folgende Nachricht: „Ich weiß, dass Sie ein Techtelmechtel mit meiner Freundin Franziska Reuter hatten. Sie ist jetzt schwanger. Wer der Vater des Kindes ist, ist z.Z. unklar. Es ist nicht auszuschließen, dass Sie der Vater sind. Es muss dringend von Ihnen ein DNA-Test gemacht werden. Ich bitte Sie daher, morgen um 17 Uhr in Franziskas Wohnung kommen (die Adresse wissen Sie), um das mit mir in Ruhe zu besprechen. Gruß John." Ich will die Wahrheit wissen, was wirklich gelaufen ist und wer der Vater ist und notfalls werde ich die Wahrheit aus ihnen herauspressen, dachte John. Dann schickte er seine Nachricht mit seinem Handy an Daniel Neuss, Axel Neuberger, Tobias Riemer, Peter Wiegand, Knut und Ralph. Dann steckte er sein Handy wieder in seine Hosentasche. Dann nahm er wieder Franziskas Handy in die Hand und schloss danach Franziskas Kontaktliste in ihrem Handy. Dann ging er mit ihrem Handy ins Schlafzimmer. Sie lang immer noch auf dem Bett und schlief tief und fest. Schnell schlich sich John zu ihr ans Bett und legte schnell und unauffällig ihr Handy neben ihr (dort wo es vorher lag) aufs Bett. Dann beseitigte er alle Drogen aus dem Schlafzimmer, die Franziskas Typen hinterlassen hatten und sie damit high gemacht hatten indem er alles ins Klo schmiss. (Das war zum Beispiel eine angebrochene Tüte Koks auf dem Nachtisch...)
Immer wieder kreisten sich John`s Gedanken um Franziskas Typen. Ich habe jetzt alle Nummern von den Kerlen, auch wenn nicht alle erscheinen werden, werde ich sie kriegen, ich werde sie verprügeln oder ihnen einen Anwalt auf den Hals hetzen, wenn sie keinen DNA-Test machen wollen, dachte er. Er war mittlerweile sehr verbohrt und wollte unbedingt herausfinden, wer der Vater des Kindes in Franziskas Bauch war. Es hatte sich mittlerweile so in die Suche hineingesteigert, dass es schon an Besessenheit grenzte. Sein Hass auf die Lover wuchs je mehr er merkte, dass er sich von Franziska entfernt hatte. Mit aller Mühe versuchte John seine Beziehung zu Franziska zu "reparieren" und tat sein Bestes für sie. Er kümmerte sich so gut es ging um sie. Eine ganze Weile stand John im Schlafzimmer und betrachtete sie, während sie schlief und dachte nach. Dann rannte er in die Küche und machte ihr einen Teller Müsli. Wenig später holte er die Pralinenschachtel und den Whisky, den er in Berlin für Franziska gekauft hatte und brachte ihr alles ins Schlafzimmer. Plötzlich wachte sie auf. John sprach sie dann an.
"Geht es Dir besser?", fragte John. In seiner Stimme war selten so viel Zärtlichkeit. Obwohl er ein harter Bursche war und in einer steingrauen Welt lebte. In einer Corona-Welt, in der es hauptsächlich nur um Inzidenzahlen, ums Überleben, um Angst und für viele Menschen nur ums Kämpfen um die eigene Existenz ging. In einer Welt, in der Gefühl, echte Werte größtenteils fehlten, wo schöne Dinge wie die "Künste" wenig oder gar nicht geschätzt wurden. In einer Welt, in der es fast nur um Geld, Konsum, Materialismus und ums Ego einzelner Leute ging. In einer Welt, die immer dreckiger, rauer, grauer wurde und in der es für viele keinen Glauben und keine Hoffnung mehr gab. In der es höchstens Sex statt Liebe gab, die sonst aber leer war. Ja. John hatte hier bei Franziska seinen Anker, seine Oase gefunden. Seine Kraft, die er aus der Beziehung zu ihr zog und die ihn vor dem tiefen seelischen Zusammenbruch bewahrte...
"Ja. Besser", sagte Franziska. Es dauerte bis sie antwortete.
"Ich liebe Dich. Ich hoffe, Du verzeihst mir", sagte John. Und er war froh, dass es ihr besser ging. (Vermutlich war ihr Drogenkonsum in dieser Zeit wirklich nicht ganz so schlimm wie zuerst gedacht, dachte er.)
"Wir sprechen morgen darüber", sagte Franziska. John machte kurz darauf den Fernseher an und sie guckten eine Weile fern. Franziskas ging es in dieser Zeit schon merklich besser. Wenig später schlief Franziska wieder ein. So fit ist sie vermutlich doch noch nicht, dachte er. Als John merkte, dass sie eingeschlafen war, stellte er den Fernseher aus, zog sich bis auf die Unterhose aus, kletterte ins Bett und dachte nach. Vielleicht wird ja alles wieder gut, dachte John. Dann schlief wenig später neben Franziska ein.

Am nächsten Tag wachte John auf. Zu seiner Überraschung sah er, dass Franziska aufgestanden war. Er stieg aus dem Bett, griff sich Unterhose, Jeans, Strümpfe und T-Shirt, das alles auf einem Stuhl lag, zog sich dies schnell an und ging aus dem Schlafzimmer ins Wohnzimmer. Dort lief der Zweit-Fernseher, den Franziska angemacht hatte. Kurz darauf ging John in die Küche. Dort saß Franziska am Küchentisch und trank Tee. Vor ihr lagen Tabletten, dessen Namen er nicht wusste.
"Guten Morgen. Geht es Dir besser?", fragte John.
"Ja. Alles gut", sagte sie.
"Ich muss mich entschuldigen. Ich hatte in Berlin falsch reagiert. Auch meine Eltern hätten sich besser verhalten sollen", sagte John.
"Aha. Und jetzt willst Du eine gesamte Versammlung einberufen, um herauszufinden wer der Vater des Kindes ist? Heute um 17 Uhr. Weißt Du was Du bist? Völlig verrückt. Genauso wie der Ralph. Und ich weiß nicht wer bekloppter ist!", schrie Franziska.
"Du hattest gesagt, dass ich der Vater bin, dass Du mich liebst...Jetzt behandelst Du mich so!?", schrie John zurück.
Dann sprach Franziska ruhiger.
"Und Du hast kein Vertrauen mehr zu mir. Das habe ich gemerkt!", stellte Franziska fest.
"Es ist doch nicht schlimm einen DNA-Test zu machen. Du hast doch nichts zu verbergen", sagte John.
"Aber ich habe doch gesagt, dass ich ein Test machen will. Was willst Du denn noch von mir? Du bist ja so bekloppt, immer wieder damit anzufangen."
"Meine Eltern haben danach gefragt. Ich habe mich mit ihnen gestritten. Weil Du so ein Theater gemacht hast und abgehauen bist. Und wahrscheinlich werden sich mich auch nicht mehr unterstützen", erklärte John.
"Willst Du sagen, dass ich Schuld habe?", fragte Franziska.
"Nein. Hör jetzt auf mit der Scheiße."
"Du hast ja gestern einige Freunde von mir informiert. Aber ich muss Dir sagen, dass sie mir eine Mail geschickt haben und abgesagt haben. Es kommen nur Ralph und Knut."
"Aha."
"Was erwartest Du von den anderen Freunden, die ich hatte? Ich hatte ihnen früher höchstens einen Blow-Job gegeben. Mehr nicht. Und ich kann Dir sagen, dass nicht einer von ihnen der Vater ist", sagte Franziska.
"Okay. Das ist jetzt konkreter. Und wer waren diese beiden Typen, die Dir gestern Drogen gegeben haben?", fragte John. "Denn das was sie getan haben, war unmöglich. Und auch nicht mit mir abgesprochen."
"Ich hatte Streit mit Dir gehabt und war dann nach Frankfurt gefahren. Ich war verzweifelt und wütend auf Dich -auch weil ich fühlte, dass Deine Eltern mich nicht mochten. Das erinnerte mich an meine Eltern, die mich früher immer abgelehnt hatten. Das waren dieselben Gefühle! Das waren einfach psychische Reaktionen. Sie traten einfach bei mir auf. Oft unkontrolliert. Dann hatte ich vor lauter Stress meinen Koffer im Frankfurter Hauptbahnhof verloren. Den hatte ich dann aber wiedergefunden, weil Ralph sich bereit erklärt hatte mit mir mit dem Taxi zur Bahnhofsinformation am Frankfurter Hauptbahnhof zu fahren. Dort waren Ralph und ich zum Fundbüro gelaufen und haben dann den Koffer gefunden, der mit viel Glück abgegeben wurde", erzählte Franziska.
"Aha. Da kommt der zu kurz geratene Ralph zur Hilfe und holt für Dich den Koffer, weil Du so schusselig bist und den Koffer vergisst. Ich glaube hier drehen die Leute in der Corona-Krise alle ab. Der Lockdown ist auch zu lang. Schon bin ich nicht da und es läuft hier Chaos", sagte John.
"Ich wollte Ralph nicht anrufen. Er sollte mir nur mit dem Koffer helfen. Mehr nicht."
"Und was hast Du dann gemacht?", fragte John neugierig.
"Ich hab´ mich bedankt und ihn weggeschickt."
"Das soll ich glauben? Du hast doch bestimmt was für 50 Euro gemacht", bemerkte John.
"Nein. Er hat sicher nur Angst, dass er der Vater ist. Ich habe ihm aber gesagt, dass er nicht der Vater des Kindes sein kann", erklärte Franziska.
"Er hat Angst? Na, siehst Du? Das zeigt, dass es nicht ausgeschlossen ist, dass er der Vater ist. Ich werde ihn genauer unter die Lupe nehmen. Ab jetzt darf er keinen Kontakt zu Dir haben und er muss einen DNA-Test – wie alle Männer vorlegen. Es ist jetzt Schluss!", schimpfte John.
"Ich kann auch verstehen, dass Du frustriert bist. Ich bin ja einverstanden, dass ein Vaterschaftstest gemacht werden muss", warf Franziska ein.
"So. Jetzt erzähl weiter. Du hast immer noch nicht meine Frage beantwortet. Ich stell sie Dir nochmal: Wer waren diese beiden Typen, die Dir die Drogen gegeben haben? Ich will darauf eine konkrete Antwort!", forderte John.
"Als ich nach unseren Unstimmigkeiten aus Berlin abgehauen war, brauchte ich Trost. Deshalb rief ich Daniel Neuss und seinen Freund Felix Neuberger an. Die kannte ich schon länger", erzählte Franziska.
"Daniel? Ich kenne einen Daniel."
"Der Daniel, den Du Anfang Januar so verprügelt hattest, dass seine Eier fast matsch waren. Das hat ihn - angeblich - krank gemacht. So dass er als Mann nicht mehr funktioniert. Was ich übrigens nicht glaube. Er wollte Dich verklagen! Sich an Dir rächen!", sagte Franziska.
"Ach. Jetzt erst kommt er damit an? Warum war er nicht zur Polizei gegangen Anfang Februar, als es gerade passiert war?", fragte John kritisch. "Der will doch bestimmt mit solcher Masche nur Geld machen! Das merke ich sofort!"
"Das weiss ich nicht. Die Arztrechnungen will er schicken. Auch Post vom Anwalt ist dabei", sagte Franziska.
"Das ist Unsinn. Er blufft nur. Ich hatte gar nicht so doll zugeschlagen. Vielleicht hat er sich woanders geprügelt", meinte John. "Doch. Das hast Du. Und er war sauer auf Dich."
"Und Du lässt diesen Typen rein?", fragte John.
"Ich suchte Trost. Und er hatte Mitleid. Und ich brauchte Geld. Und ich wollte ihn beruhigen. Und ich wollte, dass er keinen Anwalt gegen Dich nimmt!", so versuchte sich Franziska herauszureden. John fand ihr Verhalten in diesen Moment einfach nur erbärmlich.
"Ach wirklich?"
"Ja. Ich hab auf diese Weise Ärger abgewendet. Er wusste: Macht er Ärger, würde er mich nie wiedersehen. Und auch Ärger mit Dir bekommen!"
John wollte dazu etwas sagen. Aber er verkniff sich dies. Stattdessen liess er sie weiterreden. Das liegt wohl an den Drogen, dass sie so ein wirres Zeug redet, dachte er.
"Daniel kam mit seinem Kumpel Felix. Wir teilten uns etwas Drogen. Und ich machte nur normalen Standard. Einen Blowjob. Nur für 50... Diese beiden Typen waren auch Corona-Trostspender. Für mich."
"Die nach einiger Zeit entsorgt werden. Franziska, was Du erzählst ist nicht normal. Warum hast Du mich, Deinen Freund und künftigen Vater Deines Kindes, nicht angerufen? Und hattest stattdessen mit diesen beiden Typen was, die Dir die Drogen gegeben hatten. Und das obwohl Du schwanger bist. Bist Du verrückt!? Weißt Du wie schädlich und gefährlich das für das ungeborene Kind ist!?", schrie John. "Das ist unverantwortlich. Wenn das Kind krank ist, ist das Deine Schuld! Und übrigens: Wenn das das Jugendamt rauskriegt, nehmen sie Dir das Kind weg! Ich kann Dich nur warnen!", schrie John.
"Ich hatte die Kontrolle verloren. Du hast recht! Es waren viele Fehler passiert!", schrie Franziska.
"Um 17 Uhr gibt es die kleine Aussprache. Ich habe alles organisiert. Alle Informiert. Bei dem Treff bist Du bitte dabei. Denn so krank bist Du meiner Meinung nicht", sagte John mit etwas barschem Tonfall.
"John. Ich werde dabei sein", sagte Franziska. Sie fühlte sich durch die Einnahme von Drogen am Vortag immer noch etwas benebelt. Dachte aber inzwischen klarer. Und blickte in diesem Moment ein wenig mit Sorge auf John. Sie hielt John in diesen Moment für Wahnsinnig in Zeiten des Lockdowns und hoher Inzidenzzahlen solch ein für sie absurden Treff oder diese "Aussprache" (so wie John die Unterredung nannte), zu denen wohl nur wenige oder kaum einer kommen würde, zu organisieren. Und das in einer Wohnung, in der sich normaler Weise nur maximal zwei Personen pro Haushalt aufhalten durften! Sogar in ihrer Wohnung! Aber wahrscheinlich war John in ihren Augen inzwischen so krank vor Eifersucht und Sorge bezüglich der Schwangerschaft und der Ermittlung des wahren Vaters des Kindes, dass es gar nicht mehr anders ging. Vermutlich spielte in ihren Augen auch Alkohol bei seiner Entscheidung eine Rolle oder er handelte einfach kopflos und emotional. Er konnte einfach nicht auf das Testergebnis alleine warten. Er musste alle, die mit ihr zu tun hatten und möglicherweise der Vater des Kindes sein könnten, ausfragen! Er wollte alles so schnell wie möglich erfahren! Wenn sie die Beziehung retten wollte, dann musste es so sein. Und so fügte sie sich seinen Plänen.
"Du wirst mir auch helfen, die Wahrheit herauszufinden?", fragte John Franziska.
"Ich werde Dir helfen. Aber ich fühl mich schwach", sagte Franziska. Und dies war nicht gelogen.
"Dann ruh Dich aus. Ich mach dieses Mal Mittagessen", sagte John.
"Wer hat Dir die Aspirin- und Iboprofen-Tabletten gebracht?", fragte Franziska.
"Die hatte heute Morgen Ralph vor die Tür gelegt. Obwohl ich vorher schon welche in der Küche gefunden hatte", berichtete John.
"Das ist nett von Ralph", bemerkte Franziska.
"Ja. Der Ralph wieder. Der kann nachher was erleben. Ich bin gespannt was er nachher erzählen wird. Der soll künftig wegbleiben!", sagte John.
"Wird der auch. Und ich hoffe, dass nach der Aussprache Ruhe ist!"
"Ich auch."
"Machen wir Essen. Grünkohl mit Wurst.", schlug Franziska vor.
"Das ist eine gute Idee. Da Du erschöpft bist, werde - wie ich eben schon sagte - ich kochen", schlug John vor.
"Ja. Besser ist das. Grünkohl mit Wurst dauert nicht so lange."
Dann fing John an, Grünkohl mit Wurst zu kochen. Jetzt allmählich wird sie vernünftig und unsere Beziehung normalisiert sich, dachte John. Wahrscheinlich ist der Drogen-Flash - besonders in ihrem Kopf -weg. Wenig später aßen sie am Küchentisch und redeten nur wenig. Dann war es 17 Uhr und die Aussprache ging los. John hatte nach Absprache mit Franziska extra mehrere Stühle von der Küche ins Wohnzimmer gebracht, damit mehr Personen um den kleinen Wohnzimmertisch sitzen konnten. Es würde für sechs oder sieben Personen reichen. Mehr würden sowieso nicht kommen. Auf den Tisch hatte er Whisky, Bier, Whisky-Cola und einige Gläser auf den Wohnzimmertisch hingestellt. Aber nicht aus Gastfreundschaft. Denn im Alkohol liegt die Wahrheit und unter Alkoholeinfluss würden einige (so hoffte er zumindest) nicht nur mehr reden, sondern auch mehr die Wahrheit sagen, dachte John. Er wollte nicht nur wissen, wer der Vater des Kindes war, sondern wollte auch (auch weil er eifersüchtig war) alles wissen! Ganz genau was sich zugetragen hatte! Auch im Bett! Etwa drei Minuten nach 17 Uhr klingelte es an der Wohnungstür. John ging sofort auf den Flur zur Wohnungstür und öffnete sie. Vor der Tür standen Ralph und Knut.

"Hallo Ralph und Knut. Kommt rein. Setzt Euch ins Wohnzimmer. Wir reden gleich. Franziska sitzt schon im Wohnzimmer und wartet bereits", sagte John und liess sie in die Wohnung. "Auf dem Wohnzimmertisch steht Whisky, Bier, Cola. Ihr könnt gerne was trinken", bot John mit etwas gekünstelter Freundlichkeit an.
"Danke", sagte Knut, während Ralph schwieg.

Kurz darauf gingen sie ins Wohnzimmer, begrüssten dann Franziska, die auf der Couch sass und setzten sich einen Augenblick später auf zwei Stühle, die in der Nähe der Couch standen. Sie unterhielten sich kurz. Dann nahmen sich Franziska und Knut schon nach kurzer Zeit ein Glas, schenkten sich Whisky mit Cola ein und tranken. Nur Ralph zögerte etwas zu trinken. John ging daraufhin schnell in die Küche und holte aus einer Schublade einen Notizblock hervor, um sich wichtige Punkte des Gesprächs zu notieren. Er wollte gerade ins Wohnzimmer gehen, als es erneut an der Wohnungstür klingelte. John ging sofort auf den Flur zur Wohnungstür und öffnete sie erneut. Dort standen zwei gutaussehende Männer. Beide trugen eine Maske.
"Wer sind Sie?", fragte John.
"Ich bin Tobias Riemer, ein Bekannter von Franziska. Und das ist mein Bruder Florian Riemer. Er ist Rechtsanwalt."
John war überrascht.
"Ein Rechtsanwalt? Hat das was mit Franziskas Schwangerschaft und dem Treff um 17 Uhr zu tun?", fragte John überrascht.
"Ja. Hat es", sagte der Rechtsanwalt Florian Riemer. "Ich vertrete meinen Bruder, der etwas mit Franziskas Schwangerschaft zu tun haben soll. Ich werde beweisen, dass er nichts damit zu tun hat."
"Kommen Sie rein. Wir besprechen das besser im Wohnzimmer. Nicht an der Tür", sagte John.
"Das wird sicher wohl eine grosse Unterredung? Denn ich habe nicht viel Zeit", sagte der Anwalt Florian. Das sagte er nur, weil ihm der John nicht ganz geheuer vorkam.
"Das wird nicht lange dauern. Kommt rein. Gehen wir ins Wohnzimmer...", sagte John.
"O.k."
"Es ist auch Alkohol da. Sie können zugreifen und gerne was trinken. Whisky. Bier. Mehr hab ich im Wohnzimmerschrank."
"Nein danke", sagte der Anwalt Florian Riemer als er mit Tobias in Franziskas Wohnung eintrat.
Florian Riemer fühlte sich in diesem Moment unwohl, einfach eine fremde Wohnung zu betreten und wollte gerade gehen, da er auch wusste, dass im Lockdown nur zwei Personen aus zwei Haushalten sich in einer Wohnung aufhalten sollten. Aber da Tobias seinem Bruder Florian, der zur Zeit keine Freundin hatte, so viel von Franziska und ihren Liebeskünsten erzählt hatte, wurde er neugierig. Und so wollte er auch Franziska kennenlernen. Oder zumindest einmal sehen, um sich einen persönlichen Eindruck zu verschaffen. Also siegte die Neugier über den Verstand und er trat mit Tobias in die Wohnung ein. Mit der Gewissheit, dass sein Bruder Tobias - nachdem was er ihm erzählt hatte - keinesfalls der Vater des Kindes in Franziskas Bauch sein könnte. John ging vorweg ins Wohnzimmer. Und Florian und Tobias folgten ihm einen Augenblick später dorthin. Auf der Couch saßen bereits Ralph, Knut und Franziska. Es sind zu viele Personen in der Wohnung, dachte Florian. Er und Tobias grüssten sie kurz mit "hallo." Knut und Franziska grüssten kurz zurück.
"Ich bin Florian Riemer. Rechtsanwalt. Und das ist mein Bruder Tobias Riemer", so stellte er sich vor.
Dann hielt Tobias Riemer eine kurze Standpauke": Es sind zu viele Personen hier. Zwei Personen aus zwei Haushalten dürfen sich normaler Weise in einer Wohnung aufhalten - so lautet das Gesetz. Alles mit Maske und Abstand. Wir werden uns daher in eine Ecke stellen. Ich werde eine kurze Erklärung abgeben und dann gehen wir."
"Sie sind Anwalt?", fragte Franziska.
"Ja. Bin ich."
"Sie haben Ähnlichkeit mit ihrem Bruder", meinte Franziska.
"Ach, tatsächlich?", fragte Florian. In diesem Moment war er irritiert, Franziska blickte ihn für einen kurzen Augenblick merkwürdig prüfend an. Fast als ob sie ihn mit ihren Augen ausziehen wollte. Aber das war vermutlich Einbildung. Er begann Franziska genauer zu betrachten. Und ihm fiel auf, dass sie sehr hübsch war. Und er begann ihre Rundungen zu betrachten und zu phantasieren. Ob sie mich auch mal ranlässt?, dachte er in diesem Moment. Dann verdrängte er die Gedanken und konzentrierte sich auf das Wesentliche: Klarzustellen, dass sein Bruder Tobias nicht der Vater des Kindes war! John beobachtete Florian Riemer genau und bemerkte (das sah er an seinem Blick) sein Interesse an Franziska. "Wenn die Gelegenheit da ist und eine Frau grünes Licht gibt, dann stellen sich fast alle Männer an die Reihe an - das habe ich mal beim Gang-Bang mit mehreren Personen, die sich an einer Schlange angestellt hatten, in der Vor-Corona-Zeit gesehen. Auch so ein Anwalt wie Florian. Fast alle sind da gleich", dachte John.
Tobias ergriff nach einer Weile das Wort.
"Ich will nur klarstellen. Mein Bruder ist nicht der Vater", sagte der Rechtsanwalt Florian Riemer. Er gab sich Mühe sein Interesse auf Franziska zu unterdrücken. Nur pure Neugier bezüglich Franziska und was jetzt geschah hinderte ihn in diesem Moment daran zu gehen.
Dann ergriff John das Wort.
"Die hundertprozentige Gewissheit kann nur ein DNA-Test liefern", sagte John.
"Den kann mein Bruder liefern. Notfalls läuft das über das Gericht. Dann brauchen wir die Diskussion nicht", meinte der Anwalt Florian Riemer.
"Ich denke, dass es notwendig ist darüber zu reden. Wenigstens ein kurzes Gespräch. Ich denke, dass wir jetzt damit beginnen werden," sagte John.
"Okay. Dann werde ich mal abwarten wie das Gespräch verläuft."
"Ich mache es kurz: Wie Ihr hier alle wisst, ist Franziska schwanger. Bis auf Florian hatten alle etwas mit Franziska gehabt. Es ist hier nur die Frage, wer der Vater des Kindes ist. Ich will das unbedingt wissen. Um das festzustellen, werde ich jeden einzelnen befragen. Weiteres wird ein DNA-Test beweisen. Wir alle, bis auf Florian, müssen ihn machen. Nur dann wissen wir die Wahrheit", sagte John.
"Ja", sagte Knut. "Die Wahrheit ist immer wichtig.“ Er gab sich so locker, weil er wusste, dass er nicht der Vater war. Und für ihn war das auch eine irre Show! Eine Situation, die verrückter und absurder nicht sein könnte! Und das im Lockdown in der Coronazeit! Fast filmreif war das Ganze, dachte Knut. Er griff sich sein Glas Whisky-Cola und trank einige Schlucke. Auch Franziska trank ein Schluck aus ihrem Whisky-Glas, das sie in der rechten Hand hielt. Und auch John trank kurz darauf einige Schlucke Whisky-Cola. Nur Ralph, der Anwalt Florian Riemer und sein Bruder Tobias tranken nichts.
Florian beugte sich - während sie nebeneinander standen - zu seinem Bruder Tobias rüber und flüsterte ihm ins Ohr.
"Meinst Du, sie lässt mich mal ran?", flüsterte der Anwalt Florian.
"Vergiss es. Ich glaube, die machen keine offene Beziehung mehr", flüsterte Tobias.
"Gut. War eine sinnlose Frage. Entschuldigung. Ich werde das Gespräch verfolgen, Dir helfen, einiges klarstellen und dann hauen wir ab."
"Ja. Danke. Sei leise. Und vergiss es mit Franziska."
Wieder ergriff John das Wort.
"Haben Sie uns was zu sagen , Herr Anwalt?", fragte John.
"Nein. Nichts. Ich musste meinen Bruder juristisch beraten. Ich riet ihm sich einen DNA-Test zu besorgen", log der Anwalt Florian.
"Dann ist gut", sagte John. Dann sprach er zu Knut": Wollen wir denn bei Dir anfangen, Knut?"
"Ja, bitte. Ich muss noch für die Uni lernen. Ich habe auch nicht so viel Zeit", entgegnete Knut.
Klar, wenn er sich mit Shari vergnügt, der wird bestimmt nicht nur lernen, aber egal, er ist wahrscheinlich der einzige Mann in seinem Umfeld, der noch so einigermaßen sympathisch und normal ist, dachte John.
"Aber ich fang mal an. Ich hatte Franziska erst durch Ralph und John kennengelernt. Das war aber erst Ende Januar oder Anfang Februar. Das ist ziemlich spät."
"Und was war gelaufen?", fragte John.
"Blow-Job ohne und Verkehr mit Kondom."
"Gut. Dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie der Vater des Kindes sind sehr gering. Das ist eher auszuschließen. Aber sicherheitshalber machen Sie einen DNA-Test", riet der Anwalt Florian Riemer. "Ich will mich ja nicht einmischen, aber so ist das."
"Das ist so o.k.", sagte Knut.
"Das ist kein Problem für mich", sagte John. "Ich denke wir kommen jetzt zu Ihrem Bruder Tobias. Wann haben Sie Franziska kennengelernt, Tobias?"
Der Anwalt Florian Riemer blickte in diesem Moment auf Franziska. Auf dem zweiten Blick sah sie seiner Meinung nach nicht mehr so attraktiv aus. Auch weil sie in diesem Moment während des Gesprächsverlaufs immer kühler wurde oder so auf ihn wirkte. Auch blickte sie ihn nicht mehr an. Sie schien das Interesse an ihn verloren zu haben und er kam zur Erkenntnis, dass er nichts von ihr zu erwarten hatte und wollte daher am liebsten gehen. Er wollte daher nur noch seinem Bruder helfen. Er wollte kurz aufzeigen, nur noch kurz aufzeigen, dass sein Bruder nicht der Vater sein konnte, das mit einigen Argumenten untermauern, dann für eine kurze Zeit das weitere Gespräch abwarten und verfolgen und dann gehen. Ungefähr 10 oder 15 Minuten abwarten und dann mit Tobias zu gehen. Der Rest müsste über das Gericht laufen.
"Ende letzten Jahres. Ich hatte mit Franziska zwar was. Aber nur einen Blow-Job. Mehr war nie. Ich kann auch nicht der Vater sein. Ich bin aber bereit, wenn Sie mir nicht glauben, einen DNA-Test zu machen", erklärte Tobias Riemer.
John schwieg erst einmal. Dann redete er weiter.
"Gut. Dann haben wir das geklärt."
"Dann gehen wir", sagte Florian. Florian und Tobias wollten gerade gehen, als John sie nach Daniel fragte.
"Was ist mit ihrem Freund? Der Daniel? Da war doch bestimmt mehr gelaufen", sagte John.
"Das kann ich nicht sagen", sagte Tobias.
Dann sprach sein Bruder Florian, der Anwalt.
"Er kann nicht sagen, ob da zwischen Daniel und Franziska mehr lief. Er war ja nicht im Schlafzimmer dabei", sagte der Anwalt Florian Riemer.
"Daniel Neuss kann ja darüber mit Tobias geredet haben", meinte John.
"Nein. Daniel hat nichts erzählt. Manche Leute reden nicht so darüber", sagte Tobias.
Dann redet Franziska dazwischen.
"Das geht niemand was an!"
"Das wird sich herausstellen. Mein Bruder wird erst einmal den DNA-Test vorlegen. Dieser wird beweisen, dass Tobias nicht der Vater ist", sagte der Anwalt Florian.
"Gut. Ich bin gespannt. Aber...Warum ist Daniel denn heute nicht dabei?", fragte John.
"Weil Du ihn zusammengeschlagen hast", stellte der Anwalt Florian richtig.
"Du hast ihn fast entmannt, John. Du hast ihm die E...", ergänzte Franziska.
"So genau wollen wir das jetzt nicht wissen. Das ist hier eine ernste Diskussion", sagte John.
Knut konnte sich einen Lacher nicht verkneifen. Auch der Anwalt Florian und sein Bruder mussten grinsen. Nur John, Ralph und Franziska blieben ernst.
"Gut. Dann kriegt er Post von meinem Anwalt, den ich mir holen werde. Auch er muss einen Test vorlegen", sagte John nüchtern und kühl.
"Sowas entscheidet das Gericht. Aber in diesem Fall wird das geschehen", sagte der Anwalt Florian.
"O.K. Dann warten wir 's ab."

Florian blickte zu Franziska. Er erhoffte, dass sie seinen Blick erwidern würde. Doch sie erwiderte seinen Blick nicht. Da war null Interesse. Und da begann er die Sache abzuhaken. Ich passe wohl nicht in ihr Beuteschema oder sie hat andere Sorgen, dachte er. Dann konzentrierte er sich nur noch auf das weitere Gespräch. In fünf Minuten werde ich mit Tobias gehen, dachte er in diesem Moment.
"Da muss man einfach abwarten. Mehr kann man nicht tun", meinte Knut.
"Ich denke, dass mein Bruder nichts mehr zu sagen hat. Er ist nicht der Vater. Und deshalb ist er aus der ganzen Sache raus", meinte der Anwalt Florian.
"O.K. Das sehe ich auch so. Kommen wir zu Ralph. Da ist das schwieriger", sagte John.
"Ich kann nicht der Vater sein. Ich bin es nicht. Wenn mein Vater das mitbekommen würde, was da läuft, wird er mich umbringen!", jammerte Ralph.
"Das sagst Du. Aber ich weiß, dass da bei Dir und Franziska mehr lief. Und ich möchte wissen was genau lief!", bohrte John nach.
"Es gab ein paar Blow-Jobs. Petting. Naja. Ein bisschen mehr lief schon", erklärte Ralph.
"Auch Verkehr. Ich hab es gesehen."
"Du hast das gesehen?", fragte Ralph überrascht.
"Ja. Die Schlafzimmertür stand bis zum Spalt offen. Das habe ich einiges gesehen. So wie Du uns zugesehen hattest. Es ist die Frage, ob Du verhütet hattest. Und wenn nicht, gibt es große Probleme!", drohte John.
"Ich hab verhütet!", beteuerte Ralph.
"Aber ...Franziska hatte mal von einer Panne erzählt. Dass Du vergessen hattest, Dir eine Lümmel-Tüte überzuziehen. Sollte das der Fall sein, wirst Du Probleme bekommen. Ich schick Dir einen Anwalt auf den Hals. Deine Eltern werden davon erfahren. Und Franziska wirst Du nie wieder sehen!", drohte John.
Dann fing Ralph plötzlich an zu weinen.
"Ich habe aufgepasst! Ich habe aufgepasst!", schrie Ralph. Florian schüttelte den Kopf. Für ihn war das Gespräch nur noch mehr als absurd. Er kam ihm fast vor, als wäre er in dem Film "Planet der Affen". Er war selten in solch merkwürdigen Gespräch beteiligt. Es kam ihm unwirklich vor. Alle verrückt geworden in der Coronakrise, dachte er.
"Ich glaube Du lügst", sagte John.
"ICH HABE AUFGEPASST! ICH HABE AUFGEPASST. ICH HABE IMMER AUFGEPASST!", schrie Ralph.
"Ich glaube Dir nicht. Dein Verhalten. Deine Körpersprache...verrät Dich."
"Du interpretierst das falsch. Ich bin normal. Ich fühl mich in die Ecke gedrängt. Ich bin nicht der Vater! ICH HABE AUFGEPASST! Das sind alles gegen mich gerichtete Beschuldigungen. Wortklaubereien, um mich in die Ecke zu drängen!", verteidigte sich Ralph.
"Du redest Dich raus, Du denkst Du kannst Dich rausreden.... Aber...ich bin nur enttäuscht. Dass Du unsere Nettigkeit ausgenutzt hast, dass Franziska nett zu Dir war und Du sowas abziehst. Nur damit Du mehr Gefühl im Bett hast", sagte John.
"DAS IST NICHT WAHR! DAS IST NICHT WAHR! Ich habe immer Kondome dabei gehabt. Ich habe immer aufgepasst. Was ist denn los!? Wieso darf ich Euch nicht wiedersehen? Franziska! Sag Du was dazu!", schrie Ralph.
Dann äußerte sich Franziska dazu.
"John. Er ist nicht der Vater! Du kannst ihn nicht so runtermachen...!.", schrie Franziska.
"HALT DEN MUND! ICH WILL DIE WAHRHEIT WISSEN! ER LÜGT! DIE GANZE ZEIT! ER REDET SICH RAUS! GLAUBT IHM KEIN WORT!", schrie John.
"Ich habe Dir alles schon gesagt! ICH HAB ALLES SCHON GESAGT! ICH HABE VERHÜTET!", stammelte Ralph.
Dann schrie er Ralph an": DU WIRST MIR JETZT DIE WAHRHEIT SAGEN! JETZT! ODER DU KANNST WAS ERLEBEN!"
Dann mischte sich der Anwalt Florian in das Gespräch ein.
"Ich glaube es reicht! Das Niveau des Gesprächs sinkt! Ich habe in dieser Aufregung selbst die Pandemiegesetze aus dem Blick verloren. Ich und Tobias werden jetzt gehen. Es dürfen sich nur zwei Personen aus zwei Haushalten in der Wohnung treffen! Normaler Weise. Hier sind zu viele Leute. Wir werden jetzt gehen", sagte der Anwalt Florian Riemer.
"Können Sie noch etwas bleiben? Und mir helfen?", fragte Ralph nervös. Er hoffte, dass er ihn beschützen würde.
"Nein. Ich war mit meinem Bruder schon zu lange hier", sagte der Anwalt Florian.
Dann blickt Ralph nach unten und gestand schließlich ein Missgeschick.
"Es ist leider einmal passiert. Ich hatte Verkehr mit Franziska. Da merkte ich, dass ich vergessen hatte, mir ein Kondom überzuziehen! Es war ein Versehen. Eine Unachtsamkeit. Ein Fehler, der mich die letzten Nächte nicht schlafen ließ!", schrie er. Wieder weinte er. John richtete sich von seinem Sessel auf.
"ES IST UNGLAUBLICH! ES IST UNGLAUBLICH! DIESER VERLOGENE, UNVERANTWORTLICHE KERL! ICH WUSSTE DAS! DIE GANZE ZEIT! SIEHST DU, FRANZISKA? SO IST DIE SITUATION! DEIN TOLLER RALPH! JETZT WISSEN WIR DIE WAHRHEIT!?", schrie John.
Franziska wurde blass und ihre Lippen zitterten.
"Ich kann mich an das Geschehen erinnern. Ich sagte noch zu Ralph, 'nimm ein Kondom' und er sagte 'ja, mach ich.' Ich machte die Augen zu, ließ mich von ihm verwöhnen und achtete nicht drauf, was geschah. Hinterher war ich mir nicht sicher, dachte aber 'naja, er wird wohl aufgepasst haben", sagte Franziska.
"Ich wollte... es nicht. Es war... ein Missgeschick. Ein Fehler!", stammelte Ralph.
"Jetzt wissen wir die Wahrheit. Dann kann Ralph der Vater sein. Aber das beweist letztlich nur ein Test!", sagte John.
"Warum hat Ralph das vorher nicht erzählt? Ein bisschen Ehrlichkeit tut ja gut", sagte der Anwalt Florian.
"Ehrlich ist ja unser Jurastudent nie. Er hat auch am Anfang auf cool gemacht als werdender Anwalt und hat dabei fast jede Jura-Klausur verhauen!", meinte John und trank wieder Whisky aus seinem Glas. In diesen Moment vergass er, wie krank Ralph war. Er wollte nur wissen, wer der Vater des Kindes in Franziskas Bauch war - an alles andere dachte er nicht. Auch Franziska und Knut vergassen wie schwer selbstmordgefährdet Ralph war und wie sehr ihn solche Art Gespräche, dieses Blossstellen und die Kritik an seine Person belasteten. Keiner sah es. Sie waren alle einfach zu sehr mit ihren eigenen Sorgen und Gedanken beschäftigt und nahmen auf seine Gefühle keine Rücksicht. Hinzu kam, dass sie immer mehr Alkohol tranken und nach einer Zeit auch etwas angetrunken waren (was bei einer solchen Unterredung nicht hätte sein sollen) und viele Dinge (auch Ralphs desolaten psychischen Zustand) nicht bemerkten. Und so nahm das Unglück seinen Lauf.

"DAS STIMMT NICHT! DAS STIMMT NICHT! ES LAG AN CORONA, DASS ICH DIE KLAUSUREN VERHAUEN HATTE! ES LAG AN CORONA!!", schrie Ralph.
"Du hattest uns nichts davon erzählt. In meinen Augen wirst Du kein Anwalt werden!", sagte John. Auch diese Bemerkung war pures Gift für den psychisch angeschlagenen Ralph. Einen Augenblick später als John dies gesagt hatte, rastete Ralph völlig aus.
"ICH BIN KEIN JURAVERSAGER! ICH BIN KEIN JURAVERSAGER! ES LAG AN CORONA! VERSTEHT IHR!? SIE BELEIDIGEN MICH STÄNDIG! SO SIND SIE IMMER!", schrie er.
"Das gilt als Meinungsfreiheit. Dagegen ist juristisch nichts einzuwenden. Jeder darf seine Meinung sagen", sagte der Anwalt Florian Riemer.
"Sei nicht so weich. Wir waren nur ehrlich", sagte John.
"Du weißt, was Du getan hast", sagte Franziska. "Du darfst keine Fotos heimlich von uns machen. Aber das hast Du getan."
"IHR HABT EIN SPIEL MIT MIR GESPIELT! FRANZISKA HAT MICH ERST VERFÜHRT! IMMER WIEDER! UND DANN WURDEN AUCH FOTOS VON MIR GEMACHT. ICH WURDE MIT FOTOS ERPRESST. ERNIEDRIGT!", schrie Ralph. Er verlor völlig die Kontrolle.
"UNSINN! DAS SIND AUSREDEN! Das kannst Du nicht beweisen. Denk daran, was Du am Anfang getan hast. DU HAST UNS HEIMLICH FOTOGRAFIERT! Du lügst, wenn Du sagst, dass es anders war", korrigierte ihm John.
"Genau. Du hast uns heimlich von draussen fotografiert, Ralph. Ich glaube das vergisst Du! Wir haben die Beweise“, korrigierte ihn Franziska mit kühler Stimme.
"Es ist eine Straftat", sagte John. "Sowas geht nicht. Wie es der Zufall so ergab, haben wir ihn darauf hingewiesen und er hat es dann bereut. Franziska hatte ihm verziehen und dann lief etwas zwischen ihm und Franziska. Das hatte sich so ergeben. Ich war mit Franziska in dieser Zeit zusammen, hatte aber nichts dagegen, dass sie was mit Ralph hatte. Es war eine offene Beziehung. Eine Dreiecksbeziehung. Und alle was passiert war, passierte freiwillig. Auch Fotos, die wir später mal von uns machten. FREIWILLIG! Ralph ist ja schließlich schon zweiundzwanzig Jahre alt, ein erwachsener Mann, der weiss, was er tut. Und Franziska war ja Zeugin, dass alles freiwillig geschah. Das kann auch Knut bezeugen."
"Das war wirklich so. Ich hab das ja auch mitgekriegt", sagte Knut.
"Jetzt verstehe ich das. Am Anfang geschah einiges nicht ganz freiwillig. Da hat Ralph Euch heimlich gefilmt. Das habt ihr Ralph verziehen. Verstehe ich das richtig? Dann entstand daraus eine Beziehung und was dann geschah , geschah dann freiwillig. Verstehe ich das richtig?"
"Ja. So war es", sagte John.
"Ralph wohnt eine Etage höher über unserer Wohnung. Er ist unser Nachbar. Er kam kurz runter in die Wohnung und dann lief was zwischen ihm und Franziska. Alles wurde abgesprochen und verlief "safe". Und alles lief nach dem Motto "wenn jemand nein sagt, dann ist nein" oder "alles kann, nichts muss", erklärte John.
"Das ist natürlich unsere private Sache. Deshalb erzählen wir jetzt keine Details", erklärte Franziska.
"Richtig. Das ist auch Eure Privatsache. Das geht mich nichts an", sagte Florian Riemer.
"Und dann lief es aus dem Ruder. Spätestens als ich schwanger wurde", sagte John. "Es ging einfach nicht mehr. Da passieren zu viele Sachen, die uns nicht hätten passieren sollen."
"Ich verstehe das jetzt."
"Ich erkläre es mal deutlicher. Das war so. Ralph hatte mich immer öfters angerufen und ER wollte was von mir. War aufdringlich. Hatte uns immer wieder angerufen. Wollte das EINE. Hatte uns gestalkt. Es war am Ende unerträglich. Es ging einfach nicht mehr!", meinte Franziska.
"ABER IHR HABT MIT MIR GESPIELT! HATTET MICH GEDEMÜTIGT! Hattet gesagt ich krieg mein Leben nicht auf die Reihe. Das wisst ihr selbst was ihr gesagt hattet. Ihr hattet mit meinen Gefühlen gespielt!", schrie Ralph.
"Ich glaube es werden jetzt fruchtlose Gespräche. Juristisch gesehen liegen bei Franziska und Ralph keine Straftaten vor. Das sind alles private Sachen, in die ich mich nicht einmischen möchte und die ihr unter Euch klären solltet. Ein Beziehungs-Wirrwarr. Völlig chaotisch. Wer der Vater ist, dass muss ein Vaterschaftstest beweisen. Eventuell kommt die Sache vor Gericht. Es kann aber sein, dass Ralph der Vater ist. Es ist auf jeden Fall -nachdem was er erzählt hat nicht ausgeschlossen", sagte der Anwalt Florian Riemer.
"Nur ein DNA-Test kann Klarheit liefern!", wiederholte John.
"Eben", meinte auch Tobias, der die meiste Zeit schwieg. "Nur ein DNA-Test kann Klarheit liefern!"
"Eines muss ich jedoch sagen. Ich würde keine offene Beziehung führen mit drei oder vier Personen! Das kann immer zu Eifersüchteleien, ungewollten Schwangerschaften führen, bei denen der Vater unklar ist oder das kann zu Hass führen. Liebe ist kein Spiel. Gerade Dreiecks - und Vierecks-Beziehungen mit Liebe und Leidenschaft sind oft ein gefährliches Spiel mit dem Feuer. Und oft führt das zu Unglück, Leid, Eifersüchteleien, Zwietracht, Neid, Mord... Es ist meistens so. Ihr hattet Euch wohl in der Corona-Krise gelangweilt und da war es zu solcher Beziehung und solchen Corona-Spielchen gekommen. Am Ende seid Ihr daran gescheitert. Und jetzt ist Franziska schwanger und der Vater ist unklar", meinte der Anwalt Florian Riemer.
Ralph wurde immer blasser im Gesicht und senkte den Kopf.
"Ich kann nicht mehr... Ich kann nicht mehr... Ich muss kurz auf Toilette!", schrie Ralph.
"Ist es so schlimm?", fragte der Anwalt Florian Riemer.
"Es geht schon. Muss nur auf die Toilette", sagte Ralph.
Dann stand Ralph auf, verließ die Runde und rannte aus dem Wohnzimmer ins Bad. Er schloss die Tür ab und blieb dort einige Zeit an der Tür stehen. Dachte nach...Hatte Schuldgefühle bezüglich der Sache , die mit Franziska passiert war. Wegen Franziskas Schwangerschaft und dass er möglicherweise der Vater des Kindes war! Mit vielen was passiert war, haderte er. Was würden meine Eltern sagen, was würden meine Eltern sagen, schoss es ihm immer wieder durch den Kopf. Dann fühlte er sich plötzlich immer schlechter, fühlte sich fast als ob er kotzen müsste. Dann beugte sich plötzlich über das Waschbecken und übergab sich. Und schwarze Gedanken stiegen in ihm auf.
Franziska, John, Knut, der Anwalt Florian und Tobias unterhielten über Ralph, während er fort war.
„Ihm geht es wohl ziemlich schlecht?", fragte Knut.
"Ja. Das muss er vertragen können. Die Wahrheit", meinte John.
"Aber ihm scheint es wirklich nicht gutzugehen."
"Will einer nicht besser nach ihm sehen? Bevor er wieder durchdreht? Ihr wisst ja wie er ist", fragte Franziska. Sie war schon leicht angetrunken.
"Er wird sich schon beruhigen", sagte John, dem Ralph - nachdem was passiert war - sowieso völlig egal war inzwischen.
"Ja. Ich schau mal besser nach", sagte Knut. Dann stand Knut auf und lief aus dem Wohnzimmer zum Badezimmer. Als er die Badezimmertür verschlossen vorfand, klopfte er an die Tür.
"Ralph. Ist alles in Ordnung? Ist nur eine Unterredung. Reg Dich nicht auf", rief Knut.
"Ist schon okay", rief er aus dem Badezimmer zurück. "Ich bin nur auf der Toilette."
"Dann Bis gleich. Ich geh dann ins Wohnzimmer. Du kommst dann gleich", sagte Knut.
"Ja", ertönte es aus dem Badezimmer. Dann ging Knut von der Badezimmertür weg, ging wieder ins Wohnzimmer und setzte sich auf seinen Platz.
"Ist alles gut mit Ralph?", fragte Franziska.
"Ja. Er kommt gleich. Er ist nur auf Toilette."
"Dann ist ja alles in Ordnung", sagte Franziska.
Dann wechselte John das Thema.
"Ich denke wir haben das meiste geklärt", sagte der Anwalt Florian Riemer.
"Ja", sagte Franziska.
"Ich finde es fies von Ralph, dass er uns vieles nicht gesagt hat. Er ist einfach eine unkorrekte Person", meinte John. Ein Arschloch, dachte John in diesem Moment.
"Auf jeden Fall", sagte der Anwalt Florian. "Sowas ist absolut nicht korrekt. Auch wenn er jetzt so wehleidig sich gibt, ist das absolut nicht in Ordnung."

Während sich alle im Wohnzimmer unterhielten, hing Ralph im Badezimmer rübergebeugt am Waschbecken. Und war kurz davor sich wieder zu übergeben. Er dachte nach. Blickte kurz darauf in den Spiegel über dem Waschbecken und betrachtete sein blasses Gesicht. Und triste, düstere Gedanken schossen ihm wieder in seinen Kopf. Und benebelten seinen Verstand. Er blieb noch eine Weile im Badezimmer, während sich die anderen im Wohnzimmer unterhielten. Dann schloss er die Tür auf...

John, Franziska, der Anwalt Florian Riemer, Tobias und Knut unterhielten sich in Ralphs Abwesenheit weiterhin im Wohnzimmer.
"Ja. Die Wahrheit ist oft unerträglich. Aber sie musste mal gesagt werden. Finde ich. Wir haben jetzt Klarheit. Das siehst Du ein, Franziska?", fragte John.
"Ich muss sagen, dass ich Ralph falsch eingeschätzt habe. Ich lerne erst jetzt andere Seiten von ihm kennen", meinte Franziska. "Er hätte mir einfach ehrlich sagen sollen, was im Bett passiert war. Dass er vergessen hatte ein Kondom zu benutzen", sagte sie schon wieder.
"Man kann sich manchmal bei einer Person täuschen", sagte Florian.
"Er kommt auch nicht mehr in unsere Wohnung", sagte John. "Jetzt ist das absolut vorbei."
"Übrigens...Wenn er draussen am Fenster illegal Videos von Euch gemacht hat, dann könnt ihr ihn zur Rechenschaft ziehen. Wer weiß, was er alles in seiner Wohnung hat. Und wer weiß, was er mit dem Material von Euch macht. Das ist wirklich eine ernste Angelegenheit. Und ich hätte mit solch einem merkwürdigen 22-jährigen Typen keine offene Dreiecksbeziehung geführt. Nicht nachdem er illegale Fotos und Videos gemacht hatte. Hättet ihr nicht einen anderen Mann als Mitspieler suchen können?“, fragte der Anwalt Florian.
Franziska antwortete zuerst nicht. Uhr war das Gespräch unangenehm. Dann sagte sie.
"Du hast recht. Ich hätte mich nicht auf Ralph einlassen sollen", sagte Franziska. "Es geschah einfach in diesem Situation. Eben weil er über mir wohnt...Alles war am Anfang so einfach....und dann wurde es immer komplizierter. Und endete im Chaos", sagte Franziska.
"Ja. Eine offene Beziehung mit ihm zu führen war ein Fehler", sagte John.
"Ich fand das Prickelnd. Für mich war alles O.K. Nur sowas kann man nicht mit Ralph machen. Er ist psychisch auch nicht stabil", sagte Knut.
"Stimmt."
"Es war interessant, das alles mitzuerleben. Ich hatte bis jetzt in der Corona-Krise sowas Verrücktes wie hier noch nicht erlebt. Ich bin nur länger geblieben, weil´s interessant war, das zu erleben. Ich und mein Bruder werden jetzt nach Hause gehen", sagte Florian Riemer.
"Ja. Das waren schon verrückte Erlebnisse", ergänzte Franziska.
Der Anwalt Florian Riemer blickte ein letztes Mal zu Franziska. Doch sie erwiderte immer noch nicht seinen Blick. Das kann ich vergessen - soll sie mit dem John glücklich werden, das ist nicht mein Problem, ich such mir in meinen Kreisen eine, dachte er.
"Wir haben das geklärt. Der DNA-Test meines Bruders wird geliefert. Wir gehen jetzt. Macht keine Dummheiten und keine verrückten Corona-Beziehungsspiele. Nur so ein Tipp. Ich weiß. Die Zeit im Corona-Lockdown ist langweilig. Aber solche Corona-Spielchen sind kein Spaß für Erwachsene, sondern sich verhängnisvoll entwickeln. Wir wünschen Euch Gesundheit. Tschüss", sagte er lächelnd.
"Tschüss", sagte John. Auch die anderen verabschiedeten sich von dem Anwalt Florian Riemer.
Dann gingen der Anwalt Florian Riemer und sein Bruder Tobias aus dem Wohnzimmer und verliessen kurz darauf die Wohnung.
Franziska, John und Knut saßen jetzt alleine im Wohnzimmer, tranken Whisky (und das zu viel!) und besprachen die Situation. In diesem Moment vergassen sie wieder Ralph.
"Jetzt sind sie weg", sagte Knut.
"War der wirklich Anwalt?", fragte Franziska. "Der guckte mich mehrmals so merkwürdig an."
"Dann musst Du anderen Männern auch keine Signale aussenden. Du hattest - so hatte ich beobachtet - auch ihn angeguckt", meinte John.
"Vielleicht war das kein Anwalt, sondern nur ein Hochstabler. Man weiss ja nie...Wir sind fünf Personen in der Wohnung und der nimmt das Pandemiegesetz so locker", meinte sie.
"Weil er Interesse an Dir hatte - darum blieb er länger. Und er war neugierig", meinte John.
"Das sehe ich anders. Er wollte vielleicht wirklich nur seinem Bruder helfen", sagte Knut.
"Doch das ja ...", bemerkte Franziska.
"Soweit ich das beurteilen kann...ich hab etwas zuviel getrunken. Sorry. Für mich war das ein professionell arbeitender Anwalt. Da bin ich mir sicher", unterbrach sie Knut.
"Das denke ich auch. Wir werden ja künftig Post bekommen. Mit den DNA-Tests. Dann werden wir sehen, wer wer ist. Wer lügt, wer die Wahrheit sagt", sagte John.
"Wenigstens ist das geklärt", sagte Knut.
"Bist Du jetzt zufrieden?", fragte Franziska John.
"Ja. Vorerst. Ich trink jetzt noch ein Whisky", sagte John. "Möchtet ihr auch noch was?"
"Ja", sagte Franziska.
"Ich auch", sagte Knut.
John goss ihnen daraufhin noch mehr Whisky ins Glas und beide tranken aus dem Glas. Alle drei waren inzwischen etwas angetrunken. Das war auch ein Grund, warum sie nicht in dieser Zeit an Ralph dachten. Und Ralph war in Johns Augen sowieso völlig egal. Vollkommen abgeschrieben. Nur Franziska fiel wenig später auf, dass er fehlte.
"Wo ist eigentlich Ralph?", fragte Franziska.
"Der ist im Badezimmer. Er wollte gleich ins Wohnzimmer kommen", sagte Knut.
"Er müsste eigentlich schon längst hier sein."
"Keine Ahnung", sagte Knut.
"Wir haben Ralph vergessen!", sagte Franziska plötzlich. Plötzlich hatte sie eine düstere Vorahnung.
"Was?", fragte John.
"Wir haben ihn einfach vergessen. Zuviel geredet und getrunken! Er hat sich schon einmal versucht im Badezimmer in meiner Wohnung umzubringen", erinnerte sie Franziska.
Knut wurde plötzlich nervös. Und Franziska wurde blass im Gesicht. John wirkte dagegen gefasst. Er hatte sowieso nichts für Ralph übrig.
"Es ist alles in Ordnung. Er sass ganz normal da. Und ging auf Toilette", meinte John.
"Er hat mehrere Selbstmordversuche hinter sich! Er ist psychisch labil. Hast Du nicht gesehen, wie er hier im Wohnzimmer da sass, bevor er auf Toilette ging?", sagte Franziska.
"Und das sagst Du erst jetzt?", fragte Knut.
"Mir ist nichts aufgefallen. Er wirkte etwas geknickt. Aber er ist ja immer so drauf", meinte John.
"Das weiss man bei manisch-depressiven Personen sowieso nicht so genau", erinnerte sich plötzlich Knut. "Das kann immer schwanken. Heute gut, dann plötzlich depressiv."
Dann schrie Franziska plötzlich John an": Hast Du nicht genau hingeschaut und gesehen, wie depressiv er aussah? Keiner hat genau hingeschaut. Er ist selbstmordgefährdet! Hat sich mehrfach versucht umzubringen! Auch in meiner Wohnung! Ich will das nicht nochmal erleben! Wir müssen endlich nachschauen!"
"Stimmt. Daran habe ich jetzt gar nicht gedacht. Du hast recht. Und wir sitzen hier, diskutieren und saufen. Suchen wir ihn jetzt!", sagte John erschrocken.
"Ich vermute, dass er noch im Badezimmer ist", meinte Knut.
"Gucken wir im Badezimmer nach. Er ist vermutlich im Badezimmer. Hoffentlich ist nichts passiert. Das hatten wir schon einmal erlebt", schrie Franziska. Doch Johns nervliche Anspannung stieg immer mehr. Und seine Hände fingen an zu zittern. Er lief aus dem Wohnzimmer in den dunklen Flur und fing an zu brüllen.
"RALPH! RALPH! WO BIST DU!", schrie John. Doch es kam keine Antwort. Johns innere Anspannung wuchs ins Unermessliche. Er dachte an Ralphs Selbstmordversuch im Badezimmer mit Tabletten vor einiger Zeit. Wieso habe ich das vergessen, wieso habe ich das vergessen, wieso haben wir alle nicht früher reagiert. Weder Franziska, die gestern Drogen genommen hatte und wohl noch nicht so fit im Kopf ist, noch Knut noch ich..., ich glaube ich werde verrückt, ich war so in Gedanken versunken und verwirrt, dass ich das vergessen habe, für einige Zeit vergessen habe...Vermutlich hatte bei allen der Whisky dazu beigetragen, dachte er. Und merkte, dass sein Verstand immer verwirrter wurde. Wie so oft in Stress-Situationen, besonders in der Zeit, als er auf der Straße gelebt hatte...
"RALPH! RALPH", schrie er erneut. Auch Franziska und Knut gingen auf den Flur und blickten ängstlich umher.
"Wo kann er sein? Warum antwortet er nicht?", fragte Franziska.
"Er ist glaube nicht mehr hier", meinte Knut.
"Doch. Er ist hier", schrie Franziska. "Guck im Badezimmer nach."
"Er muss hier sein!", schrie John.
Dann ging er zur Badezimmertür, öffnete sie und ging dann in das Badezimmer. Er zog sogar die Duschvorhänge zur Seite, fand jedoch Ralph nicht. Auch Franziska und Knut gingen kurz darauf ins Bad.
"Er ist nicht da", sagte John. "WO KANN ER SEIN!? VERDAMMT!"
"Ich hatte ja gesagt, dass er nicht hier ist. Er ist vermutlich oben in seiner Wohnung!", sagte Knut.
"DU WEISST ALLES, DU KLUGSCHEISSER. Hilf uns lieber mit mit dem Suchen!", schrie John.
"Was glaubst Du, was ich tue!", schrie Knut zurück.
Dann fing Franziska hysterisch zu werden.
"HÖRT AUF! HÖRT AUF! Sucht endlich Ralph. Vielleicht ist was passiert."
Dann fiel Johns Blick auf einen Zettel auf den Fliesenboden.
"Da liegt ein Zettel. Von Ralph geschrieben. Mit einem Kugelschreiber."
John bückte sich und hob den Zettel auf. Er hielt den Zettel so hoch, dass auch Franziska und Knut den Text lesen konnte. Dort stand": Die Lockdown-Corona-Spielchen haben bald ein Ende."
Als Franziska das las, stieß sie einen markerschütternden Schrei aus.
"Er ist wahnsinnig! Völlig wahnsinnig!", schrie John.
"Er ist hier irgendwo! Vielleicht steht er mit dem Messer irgendwo! Will Rache! Sticht uns ab!", schrie Franziska. "ICH HABE ANGST! WIR WERDEN ALLE STERBEN!"
"Beruhig Dich! Er ist nicht hier. Er ist oben!", sagte Knut.
"Du weißt alles besser. Franziska könnte recht haben. Vielleicht ist er hier in der Wohnung!", brüllte John.
"Wir müssen vorsichtig sein. Ich finde, wir sollten zusammenhalten!", appelierte Franziska an sie.
"Wenn ihr so zimperlich seid, werde ich hier überall nachsehen", sagte John. "Er spielt mit uns irgendwelche Corona-Spiele. Na schön. Ich krieg das Schwein", zischte er leise.
Dann griff sich John als eine Art Waffe im Bad eine große Parfümflasche, die über dem Waschbecken in einem geöffneten Regalfach stand. Damit lief er aus dem Badezimmer und begann, die ganze Wohnung nach Ralph abzusuchen. Zuerst lief von dem Flur in die Küche und guckte dort nach Ralph. Doch dort war er nicht. Danach lief er ins Wohnzimmer und sah dort nach. (Er konnte ja - als sie im Badezimmer waren - heimlich dorthin gelaufen sein.) Doch da war er auch nicht.
Dann sah er im Schlafzimmer nach. Auch dort fand er ihn nicht. Verzweifelt lief er auf den Flur zurück und suchte in der Abstellkammer nach. Doch auch dort war Ralph nicht.
"Ich hab hier überall gesucht. Er ist hier nicht mehr in der Wohnung", so fasste John zusammen und stellte die Parfümflasche auf den Flurboden in irgendeine Ecke (da er sich auch zur Not mit Fäusten verteidigen konnte!). "Vielleicht ist er in den Keller gegangen."
"Ich glaube nicht", sagte Franziska. "Er kann ja auch nach draussen gelaufen sein. Vielleicht ist er draussen irgendwo auf der Straße."
"Ich bin dafür nach oben in seine Wohnung zu gehen! Ich glaube, dass er dort ist!", schrie Knut. "Wenn ihr hierbleiben wollt... ich gehe alleine."
John war davon am Anfang nicht begeistert und verzog das Gesicht.
Dann gab er schließlich nach.
"Gehen wir nach oben", schlug John vor. "Hoffentlich ist nichts passiert", sagte Knut."
"Ich hoffe nicht", sagte John. Dann verließen sie die Wohnung und liefen auf den Flur.

"Bist Du wirklich sicher, dass er oben ist, Knut?", fragte Franziska leise.
"Er muss oben sein. Ich kenne ihn etwas besser", sagte Knut.
"Und wenn das ein Spiel ist? Eine Täuschung?", fragte John.
"Er hat mehrere Selbstmordversuche hinter sich", sagte Franziska.
"Ich weiß nicht, was er hat. Er sagt doch immer, dass er nicht der Vater des Kindes ist. Er soll doch nur ein DNA-Test abliefern. Mehr nicht. Warum dreht er so durch? Da ist was komisch", sagte John.
"Er ist krank, John. Einfach krank. Kränker als wir dachten."
"Ich dachte, dass die Psychologen ihn im Krankenhaus nach dem letzten Selbstmordversuch etwas aufgebaut haben. Es war ein Irrtum", dachte John.
"Reden wir nicht. Gucken wir nach", sagte Knut leise.
Dann liefen sie über die Treppe in den ersten Stock. Als sie den ersten Stock erreichten und einen Augenblick später Ralphs Wohnung erreichten, sahen sie, dass seine Wohnungstür angelehnt war. Aus der Wohnung kam leise Musik. Es war der Song "It’s a perfect day" von Lou Reed. Angesichts des problematischen Tages klang das zynisch. Als John leise die Tür weiter aufmachte, trat er in die Wohnung. Auch Franziska und Knut gingen in die Wohnung. Auf dem Flur sahen sie die Plastik-Puppe, die Franziska ähnelte. Sie lag auf dem Boden an der Wand. Vermutlich wurde sie dort hingeschmissen. Ihr Gesicht war vollständig mit Lippenstift beschmiert. Was auf bestimmte Emotionen hindeutete. Auch lagen einige Klorollen verstreut auf dem Boden. Scheinbar schien nur John auf genaue Details zu achten, da er als Erster in die Wohnung gegangen war und Franziska und Knut, die direkt hinter ihm standen, zeitweise die Sicht raubte.
"Ralph", rief Franziska hinter John. Dann blickten sie alle in Richtung Badezimmer und sahen etwas, was ihr Blut in den Adern gefrieren ließ. Sie sahen, dass das Badezimmer offen war. Auf den Fliesen war viel Blut. Und auf dem Boden lag ein scharfes Messer. Ralph lag mit geöffnetem Mund in der Wanne voller Wasser, das die Farbe des Blutes angenommen hatte und rot wie Karmesin-Tuch war. Sein Arm hing über den Badewannenrand und Blut tropfte aus der Schnittwunde. Ralphs Augen wirkten starr und leblos. Es waren die Augen eines Toten. Der verzerrte Mund verriet die Pein, die Ralph in der letzten Zeit erlebt hatte.
Franziska stieß ein Schrei aus.
"Er ist tot. Er ist tot", jammerte sie, "Er hat es wirklich getan!“
John lief einige Meter ins Bad. Er wollte helfen. Als er näher kam sah er, dass jede Hilfe zu spät kam. Dann stieg Panik in ihm auf. Er wollte auf keinen Fall in die Sache hineingezogen werden! Er hatte genug Ärger!
"Los. Weg hier", zischte John, drehte sich um und lief zur Tür.
Franziska zögerte.
"Wir müssen doch helfen!", schrie Franziska.
"Nein. Weg hier! Wir können nichts mehr tun!", sagte John. Dann rannte er die Treppen runter und Knut folgten ihm panisch zu ihrer Wohnung und schlossen die Tür. Alle drei standen unter Schock. Franziska fing an zu weinen. Und Knut und John verloren auch allmählich die Nerven. Und sie begannen sich anzuschreien und gegenseitig zu beschuldigen. Die Situation erschien ihnen unwirklich. Und drohte zu eskalieren.
"ER IST TOT! ER IST TOT!", schrie Franziska. "UND WIR HABEN SCHULD! WIR HÄTTEN ES WISSEN MÜSSEN!" "BERUHIG DICH! Sowas konnte keiner vorhersehen", schrie John.
"WIR HÄTTEN ALS WIR UNS IM WOHNZIMMER UNTERHALTEN HATTEN WISSEN MÜSSEN, WIE KRANK ER IST! WIR HÄTTEN NACH IHM SEHEN SOLLEN!", schrie Franziska.
"ABER ICH WAR JA ZUM BADEZIMMER GELAUFEN! ER HATTE DIE TÜR ZUGEMACHT! ICH HATTE INS BAD ZU IHM REINGERUFEN. DA WAR ALLES IN ORDNUNG MIT IHM. ER ANTWORTETE AUCH NORMAL. FÜR MICH WIRKTE ER AUCH NICHT DEPRESSIV ODEER SO. ER WOLLTE GLEICH INS WOHNZIMMER KOMMEN, SAGTE ER ZU MIR", brüllte Knut, der nun auch die Beherrschung verlor.
"TROTZDEM. WIR HÄTTEN MEHR TUN SOLLEN ALS UNS NUR ZU UNTERHALTEN! UND ZU SAUFEN! UND ZU DISKUTIEREN WER DER VATER DES KINDES IST! WIR HÄTTEN IHM HELFEN SOLLEN!", schrie Franziska.
"WARUM BIST DU NICHT INS BADEZIMMER GELAUFEN UND HAST NACHGESEHEN? ODER JOHN", schrie Knut.
"HÖRT AUF. KEINER KONNTE WISSEN, DASS DAS PASSIEREN WÜRDE! WIR HABEN AUCH ZU VIEL ALKOHOL GETRUNKEN. DA WAR DA AUCH NOCH DER ANWALT FLORIAN RIEMER, DER UNS MIT SEINEN LANGEN TEILS ÜBERFLÜSSIGEN REDEN ABGELENKT HAT", schrie John zurück.
"AHA. JETZT HABEN PLÖTZLICH ANDERE DIE SCHULD! JETZT SCHIEB MAL NICHT DIE SCHULD AUF ANDERE", sagte Franziska.
"Sehe ich genauso", sagte Knut.
"HÖRT JETZT AUF. VORWÜRFE BRINGEN NICHTS! WIR HABEN ALLE NICHT GENUG AUF IHN GEACHTET! ES BRINGT JETZT NICHTS MEHR", schrie John.
"VIELLEICHT LEBT ER NOCH! ES IST NICHT SICHER, DASS ER TOT IST. Wir müssen Hilfe holen. Schnell?", brüllte Knut laut.
"HAST DU IHN NICHT GESEHEN? ER IST TOT. DA KOMMT JEDE RETTUNG ZU SPÄT. WILLST DU DA HINEINGEZOGEN WERDEN?", schrie John.
Dann fing Franziska wieder mit den Vorwürfen wieder. Die Situation lief immer mehr aus dem Ruder.
"WIR HABEN IHN UMGEBRACHT. ER MOCHTE IHN NIE. ES IST ALLES DEINE SCHULD", schrie Franziska.
"NEIN. ER WAR ZU LABIL FÜRS LEBEN. ER WAR KRANK UND ICH VERSTEHE NICHT WARUM DU GEFÜHLE FÜR DIESEN MANN HAST!", schrie John.
Dann rastete Franziska aus und schlug auf John ein.
"WIR HABEN MIT IHM GESPIELT! WIR HABEN IHN GEDEMÜTIGT! WIE VIEL SCHMERZ KANN EIN MENSCH AUSHALTEN BIS ER ZERBRICHT?
WIR HABEN IHN KAPUTTGEMACHT! DESHALB HAT ER SICH UMGEBRACHT. WIR HABEN SCHULD WEIL WIR UNS DIESE SPIELE AUSDEDACHT HABEN! DIE NUR VERRÜCKTE SICH AUSDENKEN KÖNNEN! WIR WERDEN JETZT VERHAFTET WERDEN! UND RALPH IST TOT! TOT! TOT! UND AUCH WIR WERDEN STERBEN! AN CORONA. AN ALL DEM WAHNSINN!", schrie Franziska.
"UND DU HAST IHN DOCH IMMER VERFÜHRT. DU WOLLTEST DIESEN PSYCHOPATHEN! ES WAR DEINE IDEE! ICH SAGTE IMMER LASS DEN TYPEN NICHT IN DIE WOHNUNG!", schrie John. "DU HÄTTEST DAFÜR SORGEN SOLLEN, DASS ER VERHÜTUNGSMITTEL NIMMT. ES IST DEINE SCHULD!"
"ES IST DEINE SCHULD! DU HÄTTEST IHM GLEICH DER POLIZEI ÜBERGEBEN SOLLEN ALS ER UNS FOTOGRAFIERT HAST. UND DU HAST IHM AM ANFANG DEN VORSCHLAG GEMACHT, DASS ICH MICH AUF IHN EINLASSEN SOLLTE!", schrie Franziska.
"DU WOLLTEST DAS! NICHT ICH! ICH HAB WEGEN DIR DIE OFFENE BEZIEHUNG GEDULDET! ICH HAB DIR SCHON FRÜHER UND NACH DEM SELBTMORDVERSUCH GESAGT: LASS IHN NICHT REIN IN DIE WOHNUNG!", brüllte John.
Dann drehte Franziska durch, schlug mit den Fäusten auf John ein. Und Gesicht. Auf die Brust. Und John schlug zurück. Knut ging dazwischen. Als er Franziska von John weggerissen wollte, schlug Franziska ihm versehentlich ins Gesicht. Und kratzte ihm ins Gesicht. Und bohrte mit ihren spitzen Fingernägeln in sein Gesicht. Knut blutete, stolperte über die Tür-Schwelle und fiel zu Boden. Dann schlug sie John ins Gesicht. Und er schlug zurück. Dann weinte sie. John stand starr auf dem Flur. Er blutete an der Lippe und versuchte das Blut abzuwischen. Knut erhob sich. Auch er blutete im Gesicht.
"Warte, Du... Warte, Du...", schrie er, ballte die Faust, ging auf Franziska zu und wollte sie schlagen. John packte seinen Arm.
"Es ist jetzt gut", schrie John.
"DU WIRST MIR NIE WIEDER SAGEN WAS ICH TUN SOLL", schrie Knut zu John. John versuchte ihn zu beruhigen in dem er ihn schüttelte. Franziska lief in die Küche und holte sich ein Glas aus dem Schrank.
"Jetzt beruhig Dich!", schrie John.
Dann stand Franziska plötzlich mit einem Glas in der Hand hinter John und schmiss es John auf den Kopf. Das Glas zersplitterte. John fiel stöhnend zu Boden. Und Knut lief wieder mit geballten Fäusten auf Franziska zu.
"Hörst Du jetzt auf? Ist jetzt gut? Willst Du die Faust ins Gesicht bekommen?", schrie Knut. Von dem einst so höflichen Mann war keine Spur mehr zu sehen und es war für alle erschreckend was Extremsituationen aus den Menschen machen konnte. Selbst gute Menschen konnten plötzlich die Kontrolle verlieren. Und zu Mördern oder gar Monstern werden. Noch schlimmer als Frankensteins Monster. Von heute auf morgen, wenn eine Extremsituation auftreten würde. (Aber nicht immer. Manche Menschen konnten sich beherrschen.)
"Was willst Du von mir", schrie Franziska.
"Bist Du ruhig? Hast Du gesehen, was Du mit meinem Gesicht gemacht hast? Ich prügele Dich windelweich!", schrie Knut.
"Und ich bring Dich um", sagte Franziska.
Dann stand John auf. Er blutete auf dem Kopf.
"Wenn ihr nicht aufhört, bring ich erst Euch um und dann mich! Dann sind alle tot!", schrie John und packte Franziska am Arm.
"So? Du willst alle umbringen? Ich hätte wissen müssen, dass Du ein schlimmer Typ bist!"
"Jetzt ist aber Schluss. Wollt ihr, dass die Polizei kommt? Seid ihr verrückt geworden?", schrie Knut.
John wurde sofort still. Dann würden auch Franziska und Knut still. Nach einiger Zeit beruhigten sie sich alle. Eine Weile standen sie wie hilflose Kinder auf dem Flur von Franziskas Wohnung. Ratlos. Entsetzt über ihr Verhalten. Und voller Scham. Nach einer Zeit sprach Knut ruhig weiter.
"Wir sollten nicht die Nerven verlieren. Schuldzuweisungen helfen nicht. Wir müssen zusammenhalten. Nur so schaffen wir's“, sagte Knut ruhig.
"Eben. Es hat keinen Zweck sich gegenseitig zu verprügeln oder umzubringen!", sagte John. Er wusste: Sie waren miteinander schicksalsmässig auf seltsame Weise verbunden. Und gab Knut Recht: Sie würden das nur überstehen, wenn sie zusammenhalten würden. John versuchte weiterhin auf Level "runterfahren"zu bleiben und versuchte alle zu beruhigen. Obwohl er innerlich- obwohl er ein harter Kerl war - aufgewühlt war. Ja sogar zitterte. Und in dieser Situation dürstete es ihm nach Whisky.
"Wir sollten lieber überlegen was wir machen!", sagte John.
"Das hörte sich fast so an wie: Aufstehen und lachen, dachte Knut. Er dachte es aber nur und schwieg aber. Denn er wusste, dass John - gerade nach einem Schock wie diesen unberechenbar sein konnte und ausrasten konnte. Und er wollte nicht noch mehr Öl ins Feuer giessen und John zum Ausrasten bringen. Das wäre gefährlich. Zumindest so klar dachte er - nach dem Schock - schon. Daher sagte er nur": Eben." So lag er wenigstens nicht falsch.

"Wie wäre es, wenn wir uns stärker beruhigen, ins Wohnzimmer gehen und etwas Whisky trinken?", schlug John vor. Er tat so, als wäre er innerlich gelassen. War es jedoch nicht.
Franziska nickte. "Hmm-hmm. Ja."
Dann gingen sie ins Wohnzimmer. John holte Taschentücher aus dem Wohnzimmerschrank und verteilte sie an Knut und Franziska. So konnte Knut sich das Blut aus dem Gesicht wischen. Und Franziska konnte sich die Nase ausschnupfen. Und auch John wischte sich mit einem Taschentuch das Blut aus dem Gesicht. Dann holte John einen Bourbon und Gläser aus dem Schrank für alle und schenkte ein. Und wenig später tranken alle einen Schluck. Und dann war alles wieder gut und die Stimmung besserte sich.
"Ein Schluck tut gut“, sagte John und trank weiterhin aus seinem Glas Bourbon. "Es lässt sich manches vergessen. Wir sollten diese ganze Scheiße, die eben passiert ist, vergessen. Wir wollten uns nicht gegenseitig verprügeln. Es war einfach Scheiße. Denkt an John Wayne wie in seinen Western nach einer Schlägerei: Die Scheiße ist dann vergessen und es wird einfach etwas getrunken."
"Ja. Wenn das so einfach wäre", sagte Knut, während er an seinem Glas Whisky nippte.
"Wir müssen das überstehen. Sonst gehen wir kaputt. Trinken und einfach vergessen", sagte John.
Und Knut sagte nur": Ja."
Und Franziska schwieg nachdem sie etwas aus ihrem Glas getrunken hatte. Keiner wusste, was sie in diesem Moment dachte. Dann schwiegen sie eine Zeitlang alle. Erst nach einer Zeit fragte John": Ist jetzt alles wirklich wieder gut?"
"Ja", sagte Knut leise.
"Wir müssen einfach da durch."
"Ja...aber wir müssen die Polizei holen. Ich ruf sie jetzt an auf dem Handy", sagte Knut.
"Aber nicht mit dem Handy. Ich möchte da nicht hineingezogen werden. Ralphs Familie gibt uns nachher die Schuld. Sie geben uns die Schuld und wir werden vielleicht verurteilt!", schrie John.
"Er hat Recht. Er muss ...anonym anrufen. Die Straße weiter runter ist eine Telefonzelle. Am besten, Du läufst hin, Knut, und rufst die Polizei ...anonym an. Sie sollen in Ralphs Wohnung kommen", sagte Franziska, die immer noch völlig aufgewühlt war. Wie John und Knut.
"Ruf auf keinen Fall per Handy an, wo man Deine Handynummer sehen kann! Willst Du von Ralphs Familie angeklagt werden? Dass der Fall noch in die Presse kommt? Willst Du das?", schrie John.
"Nein. Wir haben aber nichts getan!", sagte Knut.
"Was ist, wenn sie uns was anhängen? Das wir was mit seinem Selbstmord zu tun haben? Willst Du das Risiko eingehen? Deine Karriere gefährden?", fragte John.
"Du kannst Recht haben. Ich laufe dann zur Telefonzelle", bot Knut an.
"Dann mach! Beeil Dich!", drängte John.
Knut griff sich im Wohnzimmer seine Jacke, warf sie sich im Gehen über und verließ eilig die Wohnung.
"Er ist weg", sagte Franziska.
"Ja", sagte John.
"Er wird die Polizei holen."
"Ja."
"Ich muss mich bei Dir entschuldigen. Ich hatte die Nerven verloren", flüsterte Franziska.
"Schon gut, Schatz", sage John. "So bist Du eben manchmal."
"Ich habe mich daneben benommen. Ich war hysterisch. Habe Dir ein Glas an den Kopf geworfen."
"Es ist nicht so schlimm. Alles verziehen."
"Dafür gibt es später eine Überraschung von mir. Im Schlafzimmer. Aber heute, nach dem was passiert ist, nicht. Morgen", sagte Franziska.
"Danke. Ich bin ja so froh, dass ich in der düsteren Corona-Zeit Dich habe. Sonst hätte ich gar nichts", meinte John.
"Ja."
"Ich hoffe, Knut kommt gleich wieder."
"Er kommt gleich wieder. Er ruft die Polizei. Und die wird gleich hier sein. Wir bleiben einfach in der Wohnung und halten uns raus. Wir tun so als wüssten wir von nichts. Wie müssen einfach ruhig bleiben", riet ihr John.
"Das ist vielleicht besser. Oh John. Wie konnte es passieren. Wir haben etwas Schuld daran."
"Er hätte sich sowieso früher oder später glaube ich umgebracht. Allein schon wegen der verhauenen Jura-Klausuren. Er war depressiv. Krank. Er hätte eine professionelle Behandlung haben müssen. Gute Therapien hätten geholfen. Die Ärzte hätten ihn dauerhaft einsperren müssen. Sicherheitsverwahrung. Sie hätten ihn beim letzten Selbstmordversuch einsperren sollen. Und nie mehr rauslassen sollen. Aber was machten sie beim letzten Selbstmordversuch? Sie ließen ihn nach etwas mehr als eine Woche frei. Ich hatte damals in dieser Zeit oft gedacht: Der macht nur Ärger. Lasst ihn drin. Lasst ihn nie wieder aus dem Irrenhaus raus", sagte John.
"Ja. Du hast Recht", sagte Franziska
"Trink noch etwas Whisky."
"Ja."
Dann klingelte es an der Wohnungstür. John lief aus dem Wohnzimmer auf den Flur. Er öffnete die Tür. Vor ihm stand Knut im gelben Treppenhauslicht.
"Hast Du die Polizei in der Telefonzelle gerufen?", fragte John leise.
"Ja. Alles erledigt. Die kommen gleich", sagte Knut.
"Komm rein. Schnell", befahl John und schloss hinter Knut schnell die Wohnungstür. Dann gingen sie ins Wohnzimmer und tranken weiter ihren Whisky. Und versuchten sich zu beruhigen. Dieses Mal setzte sich Knut in den Sessel und John und Franziska setzten sich nebeneinander auf die Couch und besprachen das Geschehene. "Ich habe der Polizei nur gesagt, dass ich mir Sorgen um Ralph mache, dass ich ein Freund bin. Und dass er vermutlich Selbstmord begangen hat. Mehr aber nicht. Von Euch habe ich nichts erwähnt", erzählte Knut.
"Gut", sagte John. "Dann werden sie Dich befragen?"
"Keine Ahnung. Ich habe gesagt, dass ich nichts weiß. Es liegt ja auf der Hand, dass er Selbstmord begangen hat. Er hatte in der Vergangenheit mehrere Selbstmordversuche hinter sich. Also gibt es nicht viel zu befragen. Die Sache ist eindeutig", berichtete Knut.
"Wann kommt die Polizei?"
"Ungefähr in Zehn oder Fünfzehn Minuten. Zwei Polizeiwagen sind unterwegs, so teilte man mir mit."
"Das hast Du gut gemacht. Hast uns da rausgelassen. Denn Franziska verträgt keinen Ärger."
John legte seinen Arm um sie.
"Habt ihr Euch wieder versöhnt?", fragte Knut.
"Ja."
"Ich habe auf dem Rückweg geweint. Ich musste immer wieder an Ralph denken. Er war ein toller Freund von mir", sagte Knut.
"Ich kann das verstehen. Trinkt erst mal."
Dann tranken Franziska und Knut weitere Schlucke Whisky. Und auch John. Und obwohl John durch den Whisky etwas benebelt war, bemerkte er, dass sie immer mehr betrunkener und unaufmerksam wurden. Nach einer Weile erzählte John weiter:
"Ich habe Schlimmeres erlebt. Einmal hatte ich eine Auseinandersetzung mit Messern. Da geriet etwas aus Kontrolle. Der Typ war dann später vier Meter unter... naja... aber egal. Und dann erlebte ich mal was in der Bahn. Da gab es eine Schlägerei. Ich gab ihn einfach rausgeschmissen", sagte John. Dann wurde ihm plötzlich bewusst, was er im alkoholisierten Zustand erzählt hatte und er erschrak. Und hörte auf zu reden. Was habe ich nur gesagt?, dachte er. Knut darf nie davon wissen! Und Franziska sollte auch nicht zuviel wissen. Dann wollte er sich vergewissern, ob sie das, was er gesagt hatte aufgenommen hatten. Und er hatte auf einmal Angst. Er blickte auf Knut und Franziska. Aber sie schwiegen. Und er dachte: Sie hatten ihm entweder gar nicht zugehört oder nur zum Teil - so vermutete John. Als er sie näher betrachtete, vermutete er, dass sie ihm nicht zugehört hatten. Und er wurde ruhiger. Das Kuriose war, dass es eigentlich ein Mordgeständnis war, aber diese beiden Menschen vor ihm waren offenbar schon so alkohol-blau, fertig mit den Nerven nach der Schlägerei, nach Ralphs Tod und was sonst so passiert war, dass sie ihm entweder nur ein bisschen oder gar nicht zuhörten und nichts mitbekamen. Einfach nur oberflächlich und bescheuert. Sollten sie Wortfetzen oder in Teilen etwas von dem , was er erzählt hatte, tatsächlich mitbekommen haben (was er aber nicht glaubte), würden sie ihn sowieso nicht ernst nehmen. Entweder nur wirres Gerede eines Betrunkenen oder ein schlechter John-Scherz. Da sie - wenn sie etwas von seinem Gerede mitbekommen haben - sowieso vergessen würden, was er gesagt hatte, weil ihr Gehirn von Alkohol aufgeweicht wie Vanillepudding war, war John unbesorgt. John wartete eine Weile ab. Alle waren kurz vor dem Einschlafen. Dann hob er plötzlich sein Glas in ihre Richtung in der Absicht, mit ihnen anzustoßen und lächelte gequält.
"Ich denke mal, wir vergessen die ganze Scheiße. Mein Temperament war wieder mit mir durchgegangen. Aber bei Euch auch. Trinken wir und die Sache ist vergessen", sagte John.
Eine kurze Zeit antworteten sie gar nicht. Dann sagte Knut schläfrig": Ich bin fertig. Aber trinken wir. Das ist das Beste."
"Das ist das Beste. Ja", sagte Franziska. Dann stießen sie -als sie wieder nüchterner und wacher wurden - an und tranken. John legte seinen rechten Arm um Franziska.
"Ist jetzt alles wieder gut? Ich wollte das nicht. Ich bin doch immer zärtlich", sagte John.
"Ja. Es ist schon in Ordnung", sagte Franziska.
"Du verzeihst mir? Ein bisschen warst Du zugegeben auch böse. Du hast mich und Knut attackiert. Du hast mir sogar ein Glas auf den Kopf gehauen. Das dürftest Du sicher nicht bei anderen Männern!", sagte John. "Morgen gibt es Versöhnung. Im Schlafzimmer. Sagtest Du vorhin. Wir gucken einen Film. Und wenn Knut das will, kann er morgen kommen und kannst ihm morgen auch etwas für 50 machen", sagte John.
"Ich bin dabei", sagte Knut auf einmal.
"Es gibt keine anderen, vernünftigen Männer mehr. Wir sind die beste Wahl", sagte John etwas angetrunken.
"Ja. Das machen wir so", sagte sie.
"Nach der ganzen Scheiße will ich Dir eine kleine goldene Kette kaufen. Die ergaunere ich – oh, Entschuldigung – die v e r d i e n e ich mir natürlich. Ich glaube, ich krieg bei dem Petrick einen Job, wenn ich als Zuchthengst, als Dater oder Vermittler arbeite. Dann habe ich schnell das Geld und kann Dir die Kette kaufen."
"Ja", freute sich Franziska.
"Jetzt ist sie wieder ganz die Alte", sagte er, streichelte ihr Gesicht und dann legte sie ihre Hand auf seinen Oberschenkel.
Knut wurde etwas nervös.
"Da oben liegt ein Toter. Das ist Ralph. Und ihr macht nichts. Tut so... als sei nichts passiert. Ich ruf den Krankenwagen", erinnerte Knut sie. "Stimmt. Ich hab das vergessen. Ich bin... so vergesslich. Der Alkohol wohl...", sagte John.
"Wann kommt endlich die Polizei. Zehn oder Fünfzehn Minuten müssten schon längst um sein", sagte Knut.
"Er ist sowieso tot. Ich habe ihn mit angesehen. Ich weiß wie der Blick von Toten aussieht. Du kann auch die Polizei nichts mehr machen", erklärte John.
"Ja."
Dann hörten sie im Treppenhaus Geschrei.
"HIIILFE! HIILFE! ER IST TOT! ER HAT SICH UMGEBRACHT. HILFE!", schrie eine Frau. Eine Nachbarin. Wer das genau war, wusste sie nicht. Dann ertönten Stimmengewirr und Entsetzensschreie.
"Jetzt haben sie Ralph gefunden", bemerkte Franziska.
"Ja. Ich denke, dass es besser ist, wenn wir zeitweise gehen. Ich will nicht da hineingezogen werden", sagte John.
"Die Polizei wird Dich aber befragen", meinte Franziska.
"Ich sage, dass ich nichts weiss. Und Du sagst, Du weißt nichts. Das ist am besten. Komm, Knut. Gehen wir."
"Warum gehst Du der Polizei immer aus dem Wege?", fragte Knut.
"Ich habe habe kein Bock auf Ärger. Oder auf Fragen. Ich denke, wir gehen jetzt", schlug John vor.
"Du kannst mich doch nicht alleine lassen", klagte Franziska.
"Das tue ich ja nicht. Ich bring nur Knut zur Bushaltstelle oder nach Hause. Er wohnt ja nicht so weit weg. Er ist zu betrunken, um alleine nach Hause zu gehen", meinte John.
"Du kommst aber gleich wieder?", fragte Franziska.
"Ich komme gleich wieder, Schatz. Ich will unnötige Fragen vermeiden. Ich bin gleich wieder da."
"Hoffentlich."
Dann ging John in die Küche, holte seine schwarze Kapuzenjacke aus dem Rucksack und zog sie sich an. Denn John registrierte trotz seines angetrunkenen Zustandes, dass es in dieser Zeit draußen kalt war und dass seine schwarze Kapuzenjacke viel wärmer war als seine Lederjacke, die er auf dem Garderobenständer gehängt hatte. Eigentlich wusste er auch nicht genau, was er tat, da er in diesem Zeitpunkt stärker angetrunken war. Zwar nicht ganz besoffen, so dass er nicht gehen konnte, aber ziemlich beeinträchtigt. Dann gingen Knut und John zur Wohnungstür, machten sie auf und verließen die Wohnung. Und gingen dann nach draussen. Draussen war es mittlerweile dunkel geworden. Einige Minuten später nachdem sie das Mietshaus verlassen hatten, hörten sie, als sie die Lehnert-Straße entlang gingen, Polizeisirenen. Und sahen in der Ferne Scheinwerfer und Blaulicht. Wenig später kamen zwei Polizeiwagen die Lehnert-Straße entlanggefahren und hielten direkt vor Franziskas Wohnung. Dann stiegen die Polizeibeamten aus und liefen ins Mietshaus, in dem Franziska ihre Wohnung unten auf der rechten Seite hatte. Kurz darauf kam auch eine Notfallambulanz. Nachdem die Notfallambulanz am Strassenrand vor Franziskas Wohnung gehalten hatte, stiegen zwei Männer mit einer Bahre und ein Arzt mit einer Tasche aus der Notfallambulanz und liefen über die Straße in das Mietshaus. Knut und John standen an der Straße und beobachteten eine ganze Weile das Geschehen.
"Die werden auch viel zu tun haben", sagte John.
"Ja. Schlimm", entgegnete Knut.
"Ich begleite Dich nach Hause", bot John an.
Nachdem Knut John den Weg zu seiner kleinen Studenten-Wohnung, die in der Nähe von Franziskas Wohnung lag, beschrieben hatte, gingen sie in Richtung dieser Studenten-Wohnung. Nach einer Weile blieb Knut stehen und setzte sich betrunken und erschöpft auf den Boden.
"Ich bin zu besoffen. Ich kann nicht mehr gehen", sagte Knut.
"Ich sagte Franziska, dass ich gleich zurückkommen wollte. Wenn ich Dich nach Hause bringe, wird es wohl etwas später werden", sagte John. "Willst Du nicht aufstehen?"
"Ja. Gleich. Ich geh gleich weiter", sagte Knut.
"Ich helf´ Dir hoch", sagte John, fasste ihn unter den Arm und hob ihn hoch. Als John feststellte, dass Knut einigermassen stehen und gehen konnte, gingen sie langsam weiter.
"Schaffst Du das?, fragte John.
"Ja."
Dann sah John, dass Knut Tränen in den Augen hatte.
"Ich kann nicht begreifen, was passiert ist. Ich kann es nicht begreifen. Warum musste er es tun?", fragte Knut.
"Er war krank. Psychisch krank. Dann kam Corona dazu. Die Misserfolge beim Studium. Und er war unglücklich in Franziska verliebt. Das alles hat ihn fertiggemacht", erklärte John.
"Ich fühl mich schuldig. Wir hätten das verhindern können!", meinte Knut.
"Nein. Er war zu kaputt. Er hätte es sowieso getan. Franziska ist sicher anderer Meinung. Aber das ist meine Meinung: Er war zu kaputt. Zu labil. Zu krank. Er hätte in die Psychiatrie eingeliefert werden müssen."
"Meinst Du?"
"Ja. Er war zu labil! Zu krank!", sagte John.
Als sie etwa fünfzig Meter die Straße langsam entlangmarschiert waren, drehte sich Knut um.
"Dreh Dich mal um. Sie tragen Ralph aus der Wohnung. Auf einer Bahre", bemerkte Knut.
John drehte sich um und sah tatsächlich zwei Männer, die einen in weisse Tücher gewickelten Leichnam auf einer Bahre aus dem Haus in den Notfallambulanzwagen trugen. Wenig später fuhr der Wagen weg.

"Hätte er gerettet werden können?", fragte Knut.
"Wissen wir nicht. Er hätte in die Psychiatrie eingeliefert werden müssen. Dort hätten sie ihn vielleicht retten können", sagte John.
"Möge er in Frieden ruhen", fügte Knut hinzu.
"Ja. Ich hoffe."
"Gehen wir schnell weiter", sagte Knut. Dann ging John mit Knut durch einige dunklen, leeren Straßen. Als sie kurz vor Knuts Wohnung waren, dachte er plötzlich wieder an Franziska.
Knut bemerkte, dass John nachdenklich war und nervös wurde.
"Was ist los?", fragte Knut.
"Ich muss Franziska anrufen. Sie ist völlig durcheinander. Kommt mit der Situation nicht klar!", sagte John und griff hastig nach seinem Handy, um nach der Zeit zu schauen. Er blickte auf die Uhr und stellte fest, dass sie schon eine ganze Weile unterwegs waren. Zu lange.
"Willst Du nicht das letzte kleine Stück mit mir mitgehen? Du kannst auch kurz reinkommen", fragte Knut.
"Nein. Ich muss zu Franziska."
"O.K. Ich verstehe das. Dann bis später. Ruf an. Erzähl mir später wie es Franziska geht", sagte Knut.
"Ja. Mach ich", sagte John.
"Grüss sie von mir. Wir können uns später treffen."
"Ja. Tschüss."
Dann rannte John los. Er rannte so schnell er konnte durch die dunklen Straßen bis er das Mietshaus erreichte. Er ging dann leise die Stufen hoch, öffnete die Mietshaus-Eingangstür und ging auf den Flur des Erdgeschosses. Dieser war hellerleuchtet und leer. Rettungssanitäter, Polizei und die neugierigen Nachbarn waren weg. Es herrschte unheimliche Stille. Vielleicht, weil es inzwischen schon spät am Abend war und viele im Bett waren. Als John Franziskas Wohnungstür erreichte, ahnte er nicht, was gleich passieren würde. Er klingelte an Franziskas Wohnung. Als sie nicht aufmachte, dachte er sich zunächst nichts dabei. Sie wird wohl im Bett sein und schlafen, dachte er. Er holte seinen Zweit-Wohnungs-Schlüssel (den Franziska ihm gegeben hatte) aus der Tasche und wollte gerade die Tür aufschließen, als er bemerkte er, dass die Wohnungstür nur angelehnt war. John wusste: Franziska würde unter normalen Umständen niemals ihre Wohnungstür offen lassen! Es war in seinen Augen ein völlig untypisches Verhalten von ihr. Und sein Unbehagen wuchs. Instinktiv wusste oder fühlte er, dass etwas passiert sein musste.
"Was ist los? Was soll das?", flüsterte er zu sich selbst.
Dann ging er in die dunkle Wohnung.
"Franziska?", rief er. Es kam keine Antwort. Und John bekam Angst, ahnte Schlimmes. Die angelehnte Wohnungs-Tür war nicht normal, dachte er.
"Franziska", rief er erneut. Als wieder keine Antwort kam, durchsuchte er die Wohnung genauer. Er blickte zunächst in die dunkle Küche. Als er Franziska dort nicht sah, ging dann in das Wohnzimmer. Auch dort war Franziska nicht. Und auch dort war es dunkel.
Warum ist überall das Licht aus, wenn sie doch weiß, dass ich gleich wiederkomme?, dachte John. Vielleicht ist das ganze nur ein Scherz von ihr!, dachte er in diesem Moment. Doch dieser Gedanke war falsch.
Da sie Ralph vorhin tot aufgefunden hatten, wusste er, dass Franziska in solch einer Situation niemals Scherze mit ihm treiben würde! Auch nicht im betrunkenen oder angetrunkenen Zustand. John schaltete ärgerlich das Wohnzimmerlicht an und ging zur Schlafzimmertür. Sie war verschlossen. Schlimmes ahnend riss er sie auf. Und dann sah er sie! Ein Schock fuhr ihm durch die Glieder. Und er erstarrte. Franziska lag auf dem Rücken regungslos mit bleichem Gesicht und aufgerissenem Mund mit einem Nachthemd bekleidet auf dem Bett. Neben ihr lag ein Lappen, ein Löffel, ein Päckchen Stoff, ein Feuerzeug, eine fast leere Flasche Alkohol... Die Nachtischlampe war auf dem Nachtisch umgekippt und brannte. Vermutlich hatte hier auch ein Kampf stattgefunden, dachte John.
In diesem Moment - als John all das sah - starb in John etwas. Und ein Schalter legte sich in seinem Gehirn um. Er rannte in blindem Entsetzen zu Franziska und versuchte sie wachzurütteln. Als sie sich nicht mehr regte, stellte er schockiert fest: Er konnte nichts mehr tun. Sie war tot. Gestorben an einer Überdosis an Drogen aufgrund einer "gemischten Drogentoxizität" aus Kokain und Alkohol. Wer ihr dies gegeben hatte, war unklar. Vermutlich ein oder mehrere Freunde von ihr. Freunde von früher. Wer auch immer...Als John nach dem ersten Schock die Situation begriffen hatte, fing er an, laut zu schreien. So dass vermutlich die Nachbarn es hörten.
"FRANZISKAAAA! FRANZISKAAAA! NEINN! DU DARFST NICHT GEHEN! NICHT OHNE MICH! FRANZISKAAAA!", schrie er. Er versuchte verzweifelt, sie hochzuheben, mit Mund-zu-Mund-Beatmung wiederzubeleben. Doch es war zu spät. Er schrie und weinte noch eine ganze Weile. Dann wurde er etwas ruhiger.
"Sie starb an einer Überdosis Kokain und Alkohol. Wer hat ihr das gegeben!? Ich muss Polizei und den Krankenwagen anrufen", sagte er zu sich selbst. "Hätte ich bloss nicht Knut so lange Zeit nach Hause gebracht!." Dann hörte er draußen, wie ein Wagen kam und direkt vor Franziskas Wohnung hielt. Blitzschnell ging er ins Wohnzimmer und schaltete das Licht aus.
"Mist. Ich habe die Wohnungs-Tür offen gelassen", sagte John zu sich selbst. Er ging gerade in Richtung Wohnungstür und wollte sie schließen, als er Stimmen auf dem Flur vernahm. Schnell lief er zum geöffneten Wohnzimmerschrank, öffnete leise eine Schublade und holte - instinktiv - eine Bourbonflasche daraus hervor. Als Waffe zur Verteidigung! Dann hörte er Männerstimmen. Die er zunächst nicht einordnen konnte. Sie kamen vom Flur des Erdgeschosses. Dort war es dunkel. Jemand hatte das Licht im Erdgeschloss ausgemacht - so vermutete John. Dann ging plötzlich das Licht an und etwas Licht schien durch den Wohnungstürspalt auf den Wohnungsflur. Dann hörte er wieder diese Stimmen. Obwohl sie leise redeten, verstand er fast jedes Wort.
"Mist, wie kann man nur so blöd sein und das Handy und den Stoff vergessen. Das verrät uns noch!", sagte eine Stimme.
"Das ist Deine Schuld. Warum wolltest Du so schnell wegrennen!", sagte eine andere Stimme.
"Weil Du mit einem Blow-Job nicht zufrieden warst. Warum musstest Du über sie herfallen, Daniel", sagte wieder die eine Stimme.
John wusste nun Bescheid. Das waren die Männer, die Franziska auf dem Gewissen hatten! Und seine Wut und Rachsucht wuchs. Sie werden dafür bezahlen, sie werden leiden, sie werden Qualen erleiden, bis sie elendig verenden, ohne Gnade!, dachte er.
"Musst Du meinen Namen sagen? Ich heiß Piet."
"Okay. Verstanden. Ich will Dich nicht stören."
"Du kannst ja zum Wagen gehen. Ich hol den Kram alleine."
"Beeil Dich. Wenn Du nicht in fünf Minuten kommst, hauen wir ohne Dich ab."
"O.K."
John lief schnell in Windeseile in das Schlafzimmer und versteckte sich hinter dem Bett. Dann hörte er Schritte. Sie kamen drohend näher.
John drückte sich tiefer hinter das Bett mit Franziskas Leiche auf dem Bett und hielt die Flasche griffbereit. Bereit sie jedem, der sich ihm jetzt näherte, auf den Kopf zu schlagen.
"Ich werde sie umbringen", tickte es rasend in seinem Kopf. Die Schritte näherten sich weiter, bis ein Mann die Schlafzimmertür aufriss. Dann blieb der Mann kurz an der Türschwelle stehen. John sah sich den Mann genau an. Es war ein ca. 30jähriger, dünner Mann mit Bart und Wintermantel, der ungefähr 1,80 m groß war und John bekannt war. In der Hand hatte er ein Messer. Es war Daniel! Dieser Daniel Neuss, das Arschloch, der schon früher mit Franziska ein Techtelmechtel hatte und den John verprügelt hatte! Er sah nur etwas anders aus, trug nun einen Bart. John wusste: Daniel hatte mit Sicherheit seine Kumpel Axel Neuberger und Peter Wiegand dabei, sie warteten draußen! Sie haben Franziskas Tod verursacht. Und er dachte": Sie werden alle für Franziskas Tod bezahlen!" Dann ging Daniel und Schlafzimmer.
"Da ist ja mein Handy. So. Jetzt werde ich mein Handy und den Stoff mitnehmen", murmelte Daniel zu sich selbst. Er ging auf das Bett zu und bückte sich. Zuerst wusste John nicht, was Daniel meinte und was er im Schlafzimmer suchte. Dann sah John vor sich auf dem Bett ein unbekanntes Handy liegen. Es war das Handy, das Daniel suchte! John hatte das bei der ganzen Aufregung bisher übersehen. John wusste nun, warum Daniel zum Ort des Geschehens oder Tatort zurückgekommen war: Daniel hatte sein Handy, das ihn bei der Polizei verraten würde, am Ort des Geschehens liegengelassen und wollte es nun schnell mitnehmen! Als Daniel sich gerade sich bückte, um sein Handy zu greifen, erhob sich John. Dann stand er plötzlich mit weitaufgerissenen Augen und gefletschten Zähnen, von Wahnsinn und Schmerz gezeichnet, vor ihm. Der Mann zuckte vor Schreck zusammen, als er John sah. Er wollte schreien. Doch es war zu spät. John schlug ihm mit voller Wucht die Bourbon-Flasche voll auf das Gesicht und die Stirn. Die Flasche zerbrach mit einem lautem "Klirr"-Geräusch. Kleine kristallartige Splitter flogen durch das Schlafzimmer. Blut rann über seine Stirn. In den ersten Sekunden wenig. Dann plötzlich mehr. Dann kippte er um und blieb auf dem Boden liegen. Zuerst bewegte er sich noch ein bisschen. Dann war´s nur noch ein Zucken.
"Du Schwein warst das gewesen! Du hast meine Franziska mit Drogen gefügig gemacht. Und vergewaltigt! Und umgebracht. Jetzt bist Du tot!", schrie John.
Dann trat John auf den Kopf des Mannes. Immer wieder und immer wieder trat er in sein Gesicht und auf seinen Kopf, bis er sich nicht mehr rührte. Bis sein Gesicht eine blutige Matschfläche war. Dann hörte er erneute Stimmen.
"Hallo Daniel. Wo bist Du?", rief jemand leise. John lief sofort aus dem Schlafzimmer durch das dunkle Wohnzimmer in die dunkle Küche. Er griff sich seinen Rucksack, der unter dem Küchentisch lag und holte blitzschnell sein Messer aus dem Rucksack. Dann ging er zur leicht zum Spalt geöffneten Wohnungstür und versteckte sich hinter der Tür im dunklen Flur. Er wartete ungefähr eine halbe Minute, bis er wieder Stimmen hörte.
"Mensch, der Daniel kommt nicht. Wo ist der denn?", rief eine dunkle Stimme.
"Weiß nicht. Wenn der nicht kommt fahren wir ab", sagte eine andere Stimme.
"Wir können ihn nicht einfach hierlassen."
"Da muss was passiert sein."
"Willst Du mal nachsehen?"
"Ja. Ich seh´ mal nach."
"Gut. Ich warte im Wagen. Du kommst aber gleich. Wahrscheinlich will er sich noch mit der Frau vergnügen."
"Quatsch. Das glaube ich nicht. Sie rührt sich nicht."
"Ich glaube ja. Du weisst doch, wie er ist."
Dann hörten sie Schritte auf der Treppe und dann ging das grelle Licht im Hausflur an.
"Ich gehe jetzt zum Wagen. Beeil Dich. Wir fahren gleich los."
"Ja."
Dann hörte John Schritte auf den Flur des Erdgeschosses. Und dann vor Franziskas Wohnung. Direkt vor Franziskas Wohnungstür! John hielt die Luft an, während die Wohnungstür langsam geöffnet wurde. Licht fiel aus dem hellerleuchteten Flur in den Wohnungsflur. Dann betrat ein Mann mit einem Baseballschläger die Wohnung.
"Daniel? Wo bist Du? Komm!", rief er mit mittellauter Stimme. Als keine Antwort kam, ging der Mann weiter in die Wohnung hinein.
"Hallo? Was ist los?"
Als er links hinter sich ein Knacken hörte, drehte er sich um und erblickte John. Er wollte gerade mit seinem Baseballschläger zuschlagen, als John mit dem Messer auf ihn zu rannte und auf ihn einstach.
Zuerst stach er ihm in den Hals. Das Blut quoll aus der Wunde und er hielt sich - vom plötzlichen Angriff überrascht - reflexartig und verzweifelt die Hand auf den Hals, die kurz darauf blutgetränkt war. Dann rammte ihm John das Messer direkt in die Brust. Er kippte dann um, zuckte auf den Boden ein paar Mal und blieb dann dort tot liegen. Neben der Leiche auf dem Boden bildete sich eine dunkelrote Blutlache. Dann griff sich John mit verzerrtem Gesicht seinen Rucksack und verließ die Wohnung. Seine Lederjacke vergaß er aber. John wusste als er die Wohnung verliess: Es würde für immer sein! Niemals würde er wieder hierherkommen! Dann ging er auf den hellerleuchteten Flur und schaltete das Licht aus. Blitzschnell verseckte er sich im dunklen Flur hinter der Mietshaus-Eingangstür und beobachtete den Wagen, der am Straßenrand hielt. Dort saßen zwei Männer am Steuer und auf dem Beifahrersitz. Und sie tranken etwas und schienen sich fröhlich zu unterhalten.

Die beiden anderen Männer – der eine war Marc Winkler (von dem John in diesem Zeitpunkt bisher noch nie etwas gehört hatte) und der andere Peter Wiegand – saßen ahnungslos im Wagen und tranken fröhlich Bacardi-Cola. Peter hatte eine kleine Tasche auf dem Beifahrersitz in der sich Koks befand.
"Mensch. Wann kommt Daniel denn wieder? Was ist das für ein Scheiß", sagte Peter.
"Alter, warte ab. Der Axel sucht ihn ja schon", sagte Marc, der am Steuer saß.
"Wie kann Daniel so blöd sein und sein Koks und sein Handy in der Wohnung liegenlassen. Deshalb mussten wir extra zurückfahren", sagte Peter.
"Wegen ihm werden wir noch erwischt werden. Wir sollten ihn nicht mehr dabeihaben."
"Es hätte gereicht, wenn wir Franziska das Koks verkauft hätten. Und sie hätte uns noch einen Blow-Job gegeben. Das hätte gereicht. Wie 's die letzten Male immer war. Aber er musste noch extra über sie herfallen! Und dann gab er ihr zu viele Drogen, so dass sie jetzt tot ist. So ein Mist. Und dann vergisst er in der Aufregung das Handy und das Kokain", schimpfte Peter.
"Mist SCHEISSE. Wann kommt Daniel?", fragte Marc.
"Axel sucht ihn ja schon. Er kommt mit ihm gleich raus."
"Das dauert aber lange!"
"Geduld. Beruhig Dich!", mahnte ihn Peter. "Warum kommen sie nicht? Offensichtlich gibt es da drinnen ein Problem."
"Sie kommen gleich. Jetzt bleib cool, Dicker!", sagte Peter.
"Ich würde ja am liebsten Mal hingegen und nachsehen."
"Wirklich?"
"Ja. Da stimmt was nicht. Ich warte noch eine Minute. Wenn sie nicht kommen, werde ich selbst nachsehen. Mit meiner Waffe."
"Ich glaube langsam, dass etwas faul ist."
"Hast Du etwa Angst?"
"Ich weiss nicht. Wir sollten sich besser losfahren."
"Hast du etwa Schiss?"
"Nein. Aber wenn etwas seltsam ist, hau ich ab. Das mich oft schon in meinem Leben gerettet. "
"Keine Angst. Ich werde nachsehen, wenn Du Angst hast."
"Ich sag Dir das. Wenn sie nicht in zwei Minuten kommen, haue ich ab. Ich steig´ aus dem Wagen und verschwinde", sagte Peter.
"Aber nicht mit der Tasche und dem Stoff. Das wollten wir aufteilen."
Dann blickte Peter zur Eingangstür. "He, Moment mal! Da war doch eben noch Licht? Und jetzt ist es aus."
"Was?", fragte Marc irritiert.
"Das Flurlicht. Im Treppenhaus!"
"Soll ich mal gucken?", fragte Marc.
"Nein. Da ist was faul. Das ist jetzt klar! Bleib besser im Wagen."
Dann rannte plötzlich eine Gestalt mit schwarzer Kapuzenjacke vor das Auto. Er hatte die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, die Zähne gefletscht, seinen Rucksack in der linken Hand und ein gezogenes Messer in der anderen, rechten Hand. Peter und Marc erschraken.
"Scheiße. Was ist das für eine Gestalt?"
"Komm. Lass uns verschwinden. Das ist wohl ein Psychopath", schrie Peter.
Dann verlor Marc am Steuer die Geduld.
"Gib mir mal das Messer in der Tasche." Kurz darauf öffnete Peter mit zitternden die Tasche und holte ein Messer hervor. Dann gab er es Marc.
"HE! DU ARSCHLOCH! WILLST DU STRESS!? ICH MACH DICH ZU BREI!", schrie Marc und fuchtelte mit dem Messer rum. Er zitterte etwas. Dann ging die Gestalt mit hastigen Schritten auf die Wagentür auf der Steuerseite zu. Marc wollte gerade die Wagentür abschließen, als die Gestalt eine Bourbon-Flasche aus der Tasche holte und sie auf die Windschutzscheibe schmiss. Sie zerbrach und Marc wurde von Scherben im Gesicht getroffen und sein Messer fiel in seinen Schoss. Verzweifelt griff er sich sein Messer, das in seinen Schoss lag und wollte sich wehren, als John den Rucksack fallen ließ, mit der rechten Hand die Wagentür aufriss, Marc packte und ihn aus dem Wagen zerrte. Sofort stach er mit dem Messer, das er in der Hand hielt, Marc in die Brust. Dann hob er den sterbenden Marc mit beiden Händen in die Luft und schmiss ihn in großem Bogen auf die Windschutzscheibe. Die Windschutzscheibe zerbrach – besonders dort, wo er mit dem Kopf aufprallte. Er blieb tot auf der Windschutzscheibe liegen. Sein Gesicht war auf der zerbrochenen Windschutzscheibe und zwischen den Splittern auf der Windschutzscheibe war völlig voller Blut und kaputt und ähnelte fast einem roten Matschklumpen. Als Peter das sah und nachdem er mehrere Glassplitter von der zerbrochenen Windschutzscheibe und Marcs Blut abbekommen hatte, schrie er, griff sich seine Tasche, stieg blitzschnell aus dem Wagen und rannte mit der Tasche in blanken Entsetzen davon. Sofort rannte John hinter ihm her. Peter rannte verzweifelt so schnell er konnte. Schweiß gebadet schrie er um Hilfe. Rannte und rannte. Doch John war Schneller, holte ihn ein, packte ihn.
"Hilfe. Lass mich los."
"Du warst beteiligt an Franziskas Tod. Das ist jetzt das Strafgericht."
Dann schlang er den Arm um seinen Hals. Immer fester. Bis sein Gesicht immer roter wurde. Die Augen immer blutunterlaufender wurde. Und bis die Zunge ihm aus dem Mund raushing..
"Ich ...bekomme keine Luft mehr", stammelte er.
Dann erwürgte er ihn. Und schmiss ihn auf die dunkle, menschenleere Straße. John lief dann zum Wagen zurück. Er griff sich das blutige Messer, das in Marcs Körper auf der Windschutzscheibe steckte, griff sich seinen Rucksack, der auf dem Boden vor dem Wagen lag und verschwand in der leeren Strasse im Dunkeln der Nacht. Kurz darauf lief ein Nachbar aus dem Mietshaus, in dem Franziska wohnte. Es war Herr Fitzmeier. Er lief auf die Straße und blickte sich um. Da war John schon weg. Als der dann die Toten sah, rief er die Polizei.
"Vermutlich Bandenkriminalität", sagte der Mann. Und ahnte nicht, dass er sich irrte.

In den nächsten sieben Tagen nach Franziskas Tod (das war Anfang März 2021) versank John völlig in Trauer, Depressionen, Wut, Verzweiflung. Zwar hatte er Rache an Peter Wiegand, Axel Neuberger, Daniel Neuss und Marc Winkler genommen, die an Franziskas Tod beteiligt waren, doch fand er trotzdem keinen Frieden mehr. Und keinen Halt. Da ihm Franziskas fehlte - das Wertvollste was er besaß und auch sein Kind (das vermutlich von ihm war) verloren hatte - verwandelte er sich immer mehr zum Schlechten: Er führte wieder ein Obdachlosen- und Vagabundenleben. Er trug wieder seine schwarze Kapuzenjacke (da er seine Lederjacke in Franziskas Wohnung liegengelassen hatte nach seiner Flucht und daher keine andere Jacke hatte) und hatte nur einen Rucksack bei sich, in dem er die wichtigsten Sachen (ein Ersatzhemd, eine Ersatzhose, Zahnbürste, sein Zeichenblock, ein Messer, einige Dosen Bier, einige kleine Flaschen Whisky, u.a....) eingepackt hatte. Und schlief wieder im Keller eines Mietshauses. Auch weil er nicht nur Franziska verloren hatte, sondern auch Franziskas Wohnung, die auch seine Wohnung war und die er seit Franziskas Tod (weil es zu schmerzlich war) nie mehr besucht oder gesehen hatte. Von der Gesellschaft wurde er wieder abgehängt. Auch zu seinem Bruder Hartmut und zu seinen Eltern hatte er keinen Kontakt mehr (er hatte sich selbst nicht mehr gemeldet). Auch von Knut hörte er nie wieder was. Vermutlich wusste er bereits von Franziskas Tod. Aber das war nur eine Vermutung. Und wenn er es erfahren hatte (vielleicht als er ihre Wohnung aufgesucht hatte, dort niemand aufmachte und ein Nachbar es ihm gesagt hatte), war es unklar wie er das aufgenommen hatte. Vermutlich war es für ihn auch sehr schwer. Aber er war ja mit Shari zusammen (was das einzigste Happy-End an der Geschichte war) und sie würde ihn trösten und er würde alles vergessen. Vermutlich auch John..... Aber Kontakte wollte John sowieso keine mehr haben. Er wollte seine Ruhe haben! Wenn die Leute ihm schon nichts mehr in dieser grauen Corona-Welt geben konnten, dann sollten oder konnten sie ihm -weil er sowieso nichts mehr hatte -auch nichts mehr wegnehmen. Denn: Er war ja schon bei Null und noch weiter runter ging eigentlich nicht mehr. Seine durch Franziska entwickelten positiven Seiten verschwanden immer mehr. Er fing immer mehr an zu trinken, immer an zu rauchen, ass oft das, was die Leute wegwarfen. Und wurde immer verwirrter, verrückter, aggressiver und desillusionierter. Und seine Falten wurden immer mehr im Gesicht. Erst wenn ein Mensch alles verloren hat und nichts mehr zu verlieren hat, dann weiss er wer er wirklich ist und nur so lernt man sich kennen, seine Wahrheit verstehen, wie man in Notzeiten handeln, reagieren würde, dachte John. Auch war ihm die Polizei wegen mehrerer Delikte auf den Fersen, darunter auch wegen der Sachen, die am 15. Und 16. Dezember 2020 passiert waren. Und wegen der Racheaktion nach Franziskas Tod. (Doch: Im Fall der Racheaktion hat die Polizei noch keine klaren Beweise.) Seine gesamte prekäre Situation veranlasste ihn ein Selbstportrait von sich zu malen: Er selbst am Ende. "Auf Abstellgleis und alles verloren", nannte er das Bild, das er nur für sich zeichnete. Er zeichnete viele solche Bilder in seinem Skizzenbuch. Seine 300 Euro, die er von seinen Eltern bekommen hatte - hatte er schon nach nicht mal einer Woche ausgegeben. Das meiste an Alkohol, um sein Schicksal, seine Trauer zu ertragen. Einen anderen Teil des Geldes hatte mit Prostituierten verbraten, die er illegal in der Nähe des Frankfurter Hauptbahnhofs auf der Straße traf und sich mit ihnen heimlich in irgendwelche Häuserecken oder in irgendwelchen staubigen zugemüllten Mietshauskeller vergnügte. Als er wieder zu wenig Geld hatte, um sich Essen leisten zu können, fing er wieder an, zu klauen (und das obwohl er sich vor einigen Wochen noch ändern wollte!). Nachdem alle seine Sachen zum Beispiel seinen Rucksack und eine Tüte mit einigen Lebensmitteln in ein Schließfach im Frankfurter Hauptbahnhof eingeschlossen hatte und leicht angetrunken war, erblickte er wenig später in der Bahnhofshalle an einem Kiosk eine alte Frau. Sie hatte eine Tasche in der Hand! John beschloss daraufhin die alte Frau auszurauben. Nachdem sich die alte Frau eine Zeitung gekauft hatte und bezahlt hatte, ging sie - mit der Handtasche in der Hand - zum Ausgang des Bahnhofs und kurz darauf zu einer Straße. John folgte ihr unauffällig. In seiner Jacken-Tasche hatte er ein Messer versteckt (zur Verteidigung, falls es mal Ärger geben sollte). Als sie gerade über die Straße gehen wollte, schlich sich John an sie heran und bot ihr an, ihr über die Straße zu helfen.
"Darf ich Sie über die Strasse bringen?", fragte John die alte Frau.
"Ja. Gerne. Sie können mich über die Straße bringen. Ich kann ja weder gut sehen noch gut laufen. Das ist so, wenn man alt wird", sagte die alte Frau.
Dann packte John sie unter dem Arm. Und führte sie vorsichtig über die Straße.
"Sie sind ja so hilfsbereit. Ich bin froh so netten, hilfsbereiten Menschen zu treffen."
"Sagen Sie das nicht. Ich bin kein guter Mensch," sagte John. Und bekam plötzlich Tränen in die Augen.
"Warum weinen Sie denn? Nur weil ich gesagt habe, das Sie nett und hilfsbereit sind?", fragte sie alte Frau.
"Nein. Schon gut. Alles in Ordnung. Ich hatte in letzter Zeit nur einiges erlebt. Eine Frau, die ich liebte ist verstorben", erzählte John.
"Oh. Das tut mir leid. Ich kenne diese Gefühle. Ich habe auch meinen Mann verloren."
"Ja. Schlimm."
"Ich will mich bedanken. Ich möchte Ihnen etwas Geld geben. Zehn Euro Belohnung Dass Sie so hilfsbereit sind."
"Es ist wirklich nett. Aber helfe gerne", sagte John. "Was ich Sie mir geben könnten ist die Tasche", zischte John. Dann riss John ihr die Handtasche aus der Hand.
"Meine Tasche. Hilfe", schrie die alte Frau. Dann lief John mit der Tasche davon. Diese Tat wurde von Polizisten gesehen, der in der Nähe des Frankfurter Bahnhofs Streife fuhr. Er nahm sofort die Verfolgung auf. Doch John war schneller und entkam. Während John floh, überkamen ihm schlimme Gedanken.
Alles hat seine Konsequenzen, auch selbst jeder Atemzug und jede corona-typische Fehlentscheidung, dachte John. Und in diesem Moment bereute John vieles. Wünschte sich vieles anders gemacht zu haben. Jetzt war er richtig in der Scheiße. Und die Chance auf einen glücklichen Ausgang wurde immer unwahrscheinlicher. Und John wurde immer verwirrter, nervöser und paranoider.

16. SCHLUSSAKKORD

Ein paar Stunden später lief ein Mann mit schwarzer Kapuzenjacke durch die leeren Straßen Frankfurts. Ohne Maske. Es war John, dem sowieso die Maskenpflicht inzwischen egal war (oft achte er einfach in seiner Vergesslichkeit und seinen immer stärker auftretenden psychischen Problemen nicht daran).
Er bog in eine kleine Nebenstraße namens Brunkstraße ein, in dem sich rechts und links schäbige Mietshäuser befanden. Viele Mülltonnen und Mülltüten standen an den Straßenrändern zum Abholen bereit, die vermutlich schon eine Weile dort standen und nicht abgeholt wurden.
Eine Frau mit einer Handtasche verließ gerade das Haus Nr. 6 und lief den Weg entlang. John blieb kurz stehen und überlegte: "Es würde schnell gehen. Die Handtasche wegreißen und weglaufen." Das war die zweite Nummer an diesem Tag, denn vor einigen Stunden hatte er einer Oma das Portemonnaie geklaut und 50 Euro erbeutet! Die Frau bemerkte ihn nicht. Zu sehr war sie in Gedanken an ihre kranke Mutter versunken und sah ihn nur aus den Augenwinkeln. Sie hielt ihn für einen harmlosen Passanten oder Jogger (wie sie später aussagte).
Sie ging in einiger Entfernung an ihm vorbei. Dann fiel ihr Blick gänzlich auf John. Sie sah in sein finsteres Gesicht. Ihre Augen weiteten sich vor Schreck. Sie wollte sich gerade umdrehen und weglaufen, als John blitzschnell hinter ihr herlief. Sie lief schneller, doch John war noch schneller. Er packte sie am Arm. Sie wehrte sich.
"Lass mich los", schrie sie.
Sie wehrte sich mit allen Kräften. Schlug John ins Gesicht.
"Gib her. Gib her", schrie er. Und er griff sich die Handtasche, die die Frau nicht losließ.
Er zog mit voller Kraft an der Handtasche. Sie zog ebenfalls mit voller Kraft an der Handtasche. Sie wollte sich die Handtasche auf keinen Fall klauen lassen! Denn in der Tasche war ein Geschenk für ihre kranke Mutter, die im Krankenhaus war, einige Papiere und unbezahlte Rechnungen. Und Geld von über 200 Euro! "Lass mich los", schrie die Frau erneut. Doch John war stärker. Er schlug ihr mit der rechten Hand ins Gesicht, während er mit der linken Hand die Tasche festhielt. Sie schrie vor Schmerz und lockerte den Griff an der Handtasche. Das nutze John aus. Mit beiden Händen riss er mit einem aggressiven Ruck die halbgeöffnete Handtasche aus ihren Händen. Die Papiere fielen aus der Handtasche. Und auch das Portemonnaie.
"Scheiße", schrie John, während die Frau starr vor Entsetzen zunächst stehen blieb und dann schreiend floh. John bückte sich und hob das Portemonnaie auf. Und dann auch die Handtasche. Er warf einen kurzen Blick in die Handtasche. Als er nichts Brauchbares fand, schmiss er sie einfach auf den Boden. Er behielt nur das Portemonnaie mit dem Geld in der Hand. Dann lief John weg. Die Frau lief durch die Straße und schrie. Ein Mann mit Maske kam aus dem Mietshaus, in dem die Frau wohnte. Eine Frau, die vom Fenster alles beobachtet hatte, rief die Polizei.
Die Polizisten Frank Schönhuber und Holger Schmitz waren auf dem Frankfurter Hauptbahnhof mit dem Streifenwagen auf Streife unterwegs und fuhren auf der Taunusstrasse in Richtung Hauptwache, als sie einen Notruf erhielten. Beide trugen eine FFP2-Maske. Während Holger den Streifenwagen fuhr ging Frank, der auf dem Beifahrersitz saß, ans Funkgerät. "Frau überfallen in der Brunkstraße 6. Bitte kommen Sie...", ertönte es aus dem Funkgerät. Dann Genuschel. Rauschen. Die Verbindung war in diesem Moment nicht gut.
"Eine Frau wurde überfallen. Brunkstraße. Los. Fahr links in die Weserstraße rein. Schnell. Dann auf die Mainzer Landstraße...", sagte Frank. Er wollte noch etwas sagen, als Holger ihn unterbrach.
"Ich weiß, wo das ist. Ich fahre so schnell ich kann", sagte Holger am Steuer. Wenig später kamen sie auf die Weserstraße, dann auf die Reuterstraße. Dann bogen sie links in eine für sie unbekannte Straße ab. Dann bogen sie rechts ab. Sie fuhren durch einige Straßen in schnellem Tempo.

"Handtaschenraub. Das passiert in letzter Zeit öfters. Ich hoffe, wir kriegen den Kerl. Vielleicht haben wir Glück. Denn zu oft sind bei kleineren Delikten die Täter über alle Berge", klagte Frank.
"Ja. Leider. In der Corona-Zeit", sagte Holger.

Holger schaltete das Blaulicht ein. Dann kamen sie auf die Brunkstraße. Dort sahen sie eine verstörte Frau mit verweinten an der Straße stehen. Und zwei weitere Menschen standen in ihrer Nähe. Schaulustige vermutlich. Gaffer! Vermutlich Nachbarn. Holger schaltete das Blaulicht ab, fuhr auf die Frau zu und hielt den Wagen direkt neben der Frau an. Er kurbelte das Fenster runter, als die Frau neben ihm ans Fenster ging. Sie trug keine Maske, was Holger, der wie Frank eine Maske trug, sofort auffiel und missfiel.
"Maske bitte aufsetzen. Ich muss Sie leider an die Maskenpflicht erinnern", sagte Holger.
Die Frau holte ihre Maske aus der Tasche und setzte sie auf.
"Gut. Also, was ist passiert?", fragte Holger.
"Ich wurde überfallen. Ein Mann hatte mir mein Portemonnaie mit 200 Euro geklaut. Er hatte mich angegriffen und geschlagen", erzählte die Frau.
"Wer war der Mann? Wie sah er aus?", fragte Holger.
"Er war so ungefähr 1,85 groß, kräftig, trug eine schwarze Jacke mit Kapuze. Sein Gesicht sah zerfurcht aus."
"Gut. Wohin war er gelaufen?"
Die Frau zeigte in Fahrtrichtung des Polizeiautos zum Ende der Brunkstraße.
"Er war die Brunkstraße bis zur nächsten Kreuzung gelaufen und war links in die Straße abgebogen", sagte die Frau.
"Wann war das?"
"Vor 15 oder 20 Minuten. Weiß ich nicht genau."
"Ok. Wie ist Ihr Name?"
"Ich heiße Sophia Berger", sagte sie.
"Und wo wohnen Sie?", fragte Holger nach.
"Ich wohne Brunkstraße 6“, sagte sie.
Holger holte einen kleinen Notizblock aus der Tasche und machte sich Notizen.
"Und Sie kannten den Täter nicht? Er hat sie einfach auf dem Gehweg überfallen? Es wäre nett, wenn Sie mir schnell Hinweise geben könnten."
"Ja. Ich wollte zu meiner Mutter ins Krankenhaus gehen. Ich verließ die Wohnung und das Haus Nummer 6. In der Handtasche hatte ich ein Geschenk für meine Mutter - ein Parfüm und 200 Euro. Dann hat er mich überfallen", erzählte sie. "Gut. Wir kommen später zu Ihnen und dann erzählen Sie uns alles ausführlich. Auf dem Polizeirevier! Sie können dann eine Anzeige aufgeben."
"Unbedingt. Kriegen Sie den Kerl!"
"Hoffentlich. Ich würde Ihnen raten ins Haus zu gehen und auf uns zu warten. Wir müssen weiterfahren und den Mann suchen. Ein Mann mit schwarzer Kapuze?", sagte Holger.
"Ja."
"Gut. Bis später. An Maskenpflicht bitte denken!", erinnerte sie Holger Schmitz und trat daraufhin aufs Gaspedal. Dann fuhren Holger und Frank los, während Frau Berger noch lange am Straßenrand stehenblieb und in die Richtung ihres Polizeiwagens guckte.
"Ich hoffe, wir schnappen den Kerl. Vielleicht haben wir Glück", sagte Holger. "In der Corona-Krise wo so vieles chaotisch abläuft. Ich hoffe", ergänzte Frank.
Dann fuhren sie durch einige leere Straßen. Sie sahen nur wenige Menschen mit Maske. Und die wenigen Menschen, die sie sahen, waren die Ausnahme. Ja. Es war immer noch eine Ausnahesituation, sie befanden sich immer noch im dritten Lockdown mit steigenden Infektionszahlen. Und der Inzidenzwert war über 100! Und keiner konnte genau sagen, wie sich das mit der Corona-Pandemie weiterentwickeln würde. Sie fuhren durch ein Gebiet indem sich große Mietshäuser und mehrere Hochhäuser befanden. Sie fuhren dort einige Straßen entlang. Der Himmel war leicht bewölkt und es war draussen etwas kühl. Sie bogen gerade links in die Gaußstraße ein, als sie in der Ferne auf dem Gehweg auf der linken Seite eine Person mit schwarzer Jacke und Kapuze weglaufen sahen.
"Das ist er! Los! Hinterher", schrie Frank Schönhuber. Und Holger gab Gas! Fuhr so schnell er konnte! Und schaltete das Blaulicht ein. Der Mann rannte und rannte! So schnell er konnte.
"Los. Wir müssen ihn kriegen. Schalt Dein Funkgerät ein. Wir brauchen Verstärkung!", schrie Frank. Während Holger fuhr und das Blaulicht einschaltete, schaltete Frank das Funkgerät ein.
"Hallo Frank Schönhuber hier. wir brauchen Verstärkung. Zwei Wagen. Da hat ein Typ mit schwarzer Jacke und Kapuze eine Frau überfallen. Er versucht zu fliehen. Gaußstraße. Kommen Sie".
"Gaußstraße? Ich schicke zwei Wagen rüber", sagte die Stimme am Funkgerät. Dann war das Gespräch beendet.
"Wo will er hin?", fragte Frank.
"Er läuft bestimmt in ein Mietshaus oder Hochhaus“, antwortete Holger.
"Ja. Aber er wird uns nicht entkommen", sagte Frank selbstsicher.

John lief durch die menschenleere Gaußstraße. Links und rechts waren die hohen Häuser. Auch Hochhäuser. Er hörte hinter sich Polizeisirenen. Und geriet in Panik! Er schwitze und sein Gesicht war von Furcht, Verzweiflung und Angst verzerrt. Teilweise fühlte er sich auch leicht erschöpft. Warum, wusste er nicht. Dann tauchte ein Polizeiwagen hinter ihm am Ende der Straße auf.
"Scheiße", schrie er, nahm alle seine Kräfte zusammen und rannte schneller. Dann bog er links in die Lilien-Straße ab. Er wusste jedoch nicht welche Straße es war, da er vor lauter Aufregung nicht auf die Straßenschilder achtete. Er rannte eine Weile. Dann bog er wieder links ab. In die Ferdinandstraße. Gerade als er um die Ecke abbog, kam ein Fußgänger mit Maske auf ihn zu, den er zu spät bemerkte. Er prallte mit dem Mann zusammen und beide fielen zu Boden. Das Portemonnaie fiel John aus der Hand und dann ein Meter weiter auf den Boden.

"Mensch, können Sie nicht Aufpassen? Hier laufen Passanten rum. Trottel", schrie der Mann auf dem Boden liegend. Seine FFP2-Covid-Schutz-Maske war ihm vom Gesicht gerutscht. Dann erhob er sich vom Boden und setzte sich wieder seine Maske auf.
"Entschuldigung", stammelte John nervös, der keine Maske trug. Er stand kurz darauf auch auf. Er war unglücklich gefallen und hatte Schmerzen am Knie. Er wollte gerade das Portemonnaie greifen, als ein anderer vorbeilaufender blonder Mann mit dem Oberlippenbart das Portemonnaie griff und aufhob. John wurde wütend. Und bemerkte: Sie waren die einzigen Personen auf der ansonsten menschenleeren Straße.
"He! Ich wollte nur höflich sein, das Portemonnaie aufheben und Ihnen geben", sagte der Mann mit dem Oberlippenbart. Er streckte John seine Hand mit dem Portemonnaie entgegen. John wollte das Portemonnaie gerade greifen, als er wieder die Polizeisirenen hörte. Er wurde nervös, zuckte zusammen und hielt inne. Der Mann, der John das Portemonnaie geben wollte, sah sich ihn genau an. Als er sein zerfurchtes, verzerrtes, für sein Alter sehr faltiges Gesicht sah, das einige Narben hatte, seine dreckigen Klamotten und sein nervöses Verhalten bemerkte, wurde er misstrauisch.
"Was ist los? Warum sind Sie nervös? Haben Sie das Portemonnaie gestohlen? Denn hier gibt es viele Diebe. Besonders hier draußen in der Corona-Krise zum Beispiel Taschendiebstähle. Denn in Häuser einzubrechen wollen viele aus Angst wegen Corona nicht!", sagte er. Dann erschien am Ende der Gaußstraße der Polizeiwagen. Er fuhr langsam und wirkte auf John drohend. Da wusste der blonde Mann mit dem Oberlippenbart, dass das etwas war, das mit dem Mann mit dem zerfurchtem Gesicht und mit der schwarzer Kapuze vor ihm zu tun hatte. Das etwas nicht stimmte. Und dass dieser Mann mit schwarzer Kapuze vor ihm das Portemonnaie vermutlich gestohlen hatte. Als John den Polizeiwagen entdeckte, erschrak er und rannte weg ohne sich das Portemonnaie zu nehmen.
"He? Warum nehmen Sie nicht das Portemonnaie? Bist Du total Irre?", fragte der Mann mit dem Portemonnaie in der Hand. Aber John hörte nicht und rannte davon. Der andere Mann, der auf den Boden gefallen war ging zu dem Mann mit dem Oberlippenbart, der das Portemonnaie in der Hand hielt.
"Mit dem Kerl stimmt was nicht", sagte der Mann, der zu Boden gefallen war und inzwischen aufgestanden war.
"Das sehe ich auch so. Der ist bestimmt ein Räuber. Die Polizei ist vermutlich hinter ihm her. Ich bring das Portemonnaie zur nächsten Wache", sagte der Mann mit dem Oberlippenbart. Dann sahen sie den Polizeiwagen, der zügig an ihnen vorbeifuhr. John war weggelaufen und links in eine Straße abgebogen: In die Lilienstraße.
John lief so schnell wie möglich die Lilienstraße - mit den futuristisch wirkenden hohen Häusern links und rechts - entlang.

17. JOHN`S ENDE

Auf der Lilienstraße war niemand. Sie war so leer. Alles wirkte wie eine Kulisse in einem Horror, Science-Fiction oder Zombiefilm. John beruhigte sich etwas. Er grinste etwas, das seinem Gesicht noch mehr Wahnsinn verließ. Es war ein irres und leeres Grinsen. "Ich hab´ die Polizeiwagen abgeschüttelt. Ich hab´ den Polizeiwagen abgeschüttelt. Ich war in der Vergangenheit immer entkommen", dachte er in diesem Moment fast hochmütig. Die Polizei wusste zwar, dass er in die Lilienstraße reingelaufen war. Aber nicht wo er genau war. Dann sah John plötzlich ein großes Mietshaus vor sich mit offener Haustür (die ein Kind vergessen hatte zu schließen, nachdem es nach dem Spielen draussen ins Mietshaus gelaufen war). Das war schon ein größeres Mietshaus, was die Höhe betraf - mit mindestens 13 Etagen und mit einem flachen Dach. Das war schon ein kleines Hochhaus. Er überlegte nicht lange. Blitzschnell lief er in das große Miets-Hochhaus rein. Und dann in den Keller. Eine Frau in einer Erdgeschosswohnung rechts arbeitete gerade im Homeoffice, als sie zufällig aus dem Fenster auf die Straße und auf den Fußweg im Eingangsbereich des Mietshauses Nummer 11 sah. Sie sah plötzlich wie jemand - ein seltsamer Mann mit einer schwarzen Kapuzenjacke und Kapuze über den Kopf - von der Straße in das Mietshaus lief. Ein Mann, den sie vorher noch nie gesehen hatte und der ihr sofort komisch vorkam. Sie stand sofort im Arbeitszimmer auf und lief aus dem Zimmer auf den Flur und dann zur Wohnungstür. Sie lauschte an der Tür und hörte, wie jemand die Kellertür aufmachte und die Kellertreppe runterlief. Ein Fremder. Nervös machte sie die Wohnungstür einen Spalt breit auf, holte eine Maske aus ihrer Hosentasche, setzte sie sich auf, streckte den Kopf durch den Türspalt und lugte vorsichtig auf den Flur. Sie sah niemanden. Sie überlegte schon, zur Kellertür zu gehen, die sie aufzumachen und zu rufen, wer da sei. Sie ließ es aber. Aus Angst. Sie schloss die Haustür und zog sich blitzschnell die Schuhe an. Dann öffnete sie wieder langsam die Wohnungstür und schlich auf den schwach beleuchteten Flur im Erdgeschoss. Dann ging sie zur mit Ornamenten geschmückte Mietshaus-Eingangstür, öffnete sie und lief einige Treppenstufen runter auf den Gehweg. Dort sah sie gerade einen Polizeiwagen die Straße entlangfahren. Die Polizisten Holger und Frank sahen im Polizeiwagen sofort, dass die Frau verstört wirkte und wie sie nervös um sich blickte. Holger fuhr langsamer. Die Frau lief sofort zu ihnen. Holger kurbelte sofort das Fenster runter.
"Haben Sie jemanden weglaufen sehen? Ein Mann mit schwarzer Kapuzenjacke?", fragte Holger.
"Ja. Hier", sagte die Frau und zeigte auf den Hauseingang des Mietshauses Nr. 11.
"Los. Hier halten und aussteigen", sagte Frank zu Holger.
Der Polizeiwagen kam zum stehen und Holger und Frank stiegen aus. Beide trugen eine Maske. Dann gingen sie zu der Frau, die sich immer noch nervös umblickte.
"Ich glaube, er ist in den Keller gelaufen", sagte die Frau.
"Wie heißen Sie?"
"Ich heiße Marion Lüders", sagte die Frau.
"Gut. Wir kümmern uns um alles", sagte Holger. "Frank. Hol zwei Taschenlampen aus dem Wagen." Und Frank lief schnell zum Polizeiwagen und holte zwei Taschenlampen aus dem Kofferraum. Er verschloss den Kofferraum und ging mit den Taschenlampen zu Holger. Eine Taschenlampe behielt er in der Hand, die andere gab er Holger, der dabei war die Frau zu befragen. Doch die Frau konnte nicht viel über den Mann sagen, der ins Mietshaus gelaufen war.
"Ich weiss wirklich nicht, wer er war. Er trug eine schwarze Kapuze. Mehr weiss ich nicht. Ich habe ihn noch nie hier gesehen", stammelte sie.
"Wir gehen jetzt alle ins Mietshaus. Wir gehen in den Keller und Sie, Frau Lüders, gehen in ihre Wohnung", sagte Holger. Dann sagte er zu Frank: "Hol bitte Verstärkung. Mehrere Wagen".
"Ok."
Frank griff sich sein Funkgerät, schaltete es ein und bat um Verstärkung.
"Hier ist Frank Schönhuber. Wir brauchen Verstärkung. Mehrere Wagen. Eine Frau wurde Brunkstraße ausgeraubt. Das Portemonnaie geklaut, sie wurde geschlagen. Unser Verdächtiger ist in ein Mietshaus gelaufen. Lilienstraße 11. Wir sind bereits dort.“
"Wie bitte? Lilienstraße Nummer... was?", fragte die Stimme im Funkgerät. Rauschen. Die Verbindung war nicht gut.
"Lilienstraße Nummer 11. Kommen Sie bitte", schrie Frank.
"Ok. Lilienstraße Nummer 11. Es kommen mehrere Wagen. Bis gleich", ertönte eine Stimme aus dem Funkgerät.
"Los, gehen wir", sagte Frank.
Dann gingen sie in das Mietshaus Nummer 11. Die Polizisten Holger und Frank sahen sich zuerst auf dem Flur des Erdgeschosses um. Sie hatten ihre Taschenlampe in der Hand, die klein, handlich, aber hochwertig waren, die man schnell unauffällig in eine Hosentasche stecken konnte und wenn man sie anmachte, grelles Licht ausstrahlten und die für diesen Einsatz genau richtig waren. Weil man mit solch einer kleinen Taschenlampe sehr flexibel war! Sie blickten auf den Fahrstuhl vor dessen Tür ein Schild hing mit dem Hinweis "Fahrstuhl defekt". Sie erblickten eine Treppe mit einem brauen, altmodischen Treppengeländer aus Eichenholz aus dem 19. Jahrhundert, die nach oben führte. Sie erblickten dann die Kellertür. Sie machten die Taschenlampen an und öffneten die Kellertür, während die Frau Lüders ängstlich in ihrer Wohnung verschwand. Holger zog seine Waffe. Und auch Frank hielt seine Hand an der Pistole. Dann machten sie das Licht an, das den Keller nur schwach beleuchtete. Dann gingen sie sie Kellertreppe hinunter.

John lief durch mehrere Kellerräume und suchte ein Versteck für sich. Es war zu dunkel und er konnte nur wenig sehen. Er lief aus einem dunklen Raum auf einen schwach beleuchteten Gang. Er lief einige Zeit den Gang entlang bis er links und rechts des Ganges zwei Türen entdeckte. Die linke stand halb offen und außen steckte ein Schlüssel. Die rechte Tür war weit geöffnet, dort aussen steckte im Schloss keinen Schlüssel und führte in einen dunklen, großen Raum (ob an der Tür innen ein Schlüssel steckte, könnte er in diesem Zeitpunkt noch nicht beurteilen). John blieb kurz stehen und überlegte.
"Was für eine Welt. Was für eine Welt in der verrückten Corona-Zeit", sagte er. Und musste plötzlich leise husten.
Dann hörte er Geräusche. Zuerst Stimmen, dann Schritte. Jemand kam in den Keller! Er saß in der Falle und musste sich verstecken!
"Mist, die Polizei", sagte er sich leise (er führte in seiner Einsamkeit oft Selbstgespräche in letzter Zeit in der Corona-Krise). Er lief in den dunklen Raum auf der rechten Seite des Ganges und drückte auf den Lichtschalter, der sich in der Nähe der Tür befand. Doch dieser schien nicht zu funktionieren und es blieb im Raum dunkel. Das war gut. So konnte er sich besser verstecken! Dann fiel ihm ein unangenehmer Geruch auf. Es roch entsetzlich nach Kot. Tierkot! Als sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten und da ein wenig Licht durch ein kleines Fenster in dem Raum fiel, konnte er einiges so ein bisschen erkennen. Er blickte sich daher in diesem Raum um. Er sah einen Tisch, einige Stühle und mehrere Schränke stehen. Dazwischen gab es viele Kartons und jede Menge Sperrmüll. Der Raum schien als Versteck ziemlich gut zu sein! Was blieb ihm anderes übrig in dieser Situation? Die Polizei würde gleich da sein! John machte sich Vorwürfe. Hätte er sich nur woanders versteckt zum Beispiel irgendwo draußen und wäre nicht in dieses Mietshaus Nummer 11 gelaufen! Wäre er bloss schneller weggelaufen! Dann wäre er der Polizei entkommen! Nun war die Situation für ihn ziemlich aussichtslos, da er - im Nachhinein gesehen - die falsche Entscheidung getroffen hatte. Nur mit einem Trick könnte er noch aus dieser Situation rauskommen, dachte er und machte sich noch einige leise Hoffnungen, obwohl er innerlich von Furcht aufgewühlt war und kaum eine Chance sah zu entkommen. Und er hoffte, dass ihm in dieser Situationen etwas einfiel! Vielleicht fällt mir etwas ein und ich habe damit Glück, dachte er. Er blickte durch die offene Tür des Raumes auf der rechten Seite auf die parallel gelegene zum Spalt geöffnete Tür des Raumes gegenüber auf der anderen, linken Seite des Ganges. Vielleicht würden sie diesen Raum, in den er sich befand, nicht gründlich durchsuchen und nur den Raum gegenüber? Schnell lief er zur Tür des Raumes auf der rechten Seite, in dem er sich befand, und schloss sie. Dann entdeckte er einen Schlüssel, der innen im Schloss der rechten Tür steckte. Das war vom Aussehen her ein ähnlicher Schlüssel, der an der Tür des Raumes ihm gegenüber auf der rechten Seite des Ganges war.

Zwar überlegte er, die Tür innen abzuschließen - der Schlüssel steckte ja im Schloss und es wäre leicht gewesen ihn einfach nach rechts zu drehen und die Tür abzuschließen. Aber er fürchtete, die Polizisten würden dann misstrauisch werden und wissen, dass er sich hinter der verschlossenen Tür versteckte, wenn er die Tür abschliessen würde! Das könnte ihn möglicherweise verraten! Denn er wusste: Eine nicht verschlossene Tür mit einem Schlüssel im Schloss würde nicht so auffällig und verdächtig wirken, als wenn sie verschlossen wäre! John lief schnell hinter einen der Schränke, der sich gegenüber der Tür im Dunkeln befand. Er hörte er hinter sich ein Geräusch und sah eine Ratte fortlaufen. Sie verschwand hinter einem der Schränke am Ende des Raumes. Er sah Rattenkot auf dem Fußboden und wusste, nun woher der Kotgeruch kam. Es war widerlich, aber es gab keine andere Alternative! John verharrte eine Weile hinter dem Schrank. Dann hörte er erneut Stimmen und Schritte. Die Polizei war da! Auf dem Gang! Und gleich hätten sie ihn! Er holte sein Messer aus der Jacken-Tasche hervor (das er dort versteckt hatte). Zuerst überlegte er, sich zu ergeben. Dann überlegte er sich, dass er sich lieber selbst umbringen würde, bevor sie ihn kriegen – sich das Messer in den Bauch rammen oder sich die Kehle aufzuschneiden! Ein kräftiger Ritz an der Hauptschlagader und das Thema wäre erledigt. Aber vielleicht gäbe es noch einen Trick, um zu entkommen.
Dann kamen die Schritte näher. Und schon klopfte es an der Tür des Raumes auf der rechten Seite des Ganges, in dem er sich versteckte.
"Meinst Du, dass die Tür abgeschlossen ist?", ertönte eine Stimme.
"Wir werden sehen", sagte die andere Stimme.
"Hallo. Hier ist Schmitz! Aufmachen. Kommen Sie mit erhobenen Händen raus! Dann passiert Ihnen nichts!", schrie Holger Schmitz. Er trug wie Frank eine Maske.
Doch John antwortete nicht. Er wollte sich auf keinen Fall ergeben. Eher sterben als in einer Gefängniszelle zu verrotten.

"Ist er überhaupt hier drin? Bist Du Dir sicher? Er kann auch im Raum gegenüber links sein", meinte Frank und ging zur Tür auf der linken Seite des Ganges, die zum Spalt geöffnet war. Er öffnete die linke Tür zu einem größeren Spalt und ging einige Meter in den dunklen Raum. Er drückte den Lichtschalter und merkte, dass das Licht ausgefallen war. Er warf einen flüchtigen Blick in den dunklen Raum und kam zu dem Ergebnis, dass sich niemand in dem Raum befinden konnte. Denn dort waren nur einige Schränke, ein Tisch und ein bisschen Müll und einige Kartons. Er war nicht ganz so unübersichtlich und mit Gegenständen vollgestellt wie der Raum gegenüber.
"Ich glaube da ist niemand - denn die Tür war nicht verschlossen. Nach meiner Erfahrung ist da niemand. Wir werden und den Raum später vornehmen. Wir werden zuerst den Raum rechts durchsuchen, denn ich vermute, dass er da drin ist!", meinte Frank.
"Du hast recht, Frank", sagte Holger.
Dann ging Frank wieder zu der verschlossenen Tür auf der rechten Seite des Ganges, hinter dem sie John vermuteten. Und klopften schon wieder gegen die Tür.
"Kommen Sie mit erhobenen Händen raus!", schrie Frank.
Doch John, der sich in diesem Raum befand, antwortete noch immer nicht.
"Egal. Gleich machen wir die Tür auf", sagte Frank.
"Vielleicht ist sie abgeschlossen," sagte Holger.
"Dann brechen wir sie auf", sagte Frank. Und er verlor die Geduld.
"Zum allerletzten Mal. Kommen Sie mit erhobenen Händen raus und Ihnen passiert nichts", schrie Frank.
Aber es erfolgte keine Reaktion.
"Er antwortet immer noch nicht", sagte Holger.
"Meinst Du, dass er hier ist?", fragte Frank
"Kann sein."
"Jetzt reicht 's. Wir machen die Tür auf!", drohte Frank.
Wieder klopften sie gehen die Tür. Dann hämmerten sie gegen die Tür.
"Zum allerletzten Mal. Aufmachen!" Dann warteten sie eine Weile. John wurde nervös. Diese Minuten und Sekunden kamen allen in dieser Situation wie eine Ewigkeit vor.
"So jetzt gehen wir rein", sagte Frank leise und verlor gänzlich die Geduld. Er wollte nicht länger warten. Rechts hielt er die Pistole in der Hand und mit der linken Hand drückte er den Türgriff etwas runter und die Tür öffnete sich zum Spalt. Dann trat er plötzlich gegen die Tür. Die Tür flog blitzschnell auf und John, der sich immer noch hinter dem Schrank gegenüber der Tür versteckt hielt, erschrak und zuckte zusammen. Dann stürmten die Polizisten Frank und Holger mit gezogenen Pistolen in den Raum. Holger links und Frank rechts. Sie fuchtelten mit den Pistolen rum. Sie waren durch jahrelange Schulungen bei der Polizei geübt und hatten sämtliche Tricks und Techniken drauf. Dann liefen sie hinter einen Schrank links in der Nähe der Tür und gingen in Deckung. Ihre beiden Pistolen waren zuerst auf den Schrank gerichtet. Und dann in den Raum gerichtet. Sofort zum Schießen bereit, wenn es darauf ankam.
"Kommen Sie raus! Ich weiß, dass Sie da drin sind!", schrie Frank erneut.
John umklammerte sein Messer fest. Er wollte es sich in den Magen rammen oder wenigstens einen der beiden Polizisten erwischen. Er lächelte irre, obwohl er Angst hatte und schwitzte. Er wollte sich gerade mit dem Messer selbst töten, als er zwei Bierflaschen auf dem Boden sah. In Sekundenbruchteilen hatte er eine Idee: Die Polizisten hatten die Tür weit aufgestoßen und der Blick über den Gang zur geöffneten Tür gegenüber war frei. Er könnte bequem einen Gegenstand hinüberwerfen, ohne das Ziel zu verfehlen. Ein alter Indianertrick! John wusste in diesem Moment: Die Idee war in dieser Situation gut. Er musste die Polizisten auf diese Weise aus dem Konzept bringen. Ablenken. Irritieren. Mit etwas Unerwartetem! Was jenseits ihrer Erfahrungen war. Und die Flaschen konnten ihm behilflich sein. Er müsste die Flasche von seiner Position aus gezielt durch die geöffnete Tür über den Flur in den anderen Raum werfen. Die Flasche würde mit einem Klirren im Raum gegenüber kaputtgehen. Die Polizisten würden durch das Klirren den Täter dort vermuten und schnell in den anderen Raum laufen und im Dunkeln alles absuchen. John würde blitzschnell aus seinem Versteck springen, die Tür hinter den Polizisten von außen zuwerfen und sie dann einschließen! Wieso war er nicht früher darauf gekommen? John wartete ab. Früher oder später würden sie vielleicht einen Fehler machen. Die Nerven verlieren. Und so kam es auch! Der Polizist Frank Schönhuber verlor allmählich die Kontrolle, als er John nicht fand. Er brüllte, fuchtelte mit der Pistole rum und spielte den dicken Mann. Seine Maske hat er versehentlich runtergezogen. Das störte Holger. Und auch John bemerkte dies und wollte diesen Fehler ausnutzen.
"Das Verhalten ist bestimmt nicht professionell und Teil der Polizeischulung. Das Niveau sinkt," dachte John in diesem Augenblick ziemlich klar (Was oft nicht der Fall war.)
"Wo bist Du? Komm raus. Es wird vor Gericht gut für Dich sein, wenn Du Dich stellst, mit uns kooperierst! Dann gibt s Strafminderung. Einige Jahre würde er rausschlagen. Also komm raus!", schrie Frank.
"Frank – er ist vielleicht nicht hier. Gehen wir in den anderen Raum", sagte Holger. "Nein. Ich will da drüben bei den Schränken gucken. Er ist hier", sagte Frank. Und dann gingen sie langsam mit gezogenen Waffen zu dem Ende des Raumes.
Frank war ein Polizist Mitte 30, der unbedingt Karriere machen wollte. Deshalb nahm er viele Risiken auf sich, während der 30jährige Holger mehr im Hintergrund blieb. Zumindest in solchen Situationen. Sie standen mit dem Rücken zu John ziemlich am Ende des Raumes und blickten auf den Schrank vor sich. Sie waren abgelenkt und in dieser Situation zu selbstsicher. Hinzu kam, dass der Polizist Holger gar nicht glaubte, dass John sich in diesem Raum befand und zunehmend nachlässiger und unaufmerksamer wurde. Als sie gerade wegguckten, griff sich John eine Flasche, blickte konzentriert zur Tür des anderen Raumes. Und mit gekonntem Wurf warf er die Flasche durch den Raum durch die geöffnete Tür dieses Raumes bis durch die geöffnete Tür des anderen Raum gegenüber. Die Flasche zersplitterte laut an der Wand des anderen Raumes. Die Polizisten erschraken durch das Klirrgeräusch.
"Da ist jemand im Raum nebenan," schrie Frank.
"Ich hab´ Dir das doch gesagt. Los. Gehen wir in den anderen Raum. Schnell. Er darf uns nicht entkommen!", schrie Holger. Mit gezogenen Waffen liefen sie aus dem Raum, liefen auf den Gang und dann in den Raum gegenüber. Sie suchten den Raum mit den gezogenen Waffen ab. Die zersplitterte Flasche auf dem Boden an der Wand bemerkten sie im Dunkeln nicht sofort. Und auch nicht Johns List.
"Wo bist Du! Komm raus!", schrie Frank. Als sie ganz weit in den Raum drin waren, hastete John aus dem Versteck, lief blitzschnell aus dem Raum raus in den Gang zu der Tür des gegenüberliegenden Raumes indem sich die Polizisten Holger und Frank befanden. Blitzschnell zog er die Tür des gegenüberliegenden Raumes zu, drehte den Schlüssel um, zog den Schlüssel aus dem Schloss und dann waren die Polizisten Frank und Holger eingeschlossen. Wütend liefen Holger und Frank zur abgeschlossenen Tür und trommelten gegen die Tür.
"Lass uns raus!", schrie Frank.
"Das wirst Du büßen!", schrie Holger. Blitzschnell lief John den Gang entlang. Er sah auf dem Boden einen Kronleuchter aus Metall liegen. Vermutlich wollte ihn keiner mehr haben. Aber als Waffe war er gut. Während John in der linken Hand das Messer hatte, griff er sich mit der rechten Hand den Kronleuchter und lief durch den dunklen Flur bis zur Treppe, die nach oben auf das Erdgeschoss führte. Er schlich leise hoch und guckte vorsichtig durch das Fenster in der Tür in den Erdgeschoßflur. Vor der Tür sah er von hinten einen Polizisten, der gerade bei einem Mieter klingeln wollte. Durch die offenstehende Mietshaus-Eingangstür sah John draußen einen Polizeiwagen halten. Sie würden gleich hier sein! Und schon hörte er Stimmen. Er musste weg! John versteckte das Messer wieder schnell in seiner Jackentasche und behielt nur noch den Kronleuchter in der Hand. Leise öffnete er die Kellertür. Als der Polizist dies bemerkte und sich umdrehte, schlug John blitzschnell den Kronleuchter auf seinen Kopf.
Ein Krächzen entwich seiner Kehle. Dann sackte er zu Boden. Dann fiel sein Blick auf den Fahrstuhl mit dem Schild "Fahrstuhl defekt". Er lief zum Fahrstuhl und drücke einen Knopf. Der Fahrstuhl öffnete sich. John lief zu dem Polizisten am Boden, stellte den Kronleuchter auf den Boden und schleifte den Polizisten zum Fahrstuhl. Der Polizist wehrte sich und schlug John einmal, zweimal ins Gesicht. Johns Lippe platzte auf, er blutete und er wich taumelnd zurück. Dann schlug er dem Polizisten ebenfalls ins Gesicht. Als der Polizist aufstehen wollte und zur Waffe greifen wollte, griff sich John schnell den Kronleuchter auf dem Boden und schlug ihm den Kronleuchter ins Gesicht. Und dann wieder auf den Kopf. Der Polizist taumelte zum Fahrstuhl. John schlug erneut zu und der Polizist fiel auf den Boden des Fahrstuhls. Er blieb dort bewusstlos liegen. Dann drückte John den Knopf am Fahrstuhl und die Fahrstuhltür schloss sich. Dann blickte er zur Eingangstür des Mietshauses. Er sah mehrere Polizisten auf die Eingangstür zugehen. In Panik rannte er die Treppe hoch in Richtung der oberen Etagen.
Er lief und lief. Er erreichte gerade die erste Etage, als er eine Stimme hörte.
"Er ist da drin. Los. Gehen wir rein", schrie jemand.
John lief weiter hoch. Er hörte wie die Polizisten mit ihren Masken im Gesicht die Eingangstür erreichten und auf den Flur des Erdgeschosses liefen. John blickte über das Treppengeländer nach unten. Fast würde ihm schwindelig. Und musste plötzlich etwas husten. Dort sah er die Polizisten auf dem Flur des Erdgeschosses. Und blickten zu ihm nach oben. Auch zwei Mieter - ein Ehepaar- machten die Tür einer Wohnung auf und gingen auf den Flur des Erdgeschosses.

"Kommen Sie runter. Ergeben Sie sich. Mit Händen über den Kopf", schrie ein Polizist. Doch John ließ sich davon nicht irritieren und lief weiter die Treppe rauf. Dann liefen mehrere Polizisten vom Erdgeschoss die Treppe rauf. John lief weiter so schnell er konnte. Auf der Lippe blutete er. Da der Kronleuchter ihm beim Treppenhochlaufen zu schwer war, stellte er ihn auf der zweiten Etage auf den Boden. Doch dann blickte er wieder über das Treppengeländer und sah die Polizisten, die ihm folgten. Eine Mischung aus Panik, Wut und Verzweiflung ergriff ihn. Er verzerrte das Gesicht und fletschte die Zähne. "Er ist jetzt oben auf der dritten Etage. Holt ihn da runter!", rief ein Polizist. "Kommen Sie da runter!", schrie ein anderer Polizist. John geriet in Rage, griff sich den Kronleuchter, der auf dem Boden stand und schmiss ihn nach unten in Richtung der Polizisten, die sich auf der ersten Etage befanden und ihm folgten. Der Kronleuchter knallte auf den Boden der ersten Etage und verfehlte nur knapp einen Polizisten.
"Machen Sie keine Dummheiten. Ergeben Sie sich!", schrie wieder ein Polizist. John holte das Messer aus der Tasche und lief weiter nach oben. Er erreichte die dritte Etage, dann die vierten Etage, dann die fünften Etage, dann die sechsten Etage. Er bemerkte, dass er schneller war als die Polizisten, die ihm folgten. Er hatte einen gewaltigen Vorsprung. Dann wurde ihm plötzlich schwindelig. Und er musste Husten.
Er legte die Hand auf die Stirn. Er hatte diese Symptome schon mehrmals in letzter Zeit gehabt. Er hatte daher mehrmals vermutet, dass er corona-krank war. Aber er hatte sich aus Angst vor einem positiven Testergebnis nie testen lassen. Und immer den Gedanken an Corona verdrängt. "Wird schon alles gutgehen. Das ist nur Fieber oder eine Erkältung. Und auch wenn ich Corona hätte, werde ich das überstehen. Ich brauche keinen Test", redete er sich ein und versuchte sich etwas zu beruhigen. Oder er tat das ab als schräge Gedanke oder einfach für Phantasien. Trotzdem kam die Angst manchmal und in letzter Zeit stärker durch. Früher hatte er keine Angst vor Corona. Er hatte über die Maßnahmen gespottet. War Corona-Leugner! Doch nun nicht mehr. Jetzt hatte er Angst vor Corona. Denn es passierte einfach zu viel in letzter Zeit. Zu Höhe Inzidenzzahlen!
Er verstand es aber immer wieder, die Gedanken daran wenigstens zum Teil zu verdrängen und wollte sich auf keinen Fall testen lassen. Er stand am Geländer und hustete. An seiner Lippe spürte er warmes Blut. "Es ist nur eine aufkommende oder verschleppte Erkältung“ sagte er sich, obwohl er innerlich stark daran zweifelte. Dann sah er, dass die Polizisten aufholten. Sie würden gleich oben sein! Er nahm alle Kräfte zusammen und rannte weiter die Treppe hoch. Weiter und weiter. Keuchend und müde. Er merkte, dass ihn die Kräfte wieder verließen und das Atmen ihm immer schwerer fiel. "Bitte nicht Corona. Bitte nicht Corona", dachte er. Er schleppte sich weiter und weiter nach oben und erreichte inzwischen die neunte Etage. Dann die zehne Etage. Und dann die 11. Etage. Ihm wurde erneut schwindelig. Er verzerrte das Gesicht. Seine Beine schmerzten. Die Kräfte verließen ihn immer mehr. Und er hustete.
Und wieder kam der Gedanke, den er versuchte, zu verdrängen: "Hoffentlich habe ich kein Corona!“ Denn ein Freund von ihm starb schon daran und liegt nun in der Leichenhalle.... Dann sah John die Polizisten näherkommen. Er sah ein, dass er keine mehr Chance hatte, ihnen zu entkommen! Er nahm alle Kräfte zusammen und lief weiter nach oben. Er erreichte die 12. Etage. Und dann war er auf der 13. Etage. Er blickte nach unten. Sechs Polizisten waren inzwischen auf der zehnten Etage (der Kronleuchter-Wurf hatte ihm einen Vorsprung verschafft). Er drehte sich wieder um und sah vor sich eine Eisentür. Er lief dorthin und stellte fest, dass sie sich öffnen ließ. Durch die Tür kam er auf einen hellerleuchteten Gang. Am Ende des Ganges waren einige Treppenstufen und eine weitere Tür oberhalb der kleinen Treppe. Er keuchte dort hin. Er schwitzte und erneute Schwindel überkamen ihn. Mühsam drückte er die Tür auf und lief nach draußen: Er war auf dem Dach des Miets-Hochhauses angekommen. Ein kalter Windstoß fuhr ihm ins Gesicht und durch seine Haare. Er sah andere Hochhäuser wie Giganten in die Höhe ragen. Alles kam ihm unwirklich vor. Wie in einem Science-Fiction-Film.

John lief auf dem Dach bis zur Kante. Dann stand er am Rande des Daches und blickte in die Tiefe. Ihm wurde schwindelig. Als er dort nach unten blickte, sah er im benommenen Zustand mehrere Polizeiwagen. Und viele Menschen. Die so winzig wie Ameise wirkten. Trotz der Höhe konnte er erkennen: Fast alle trugen Masken. Polizisten und Schaulustige...Ca. 40 Leute. Und sie sahen nach oben und ihn an der Dachkante stehen.

Unten riefen ihm mehrere Polizisten zu. "Springen Sie nicht. Kommen Sie runter. Seien Sie vernünftig!", schrien mehrere Polzisten mit Masken abwechselnd.
"Bitte komm runter. Bleib am Leben. Das Leben ist zu kostbar, um es einfach wegzuwerfen", schrie eine ängstliche Frau mit Maske.
"Probleme kann man lösen. Spring nicht. Selbstmord ist keine Lösung", schrie ein Mann.

"Es ist das Ende der Welt. Wir haben Corona. Da sterben viele. Und jetzt drehen Leute durch und bringen sich zahlreich um. Und dann kommt Klimakatastrophe, Umweltkatastrophen, Wirtschaftskrise, Inflation. Dann die Kriminalität. Die meisten werden sterben. Ich möchte nicht sterben", schrie eine andere Frau. "Es ist Endzeit. Es ist Endzeit. Es ist Endzeit. Findet zu Gott bevor es zu spät ist. Ich möchte nicht so elendig sterben in der Endzeit", schrie sie hysterisch.

Ein Polizist sprach durch einen Lautsprecher:" KOMMEN SIE RUNTER. ES WIRD ALLES GUT! SPRINGEN SIE NICHT! ES WIRD ALLES GUT WERDEN. DIE BEAMTEN WERDEN IHNEN NUR HELFEN", schrie er.

Andere Reaktionen waren weniger mitfühlend.
"Ist das wirklich ein Verbrecher, wie ich gehört habe? Dann soll der springen", meinte eine alte namens Frau Winkler. Sie trug wie ihre Freundin Frau Lech eine Maske.
"Dann einer weniger. Es gibt zu viele Kriminelle - und das auch schon vor Corona", antwortete Frau Lech.
"Wie das wohl sein wird, wenn er springt. Meinst Du sein Kopf wir aufplatzen wie eine Melone?", fragte Frau Winkler.
"Ich weiß nicht. Das wird wohl einen heftigen Aufprall geben", meinte Frau Lech.
"Hoffentlich spritzt das Blut nicht so."
"Hoffentlich nicht auf meine schöne Pelzjacke, die mir mein Mann geschenkt hat", sagte Frau Lech.
"Ja, das wäre schade. Das müsste gereinigt werden. Gehen wir besser ein Stück weg, wenn er springt", fügte Frau Winkler hinzu.

Eine Lehrerin Frau Herta Krüger sagte zu ihrem Mann Ronald: " Ich finde man sollte immer regelmäßig lernen, arbeiten und Struktur in sein Leben in der Corona-Zeit bringen. Das sage ich den Schülern immer. Ein fester Tagesablauf. Aufstehen sieben Uhr, frühstücken, arbeiten. Richtig gewissenhaft arbeiten. Dann Mittagessen. Wieder arbeiten und dann Abendbrot essen. Dann Feierabend. Dann passiert das nicht. Das ist ein Rat für Jung und Alt."
"Da hast Du recht, Herta. Die meisten, die springen haben zu wenig gelernt fürs Leben und kommen im Leben nicht zurecht. Oft ist das so", sagte Ronald.
"Was soll ich denn sagen? Ich krieg Hartz4. Mir geht es schlecht und bring mich auch nicht um. Da hat der selbst schuld. Ich hab´ da kein Mitleid. Die Frau hat ihn in der Corona-Krise wohl nicht im Bett rangelassen", sagte der Hartz4-Empänger Otto Wendland zu seinem Freund Jan.

Ein Junge ging gerade mit seinem Vater spazieren. Zufällig bekamen sie mit was gerade passierte. Sie blickten nach oben zu dem Mann auf dem Dach.
"Papa. will der Mann vom Dach springen?", fragte der Junge Werner.
"Nein, Werner. Er spielt nur Batman. Er hat in der Corona-Krise zu viele Batman-Filme geguckt und nun will er Batman spielen und vom Dach fliegen", sagte der Vater scherzend.
"Wirklich, Papa?", fragte der Sohn.

Eine junge 20jährige Frau namens Elke Müller stand mit ihrer 20jährigen Freundin Anita Lehmann am Straßenrand und beobachtete das Geschehen. "Was ist das denn für eine Show. Soll ich klatschen?", fragte Elke.
"Naja. In der Corona-Krise ist ja nichts los. Die Geschäfte, Restaurants, Bars, Fitness-Studios, Konzerthallen... alles hat zu. Ich bin solo und für mich ist das in der Corona-Krise nicht so einfach. Ich will was erleben und was anderes lutschen als ein Lolly", antwortete Anita.
"Geduld. Es kommt. Es kommt. Es kommen bessere Zeiten", sagte Elke.
"Wann denn? Wann denn? Ich kann nicht länger warten", nörgelte Anita.
"Du wartest sicher auf Mike. Aber der hat Angst vor Corona. Weil seine Eltern ihm das einreden. Der wird sich nicht mit Dir treffen. Nicht im Lockdown", sagte Elke.
"Ich werde Mamas Wagen ausleihen und vor seinem Grundstück warten. Ich werde ihn anrufen, dass er mal das Haus verlässt und in meinen Wagen einsteigt. Ich habe eine Überraschung für ihn", meinte Anita.
"Man muss den Freund überraschen. Ich überrasche meinen Freund Armin auch oft. Ich hab´ Erfahrung. Wir treffen uns in der Corona-Krise auch oft im Auto. Wir haben uns auch oft im Wald getroffen."
"Das ist ja gut. Er will doch Ingenieurswissenschaften studieren? Dann wird der mal Geld haben. Haus. Tolles Auto", sagte Anita.
"Ja. Er hat viel zu bieten. Beruflich Geistig. Finanziell. Und er hat noch was anderes." "Wow. Dann hat er ..."
Elke unterbrach sie.
"Ja. Er hat. Er wird mich rundum verwöhnen. Für mich da sein."
"Das ist echte Liebe. Reale Liebe", meinte Anita.
"Genau."
"Ich wünschte, ich hätte Mike früher getroffen. Die meisten, die ich früher traf waren zu unreif oder blöd. Aber der Mike ist gut", erzählte Anika.
"Das klingt gut. Echte Liebe braucht Zeit."
Ein 45-jähriger Mann namens Ingo Fitzler hatte das Gespräch belauscht und beschwerte sich.
"Könnt ihr mal Eure nervigen Gespräche leiser gestalten? Das ist doch hoffentlich nicht so schwer!", schimpfte Ingo Fitzler. "Was willst Du denn? Geh doch woanders hin!", schimpfte Anita zurück.
"Da bringt sich ein Mann um und ihr führt solche Gespräche. Wie krank ist das denn? Habt ihr kein Mitgefühl? Ihr solltet lieber mal helfen, anstatt solche Gespräche zu führen", sagte Ingo.
"Komm. Wir hauen ab. Der Kerl ist einer von den Spießern", sagte Anita wütend. Dann verschwanden sie.

Der Kriminalkommissar Wilhelm Schaffner und sein Kollege Thomas Lindner stiegen gerade aus dem Polizeiwagen. Er sprach energisch mit seinem Kollegen Thomas.
"Na. Da haben wir den Kerl. Hat eine Frau überfallen. Und nun veranstaltet er diese irre Show. Die Sorte kenne ich. Die haben nichts anderes verdient. Kriminelle! Sollen sie sich die Kugel geben. Dann sind die weg. Dann die Gefängnisse werden sonst zu voll", sagte Willhelm Schaffner.
"Sollen wir ins Mietshaus laufen und den Kerl holen?", fragte Thomas Lindner.
"Nein. Einige Kollegen sind schon hochgelaufen. Es wird bald vorbei sein. Er hat keine Chance."
"Stimmt".
"Wenn der Mann runterspringt, gibt s auf der Straße eine Sauerei. Da hat die Stadtreinigung zu tun. Warum bringen die sich nicht zu Hause um. Das ist sauberer", sagte der Kriminalkommissar Willhelm Schaffner.

Der Journalist Peter Kaufmann machte einige Fotos. Ingo Fitzler war auch auf den Bildern. Ingo lief wütend zu dem Journalisten, riss ihm die Kamera aus der Hand und warf sie zu Boden.
"Es reicht. Es werden keine Fotos gemacht ohne Erlaubnis. Ein Mann will sich das Leben nehmen. Und ihr könnt nur dumme Sprüche machen! Anstatt zu helfen! Ihr seid einfach herzlos, egoistisch und zum Kotzen! Nur Gaffer!", schrie er. Dann ging er zum Mietshaus. "Ich werde ihm versuchen zu helfen. Mit ihm reden. Nur so kann ich ihn retten", sagt Ingo und verschwand im Mietshaus. Doch seine Bemühungen kamen zu spät.
John stand immer noch am Rand des Daches. Sein Messer, das er aus seiner Jacken-Tasche geholt hatte, hatte er in der Hand. Er war entschlossen zu springen. Er hustete. Fror. Kühler Wind wehte in sein Gesicht. Ihm wurde wieder leicht schwindelig.
"Es wird gleich vorbei sein!", schrie er. "Ich bin hier ganz oben! Noch nie war ich oben! Ich wollte immer mal oben sein!“, sagte er mit Psychopathischem Grinsen. "Es wird gleich vorbei sein. Es wird gleich vorbei sein".

John blickte nach unten. Einige Menschen wollten ihn davon abhalten zu springen. Anderen war es egal. Andere waren froh, wenn er sprang. Dann hätten sie einen Kriminellen oder Verrückten weniger. Dann erschienen die Polizisten auf dem Dach. Einer von ihnen hieß Martin Rösler. Er trug wie alle anderen Kollegen eine Maske und ging zuerst mit gezückter Waffe auf John zu.
"Das Spiel ist aus. Kommen Sie zu mir. Machen Sie keine Dummheiten", sagte Martin Rösler.
"Wenn Sie näherkommen, springe ich", sagte John unmissverständlich.
Als er merkte, dass John springen wollte, legte er die Waffe nieder.
"Seien Sie vernünftig! Springen Sie nicht! Es wird alles Gut! Beruhigen sie sich. Ich weiß. Die Corona-Zeit ist eine harte Zeit. Versuchen Sie sich zu beruhigen. Ich bitte Sie: Springen Sie nicht!", sagte Martin. "Ich lass sogar meine Waffe fallen", sagte Martin. "Es wird alles gut."
Dann ließ Martin die Waffe auf den Boden des Daches fallen.
"Für mich nicht", sagte John. "Ich habe zu viele Fehler gemacht! Ich habe alles verloren! Auch Franziska, meine Freundin. Ich bin am Ende des Weges angekommen!", sagte er und ließ plötzlich sein Messer fallen.
Martin ging mit ausgestreckter, helfender Hand einige Schritte auf ihn zu. Er war fast bei ihm. Dann drehte sich John plötzlich um und sprang vom Dach - vor den Augen des entsetzten Martin! Er flog durch die Lüfte. In blitzschnellen Tempo nach unten. Wenig später klatschte John mit einem dumpfen Geräusch auf den Asphalt des Gehwegs. Blut spritzte. Dann lag er da. Sein Kopf war aufgeplatzt und Teile des Gehirns waren sichtbar. Dunkelrotes Blut floss von dem Leichnam über den Gehweg und bildete eine lange Spur. Eine Frau schrie.

"Er hat sich umgebracht. Er hat sich umgebracht!", schrie eine Frau hysterisch. Auch andere schrien. Die meisten waren geschockt. Andere waren gleichgültig. Andere waren froh, dass er - der Dieb - tot war und machten bissige Bemerkungen. Die Polizeibeamten riegelten und sperrten alles um John 's Leiche herum ab und wiesen die Menschen an weiterzugehen.

"Bitte weitergehen", sagte der Kriminalkommissar Wilhelm Schaffner. Ein Journalist Joachim Rönneberg wollte einige Fotos von der Leiche machen. Der Kriminalkommissar Wilhelm Schaffner ging auf ihn zu und ermahnte ihn weiterzugehen.
"Bitte gehen Sie weiter. Keine Fotos", sagte Kriminalkommissar Schaffner.
"Haben Sie einige Informationen für mich?", fragte der Journalist Rönneberg. "Nein. Ein Mann mit krimineller Vergangenheit hat sich das Leben genommen. Mehr müssen Sie nicht wissen. Und jetzt gehen Sie weiter!", sagte Willhelm Schaffner.
"Danke. Vielen Dank", sagte er. Innerlich war er mit den Informationen nicht zufrieden und kochte vor Wut. Er beschloss sich die Informationen woanders zu holen. Von anderen Leuten, die alles miterlebt hatten... (später stand nur in einigen Zeitungen ein kleiner Artikel mit der Überschrift "Mörder sprang vom Hochhaus". Mehr stand da nicht. Nur einige Zeilen.)

Günther Strohberger saß in der Dienststelle Berlin Hauptbahnhof gerade vor einem geöffneten Aktenordner und trank seinen Kaffee, als ein Anruf kam. Er stand vom Tisch auf und ging mit dem mobilen Telefon in die Ecke des Raumes. Dort wo der Schank mit diversen Akten befand. Akten von gelösten und ungelösten Fällen. "Ja. Hier Strohberger. Dienststelle Berlin Hauptbahnhof. Ja... was gibt es denn? Gefunden?"
Strohbergers Kollegen verstummten.
"Sie haben ihn?", fragte Kurtz.
"Ja. Sie haben John, den Mann mit der Kapuze. Er war schon in Frankfurt. Er hatte dort eine Frau ausgeraubt und geschlagen. Jemand hatte dann die Polizei gerufen. Die Polizei kam dann und hatte ihn gejagt. Er war dann in ein Mietshaus eingedrungen, lief bis in die obere Etage. Und dann ist er vom Hausdach, von ganz oben runtergesprungen", erzählte Strohberger.
"Also Selbstmord?", fragte Kurtz.
"Selbstmord. Tragisch", sagte Henkel.

Data

June 13, 2022

Oggetto

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Lingua

de

Questo contenuto è stato inviato su 5 dicembre 2022daBerthold von Kamptz usando il moduloBeitrag hochladen sul sito “Corona-Memory.ch DE”: https://omeka.unibe.ch/s/corona-memory

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